Mathias von Gersdorff

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Mathias von Gersdorff (* 1964 in Santiago de Chile) ist ein katholischer Diplom-Volkswirt aus Frankfurt am Main und gehört zum uradligen Geschlecht der Herren von Gersdorff. Er leitet das deutsche Büro der traditionalistischen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum[1] und tritt in der Öffentlichkeit als Publizist und Aktivist der Lebensrechtsbewegung in Erscheinung.

Werdegang und Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gersdorff studierte Wirtschaftswissenschaften und erlangte 1989 in Bonn seinen Abschluss als Diplom-Volkswirt. Er arbeitete mehrere Jahre als Banker in London und Frankfurt am Main.[2] Daneben veröffentlicht er Bücher und Broschüren und publiziert Artikel weltanschaulichen und kirchenpolitischen Inhalts, unter anderem bei der rechtskonservativen Zeitschrift Junge Freiheit[3] oder den Internetportalen kreuz.net und kath.net.[4][5] Außerdem schreibt er für Blogs wie Charismatismus, Treff-Am-Kreuz, Abgeordneten-Check und FreieWelt.net.[6]

TFP und DVCK[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gersdorff ist langjähriger Aktiver[7] und seit 2008[8] Direktor der deutschen Sektion der Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP),[9] einer 1960 von dem Brasilianer Plínio Corrêa de Oliveira gegründeten Vereinigung, die sich weltweit „dem Kommunismus und den katholischen Linken […] entgegenstellen“[10] und die Befreiungstheologie in der katholischen Kirche bekämpfen soll[7] und nach den Worten des Gründers für eine „sakrale, antiegalitäre und antiliberale christliche Kultur“[11] eintritt, die als „gegenrevolutionär“ charakterisiert wird.[9] Die TFP wird von der Politiksoziologin und Rechtsextremismusforscherin Karin Priester als „rechtsextreme Sekte“ eingeordnet;[12] eine Selbstbeschreibung als „überparteilicher Verein“ findet sich auf der Seite der von Gersdorff geleiteten TFP-Aktion „Das Herz Jesu Apostolat für die Zukunft der Familie“.[13] Seit 1993 ist Mathias von Gersdorff Koordinator der angeschlossenen Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur (DVCK)[14] und leitet hier die Aktionen „Kinder in Gefahr“ (KiG), die sich vor allem gegen die Jugendzeitschrift Bravo richtet,[15] und „SOS Leben“.[16]

Lebensschutz und Bioethik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mathias von Gersdorff ist seit 1990 in der deutschen Lebensrechtsbewegung aktiv[3] und tritt auf Veranstaltungen und in Veröffentlichungen gegen Abtreibung, Pornografie, gleichgeschlechtliche Ehe und Blasphemie[2] sowie gegen die „Gender-Ideologie“ ein.[17] Er nahm an „Märschen für das Leben“ teil und unterstützt das zum Netzwerk der AfD-Politikerin Beatrix von Storch und des Ehepaares Klaus und Birgit Kelle gehörende Aktionsbündnis „Demo für Alle[9] im Kampf gegen den baden-württembergischen Bildungsplan 2015,[18] unter anderem auch als Redner bei Kundgebungen.[19] 2013 trat Gersdorff als geladener Redner auf dem World Congress of Families (WCF) in Sydney auf,[2] einem christlich-fundamentalistischen Netzwerk evangelikaler Prägung aus den Vereinigten Staaten, das nach Einschätzung der Friedrich-Ebert-Stiftung ähnliche familien- und gesellschaftspolitische Ziele wie die aus Lateinamerika stammende TFP auf katholischer Seite verfolgt.[9]

In dem Buch »Deutschland treibt sich ab«[20] wird Mathias von Gersdorff aus Sicht des apabiz folgendermaßen beschrieben: „Vor allem der Adelige von Gersdorff, der Leiter der Aktion KiG, beteiligt sich mit scharfen Formulierungen an Debatten um Abtreibung, PID, Gender Mainstreaming oder sexuelle Früherziehung. Er war bereits Autor bei den Christdemokraten für das Leben, an deren Bundesmitgliederversammlungen die DVCK teilweise teilnahm und der Jungen Freiheit sowie Referent bei der extrem rechten Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V. Die Aktion KiG ist Teil der Proteste gegen den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg.“

Innerkirchliche Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regelmäßig nimmt von Gersdorff Stellung zu innerkirchlichen Debatten hinsichtlich Ehe, Familie und Sexualmoral und positionierte sich im Kontext der römischen Bischofssynode über die Familie in den Jahren 2014 und 2015 ablehnend gegenüber Liberalisierungstendenzen in katholischen Laiengremien und im Episkopat.[5] Scharf kritisierte von Gersdorff auch die von der Deutschen Bischofskonferenz empfohlene Reform des kirchlichen Arbeitsrechts im Jahr 2015.[5][21] Zu diesen Themen wird er auch in befreundeten internationalen Medien als „prominenter deutscher Kirchenbeobachter“ zitiert[22] und interviewt.[23] Gersdorff ist Mitorganisator einer von TFP-nahen Kreisen initiierten Online-Petition an den Papst („Ergebene Bitte an Seine Heiligkeit Papst Franziskus über die Zukunft der Familie“), die er als „eine Gegenreaktion auf die Versuche aus dem Linkskatholizismus, also von Organisationen wie Wir sind Kirche, linken Theologen und eben leider auch von manchen Bischöfen, die katholische Lehre zu schleifen, zu liberalisieren“,[24] versteht und die nach eigenen Angaben von sieben Kardinälen und etwa 140 Bischöfen weltweit unterzeichnet wurde.[25][26] Der Papst wird darin ersucht, die „Zulassung von geschiedenen und wieder verheirateten Katholiken zur heiligen Kommunion“ und jede Form „homosexueller Partnerschaften“ klar zu verurteilen.[27]

Für seine 2015 im Verlag der Abtei Mariawald veröffentlichte Biografie von Plínio Corrêa de Oliveira erhielt Mathias von Gersdorff Würdigungen verschiedener kirchlicher Würdenträger aus seinem kirchenpolitischen Umfeld (u. a. die Kardinäle Raymond Burke, Walter Brandmüller und Paul Josef Cordes, Erzbischof Wolfgang Haas, Weihbischof Athanasius Schneider und Georg May).[28]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die sexuelle Revolution erreicht die Kinder. DVCK, Frankfurt am Main 2005. 138 S. ISBN 978-83-88739-26-2
  • Christenhass im Visier. Christophobie, Religionskampf und Blasphemie in den Medien. DVCK, Frankfurt am Main 2010. 150 S.
  • Der Kampf ums Leben. Aktion „SOS-Leben“ der DVCK, Frankfurt am Main 2012. 156 S.[29]
  • Alarm um die Kinder. Aktion „Kinder in Gefahr“ der DVCK, Frankfurt am Main 2013. 129 S.
  • Plinio Corrêa de Oliveira und die Gegenrevolution. In: Daniel Führing (Hrsg.): Gegen die Krise der Zeit: Konservative Denker im Portrait. Graz 2013, ISBN 978-3902732217.
  • Intoleranz gegen Christen in Europa. In: Gerhard Stumpf (Hrsg.): Die katholische Kirche auf dem Weg durch die Zeit. Landsberg am Lech 2014, ISBN 978-3-9814138-2-3.
  • Als Hrsg.: Ehe und Familie im Sperrfeuer revolutionärer Angriffe. Mit Beiträgen von: Plinio Corrêa de Oliveira, Murillo Galliez, Felizitas Küble und Christa Meves. DVCK, Frankfurt am Main 2014. 163 Seiten.
  • Begegnung mit Plinio Corrêa de Oliveira: Katholischer Streiter in stürmischer Zeit. Patrimonium-Verlag, Heimbach 2015. ISBN 978-3864170331 (Biografie des TFP-Gründers).
  • Gender: Was steckt dahinter? Media Maria, Illertissen 2015. ISBN 978-3945401149

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Impressum der Deutschen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum e.V., Bad Homburg vor der Höhe.
  2. a b c Kurzbiografie (engl., WCF).
  3. a b Kurzbiografie (deutsch, JF).
  4. Mathias von Gersdorff: Fünfzig Jahre zuviel. kreuz.net vom 23. August 2006, im Internet Archive
  5. a b c Artikel im Linzer Internetmagazin Kath.net: Journalist: 'Kolossales Scheitern des deutschen Episkopats' (29. April 2015); Deutsche Bischofskonferenz erledigt das, was Napoleon nicht geschafft (6. Mai 2015); Deutsche Bischofskonferenz erfindet eigenen Familienbegriff (24. Juni 2015), abgerufen am 26. Juni 2015.
  6. Beiträge Gersdorffs im Blognetzwerk Christliches Forum von Felizitas Küble, aufgerufen am 30. Juni 2015.
  7. a b Humanistischer Pressedienst vom 4. Februar 2015: Klerikal-aristokratische Vernetzung in der "Alternative für Deutschland" (AfD), abgerufen am 26. Juni 2015.
  8. Zuvor war er Vorsitzender der „Vereinigung Österreichische Jugend für eine Christlich-kulturelle Gemeinsamkeit innerhalb des Deutschsprachigen Raumes“, der Jugendabteilung der österreichischen Sektion der TFP (Programm der TFP-Sommerakademie 2007, Seite 9).
  9. a b c d Andreas Kemper: Keimzelle der Nation – Teil 2. Hrsgg. vom Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014, S. 19–22 („2.1.2 Amerikanische Aktivitäten in Europa“).
  10. Kurzbiografie des TFP-Gründers (Quelle: TFP-Projektseite www.der-adel.info): Plinio Corrêa de Oliveira: Ein Mann des Glaubens, ein Mann der Tat und ein Philosoph, abgerufen am 1. Juli 2015.
  11. Zitat aus dem Gründungsmanifest Revolution und Gegenrevolution (1959) von Corrêa de Oliveira auf der Webseite der österreichischen Sektion der TFP, abgerufen am 26. Juni 2015.
  12. Karin Priester: Die Priesterbruderschaft, die Politik und der Papst. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 2009, Heft 3 (März 2009), S. 12–16 (hier: S. 15).
  13. Das Herz Jesu Apostolat – für die Zukunft der Familie, besucht am 30. Juni 2015.
  14. Programm der TFP-Sommerakademie 2007, Seite 3.
  15. TAZ vom 17. März 2009: Das nackte Grauen, abgerufen am 22. Oktober 2014; Münchner Tageszeitung tz vom 22. April 2014: Strenge Katholiken wollen Bravo verbieten, abgerufen am 26. Juni 2015.
  16. Kath.net vom 7. Oktober 2014: 'Damit retten wir Kinder ...' CDU-Generalsekretär Tauber antwortet der „Aktion SOS Leben“, abgerufen am 26. Juni 2015.
  17. Buchvorstellung vom 15. März 2015: Die Gender-Ideologie ist „blanker Fanatismus“ (Internetmagazin Idea vom 15. März 2015), abgerufen am 30. Juni 2015; Leipziger Buchmesse: Buch der Aktion „Kinder in Gefahr“ gegen Gender vorgestellt (Mitteilungsblatt der Aktion „Kinder in Gefahr“ vom 17. März 2015), abgerufen am 1. Juli 2015.
  18. Im Deutschlandfunk wurde er als Vertreter von Kinder in Gefahr bei den Protesten in Stuttgart gegen den Bildungsplan bezeichnet (Bericht vom 3. März 2014: Baden-württembergischer Bildungsplan: Kompromissbereitschaft klingt anders, abgerufen am 26. Juni 2015). Das Schwulenportal Queer.de bezeichnete ihn als einen der „zentralen Sprecher der Proteste“ gegen den Bildungsplan 2015 (Bericht vom 3. April 2014: Beatrix von Storch zum Bildungsplan: Widerstand ist Pflicht, abgerufen am 28. Oktober 2014).
  19. Stuttgarter Zeitung vom 5. März 2014: Bildungsplan spaltet CDU-Parteispitze, abgerufen am 26. Juni 2015.
  20. Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz e.V.): »Deutschland treibt sich ab.« Organisierter „Lebensschutz“, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus. Münster, August 2014 (Verlagsbeschreibung, abgerufen am 26. Juni 2015).
  21. LifeSiteNews.com vom 6. Mai 2015: Germany’s bishops vote to allow Church employees to publicly defy Catholic teaching, abgerufen am 26. Juni 2015.
  22. So Edward Pentin am 15. Mai 2015 im National Catholic Register (“Prominent German Church commentator Mathias von Gersdorff”; in: Top German Lay Catholic Group Pushes Communion for Civilly Divorced-Remarried and More, abgerufen am 26. Juni 2015).
  23. Interview mit Mathias von Gersdorff vom 2. Juni 2015 auf dem Lebensschutzportal LifeSiteNews.com: Understanding the kerfuffle in the German Catholic Church - interview with Mathias von Gersdorff, abgerufen am 26. Juni 2015.
  24. Interview mit Mathias von Gersdorff vom 11. Mai 2015 in der Blogzeitung FreieWelt.net, abgerufen am 1. Juli 2015.
  25. Vgl. öffentlichen Unterzeichnerliste der Aktion (Abruf vom 17. November 2015).
  26. Asia News: A filial appeal from Manila to the pope to stand by marriage
  27. Text der Petition „Ergebene Bitte“.
  28. Verlagsmitteilung zur Biografie über Plínio Corrêa de Oliveira, abgerufen am 1. Juli 2015.
  29. Werknachweis: Der Kampf ums Leben.