Massaker von Jedwabne

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Monument in Jedwabne

Das Massaker von Jedwabne war ein Pogrom polnischer Bürger von Jedwabne an jüdischen Einwohnern der Kleinstadt im Nordosten Polens am 10. Juli 1941.

Ähnliche Pogrome ereigneten sich auch in mehreren Orten der Umgebung.[1]

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jedwabne gehörte zu jenem Teil Polens, welcher am 28. September 1939 durch den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt), in dem die Teilung Polens beschlossen wurde, an die Sowjetunion fiel. Die sowjetischen Besatzer machten sich sofort daran, die polnische Vorkriegsordnung durch eine sowjetische zu ersetzen, dabei war es ihnen wichtig, die alten politischen und sozialen Eliten zu zerschlagen. Um diese Ziele durchzusetzen, gingen sie mit einer für diese eher landwirtschaftlich geprägte Region bisher unbekannten Gewalt vor, zu der Verhaftungen, Folter, Deportationen, Zwangsumsiedlungen, Enteignungen und Erschießungen gehörten. Die jüdische Bevölkerung wurde ebenfalls verfolgt, das sowjetische System bot für sie aber teilweise auch soziale Aufstiegschancen.[2] Zu den in der polnischen Bevölkerung bereits zuvor verbreiteten antisemitischen Vorurteilen, die durch wirtschaftliche, soziale und religiöse Konflikte entstanden waren, kam das Bild der Juden als vermeintliche Nutznießer der sowjetischen Okkupationsherrschaft hinzu.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde daher von Teilen der polnischen Bevölkerung begrüßt, da die deutschen Soldaten als Befreier wahrgenommen wurden. Am 23. Juni 1941 wurde Jedwabne von der Wehrmacht besetzt. Bereits am folgenden Tag gab es in den Ortschaften um Jedwabne antisemitische Ausschreitungen von polnischen Einwohnern und deutschen Soldaten mit etwa 300 Toten. Überlebende Juden flüchten nach Jedwabne und versuchen sich dort zu verstecken.[3]

Ereignisse am 10. Juli 1941[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. Juli 1941 wurde die jüdische Bevölkerung des Ortes von polnischen Bürgern auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Nachdem einzelne Opfer bereits dort misshandelt und umgebracht worden waren, wurden die restlichen Juden in eine außerhalb des Ortes gelegene Scheune getrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt. Ihr Besitz wurde geplündert und von Polen übernommen. Das Pogrom überlebten nur wenige Juden.[1]

Nach Forschungen des US-amerikanischen Historikers polnisch-jüdischer Herkunft Jan Tomasz Gross waren Deutsche zwar am Ort des Geschehens, machten jedoch lediglich Filmaufnahmen. Der polnische Historiker Tomasz Strzembosz hingegen vertritt die Ansicht, das Pogrom sei von den Deutschen initiiert worden. Fest steht, dass die Präsenz von bewaffneten Schupomännern in Jedwabne Straffreiheit bei Übergriffen gegen Juden garantierte.[4] Während die Opferzahlen ursprünglich auf 1.600 Personen geschätzt worden waren, wurde nach Exhumierungen der Massengräber und Ausgrabungen des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) im Jahre 2001 davon ausgegangen, dass es zwischen 300 und 400 Menschen waren. Spätere Forschungen schätzen die Zahl der jüdischen Opfer auf etwa 340. Die Opferzahl wurde durch eine nur oberflächliche Exhumierung ermittelt, da die Rabbiner gegen die Störung der Ruhe der Opfer protestierten. Die tiefer liegenden Leichen konnten nicht gezählt, sondern nur geschätzt werden.

Die Strafverfahren 1949[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den gerichtlichen Hauptverhandlungen am 16. und 17. Mai 1949 widerriefen viele der 22 angeklagten polnischen Einwohner von Jedwabne ihre nach eigener Aussage unter Folter erzwungenen Geständnisse. Zehn Angeklagte wurden freigesprochen, zwölf verurteilt:

  • Karol Bardon: Todesstrafe, nach einem Gnadenersuch von Bolesław Bierut in 15 Jahre Freiheitsstrafe umgewandelt
  • Jerzy Laudański: 15 Jahre Freiheitsstrafe
  • Zygmunt Laudański: zwölf Jahre Freiheitsstrafe
  • Władysław Miciura: zwölf Jahre Freiheitsstrafe
  • Bolesław Ramotowski: zwölf Jahre Freiheitsstrafe
  • Stanisław Zejer: zehn Jahre Freiheitsstrafe
  • und Czesław Lipiński: zehn Jahre Freiheitsstrafe
  • Władysław Dąbrowski: acht Jahre Freiheitsstrafe
  • Feliks Tarnacki: acht Jahre Freiheitsstrafe
  • Roman Górski: acht Jahre Freiheitsstrafe
  • Antoni Niebrzydowski: acht Jahre Freiheitsstrafe
  • Józef Zyluk: acht Jahre Freiheitsstrafe

Von einem Berufungsgericht wurden am 13. Juni 1950 zwei der Verurteilten freigesprochen.

Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Volksrepublik Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Massaker wurde jahrzehntelang ausschließlich die deutsche Besatzungsmacht verantwortlich gemacht. Die Opferzahl wurde mit 1.600 Toten angegeben und weitere Nachforschungen nicht unternommen. Nach 1960 errichtete die Stadt einen Gedenkstein mit dem übersetzten Wortlaut: „Hier ereignete sich ein Martyrium der jüdischen Bevölkerung. Am 10. Juli 1941 verbrannten Gestapo und Hitler-Polizei 1.600 Personen bei lebendigem Leib.“

Debatte nach 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst 2001 geriet das Thema in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, nachdem der polnischstämmige, in den USA arbeitende Historiker Jan Tomasz Gross im Jahr 2000 das Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ veröffentlicht hatte,[5] in dem die bisherige Darstellung des Massakers in Jedwabne aufarbeitete und als Geschichtsfälschung darstellte. Seine Publikation stützte Gross unter anderem auf einen Bericht des überlebenden Juden Szmul Wasersztajn, der allerdings wahrscheinlich kein unmittelbarer Augenzeuge des Geschehens war,[6][7] auf Akten der Prozesse in Łomża zwischen 1949 und 1953,[8] auf das 1980 veröffentlichte Memorbuch der Juden aus Jedwabne sowie auf eine 1998 von Agnieszka Arnold erstellte filmische Dokumentation von Gesprächen mit Einwohnern und Zeitzeugen aus Jedwabne.

Diese Veröffentlichung leitete eine Aufarbeitung des Massakers von Jedwabne und von Polen an Juden begangenen Massakern im Zweiten Weltkrieg überhaupt ein und löste nicht nur in Polen eine intensive Diskussion aus – insbesondere, da Gross die Ereignisse vom 10. Juli 1941 nicht als Einzelfall bezeichnete, sondern der polnischen Gesellschaft insgesamt eine latente antijüdische Grundhaltung attestierte. Darüber hinaus behauptete er, dass Generationen von Historikern die Ereignisse von Jedwabne bewusst verschwiegen hätten.

Kurz nach der Veröffentlichung wurde das Institut für Nationales Gedenken (IPN) mit Nachforschungen des Massakers beauftragt, die Gross’ Darstellungen im Wesentlichen bestätigten, die Opferzahlen jedoch mit 300 bis 400 angaben und die Anwesenheit deutscher Truppen in der Gegend ermittelten. Außerdem erschienen zum Massaker in Jedwabne seitdem mehrere wissenschaftliche Monografien und Artikel von polnischen und ausländischen Historikern, ohne ähnliche Aufmerksamkeit zu erfahren.

Kritisiert wurde Gross für sein Buch „Nachbarn“ von Historikern wie Tomasz Strzembosz, Piotr Gontarczyk, Jerzy Eisler und Richard C. Lukas, die ihm Mängel bei der Recherche und historischen Aufarbeitung vorwarfen. Ihre Kritik reicht von der Zahl der Opfer (Gross geht von der bis dahin angenommenen Zahl von etwa 1.600 Toten aus) bis zur Rolle der Deutschen: Es sei nicht glaubwürdig, dass Deutsche nur zum Fotografieren anwesend gewesen seien. Sie beriefen sich hierbei auf die Aussagen von Zeugen, nach denen das Pogrom vom Bürgermeister und der deutschen Gendarmerie vorbereitet worden sein soll. Eisler bewertete Gross’ Buch vom Niveau her als „unterhalb einer Magisterarbeit“. Weiterhin wurde ihm Geschichtsfälschung vorgeworfen, indem sein Buch mit den Tagebüchern Binjamin Wilkomirskis verglichen wurde, der sich 1998 fälschlicherweise als „Jude und Holocaustopfer“ dargestellt hatte.

Zum 60. Jahrestag der Geschehnisse fand am 10. Juli 2001 in Jedwabne eine Gedenkfeier statt, bei der Polens Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski in seinem und dem Namen jener Polen, deren Gewissen durch das Verbrechen aufgewühlt wurde, um Vergebung für das Massaker bat.[9] Dabei wurde auch ein neues Denkmal aufgestellt mit der Inschrift: „Im Gedenken an die Juden aus Jedwabne und Umgebung, der ermordeten Männer, Frauen und Kinder, Mitbewohner dieser Gegend, die an dieser Stelle lebendig verbrannt wurden“. Von der Mehrheit der Einwohner Jedwabnes wurde die Feierlichkeit abgelehnt und boykottiert. Aus Protest ließ der katholische Priester während der Veranstaltung die Kirchenglocken läuten. In Fenstern des Ortes hingen Zettel mit Beschriftungen wie Wir bitten nicht um Verzeihung oder Wir werden für die nicht begangenen Gräueltaten nicht um Verzeihung bitten. So wahr uns Gott helfe. Dem damaligen Bürgermeister von Jedwabne, Krzysztof Godlewski, der sich stark für die Gedenkfeier eingesetzt hatte, wurde das Leben im Anschluss so schwer gemacht, dass er sich zur Emigration in die USA genötigt sah. Die nach 2001 durchgeführten Gedenkveranstaltungen wurde von Einwohnern Jedwabnes nicht besucht.[10]

2006 stellte Der Spiegel fest, dass die Brüder Laudański, welche viele Experten für mitverantwortliche Täter am Pogrom halten, noch immer glorifiziert werden. So ehrt eine Publikation die Brüder als polnische Patrioten. Die katholische Tageszeitung Nasz Dziennik brachte die Überschrift „Die Brüder Laudański warten auf Gerechtigkeit“.

Ein Hinweisschild, das den Weg zum Pogrom-Denkmal wies, wurde entfernt. Auf dem Marktplatz, wo am Tag des Pogroms die Juden zusammengetrieben wurden, wurde ein weiteres neues Denkmal errichtet. Es erinnert an jene Polen, die von der Sowjetunion 1939 bis 1941 verschleppt wurden. Dass neben zehn polnischen auch fünf jüdische Familien verschleppt wurden, wird dort nicht erwähnt.

Bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Robert Jerzy Nowak, dem Autor von „100 Lügen über Jedwabne“, waren der Bischof von Łomża, der Woiwode von Bialystok und der Vizemarschall des polnischen Senats anwesend.

Bis heute wird die Aufarbeitung der Geschehnisse von extrem rechten Kreisen abgelehnt, die das Geschichtsbild ablehnen, in dem Polen in einigen Fällen die Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht unterstützten und mit ihr kollaborierten.[11]

Im August 2011 wurde die Gedenkstätte von Jedwabne von unbekannten Tätern beschädigt.[12]

Mit seinem Film Pokłosie stieß der polnische Regisseur Władysław Pasikowski die Diskussion in Polen erneut an.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher

Aufsätze und Artikel

  • Klaus Brill: Exorzismus des Gewissens, in: Süddeutsche Zeitung 1. Januar 2013
  • Bogdan Musial: Indigener Judenhaß und die deutsche Kriegsmaschine, Der Nordosten Polens im Sommer 1941. erschienen in: Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens, 53. Jahrgang, Heft 12, Dezember 2003.
  • K. Bachmann: Was geschah in Jedwabne? 1941 sollen Polen jüdische Nachbarn ermordet haben. In: Frankfurter Rundschau, 21. November 2000.
  • Jan T. Gross: Jedwabne, in: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 3, Metzler, Stuttgart / Weimar 2012, S. 183–186
  • S. Peter: Bergmann im Stollen der Geschichte. Der Reemtsma-Kritiker schaltet sich in die polnische Debatte um Jedwabne ein: Ein Besuch bei Bogdan Musial. In: FAZ, 26. Februar 2001.
  • K. Sauerland: Ist der Massenmord aktenkundig? Neues über Jedwabne: Die Historiker suchen Spuren, die Politiker die richtige Form. In: FAZ, 18. April 2001.
  • H. Hirsch: Das war kein heimlicher Mord. Um das Massaker von Jedwabne entzündet sich ein Streit um das polnische Selbstbild. In: FAZ, 23. April 2001.
  • Hubert Leber: Die Toten von Jedwabne. Jan Tomasz Gross' Beschreibung des Pogroms in Ostpolen wird von neuen Untersuchungsergebnissen gestützt. In: Berliner Zeitung, 24. Dezember 2001.
  • Thomas Medicus: Kollektivmentales Erdbeben. Das Institut des Nationalen Gedenkens in Warschau bestätigt: Polen waren die Haupttäter des Pogroms in Jedwabne. In: Frankfurter Rundschau, 12. Juli 2002.
  • Viktoria Pollmann: Alles Kommunisten. Wie Jedwabne und der Antisemitismus des polnischen Katholizismus zusammenhängen. In: Frankfurter Rundschau, 31. Juli 2002.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jedwabne pogrom – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Vgl. Der Ort, der nicht bereuen will. In: DIE ZEIT Nr. 6 vom 3. Februar 2005
  2. Juden in der Sowjetunion: Nicht nur Opfer – Buchrezension über Sonja Margolina: Das Ende der Lügen – Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert; Zeit online; 4. September 1992
  3. Kölner Stadt-Anzeiger vom 21. März 2001 Seite 2
  4. Tief verborgene Wahrheit. DIE ZEIT. Abgerufen am 25. Januar 2013.
  5. Vgl. Eine schwierige Vergangenheit – Gedenken an Jedwabne. In: Arte.tv, abgerufen am 4. Februar 2009.
  6. Jüdisches Historisches Institut in Warschau: Individuelle Berichte Nr. 301.
  7. Richard C. Lukas: Jedwabne and the Selling of the Holocaust. (Memento vom 26. April 2002 im Internet Archive) In: The Polish American Journal. Mai 2001 (englisch).
  8. Tomasz Strzembosz: Jedwabne – ein anderes Bild der Nachbarn. (Memento vom 13. Januar 2003 im Internet Archive) 2001.
  9. President Kwasniewski’s Speech at the Jedwabne Ceremony. In: Dialog.pl, 10. Juli 2001 (englisch).
  10. Siehe auch Die Stadt der Geister. In: Spiegel Online, 1. Mai 2006.
  11. Siehe auch Gabriele Lesser: Die „Jedwabne-Diskussion“ in antisemitischen und rechtsextremen Medien (PDF; 95 kB). In: Transodra. Bd. 23, 2001.
  12. http://www.jpost.com/JewishWorld/JewishNews/Article.aspx?id=236311
  13. Klaus Brill: Exorzismus des Gewissens. In: Süddeutsche Zeitung, 1. Januar 2013.

Koordinaten: 53° 17′ 20″ N, 22° 18′ 34″ O