Matthias Warnig

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Matthias Warnig (2010)

Artur Matthias Warnig (* 26. Juli 1955 in Altdöbern) ist ein deutscher Manager und ehemaliger Major des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) der DDR. 1990 wurde er Aufsichtsratsvorsitzender der Dresdner Kleinwort, deren Russland-Geschäft er aufbaute und leitete; danach war er mit der Leitung der deutsch-russischen Gaspipeline Nordstream betraut. Warnig gilt als ein enger Vertrauter von Wladimir Putin; wegen seiner Nähe zu Russland wurde er mehrfach von den USA mit Sanktionen belegt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Matthias Warnig wurde in Altdöbern (Kreis Calau) in der Niederlausitz geboren. Mit 18 Jahren verpflichtete sich der FDJ-Sekretär dazu, hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi zu werden, was erst 2005 öffentlich bekannt wurde, und stellte kurz vor seinem Abitur einen Antrag auf Aufnahme in die SED. Statt Wehrdienst zu leisten, absolvierte er 1974 eine halbjährige Grundausbildung beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ des Ministeriums für Staatssicherheit.[1] Er wurde 1974 von der Stasi als Informant mit dem Decknamen „Hans-Detlef“ angeworben.[2]

Ab April 1975 wurde er als Agent in der Auslandsspionageabteilung Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) ausgebildet. Zunächst war er in Ost-Berlin eingesetzt, wo er den Decknamen „Ökonom“ hatte. 1977 begann er ein Studium der Nationalökonomie an der Hochschule für Ökonomie Berlin. Warnig war zuletzt im Dienstgrad eines Hauptmanns stellvertretender Leiter des Referats 5 der Spionageabteilung XV der MfS-Bezirksverwaltung Berlin. Eine seiner Hauptaufgaben war die „Wirtschaftsaufklärung im Rahmen der Gesamtprobleme der Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA). Von 1986 bis 1989 war Warnig dann unter dem Decknamen „Arthur“ als sogenannter Offizier im besonderen Einsatz (OibE) in Düsseldorf tätig; er arbeitete zur Tarnung in der DDR-Handelsmission. Nachdem das Bundesamt für Verfassungsschutz Warnig als potenziellen Spion ins Visier genommen hatte, wurde er im August 1989 vorzeitig nach Ost-Berlin zurückbeordert.[3][4] Unter den Objekten seiner damaligen Spionagetätigkeit soll sich auch sein späterer Arbeitgeber, die Dresdner Bank befunden haben.[5]

Unter der Regierung von Ministerpräsident Hans Modrow (SED) war Warnig ab November 1989 Referent der Wirtschaftsministerin Christa Luft (ebenfalls SED). Er nahm für die DDR an den Verhandlungen über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion teil. Dabei traf er den Vorstandschef der Dresdner Bank, Wolfgang Röller, der ihm ein Stellenangebot machte.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits zwei Tage nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 18. Mai 1990 und vor der politischen Wiedervereinigung wurde Warnig ab 20. Mai 1990 bei der Dresdner Bank angestellt.[3] Seit Oktober 1991 war er im Auftrag der Bank in Sankt Petersburg tätig.[6] Warnig war bis 2006 Aufsichtsratsvorsitzender der Investmentbank Dresdner Kleinwort.

Seit 2003 ist Warnig Mitglied im Aufsichtsrat der Bank Rossija. Außerdem hat er einen Sitz im Aufsichtsrat der Bank VTB, dem zweitgrößten Kreditinstitut Russlands. Daneben hat Warnig mehrere Mandate in Konzernen der russischen Rohstoffindustrie: im Aufsichtsrat von Rosneft, dem weltgrößten Energiekonzern, und von Transneft, der russischen Öl-Pipeline-Gesellschaft. Warnig war von 2010 bis 2015 für Gazprom im Aufsichtsrat der Leipziger Ferngasgesellschaft Verbundnetz Gas AG[7] und übernahm von 2011 bis 2015 das Präsidium des Verwaltungsrates der Gazprom Schweiz.[8] Im Juni 2011 wurde Warnig als Nachfolger von Sergei Schmatko in den Verwaltungsrat des staatlichen Unternehmens Transneft gewählt.[9] Er wurde im Oktober 2012 Vorsitzender des Verwaltungsrates von United Company Rusal, einem der größten Aluminiumhersteller der Welt.[10]

Warnig war Geschäftsführer der Nord Stream AG von März 2006 bis Juli 2015, welche die erste Gaspipeline von der russischen Hafenstadt Wyborg durch die Ostsee ins deutsche Lubmin erbaute und betreibt.[11][12] Er war danach auch Geschäftsführer der in der Schweiz ansässigen Nord Stream 2 AG, die das Projekt zur Verlegung einer zweiten Gaspipeline auf dem Grund der Ostsee von Russland nach Deutschland durchführte und die im Eigentum von Gazprom ist. 2019 war Warnig von Gazprom in den Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 entsandt worden, dessen Sponsor Gazprom war.[13]

Verhältnis zu Putin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Warnig gilt als enger Vertrauter von Wladimir Putin; sie begegneten sich spätestens im Januar 1989, als sie gemeinsam an Feierlichkeiten zum 71. Jahrestag der Tscheka teilnahmen.[2] Er war Teil einer KGB-Zelle in Dresden, die von Putin gegründet wurde.[14] Seit spätestens 1991 sind sie befreundet. Als 1993 Putins damalige Frau Ljudmila Alexandrowna Putina lebensgefährlich verunglückte, sorgte Warnig laut Medienberichten dafür, dass sie in Deutschland operiert werden konnte.[3] Im April 2014 lud Warnig in St. Petersburg zu einer Gala zu Ehren von Gerhard Schröder; trotz Annexion der Krim feierte Schröder mit Wladimir Putin und Warnig seinen 70. Geburtstag in Russland. Warnig nahm nach der Präsidentschaftswahl am 18. März 2018 an der Zeremonie zur vierten Amtseinführung von Putin teil.[15]

Sanktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 gab Warnig seinen Posten bei Rusal 2018 ab, nachdem die Regierung Trump Rusal mit Sanktionen belegt hatte. Das Weiße Haus hatte Warnigs Rücktritt zu einer Bedingung für deren Aufhebung gemacht.[16] 2021 beriet der US-Kongress über Sanktionen u. a. gegen Nord Stream und Warnig; die Biden-Regierung verzichtete im Mai 2021 auf die Einführung von Sanktionen gegen Warnig mit Rücksicht auf die Beziehungen zu Deutschland.[17] Während der erneuten Eskalation des russischen Kriegs in der Ukraine durch Putin im Februar 2022 wurde er direkt mit Sanktionen belegt.[18]

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 stoppte die deutsche Bundesregierung das Genehmigungsverfahren für die Erdgasleitung Nord Stream 2.[19][20] Sein Mandat bei Schalke 04 legte er im Februar 2022 kurz nach Veröffentlichung der US-Sanktionsliste nieder; wenig später beendete Schalke die Partnerschaft mit dem Sponsor Gazprom.[21] Ende Mai 2022 trat er von seinem Aufsichtsratsposten bei Rosneft zurück.[22]

Privat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Warnig heiratete an seinem 24. Geburtstag, bald darauf wurden sein Sohn Stefan und seine Tochter Claudia geboren. Warnig ist in zweiter Ehe mit der Russin Elena geb. Semenova verheiratet, die er Ende der 90er-Jahre in Sankt Petersburg kennenlernte. Mit ihr hat er einen Sohn. Die Familie lebt in Staufen im Breisgau. Das Paar hat noch heute eine Eigentumswohnung am Rande Moskaus in einem zwölfstöckigen Hochhaus. Als ihr gemeinsames Kind schulpflichtig wurde, verließen sie 2006 Moskau.

Warnig ist Inhaber einer Immobilien- und Vermögensgesellschaft.[3][23] Mit der Vermögensgesellschaft der Familie, an der alle Kinder beteiligt sind, investiert Warnig in Immobilien im Breisgau. Sein Unternehmen soll inzwischen ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Euro verwalten.[24] Seine Frau war Geschäftsführerin der gemeinsamen Immobilien- und Vermögensgesellschaft, bis diese im März 2021 liquidiert wurde.[25][26]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Matthias Warnig – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Biografie bei Munzinger
  2. a b Karen Dawisha: Putin’s Kleptocracy. Who Owns Russia? Simon & Schuster, New York 2015, ISBN 978-1-4767-9520-1, S. 52, 370 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
    BStU MfS AIM, Nr. 6367/75, Teil I, S. 10.
  3. a b c d Dirk Banse, Florian Flade, Uwe Müller, Eduard Steiner, Daniel Wetze: Matthias Warnig: Dieser Deutsche genießt Putins Vertrauen. In: welt.de. 3. August 2014, archiviert vom Original am 3. August 2014; abgerufen am 28. Februar 2022.
  4. Putins Freund von der Dresdner Bank – die steile Karriere eines Stasi-Majors. In: Hamburger Abendblatt. 14. Dezember 2005, abgerufen am 28. Februar 2022.
  5. Bankchef Matthias Warnig soll als Stasi-Mann für Spionage gegen Dresdner Bank zuständig gewesen sei. In: Spiegel Online. 26. Februar 2005, abgerufen am 28. Februar 2022.
    Ostsee-Pipeline: Der Altkanzler und der Agent. In: Manager Magazin. 12. Dezember 2005, abgerufen am 28. Februar 2022.
  6. Andreas Nölting, Arne Stuhr: Dresdner Bank: „Sollten wir uns als Oberrichter aufspielen?“ In: Manager Magazin. 23. Februar 2005, abgerufen am 28. Februar 2022 (Interview mit Bernhard Walter).
  7. Aufsichtsrat. In: vng.de. Archiviert vom Original am 8. August 2014; abgerufen am 28. Februar 2022.
  8. Internet-Auszug – Handelsregister des Kantons Zürich: Firma: GAZPROM Schweiz AG. In: powernet.ch. Archiviert vom Original am 7. März 2016; abgerufen am 28. Februar 2022.
    Internet-Auszug – Handelsregister des Kantons Zürich: Firma: GAZPROM Schweiz AG. In: powernet.ch. Archiviert vom Original am 9. August 2017; abgerufen am 28. Februar 2022.
  9. Маттиас Варниг из Nord Stream возглавил совет директоров «Транснефти». In: iz.ru. 25. Juli 2011, abgerufen am 31. Oktober 2021 (russisch).
  10. Варниг избран новым председателем совета директоров „Русала“. In: RIA Novosti. 1. Oktober 2012, archiviert vom Original am 31. Oktober 2021; abgerufen am 28. Februar 2022 (russisch).
  11. Nord Stream 2 AG – Geschäftsführung. In: nord-stream2.com. 3. April 2017, abgerufen am 12. September 2020.
  12. Management Team. In: nord-stream2.com. Archiviert vom Original am 18. Januar 2022; abgerufen am 28. Februar 2022 (englisch).
  13. Nach Sanktionen der USA: Gazprom-Vertreter Warnig verlässt Schalker Aufsichtsrat. In: kicker.de. 24. Februar 2022, abgerufen am 24. Februar 2022.
  14. Catherine Belton: Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste. HarperCollins, Hamburg 2022, ISBN 978-3-7499-0328-3, S. 49 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – englisch: Putin’s People: How the KGB Took Back Russia and Then Took On the West. London 2020.).
  15. Путин вступил в должность президента. Сравниваем четыре инаугурации. In: BBC News. 7. Mai 2018, abgerufen am 31. Oktober 2021 (russisch).
  16. Alexander Wulfers: Wie Matthias Warnig der mächtigste Deutsche in Russland wurde. faz.net vom 5. März 2022 und FAS 6. März 2022.
  17. Andrea Shalal, Timothy Gardner, Steve Holland: U.S. waives sanctions on Nord Stream 2 as Biden seeks to mend Europe ties. In: Reuters. 19. Mai 2021, abgerufen am 16. November 2021 (englisch): „The Biden administration waived sanctions on the company behind Russia's Nord Stream 2 gas pipeline to Germany and its chief executive […] State Department report sent to Congress concluded that Nord Stream 2 AG and its CEO, Matthias Warnig, an ally of Russian President Vladimir Putin, engaged in sanctionable activity. But Blinken immediately waived those sanctions.“
  18. Antony J. Blinken: Sanctioning NS2AG, Matthias Warnig, and NS2AG’s Corporate Officers. In: United States Department of State. 23. Februar 2022, abgerufen am 24. Februar 2022 (englisch).
  19. Pipeline Nord Stream 2 wird gestoppt www.zeit.de, abgerufen am 22. März 2022
  20. Nord Stream 2 AG – Geschäftsführung. In: nord-stream2.com. 3. April 2017, abgerufen am 12. September 2020.
  21. Das Trikot bleibt frei, der Druck wächst. In: FAZ. 24. Februar 2022, abgerufen am 5. März 2022.
  22. Russia's Rosneft says German ex-chancellor Schroeder quits board, Reuters-Meldung vom 20. Mai 2022, abgerufen am 20. Mai 2022
  23. Alexander Huber: Gas-Manager investiert am Bad Krozinger Bahnhof. In: Badische Zeitung. 22. November 2013, archiviert vom Original am 21. Juli 2014; abgerufen am 28. Februar 2022.
  24. Dieser Deutsche genießt Putins Vertrauen www.welt.de, abgerufen am 21. März 2022
  25. Jürgen Lessat: Die Schwarzwald-Connection. In: Kontext-Wochenzeitung Nr. 571 vom 9. März 2022, abgerufen am 24. April 2022.
  26. MW Invest Beteiligungs-GmbH bei firmendb
  27. Guido Heinen: Die Stasi-Akte des deutschen Pipeline-Chefs: Matthias Warnig arbeitete in einer der wichtigsten Abteilungen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. In: Welt.de. 14. Dezember 2005, archiviert vom Original am 11. Juli 2015; abgerufen am 28. Februar 2022.
  28. Putin würdigt Chef von Nord Stream mit Orden der Ehre. In: Stimme Russlands. 5. Oktober 2012, archiviert vom Original; abgerufen am 28. Februar 2022.