Massaker von Tamines

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Tamines, die Sambre und das Denkmal

Das Massaker von Tamines war ein Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg. Es wurde in der Zeit vom 21. bis 23. August 1914 in Tamines, heute Sambreville, in der belgischen Region Wallonien begangen. Deutsche Truppen erschossen 384 Zivilisten.[1] Dies trug zur weltweiten anti-deutschen Stimmung bei.[2]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historiker des Massakers von Tamines stützen sich vor allem auf mündliche Berichte der Überlebenden, auf Presseberichte sowie auf Soldatenbriefe und -tagebücher.

Eine weitere wichtige und umstrittene Quelle war der propagandistische Bryce-Report des britischen Historikers James Bryce, den er im Auftrag des britischen Premierministers Herbert Asquith herausgegeben hat. Bryce untersuchte die deutschen Kriegsverbrechen gegen die belgische Zivilbevölkerung (Report of the Committee on Alleged German Outrages). In dem Bericht wurden schwere Vorwürfe gegen die deutsche Armeeführung erhoben; er kam 1915 heraus und wurde zum Preis von einem Penny verkauft. Wie von den Auftraggebern geplant, hatte der Bryce-Report eine enorme propagandistische Wirkung, vor allem bei den bisher neutralen Staaten, insbesondere den USA.[3] Heute wird dieser Bericht von der Forschung jedoch mehrheitlich als Propagandawerk gewertet.

Am 10. Mai 1915 brachte das Auswärtige Amt in Berlin als Reaktion auf die englischen und französischen Berichte ein Weißbuch über den Einmarsch der Deutschen in Belgien heraus, in dem die angebliche Existenz der Heckenschützen bestätigt wurde, die mit ihren Aktionen die deutschen Reaktion zu verantworten hätten. Dieses Weißbuch wird von der heutigen Geschichtsschreibung als untaugliche Quelle gewertet, da „es in seinen Grundthesen unhaltbar und in zahlreichen der in ihm zusammengestellten Zeugenaussagen nachweislich anfechtbar sowie planmäßig verfälscht worden“ sei.[4]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Morgen des 4. August 1914 waren deutsche Kavallerieverbände zur Aufklärung auf belgisches Territorium – unter Missachtung der belgischen Neutralität – vorgerückt. Der deutsche Schlachtplan, der 1905 von General Alfred von Schlieffen (1833–1913) konzipiert und von seinem Nachfolger Helmuth von Moltke modifiziert worden war („Schlieffen-Plan“), sah einen Durchmarsch durch Belgien vor, um Frankreich von Norden her anzugreifen.

Die Neutralität Belgiens, die im Protokoll der Londoner Konferenz von 1831 besiegelt worden war, war durch den Einmarsch der deutschen Truppen verletzt worden und der Krieg damit erklärt. Wie es in der Verfassung vorgesehen war, übernahm König Albert I. das Kommando über die Armee. Das erste Mal in seiner Geschichte befand sich Belgien im Krieg.

Ab dem 3. August bestürmten die Erste und die Zweite deutsche Armee die Stadt Lüttich, um sie zu erobern. Die belgischen Verteidiger leisteten härteren Widerstand als es der Generalstab erwartet hatte; bei der Belagerung und Erstürmung der Stadt fielen rund 5000 deutsche Soldaten.[5] Mit dem Fall von Lüttich (am 8. August kapitulierte das erste Fort, bis zum 14. die meisten anderen) war ein wichtiges Hindernis auf dem Weg nach Brüssel beseitigt.[6]

General von Bülow, an der Spitze der Zweiten Armee, rückte in Richtung Namur und Charleroi vor.[7] Am 12. August erreichte er Huy, wo sich eine belgische Brigade festgesetzt hatte, nachdem sie die Maas überquert hatte. Am 20. August erschoss eine deutsche Kolonne auf Befehl v. Bülows in der Stadt Andenne mehr als zweihundert Zivilisten.

Die Zweite Armee setzte ihren Vormarsch in Richtung des Flusses Sambre (sie mündet in Namur in die Maas) fort und erreichte am 20. August die Gegend um Sambreville, zwischen Namur und Charleroi. Ihr gegenüber hatte die 19. Infanteriedivision des 10. Korps der französischen Armee Stellung bezogen. Unterstützt wurden die Franzosen von einem weniger bedeutenden Trupp der Gardes civiques von Charleroi.

Ankunft der Deutschen in Tamines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Freitag gegen 6 Uhr morgens war eine deutsche Reiterpatrouille, bestehend aus fünf Ulanen, auf dem Weg von Velaine-sur-Sambre nach Ligny. Als sie gerade das Rathaus der Stadt Tamines (sie gehört zu Sambreville) erreicht hatte, eröffneten etwa dreißig französische Soldaten und einige Artillerieschützen der Garde civique das Feuer und verwundeten einen der Kavalleristen. Die übrigen vier flohen in Richtung des Waldes von Velaine. Der Verletzte war der erste Gefangene der Garde civique.[8] Dorfbewohner kamen aus ihren Häusern und riefen „Vive la Belgique!“ und „Vive la France!“ [9] Diese Vorfälle gelten als Initialzündung für das folgende Massaker der Deutschen an der Zivilbevölkerung.

Am 21. August gegen fünf Uhr morgens überquerten deutsche Soldaten die Sambre, einige setzten sich an der Brücke fest, die anderen verteilten sich in den Straßen von Tamines und drangen in die Häuser ein, plünderten sie und steckten die Häuser in Brand. Ein Großteil der Bewohner, denen die Flucht nicht gelungen war, wurden gefangen genommen.

Erschießung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Bericht der amtlichen belgischen Untersuchungskommission von 1915 [10] wurden am Abend des 22. August etwa 400 bis 450 Männer vor der Kirche zusammengetrieben, wo ein Erschießungspeloton das Feuer eröffnete. Nach Aussage der Zeugen setzte sich das Hinrichtungspeloton aus fünf übereinander aufgereihten Reihen von Schützen zusammen. Als der Schussbefehl gegeben wurde, warfen sich die Belgier auf den Boden, so dass nur wenige getroffen wurden. Trotz des Befehls wieder aufzustehen, blieben die Belgier auf dem Boden liegen und standen erst nach massiven Drohungen der Deutschen wieder auf, um unmittelbar darauf von einer weiteren Salve getroffen zu werden. Nach Zeugenaussagen wurde das Peloton von einem Maschinengewehr von der Brücke aus unterstützt, obwohl inzwischen die meisten Menschen bereits tödlich getroffen oder von den Leichen der Erschossenen bedeckt waren. Ab jetzt begannen die Deutschen wild auf die noch Stehenden zu schießen.

Nachdem das Peloton abgezogen war, kamen Soldaten mit Rotkreuz-Binden, begleitet von Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, um sich der Verwundeten anzunehmen. Nach Zeugenaussagen waren aber viele der Schwerverletzten nicht mehr zu retten. Aus dem Fluss wurden um die hundert Leichen geborgen.

Denkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 22. August 1926 wurde ein monumentales Denkmal für die Opfer des Massakers eingeweiht. Es ersetzte ein einfaches Holzkreuz von 1918, das an die Toten erinnerte. Über einem dreistufigen Sockel erhebt sich ein kubisches Postament mit einer allegorischen Figur, die die Freiheit symbolisiert.[11] Zu ihren Füßen lagern die Körper von zwei Männern und einer Frau, stellvertretend für die Opfer des Massakers. Auf drei Tafeln sind die Namen der Opfer aufgelistet.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Valleys of Meuse and Sambre. The Bryce Report into German Atrocities in Belgium, 12 May 1915. Report of the Committee on Alleged German Outrages. Appointed by His Britannic Majesty's Government and Presided Over by the Right Hon. Viscount Bryce. [3]
  • The Martyrdom of Belgium. Massaccres of Peaceable Citizens, Women and Children by the German Army. Testimony of Eye-Witnesses. [4]
  • Germany's violations of the laws of war 1914–1915. Compiled under the auspices of the French Ministry of Foreign Affairs; tr. and with an introduction by J.O.P. Bland. With facsimiles of documents. Published London 1915 Volltext.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Buitenhuis: The Great war of words: British, American, and Canadian propaganda and Fiction, 1914–1933 . University of British Columbia Press. 1987. S. 27ff.
  • John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Übers. aus dem Englischen von Udo Rennert. Hamburger Edition, Hamburg 2004. ISBN 3-930908-94-8 Rezension von Jan Süsselbeck

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. einestages (online)
  2. Karl Josef Scheible: Weltkrieg 1914–1918. [1] online
  3. Bryce report: Committee on alleged German outrages. British Library, Collection; Volltext abgerufen am 2. April 2015.
  4. Helmut Donat: Wer sich uns in den Weg stellt. Zeit online, 1984. S. 4, Laurence van Ypersele:Belgien. In:Enzyklopädie Erster Weltkrieg. S. 47.
  5. Jean Joseph Rouquerol: Général J. Rouquerol. Charleroi, août 1914…. Paris 1932. S. 67 (BNF: [2])
  6. Karte (die beiden Orte sind 96 Straßenkilometer voneinander entfernt)
  7. Maurice Tasnier und Raoul van Overstraeten: L’armée belge dans la guerre mondiale, Bruxelles, 1923, p. 22–25. Detaillierte Karte: Schmitz & Nieuwland, Vol. 3. S. 12
  8. Ibidem, Témoignage n°4 du Bourgmestre Duculot du 29/11/1915
  9. The martyrdom of Belgium; official report of massacres of peaceable citizens (1915). Kapitel II.
  10. Kapitel II.
  11. Abbildung

Koordinaten: 50° 25′ 58,8″ N, 4° 36′ 32,4″ O