Massimo Fagioli

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Massimo Fagioli (* 19. Mai 1931 in Monte Giberto, Marken;[1]13. Februar 2017 in Rom)[2] war ein italienischer Psychiater, Drehbuchautor und Filmregisseur. Er lebte zuletzt in Rom.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fagioli, der in den letzten Jahren seiner Kindheit als Kurier für italienische Partisanen wirkte, nahm nach Beendigung seiner Schulzeit ein Medizinstudium auf. Nach dem Studium in Pisa und Rom und der Facharzt-Ausbildung in Reggio nell’Emilia war Fagioli an den psychiatrischen Anstalten Venedig und Padua tätig, dann Leiter der italienisch-sprachigen therapeutischen Gemeinschaft an der von Ludwig Binswanger geleiteten Privatklinik Bellevue in Kreuzlingen, Schweiz. Nach der Rückkehr nach Rom 1964 absolvierte er eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Ab 2001 war Fagioli Dozent für klinische Psychologie an der Università Gabriele d’Annunzio. Ab 2006 zeichnete er die Rubrik Trasformazione in der Wochenzeitschrift Left.

Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem ersten Buch Istinto di morte e conoscenza (Todestrieb und Erkenntnis) entwarf Faglioli ein neuartiges Gesamtkonzept für die Behandlung psychischer Krankheiten, das in Italien heftig und kontrovers diskutiert wurde, auch im Zusammenhang mit der Psychiatriebewegung im Italien der 1970er Jahre. 1976 kam es wegen dieser Veröffentlichungen zum Ausschluss aus der italienischen psychoanalytischen Gesellschaft. Im Buch beschrieb er einen psychischen Verteidigungsmechanismus, den er Verschwindensphantasie nannte. Weiterhin wurde die Degenerierung dieser Triebreaktion zum pathogenen Annulliertrieb beschrieben und die „Teoria della nascita“ (Theorie der menschlichen Geburt) formuliert. In den beiden darauffolgenden Bänden entwickelte Fagioli seine Beobachtungen weiter und gelangte zu einer Auffassung der unbewussten Psyche und ihrer Entwicklungsstufen, die sich weitgehend von derjenigen der klassischen Psychoanalyse Sigmund Freuds unterscheidet. Der Band Bambino donna e trasformazione dell’uomo befasst sich in Interviewform sowohl mit psychodynamischen als auch mit philosophischen und politischen Fragen.

1976 entwickelten sich aus Supervisionskursen an der Universität La Sapienza die Seminare der sogenannten Analisi collettiva (Kollektivanalyse) – kostenlose therapeutische Großgruppen mit Teilnehmern, die zumeist aus der außerparlamentarischen Linken Italiens stammten. Seit 1980 finden diese Treffen im römischen Stadtteil Trastevere statt. Eine Gruppe an den sogenannten Seminari teilnehmender Psychiater und Psychologen gründete 1992 die Fachzeitschrift für Psychotherapie und Psychiatrie Il sogno della farfalla.

Bei den Pressekommentaren ging es bis weit in die 1990er Jahre hinein vor allem um die Beziehung zwischen Fagioli und seinen Analysanden, beispielsweise 1986, als der Film Teufel im Leib des Regisseurs Marco Bellocchio, an dem Fagioli mitgearbeitet hatte, international Aufsehen erregte. Von Fagioli stammt das Drehbuch zu einem weiteren umstrittenen Film Bellocchios, Die Verurteilung,[3] der 1991 den Silbernen Bären der Berlinale erhielt. Eigene Filme Fagiolis sind Il cielo della luna (1998) und La psichiatria, esiste? (2003).

In Zusammenarbeit mit jungen Architekten entwickelte Fagioli seit 1992 eine Reihe von architektonischen Projekten, die 1996–1998 in einer Wanderausstellung der italienischen Kulturinstitute international gezeigt wurden. Das von ihm konzipierte mehrstöckige Mietshaus Palazzetto bianco[4] gehört zu den bekannten Beispielen zeitgenössischer Architektur in Rom.

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1985: Teufel im Leib (Il diavolo in corpo) (Drehbuch)
  • 1991: Die Verurteilung (La condanna) (Drehbuch)
  • 1992: Il sogno delle farfalla (Drehbuch)
  • 1998: Il cielo della luna (Regie, Drehbuch, Darsteller, Schnitt, Musik, Kamera)

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • L. A. Armando: Storia della psicoanalisi in Italia dal 1971 al 1996. Nuove Edizioni Romane, Rom 1997.
  • S. Vegetti Finzi: Storia della psicoanalisi 1895 – 1990. Autori, opere, teorie. Mondadori, Mailand 1996.
  • G. Zincone: A Roma è scoppiato l’anti-Freud. Corriere della sera, 12. März 1978.
  • AA.VV. Il coraggio delle immagini. Progetti realizzati da un gruppo di architetti italiani su idee e disegni di Massimo Fagioli 1986 – 1995. Nuove Edizioni Romane, Rom, 1995.
  • Michel David: La psicoanalisi nella cultura italiana. Bollati Boringhieri, 1999.
  • G. Di Chiara (Hrsg.): Itinerari della psicoanalisi. Loescher Editore, 1982.
  • G. Lago: Orientamenti diagnostici in psichiatria e psicoterapia clinica. Edizioni Scientifiche Ma.Gi., 1994.
  • N. Lalli: Manuale di psichiatria e psicoterapia. Liguori Editore, 1999.
  • Verschiedene Autoren: Critica e storia dell’istituzione psicoanalitica. Pensiero Scientifico Editore, 1978.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Morto Massimo Fagioli. In: archivioflaviobeninati.com. Archivio Flavio Beninati, 21. Februar 2017; abgerufen am 28. Februar 2017 (italienisch).
  2. Morto Massimo Fagioli, psichiatra dell’analisi collettiva e guru della sinistra. In: corriere.it. Corriere della Sera, 13. Februar 2017; abgerufen am 14. Februar 2017 (italienisch).
  3. Die Verurteilung – Trailer, Kritik, Bilder und Infos zum Film. Prisma, abgerufen am 13. Februar 2017.
  4. Il Palazzetto Bianco di Massimo Fagioli e Paola Rossi, mostra-dibattito. A diario quotidiano di Architettura (architettiroma.it), 21. Juni 2007, abgerufen am 13. Februar 2017 (italienisch).