Marx Augustin

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Adam Brenner: Der liebe Augustin erwacht in der Pestgrube. Gemälde von 1841

Marx Augustin oder Der liebe Augustin (eigentlich Markus Augustin; * 1643 in Wien; † 11. März 1685 ebenda) war ein Bänkelsänger, Dudelsackspieler, Sackpfeifer, Stegreifdichter und Stadtoriginal. Er wurde durch die Ballade „O du lieber Augustin“ sprichwörtlich und zu einem sogenannten geflügelten Wort. Bis heute ist die Figur des lieben Augustin ein Inbegriff dafür, dass man mit Humor alles überstehen kann.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Leben Augustins ist wenig gesichert. Augustin soll sehr beliebt gewesen sein, weil er mit seinen zotigen Liedern vor allem während der Pest in Wien im Jahr 1679 die Bevölkerung der Stadt aufheiterte, weshalb er im Volksmund nur als „Lieber Augustin“ bekannt war.

Augustin soll als Sohn eines heruntergekommenen Wirts aufgewachsen sein und war demnach schon früh darauf angewiesen, mit seinem Dudelsack von einer Spelunke zur nächsten zu ziehen, wobei nur wenig von dem verdienten Geld die jeweilige Kneipe verlassen haben soll – der Überlieferung nach soll er auch ein „tüchtiger Trinker“ gewesen sein.

Der Legende nach war der 36-jährige Augustin 1679 während der Pestepidemie wieder einmal betrunken und schlief irgendwo in der Gosse seinen Rausch aus. Siech-Knechte, die damals die Opfer der Epidemie einsammeln mussten, fanden ihn, hielten ihn für tot und brachten die Schnapsleiche zusammen mit den Pestleichen auf ihrem Sammelkarren vor die Stadtmauer. Dort warfen sie ihre ganze Ladung in ein offenes Massengrab. Diese Pestgrube soll sich in der Nähe der Kirche St. Ulrich am Neubau (heutiger siebter Wiener Gemeindebezirk) befunden haben, gleich neben dem Platz, an dem heute der Augustinbrunnen steht. Wie in der damaligen Situation üblich, wurde das Grab nicht sofort geschlossen, sondern provisorisch mit Kalk abgedeckt, um später weitere Pestopfer aufzunehmen. Am folgenden Tag habe Augustin inmitten der Leichen so lange krakeelt und auf seinem Dudelsack gespielt, bis Retter ihn aus der Grube zogen.

Danach soll Augustin sein Erlebnis als Bänkelsänger vorgetragen und davon recht gut gelebt haben. So ist die Legende vom lieben Augustin vielleicht seinem eigenen Bericht zu verdanken. Bereits zeitgenössische Quellen berichten von dem der Leichengrube entstiegenen Augustin. Abraham a Sancta Clara erwähnt das Ereignis in seinem „Wohlangefüllten Weinkeller“, um vor der Trunksucht zu warnen. Urkundliche Stütze für die Legende ist nur ein Eintrag im städtischen Totenschauprotokoll, das einen „Augustin N.“ verzeichnet.

Augustin wurde auf dem Wiener Nikolai-Friedhof beerdigt, nach dessen Auflassung wurden seine sterblichen Überreste vermutlich auf den Sankt Marxer Friedhof überführt.

„O du lieber Augustin“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

O du lieber Augustin in einem Arrangement für Blechblasinstrumente
Die erste Strophe in Josef Pommers Liederbuch für die Deutschen in Österreich (1905)

Das Volkslied O du lieber Augustin ist erst um 1800 in Wien nachgewiesen. Die sehr verbreitete Melodie ist jedoch älter, so ist sie 1720 in einer Musikhandschrift belegt.[1] Teilweise wird Augustin selbst als Verfasser genannt, der Ursprung ist jedoch unklar. Der spöttische Text gibt aber den Galgenhumor wieder, der den Wienern in Erinnerung geblieben ist:

O du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
O du lieber Augustin, alles ist hin.

Geld ist weg, Mensch (Mäd’l) ist weg,
Alles hin, Augustin.
O du lieber Augustin,
Alles ist hin.

Rock ist weg, Stock ist weg,
Augustin liegt im Dreck,
O du lieber Augustin,
Alles ist hin.

Und selbst das reiche Wien,
Hin ist’s wie Augustin;
Weint mit mir im gleichen Sinn,
Alles ist hin!

Jeder Tag war ein Fest,
Und was jetzt? Pest, die Pest!
Nur ein groß’ Leichenfest,
Das ist der Rest.

Augustin, Augustin,
Leg’ nur ins Grab dich hin!
O du lieber Augustin,
Alles ist hin!

Vorgänger und spätere künstlerische Stoffverarbeitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lied- und Textvariationen, Musiktheater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1940 zeigte der Film Der liebe Augustin die Figur unabhängig von der Legende als Bänkelsänger, verortet in der Metternich-Zeit (Regie: E. W. Emo, Titelrolle: Paul Hörbiger).
  • Aus dem Jahr 1960 stammt der Spielfilm Der liebe Augustin von Rolf Thiele mit einigen Jungschauspielern, die später zu den ersten der deutschsprachigen Schauspielriege geworden sind.

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniel Defoe schildert – Jahrzehnte vor dem ersten Nachweis des bekannten Liedes O du lieber Augustin – eine recht ähnliche Person in seinem 1722 erschienenen Buch Die Pest zu London: Einen namenlosen Flötenspieler zur Zeit der Pest in London 1665, der die Leute während der Zeit der Seuche mit fröhlichen Liedern und Späßen unterhielt und im Alkoholrausch oder infolge übermäßigen Essens schlafend für einen Pesttoten gehalten wurde und auf einem Karren mit den anderen Leichen transportiert wurde, aber erwachte, kurz bevor er ins Massengrab geworfen wurde.
  • Im Märchen Der Schweinehirt von Hans Christian Andersen, um 1841 entstanden, findet das Lied seine Erwähnung.
  • Einer anderen Figur gleicher Bezeichnung, nämlich die eines Spieluhrenmachers im späten achtzehnten Jahrhundert am Bodensee, hat der Autor Horst Wolfram Geißler in seinem 1921 erschienenen Roman Der liebe Augustin. Die Geschichte eines leichten Lebens Raum gegeben.[3]

Erinnerungsorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Platz in der Wiener Neustiftgasse Ecke Kellermanngasse, umgangssprachlich seit Jahrhunderten als Strohplatzl,[4] in neuerer Zeit auch als Augustinplatzl genannt, wurde zu Augustins Ehren ein Denkmal aufgestellt und am 4. September 1908 enthüllt. Der Augustinbrunnen besteht aus dem Sockel mit dem namensgebenden Brunnen und einer darauf stehenden, ursprünglich aus Bronze gegossenen Skulptur der Figur des Augustin. Im Zweiten Weltkrieg ereilte auch den Bronze-Augustin – so wie bei vielen ähnlichen Brunnen in Wien – das Schicksal zur Herstellung von Kriegsmaterial eingeschmolzen zu werden. Kurz danach soll auf dem Sockel die sarkastische Aufschrift angebracht worden sein:

Der schwarzen Pest bin ich entronnen,
die braune hat mich mitgenommen.

Im Jahre 1952 wurde auf dem Sockel die seit dem Krieg fehlende Statue wieder ergänzt. Die neue Skulptur aus Sandstein von Josef Humplick wurde am 18. Oktober 1952 enthüllt.[5][6] Die Figur lehnt sich an einer Steintafel an, auf deren Rückseite auf das jahrelange Fehlen mit einer Inschrift hingewiesen wird:

Ich war hin. –
Nun habts
mich wieder.
Und nun
hörts auf
meine Lieder.

Zumindest seit Beginn der 2000er Jahre wurde dann auch amtlich vom Augustinplatz gesprochen; nach einem völligen Umbau der gesamten Verkehrsfläche zu beiden Seiten der Kellermanngasse und Einbeziehung einer schräg von der Neustiftgasse zur Kellermanngasse abzweigenden Nebenfahrbahn wurde der neu gestaltete Grätzlplatz am 1. Dezember 2007 eröffnet.[7] Im Jahr 2008 wurde die offizielle Benennung der Verkehrsfläche in Augustinplatz beschlossen. Die Benennung bezieht sich nicht nur auf Marx Augustin, den Lieben Augustin, sondern auch (auf der Zusatztafel erstgenannt) auf die Sängerin Liane Augustin (1928–1978). Am 26. Mai 2009 wurden das Straßenschild und die Zusatztafel in Anwesenheit von Liane Augustins Tochter enthüllt.[8]

An der Außenmauer des Hauses am Wiener Fleischmarkt in dem sich das Griechenbeisl befindet und in dem Augustin angeblich regelmäßig auftrat, ist ein Relief mit der Figur des Augustin und dem begleitenden Schriftzug „Hier sang sein Lied zum 1. Mal der Liebe Augustin“ angebracht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marx Augustin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Handschrift beschriftet Dantz Büchlein Johann Friedrich Dreyßer 1720, Bayerische Staatsbibliothek Mus.ms. 1578. (Digitalisat in: Digitale Sammlungen.)
  2. Leo Fall: Der liebe Augustin. Operette in 3 Akten. Dreiklang-Drei-Masken-Verlag, München 1963 (zusammen mit Rudolf Bernauer und Ernst Welisch).
  3. Horst Wolfram Geißler: Der liebe Augustin. Die Geschichte eines leichten Lebens. Niemeyer, Hameln 1998, ISBN 3-8271-0799-7.
  4. Anm.: Der Straßenzug in diesem Bereich hatte nach mehreren Umbenennungen schließlich Strohplatzl geheißen. Mit der Umbenennung des gesamten Straßenzuges zwischen dem Ring und dem Gürtel im Jahre 1862 in Neustiftgasse (obere und untere Neustiftgasse) verschwand der Name als offizielle Bezeichnung, blieb jedoch umgangssprachlich erhalten.
  5. 18.10.1952: Der neue Liebe Augustin. In: Historischer Rückblick der Rathauskorrespondenz, Berichte vom Oktober 1952, abgerufen am 31. Juli 2018.
  6. Der neue Liebe Augustin. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 19. Oktober 1952, S. 4, in der Rubrik Von Tag zu Tag (arbeiter-zeitung.at – das offene Online-Archiv – Digitalisat).
  7. Bezirksvorstehung Neubau: Neugestaltung Augustinplatz. (Memento vom 1. Oktober 2012 im Internet Archive) In: wien.gv.at. Magistrat der Stadt Wien (Hrsg.), 1. Dezember 2007.
  8. Bezirksvorstehung Neubau: Feier zur Benennung des Augstinplatzes. (Memento vom 22. Februar 2012 im Internet Archive) In: wien.at. Magistrat der Stadt Wien (Hrsg.), 26. Mai 2009.