Mavis Lever

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In diesem Gebäude (engl.: The Cottage) in Bletchley Park arbeitete Mavis Lever zusammen mit Dilly Knox an der Entzifferung der ENIGMA

Mavis Lillian Lever[1] (* 5. Mai 1921[2] in Dulwich, einem Stadtteil von London; † 11. November 2013[3]) war eine britische Kryptoanalytikerin. Während des Zweiten Weltkrieges trug sie in der Government Code and Cypher School (GC&CS) (deutsch etwa: „Staatliche Code- und Chiffrenschule“) im englischen Bletchley Park, also der militärischen Dienststelle, die sich erfolgreich mit der Entzifferung des deutschen Nachrichtenverkehrs befasste, wesentlich zum Bruch der deutschen Rotor-Schlüsselmaschine ENIGMA bei.

Bletchley Park[Bearbeiten]

Bei Ausbruch des Krieges studierte Mavis Lever Germanistik am University College London.[4] Von dort wurde die 18 Jahre junge Studentin im April 1940 durch Dillwyn Knox in die Dienste der GC&CS ins 70 km nordwestlich von London gelegene Bletchley Park (BP) abgeworben.[5]

Ein besonderes Glücksgefühl als „Codeknackerin“ war ihr beschieden, als sie im Jahr 1941 einen italienischen Funkspruch analysierte. Er stammte von der italienischen Marine, die zur Verschlüsselung die deutsche ENIGMA-Maschine benutzte. Mavis Lever erkannte, dass der Geheimtext nicht ein einziges Mal den Buchstaben „L“ enthielt und schloss intuitiv und völlig korrekt, dass es sich um einen „Füllspruch“ handelte, der keinen sinnvollen Text enthielt, sondern nur „Blender“, und dazu diente, dem Gegner Funkaktivität vorzutäuschen und ihn mit sinnloser Kryptanalyse zu beschäftigen.[6] Mavis vermutete ferner aufgrund des im Spruch fehlenden „L“ und der bekannten Eigenschaft der ENIGMA, dass niemals ein Buchstabe in sich selbst verschlüsselt werden kann („Nichts ist jemals es selbst“),[7] dass der Verfasser des Funkspruchs sich bequemerweise den auf der Tastatur der ENIGMA ganz rechts unten liegenden Buchstaben ausgesucht hatte, um so möglichst einfach den Füllspruch zu erzeugen.[8]

Die ENIGMA G der Abwehr verfügte über einen speziellen Walzensatz

Mavis Lever präsentierte er damit einen extrem langen Crib (deutsch: wahrscheinliches Wort) und erlaubte ihr so eine äußerst präzise Analyse der Arbeitsweise der Maschine und der Verdrahtung der Walzen. Diese Erkenntnis führte sie in der Folge am 25. März 1941 zur Entzifferung eines weiteren italienischen Funkspruchs, in dem sie den Crib SUPERMARINA (italienischer Begriff für das damalige Oberkommando der Regia Marina, also der italienischen Kriegsmarine) korrekt vermutete und dem sie die Nachricht „Oggi 25 marzo est giorno X-3“ (deutsch: „Heute, der 25. März, ist der Tag X minus drei“) entringen konnte.[9] Tatsächlich nur drei Tage später, am 28. März 1941, trugen ihre Entzifferungen wesentlich zum Sieg der Royal Navy über die italienische Flotte in der Seeschlacht bei Kap Matapan bei.[10] Damit verhalf ihre Leistung dem Oberbefehlshaber der britischen Flottenverbände im Mittelmeer, Admiral Andrew Cunningham, zum Erfolg in einer der wichtigsten Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs.[11]

Am 8. Dezember 1941 gelang Mavis Lever ein weiterer wichtiger kryptanalytischer Durchbruch. Unter der Leitung von „Dilly“ Knox und zusammen mit ihrer Kollegin Margaret Rock „knackte“ sie zum ersten Mal eine von der deutschen Abwehr (Geheimdienst) mithilfe eines speziellen ENIGMA-Modells (G) verschlüsselte Meldung.[12] Sie sagte: „Nichts kommt dem Anblick einer geknackten Verschlüsselung gleich, es ist wirklich das Beste vom Besten.“[13]

Im November 1942 heiratete Mavis Lever ihren Verlobten Keith Batey, der in der Hut 6 arbeitete, also der Nachbar-Organisationseinheit von BP, die sich unter Leitung von Gordon Welchman und seinem Stellvertreter Conel Hugh O’Donel Alexander mit der Entzifferung der vom deutschen Heer und der Luftwaffe mit der ENIGMA I verschlüsselten Funksprüche befasste.[14] Sie trug seitdem den Namen Mavis Batey.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Mavis viele Jahrzehnte als Schriftstellerin und engagierte sich in der Garden History Society, einer britischen Institution, die sich mit der Geschichte der Gartenkunst befasst und um den Erhalt historischer Gärten kümmert. Für ihre Verdienste dort wurde sie im Jahr 1985 mit der Veitch Memorial Medal ausgezeichnet. Im Jahr 1987 wurde ihr darüber hinaus der britische Verdienstorden Order of the British Empire (MBE) verliehen. Mavis starb 92-jährig drei Jahre nach ihrem Ehemann Keith und hinterließ drei Kinder.

Werke[Bearbeiten]

  • Mavis Batey: From Bletchley with Love 1968.
  • Mavis Batey: Alice's Adventures in Oxford. Pitkin Pictorials, 1980, ISBN 978-0853722953.
  • Mavis Batey: Oxford Gardens: the university's influence on garden history 1982.
  • Mavis Batey: Nuneham Courtenay: An Oxfordshire 18th-century Deserted Village 1983.
  • Mavis Batey: Reader's Digest Guide to Creative Gardening 1984.
  • Mavis Batey: The Historic Gardens of Oxford & Cambridge 1989.
  • Mavis Batey The English Garden Tour - A View Into the Past. John Murray, 1990, ISBN 978-0719547751.
  • Mavis Batey: Horace Walpole as Modern Garden Historian 1991.
  • Mavis Batey: Regency Gardens. Shire Books, 1995, ISBN 978-0747802891.
  • Mavis Batey: Story of the Privy Garden at Hampton Court 1995.
  • Mavis Batey: Jane Austen and the English Landscape 1996.
  • Mavis Batey: The World of Alice 1998.
  • Mavis Batey: Alexander Pope: Poetry and Landscape. Barn Elms, 1999, ISBN 978-1899531059.
  • Mavis Batey: Dilly: The Man Who Broke Enigmas 2011.
  • Mavis Batey: The Gardens of William and Mary.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. BP Roll of Honour (PDF; 138 kB) Abgerufen: 9. Juni 2011.
  2. Interview mit Mavis vom 24. Januar 2008 Abgerufen: 26. März 2010.
  3. Mavis Batey -obituary, abgerufen am 13. November 2013
  4. Michael Smith: ENIGMA entschlüsselt – Die „Codebreakers“ von Bletchley Park. Heyne, 2000, S. 67. ISBN 3-453-17285-X
  5. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 118. ISBN 0-304-36662-5
  6. Michael Smith: ENIGMA entschlüsselt – Die „Codebreakers“ von Bletchley Park. Heyne, 2000, S. 88. ISBN 3-453-17285-X
  7. Robert Harris: Enigma. Roman. Weltbild, Augsburg 2005, S. 71. ISBN 3-89897-119-8
  8. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 121. ISBN 0-304-36662-5
  9. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 118ff. ISBN 0-304-36662-5
  10. Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse, Methoden und Maximen der Kryptographie. Springer, Berlin 2000 (3. Aufl.), S. 457. ISBN 3-540-67931-6
  11. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 130. ISBN 0-304-36662-5
  12. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 129. ISBN 0-304-36662-5
  13. Michael Smith: ENIGMA entschlüsselt – Die „Codebreakers“ von Bletchley Park. Heyne, 2000, S. 58. ISBN 3-453-17285-X
  14. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 119. ISBN 0-304-36662-5