Martin Lejeune (Aktivist)

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Martin Lejeune (* 27. Juli 1980 in Hannover) ist ein deutscher politischer Aktivist.

Studium und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lejeune wuchs in Nürnberg und Bielefeld auf. Die Allgemeine Hochschulreife erwarb er auf dem Zweiten Bildungsweg. Von 2004 an studierte er Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.[1]

Von 2007 bis 2014 war er regelmäßiger Autor der Tageszeitung Neues Deutschland[2]; zudem veröffentlichten auch Junge Welt und taz seine Beiträge.[3][4][5][6][7]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Journalisten-Akkreditierung beim NSU-Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Kontroverse um die Journalisten-Akkreditierung für den NSU-Prozess nahm das Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde Lejeunes gegen den Verlust seiner Akkreditierung im Wiederholungsverfahren nicht zur Entscheidung an.[8][9]

Ende 2013 Berichterstattung aus Damaskus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2013 berichtete Lejeune unter anderem für die taz und den Deutschlandfunk aus Damaskus.[10][11]

Gaza-Konflikt und Hamas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Debatte über seine Berichterstattung über den Gaza-Konflikt 2014 wurde Lejeune vorgeworfen, er mache sich die Sicht der als Terror-Organisation eingestuften Hamas zu eigen.[1][12] Im Zentrum der Kontroverse stand vor allem ein mehrfach geänderter Beitrag in Lejeunes Blog zur Hinrichtung von angeblichen Kollaborateuren im Gazastreifen: In einem an den Orten der Hinrichtungen verteilten Brief heiße es, die 18 Beschuldigten seien ohne die Ausübung von Zwang oder Gewalt befragt worden. Sie hätten gestanden:

„Von den 18 hatten sehr viele Kollaborateure allerdings schon vor Ausbruch der Operation Protective Edge ihr Todesurteil erhalten, verhängt durch ordentliche palästinensische Gerichte. Alles ganz legal. […] am Freitag ist sie halt vollstreckt worden. […] Die betroffenen Familien wurden diskrekt informiert und die Kinder der 18 werden wie die Kinder von Märtyrern behandelt, also finanziell und sozial versorgt. Das alles ist sehr sozial abgelaufen.“[13][14][15]

Die Justizbehörden der Hamas räumen die Anwendung von Folter offen ein.[16] Todesurteile erfordern nach palästinensischem Recht eine Bestätigung durch den Präsidenten der Autonomiebehörde. Diese erkennt aber die Justiz der Hamas-Regierung im Gazastreifen nicht an.[17]

Falsche Angaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Berichte Lejeunes standen bereits zuvor in der Kritik: Wegen Zweifeln an seiner Unabhängigkeit stornierte das Deutschlandradio Aufträge.[18] Zudem stellte sich die Angabe, er wäre zwischen 7. Juli 2014 und 3. August 2014 der einzige deutsche Journalist im Gazastreifen gewesen, weil die fest angestellten Korrespondenten von deutschen Medien aus Sicherheitsgründen nicht dort hin reisen durften, als falsch heraus.[19][20]

Toilettenaffäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der als „Toilettenaffäre“ bekanntgewordenen politischen Affäre war Lejeune beteiligt.[21]

Redner bei Demonstrationen zum Al-Quds-Tag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lejeune war Redner auf al-Quds-Tags-Demonstration am 10. Juli. 2015 in London und am 11. Juli. 2015 Berlin. Er sprach in Bezug auf den Gaza-Krieg von einem zweiten Holocaust, der verhindert werden müsse, und von einem Völkermord. Auch 2016 war er wieder Redner in Berlin. Während der Demonstration befragte er die Teilnehmer mit einem Fragebogen [22] Lejeune wurde dabei vorübergehend festgenommen, als er den Berliner Innensenators Frank Henkel bedrängte.[23][24]

Haltung zu Israel und Zweifel am Holocaust[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli 2016 führten Polizisten Lejeune während der Al-Quds-Demonstration in Berlin ab, nachdem er minutenlang versucht hatte, Innensenator Frank Henkel, der Redner auf der pro-israelischen No-Al-Quds-Tag-Kundgebung war, gegen dessen Willen in ein Gespräch zu verwickeln. Lejeune warf Henkel aufgrund dessen öffentlicher Funktion eine Verletzung der Neutralitätspflicht vor.[25]

Am 8. Juli 2016 wollte Lejeune öffentlich die Namen von „2200 getöteten Palästinensern“ des Gaza-Konfliktes von 2014 zwischen dem Holocaust-Mahnmal und der Botschaft der Vereinigten Staaten in Berlin verlesen. Damit wolle er „gegen die Instrumentalisierung der Opfer des Holocausts durch die deutsche Regierung“ protestieren, die damit Waffenlieferungen an Israel rechtfertige. Er forderte den Bau eines Nakba-Mahnmals. Nach öffentlicher Kritik[26] wurde die Kundgebung im Namen des Berliner Polizeipräsidenten am geplanten Ort verboten und Lejeune die Straßenkreuzung Wilhelmstraße/Behrenstraße vor der britischen Botschaft zugeteilt.

Als er im November 2016 eine Pressekonferenz des radikalen Salafistenvereins Ansaar International mit dem er zuvor nach Syrien gereist war,[27] in einem Düsseldorfer Hotel moderieren wollte, wurde ihm Hausverbot erteilt. Er hatte in einem Video Zweifel am Holocaust geäußert und erklärt, er könne nur den palästinensischen Betroffenen der Waldbrände in Israel 2016 Rettung wünschen, nicht aber den Juden. Die Brände seien die „Strafe Gottes für das Verbot des Gebetsrufes“.[28][29] [30] Kurz darauf entschuldigte er sich öffentlich für die Äußerungen und erkannte die Historizität des Holocaust an.[31]

Das Berliner Stadtmagazin Tip setzte ihn aufgrund seiner salafistischen Kontakte und der Holocaustzweifel bei der jährlichen Wahl der hundert peinlichsten Berliner auf Platz 6 der 2016er Liste.[32]

Nähe zum Salafismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Mai 2016 begleitete Lejeune, nach eigenem Bekunden als Journalist, einen Hilfskonvoi des salafistischen Vereins Ansaar International bis an die syrische Grenze. In seinen ausschließlich in sozialen Netzwerken veröffentlichten Beiträgen verteidigte er die Arbeit des Vereins.[33]

Anfang Juli 2016 konvertierte Lejeune in einer Moschee zum Islam.[34]

Eintreten für Recep Tayyip Erdoğan und seine Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lejeune unterstützt die Politik des zunehmend autoritär herrschenden türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, den er als „Mensch des Jahres 2016“ bezeichnet. Als Redner auf der Großkundgebung in Köln lobte er die Türken Ende Juli 2016 „Retter der Demokratie in Europa“.[35][36] Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2016 trat er für das Erdoğan-nahe Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG) im Wahlkreis Neukölln 3 an.[37][38] Er erreichte mit 73 Stimmen 0,4 Prozent und damit 3,0 Prozentpunkte weniger als der BIG-Bewerber bei der vorangegangenen Wahl.[39]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ronnie Grob: Debatte um Journalist Martin Lejeune: Distanzlos mittendrin. Medienwoche, 1. September 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
  2. https://www.neues-deutschland.de/suche/index.php?and=martin+lejeune&rubric=0&s0_d=00&s0_m=00&s0_y=0000&s1_d=00&s1_m=00&s1_y=0000&modus=0&sort=1&searchfields%5B%5D=4&display=1&search=Suchen
  3. Martin Lejeune - Artikelüberblick. In: taz.de. taz, die Tageszeitung. Verlagsgenossenschaft eG, abgerufen am 10. Januar 2017.
  4. Martin Lejeune: Zu viel Armut und zu viele arbeitslose Jugendliche. In: jungewelt.de. LPG junge Welt e. G., 16. Februar 2011, abgerufen am 10. Januar 2017.
  5. Martin Lejeune: Ist dieses Mädchen eine Hamas-Kämpferin? In: derstandard.at. Oscar Bronner, Alexandra Föderl‑Schmid, 29. Juli 2014, abgerufen am 10. Januar 2017.
  6. Martin Lejeune: Gaza-Krieg: „Trümmer, wohin man schaut“. In: fr-online.de. 5. August 2014, abgerufen am 10. Januar 2017.
  7. Martin Lejeune, Christoph Sterz: Reporter im Gaza-Streifen - Zensur und Restriktion. In: deutschlandfunk.de. 26. Juli 2014, abgerufen am 10. Januar 2017.
  8. NSU-Prozess in München. Journalist klagt gegen neues Akkreditierungsverfahren. In: Sueddeutsche.de. 30. April 2013, abgerufen am 4. Mai 2013.
  9. Presse beim NSU-Prozess: Journalist klagt gegen Platzvergabe. Spiegel Online, 30. April 2013, abgerufen am 7. Juli 2016.
    Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 2. Mai 2013 – 1 BvR 1236/13
  10. Martin Lejeune: Checkpoints in Damaskus: Den Finger am Abzug. taz vom 10. September 2013
  11. Martin Lejeune: Bericht: Hälfte der Syrer lebt in Armut. Deutschlandfunk, 26. Oktober 2013.
  12. Stefan Winterbauer: Die Kriegsreporter-Figur Martin Lejeune und das Problem mit der Nähe. Meedia, 2. September 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
  13. https://de.scribd.com/doc/237867917/Kollaborateure-Gefahrden-Das-Leben-Vieler-Unschuldiger-Menschen-alt-txt-Kollaborateure-Gefahrden-Das-Leben-Vieler-Unschuldiger-Menschen-neu
  14. Martin Niewendick: Exekution durch Hamas: „Sehr sozial abgelaufen“. Ruhrbarone, 26. August 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
  15. Petra Sorge: Wie ich auf einen Hamas-Versteher hereinfiel. Cicero, 28. August 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
  16. Ulrike Putz: Gaza-Streifen: Im Todesknast der Kollaborateure, Spiegel-Online vom 21. Oktober 2010
  17. Urgent Action - Drohende Hinrichtungen, Palästinensische Autonomiegebiete, Amnesty International
  18. http://www.vocer.org/es-gibt-keinen-sicheren-ort-als-journalist-in-gaza/
  19. https://www.newsroom.de/news/aktuelle-meldungen/leute-6/kriegsreporter-martin-lejeune-in-gaza-wir-kaempfen-um-unser-ueberleben-817875/
  20. http://www.cicero.de/berliner-republik/entschuldigung-wie-ich-auf-einen-journalisten-hereinfiel-der-hamas-hinrichtungen
  21. Matthias Meisner: Toilettengate im Bundestag: Kreml-Sender feiert „Gysi-Jäger“ als Helden. Der Tagesspiegel, 14. November 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
    David Sheen: Warum ich Gregor Gysi konfrontiert habe. 18. November 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
    Miriam Hollstein: Linke wollen Urheber des Klo-Skandals rauswerfen. Die Welt, 15. November 2014, abgerufen am 7. Juli 2016.
  22. Auswertung des Qudstag-Marsches 2016 auf berliner-register.de.
  23. Julia Haak: Al-Quds-Demo Hunderte Gegendemonstranten protestieren gegen Israel-Hass. von Julia Haak Berliner Zeitung vom 2. Juli 2016.
  24. Jörn Hasselmann und Melanie Böff: Marsch der Israel-Gegner in Berlin: Weniger Al-Quds-Demonstraten auf der Straße als erwartet. von Jörn Hasselmann und Melanie Böff, Der Tagesspiegel vom 2. Juli 2016
  25. Auswertung des Qudstag-Marsches 2016. Berliner Register, abgerufen am 26. Juli 2016.
    Julia Haak: Al-Quds-Demo Hunderte Gegendemonstranten protestieren gegen Israel-Hass. Berliner Zeitung, 2. Juli 2016, abgerufen am 22. Juli 2016.
    Jörn Hasselmann, Melanie Böff: Marsch der Israel-Gegner in Berlin: Weniger Al-Quds-Demonstraten auf der Straße als erwartet. Der Tagesspiegel, 3. Juli 2016, abgerufen am 26. Juli 2016.
  26. Rüdiger Finke: Israel-Kritiker plant Demo am Mahnmal – Polizei prüft Antrag. In: Berliner Morgenpost. 21. Juni 2016, abgerufen am 6. Juli 2016.
  27. Ex-Reporter unterwegs mit Salafisten Auf dem Weg verirrt von Ulrike Märkel, TAZ 26. Mai 2016
  28. Igor Schwarzmann: Feuer-Intifada gegen Israel, Ruhrbarone vom 25. November 2016
  29. Peter Mühlbauer: Festnahmen wegen Großbränden in Israel und im Westjordanland. Telepolis, 27. November 2016, abgerufen am 30. November 2016.
  30. Martin Niewendick: Martin Lejeune zweifelt Holocaust an und wünscht Juden den Feuertod. In: Ruhrbarone. 29. November 2016 (ruhrbarone.de [abgerufen am 29. November 2016]).
  31. Westfälische Nachrichten: Lejeune entschuldigt sich für Holocaust-Aussage. In: Westfälische Nachrichten. (.wn..de [abgerufen am 3. Dezember 2016]).
  32. tip-Magazin: Das sind die peinlichsten Berliner des Jahres 2016, Berliner Zeitung vom 28. Dezember 2016.
  33. Ulrike Märkel: Ex-Reporter unterwegs mit Salafisten: Auf dem Weg verirrt. taz, 26. Mai 2016, abgerufen am 7. Juli 2016.
  34. German journalist converts to Islam on Eid. Yeni Şafak, 6. Juli 2016, abgerufen am 7. Juli 2016 (englisch).
  35. Stefan Laurin und Tim Röhn: Erdogan-Demo in Köln: Wo die Türken als Retter der Demokratie gelten. Die Welt vom 31. Juli 2016
  36. Kai Portmann, Hannes Heine und Ingo Salmen: Erdogan-Demonstration in Köln Volker Beck ruft zum Streit mit Erdogan-Anhängern auf. von Kai Portmann, Hannes Heine und Ingo Salmen, Der Tagesspiegel vom 31. Juli 2016.
  37. http://web.archive.org/web/20160916012052/http://www.hdsar.com/wp-tube/videos/2016/07/medyaberlin-martin-lejeun/d4IbMf2kOLw.html; https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/martin-lejeune
  38. Wirbel um abgesagten Vortrag bei Kulturmesse, Rheinische Post vom 30. Dezember 2016
  39. https://www.wahlen-berlin.de/wahlen/be2016/afspraes/erststimmen_wahlkreis-0803-neuklln3_gesamt.html