Matrossowo (Kaliningrad, Polessk)

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Siedlung
Matrossowo/Gilge
Матросово
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Rajon Polessk
Erste Erwähnung 1411
Frühere Namen Gyllige (vor 1540),
Gillige (nach 1540),
Gilge (bis 1946)
Bevölkerung 116 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Höhe des Zentrums m
Zeitzone UTC+2
Telefonvorwahl (+7) 40158
Postleitzahl 238634
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 230 802 002
Geographische Lage
Koordinaten 55° 1′ N, 21° 15′ OKoordinaten: 55° 0′ 40″ N, 21° 14′ 30″ O
Matrossowo (Kaliningrad, Polessk) (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Matrossowo (Kaliningrad, Polessk) (Oblast Kaliningrad)
Red pog.svg
Lage in der Oblast Kaliningrad‎

Matrossowo (russisch Матро́сово, übersetzbar in etwa mit Matrosendorf), prußisch und Ortsname bis 1946 deutsch Gilge, litauisch Gilija, ist eine Ortschaft im Rajon Polessk (Kreis Labiau), Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)), Russland. Sie ist heute Teil der Golowkinskoje selskoje posselenije (Landgemeinde Golowkino (Nemonien, 1938–1946 Elchwerder)).

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gilge mit dem Gilgestrom als „Dorfstraße“ (um 1910)

Der Ort liegt inmitten der Naturregion Elchniederung an der Mündung der Matrossowka (Gilge, auch Gilgestrom), eines Flussarms im Delta der Memel, in das Kurische Haff. Oberhalb (östlich) von Matrossowo zweigt der Polesski-Kanal (auf diesem Teilstück Seckenburger Kanal, weiter Großer Friedrichsgraben) ab, eine in preußischer Zeit zwischen 1675 und 1833 angelegte Wasserstraße, die eine Binnenverbindung zwischen Gilge, Nemonien und Deime herstellte.

Ortsname[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 1945 hieß der Ort nach dem Flussarm Gilge. Dieser Name leitet sich von prußisch gilus, gilin, gillis für tief ab.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gilge, am Ostufer des Kurischen Haffs nordöstlich der Stadt Labiau, auf einer Landkarte von 1910

Nachdem in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts deutsche Siedler in die Gegend kamen, fand 1411 die Ortschaft erstmals urkundliche Erwähnung. 1497 erhielt das Dorf das Krugrecht.

Der einst Gyllige genannte Ort[2] war ein Fischerdorf mit einer Försterei. 1874 wurde es Amtsdorf und namensgebend für einen neu errichteten Amtsbezirk im Kreis Labiau im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen. Die erste feste Straßenverbindung erreichte die Siedlung am Haff erst 1929, vorher dominierte der Weg über das Wasser. Zu dieser Zeit waren zwei Mühlen, die größte Schilfweberei Ostpreußens, zwei Schulen und zehn Lebensmittelgeschäfte vorhanden. 1910 wohnten in Gilge 1.566 Einwohner,[3] 1933 waren es 1.322 und 1939 noch 1.157[4] meist evangelische Einwohner.

Am 21. Januar 1945 wurde der Ort von den sowjetischen Truppen besetzt. Mit dem nördlichen Ostpreußen kam Gilge zur Sowjetunion und erhielt 1946 die russische Bezeichnung „Matrossowo“. 1947 wurde das Dorf dem neu formierten Rajon Polessk (Kreis Labiau) zugeordnet und gleichzeitig in den Golowkinski selski sowjet (Dorfsowjet Golowkino (Nemonien, 1938–1946 Elchwerder)) eingegliedert. Dieser wurde anlässlich einer Struktur- und Verwaltungsreform[5] in die Golowkinskoje selskoje posselenije (Landgemeinde Golowkino) umgebildet, in deren Verbund Matrossowo heute eine als „Siedlung“ (russisch: possjolok) beschriebene Ortschaft ist.

Amtsbezirk Gilge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Amtsbezirk Gilge, der von 1874 bis 1945 bestand, gehörten lediglich zwei Landgemeinden:[6] Gilge und Marienburch (russisch: Saschenzy, heute nicht mehr existent).

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe HauptartikelKirche Gilge[7]

Kirchengebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1707 entstand die erste Kirche als Fachwerkkirche. Sie wurde 1851 durch einen neugotischen Ziegelbau ersetzt.[8] Die Kirche hatte keinen Turm. Von den beiden Staffelgiebeln hatte der im Westen einen Aufsatz, in dem eine Glockenstube untergebracht war. Die Kirche war innen einfach gestaltet, Altar und Kanzel bildeten eine Einheit. Aus der alten Kirche konnten einige Figuren in die neue Kirche übernommen werden.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche unversehrt. In den 1950er Jahren begann der Abriss, um Baumaterial zu gewinnen. Heute fehlt von der Kirche, die nördlich des Gilgestroms gestanden hat, jede Spur.

Kirchengemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchspiel Gilge[9] war das nördlichste im Kreis Labiau und entstand 1707 durch Ausgliederung aus der Pfarrei der Stadtkirche Labiau. Mit der 1909 entstandenen Filialgemeinde Juwendt (1938–1946: Möwenort, heute russisch: Rasino) gehörte es bis 1945 zum Kirchenkreis Labiau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union.

Kam aufgrund von Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung das kirchliche Leben nach 1945 zum Erliegen, so bildete sich in den 1990er Jahren in Matrossowo eine neue evangelisch-lutherische Gemeinde, die überwiegend aus Russlanddeutschen besteht. Sie ist Teil der Propstei Kaliningrad[10] der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Aus deutscher Zeit ist das ehemalige Pfarrhaus heute noch erhalten. Es dient heute als Hotel und trägt den Namen „Gilge“[11]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helene Dauter, Malerin (* 1920 in Gilge, † 1996 in Groß Nordsee)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst-Günter Benkmann: Gilge, ein Fischerdorf am Kurischen Haff in Ostpreußen. Lügde-Niese, 1995.
  • Oekonomisch-technologische Encyklopädie. Band 58 (herausgegeben von Johann Georg Krünitz, Friedrich Jakob Floerken, Heinrich Gustav Flörke, Johann Wilhelm David Korth, Carl Otto Hoffmann und Ludwig Kossarski), Berlin 1792, S. 44–45.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Dietrich Lange: Geographisches Ortsregister Ostpreußen): Gilge (2005
  3. Uli Schubert: Gemeindeverzeichnis, Landkreis Labiau
  4. Michael Rademacher: Deutsch-österreichisches Ortsbuch, Landkreis Labiau
  5. Nach dem Gesetz über die Zusammensetzung und Territorien der munizipalen Gebilde der Oblast Kaliningrad vom 25. Juni/1. Juli 2009, nebst Gesetz Nr. 260 vom 30. Juni 2008, präzisiert durch Gesetz Nr. 370 vom 1. Juli 2009.
  6. Rolf Jehke: Amtsbezirk Gilge
  7. Кирха Гильге Die Kirche Gilge bei prussia39.ru (mit Foto von 1930)
  8. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, Band 2, S. 59, Abb. 190
  9. Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 3: Dokumente. S. 464.
  10. Evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad
  11. Das einstige Pfarrhaus und jetzige Hotel „Gilge“