Matthias Lemke

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Matthias Lemke (2016).
Matthias Lemke (2016).

Matthias Lemke (* 2. Juni 1978 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Staats- und Gesellschaftswissenschaften, der Politischen Theorie und Ideengeschichte sowie in den Digital Humanities, dort insbesondere in der Anwendung und Methodenreflexion von Text Mining-Verfahren. Er lehrt und forscht an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Bundespolizei, in Lübeck.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur am städtischen Max-Planck-Gymnasium in Gelsenkirchen studierte Lemke von 1997 bis 2002 Politikwissenschaft, Soziologie und Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Abschluss Magister Artium) und von 2002 bis 2003 Pensée Politique an der École doctorale von Sciences Po in Paris (Abschluss Diplôme d'Études Approfondies, Mastaire en Pensée politique). Er promovierte 2007 im Rahmen einer deutsch-französischen Promotion an Sciences Po Paris und an der Universität Vechta. Während des Studiums und der Promotion war er Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.

Nach Stationen als Lehrkraft für besondere Aufgaben und als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Vechta und an der Universität Duisburg-Essen wechselte er 2012 erneut an die Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, wo er bereits 2009 den Aufbau und die Konzeption der Zeitschrift für Politische Theorie (ZPTh)[1] begleitet hatte. Ab 2012 war er in Hamburg für die wissenschaftliche Koordination eines BMBF-Forschungsprojekts im Bereich Politische Theorie und Digital Humanities verantwortlich. Im Jahr 2016 habilitierte er sich an der Helmut-Schmidt-Universität mit einer kumulativen Arbeit über die Theoriegeschichte und die öffentliche Plausibilisierung von Ausnahmezuständen[2] und erhielt die Lehrbefugnis für das Fach Politikwissenschaft. Anschließend wechselte er ans Deutsche Historische Institut Paris und lehrte am Campus de Nancy von Sciences Po.[3] Seit 2018 ist er hauptamtlich Lehrender am Fachbereich Bundespolizei der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.

Parallel zu seiner Tätigkeit in Forschung und Lehre war er von 2012 bis 2017 als Rezensent und Autor bei der politikwissenschaftlichen Informationsplattform Portal für Politikwissenschaft beschäftigt, die sich in Trägerschaft der Stiftung Wissenschaft und Demokratie mit Sitz in Kiel befindet.

Ehrenamtlich engagiert sich Lemke in der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Gelsenkirchen, der er 1996 beigetreten ist. Seit 2011 gehört er dem Löschzug 12 - Buer-Mitte an, seit 2018 im Dienstgrad eines Brandoberinspektors.[4]

Wissenschaftliche Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Demokratischer Sozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Dissertation[5] ging Lemke der Frage nach, mit welchen Argumenten sich der demokratische Sozialismus der bolschewistischen Behauptung fortschrittsermöglichender, revolutionärer Gewalt entgegen stellte. Die als deutsch-französischer Diskursvergleich angelegte Arbeit wertete für den Zeitraum von 1890 bis 1920 Positionen von Eduard Bernstein und Karl Kautsky auf deutscher und von Jean Jaurès und Léon Blum auf französischer Seite aus.

Ökonomisierungstechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen eines BMBF-Forschungsprojekts zum Thema Postdemokratie und Neoliberalismus[6] untersuchte Lemke, ob und inwieweit es in der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik zu einer Zunahme ökonomischen Vokabulars gekommen ist. Hierzu wurde ein Korpus mit 3,5 Millionen deutschsprachigen Zeitungstexten ausgewertet, die den Zeitraum von 1947 bis 2012 abdeckten. Durch den Einsatz von Text Mining-Verfahren gelang es zu zeigen, dass ökonomisches Plausibilisieren in der politischen Öffentlichkeit, entsprechend der theoretischen Annahmen der Postdemokratie-Debatte, ab dem Ende der 1970er Jahre zunimmt. Ökonomisierungstechnik im engeren Sinne bezeichnet, im Anschluss an den Begriff der Regierungstechnik bei Michel Foucault, den auf kollektiv bindende Entscheidungsfindung abzielenden Versuch der Ausübung von Deutungsmacht durch den Einsatz ökonomischen, insbesondere neoliberalen Vokabulars in der politischen Öffentlichkeit.

Ausnahmezustand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Ausnahmezustand versteht Lemke die "kriseninduizierte Ausweitung von Exekutivkompetenzen"[7]. In seinen Arbeiten untersucht er sowohl die ideengeschichtliche Dimension des Ausnahmezustandes, wie auch konkrete Anwendungsfälle in etablierten Demokratien. Von besonderem Interesse in seinen Arbeiten sind die Plausibilisierungsstrategien, die Regierungen nutzen, um in der Öffentlichkeit die - temporäre - Einschränkung von Grundrechten, beziehungsweise die Ausweitung der Kompetenzen der Exekutive zu rechtfertigen. Anhand der bislang bearbeiteten Fallstudien - Deutschland, Frankreich, Spanien, die USA, die Marshall-Inseln - konnte er unter anderem die Plausibilisierungsmuster Unterscheidung, Alterität, Effektivität (zeitlich, ökonomisch), Notwendigkeit, Verletzlichkeit und Insuffizienz identifizieren[8], die in Teilen zu unterschiedlichen Zeitpunkten wiederholt aufgetreten sind.

Lemkes Arbeiten zeichnen sich durch eine Verzahnung von Theorie und Empirie aus. Er lehnt die theoretische Perspektive von Carl Schmitt ab, da sein Dezisionismus, seine Fokussierung auf die souveräne Entscheidungsmacht und sein Anti-Liberalismus eine Annäherung an den Ausnahmezustand über dessen diskursive Verhandlung in der politischen Öffentlichkeit nicht ermöglichen. Eine schleichende Normalisierung des Ausnahmezustandes, wie Lemke sie im Unterschied zu Bernard Manin[9] hervorhebt, kann aus dieser Perspektive nicht beobachtet werden. Ebenso wenig ermöglicht sie eine Kritik übermäßiger Versicherheitlichung.

Blended Reading[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Anwendung von Text Mining-Verfahren auf Fragestellungen der Politischen Theorie und Ideengeschichte hat Lemke den Begriff des Blended Reading[10][11] entwickelt. Hierunter versteht er eine modulare Analysestrategie, die computergestützter Textanalyse und Einzeltextlektüre prozedural verzahnt. Der Begriff soll die von Franco Moretti etablierte Dichotomie von Close- und Distant Reading überwinden.

Nach seinen bisherigen Analysen unterscheidet Lemke Text Mining-Verfahren erster, zweiter und dritter Ordnung. Als Verfahren erster Ordnung bezeichnet er die Frequenzanalyse, die es erlaubt, innerhalb eines Datenbestandes Verwendungskonjunkturen von begriffen zu identifizieren, die aber keine inhaltlichen Rückschlüsse zulässt. Als Verfahren zweiter Ordnung bezeichnet er die Kookkurrenzanalyse und das Topic Modelling, die Rückschlüsse auf den Verwendungskontext von Suchbegriffen zulassen und damit inhaltliche Aussagen ermöglichen. Verfahren dritter Ordnung sind das Machine Learning und die Annotation, insofern sie eine Weiterbearbeitung textstatistisch gewonnener Ergebnisse ermöglichen. Alle Verfahren können je nach Erkenntnisinteresse kombiniert werden. Die Lektüre begründet ausgewählter Einzeltexte ist obligatorisch.

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher

  • Demokratie im Ausnahmezustand. Wie Regierungen ihre Macht ausweiten, Frankfurt (Main), New York 2017.
  • Wandel durch Demokratie. Liberaler Sozialismus und die Ermöglichung des Politischen, Wiesbaden 2012.
  • Republikanischer Sozialismus. Die Positionen von Bernstein, Kautsky, Jaurès und Blum, Frankfurt (Main), New York 2008.
  • Ordnung und sozialer Fortschritt. Zur gegenwartsdiagnostischen Relevanz der politischen Soziologie von Henri de Saint-Simon, Münster, Hamburg, London 2002.

Sammelbände

  • Ausnahmezustand. Theoriegeschichte – Anwendungen – Perspektiven, Wiesbaden 2017.
  • (mit Annette Förster), Die Grenzen der Demokratie. Gegenwartsdiagnosen zwischen Politik und Recht, Wiesbaden 2017.
  • (mit Gregor Wiedemann), Text Mining in den Sozialwissenschaften. Grundlagen und Anwendungen zwischen qualitativer und quantitativer Diskursanalyse, Wiesbaden 2016.
  • (mit Oliver Schwarz, Toralf Stark und Kristina Weissenbach), Legitimitätspraxis. Politikwissenschaftliche und soziologische Perspektiven, Wiesbaden 2016.
  • (mit Claudia Ritzi und Gary S. Schaal), Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland. Eine vergleichende Politikfeldanalyse, Wiesbaden 2013.
  • Die gerechte Stadt. Politische Gestaltbarkeit verdichteter Räume, Stuttgart 2012.

Aufsätze (Auswahl)

  • (mit Annette Förster) Notwehr als Legitimationsquelle staatlichen Handelns. Eine Sondierung, in: Michael Hein / Felix Petersen / Silvia von Steinsdorff (Hg.), Die Grenzen der Verfassung. Sonderband der Zeitschrift für Politik, Baden-Baden 2018, 171–184.
  • (mit Claudia Ritzi) Is there no alternative? The discoursive formation of neoliberal power, in: Cybernetics & Human Knowing, 2015, 22(4), 55–82.
  • Ausnahmezustände als Dispositiv demokratischen Regierens. Eine Querschnittsanalyse am Beispiel der USA, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft (ZPol), 2012, 22(3), 307–331.
  • Das alternate law der Demokratie. Begründungspraktiken für Ausnahmezustände in den USA und Spanien, in: Zeitschrift für Politik (ZfP), 2011, 58(4), 369–392.

Blog

  • Demokratie im Ausnahmezustand / Democracy and the State of exception / La démocratie dans l'état d'exception, emergency.hypotheses.org, ISSN 2569-0272.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zeitschrift für Politische Theorie. Verlag Barbara Budrich, abgerufen am 14. August 2017 (ISSN 1869-3016).
  2. Matthias Lemke: Demokratie im Ausnahmezustand. Wie Regierungen ihre Macht ausweiten. Campus Verlag, Frankfurt (Main) / New York, ISBN 978-3-593-50717-0.
  3. Sciences Po: Geschichte der internationalen beziehungen 1914-1945 | Sciences Po, Portail de la Scolarité. Abgerufen am 16. September 2017.
  4. Freiwillige Feuerwehr Gelsenkirchen - Löschzug 12 - Buer-Mitte. Löschzug 12 - Buer-Mitte, abgerufen am 14. August 2017.
  5. Matthias Lemke: Republikanischer Sozialismus. Die Positionen von Bernstein, Kautsky, Jaurès und Blum. Campus Verlag, Frankfurt (Main) / New York 2008, ISBN 978-3-593-38600-3.
  6. ePol - Postdemokratie und Neoliberalismus. Gary S. Schaal / Matthias Lemke, abgerufen am 15. August 2017 (ISSN 2363-6335).
  7. Matthias Lemke: Ausnahmezustand. Theoriegeschichte - Anwendungen - Perspektiven. Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-16587-1, S. 2.
  8. Matthias Lemke: Demokratie im Ausnahmezustand. Wie Regierungen ihre Macht ausweiten. Campus Verlag, Frankfurt (Main) / New York 2017, ISBN 978-3-593-50717-0, S. 270.
  9. Bernard Manin: Le paradigme de l'exception. L'État face au nouveau terrorisme. La vie des idées, 15. Dezember 2015, abgerufen am 5. August 2017 (französisch).
  10. Matthias Lemke: Blended Reading. In: Sozialwissenschaftliche Methodenberatung - Wissenschaftsblog. Isabel Steinhardt, 23. Januar 2017, abgerufen am 5. August 2017.
  11. Alexander Stulpe / Matthias Lemke: Blended Reading. Theoretische und praktische Dimensionen der Analyse von Text und sozialer Wirklichkeit im Zeitalter der Digitalisierung. In: Matthias Lemke / Gregor Wiedemann (Hrsg.): Text Mining in den Sozialwissenschaften. Grundlagen und Anwendungen zwischen qualitativer und quantitativer Diskursanalyse. Springer VS, Wiesbaden 2016, S. 17–62.