Max-Weber-Kolleg

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Max Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
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Gründung Ausschreibung der ersten Stipendien: Herbst 1997

Aufnahme des Lehr- und Forschungsbetriebes: 1. April 1998

Trägerschaft öffentlich (Universität Erfurt)
Ort Erfurt, Thüringen
Land Deutschland
Leitung Hartmut Rosa (Direktor)
Mitarbeiter 87 (Stand: 15. Oktober 2013)[1]
Website www.uni-erfurt.de/max-weber-kolleg

Das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien ist eine Einrichtung der Universität Erfurt.

Es verbindet ein Institute for Advanced Study mit einem auf Dauer gestellten Graduiertenkolleg. Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen (Soziologie, Geschichtswissenschaft, Philosophie, Theologie, Religions-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft) werden auf Zeit zu Fellows bestellt. Sie beteiligen sich an einem Weberschen Forschungsprogramm und betreuen und begleiten die Kollegiaten (Doktoranden und Habilitanden).

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kollegiaten behandeln in ihren Doktor- und Habilitationsschriften Aspekte dieses Forschungsprogramms. Jeder Kollegiat wird bei seiner Arbeit mit den theoretischen Perspektiven und methodischen Verfahren anderer Disziplinen konfrontiert. Schließlich steht die Arbeit des Kollegs in internationalen Zusammenhängen. Regelmäßig beteiligen sich Gastprofessoren aus dem Ausland am Forschungs- und Lehrprogramm des Max-Weber-Kollegs.

Je nach ihrem disziplinären Schwerpunkt können Kollegiaten zum Dr. rer. pol., Dr. jur. oder zum Dr. phil. promoviert werden. Promotionsverfahren führt das Kolleg selbst durch. Als Kollegiat kann aufgenommen werden, wer ein hervorragendes Examen in einer der am Kolleg vertretenen Disziplinen vorweist und ein Dissertations- oder Habilitationsprojekt skizziert, das von den wissenschaftlichen Mitgliedern akzeptiert wird. Für die Durchführung solcher Projekte gibt es Stipendien.

Das Max-Weber-Kolleg ist im September 2012 vom Gelände der ehemaligen Kunstgewerbeschule, in der Erfurter Innenstadt, auf das Gelände des Klinikums Erfurt, in die Nähe des Campus gezogen. Dort, im Haus 27 (Forschungsgebäude 1), findet jeder Kollegiat einen Arbeitsplatz und ist verpflichtet, an den Lehrveranstaltungen des Kollegs teilzunehmen. Deren Themen hängen mit dem Forschungsprogramm zusammen, folgen aber keinem formalisierten Curriculum. Lehrveranstaltungen am Kolleg werden in der Regel von mehreren wissenschaftlichen Mitgliedern und Gastprofessoren gemeinsam geplant und durchgeführt.

Nach Wolfgang Schluchter, der seit der Gründung des Kollegs (1998) bis 2002 als dessen Dekan tätig war, wurde der renommierte Soziologe Hans Joas Inhaber der Max-Weber-Professur und damit auch neuer Leiter des Kollegs. Im Frühjahr 2011 wurde Joas Permanent Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), blieb aber assoziiertes Mitglied des Max-Weber-Kollegs und Sprecher der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“.[2] Von Mai 2011 an war Wolfgang Spickermann, Professor für Religionsgeschichte des Mittelmeerraumes in der römischen Antike an der Kolleg-Forschergruppe, Interimsdekan des Max-Weber-Kollegs. Neuer Direktor ist seit Oktober 2013 der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa.[3]

Lehre und Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Max-Weber-Kolleg begann seinen Lehr- und Forschungsbetrieb am 1. April 1998. Seine ersten Stipendien wurden im Herbst 1997 ausgeschrieben. Die Laufzeit beträgt drei Jahre, innerhalb deren Promotionen abgeschlossen werden müssen. Auch wer kein Stipendium anstrebt, kann sich um Aufnahme in das Kolleg bewerben. Er unterliegt demselben Auswahlprozess wie der Bewerber um ein Stipendium des Kollegs. Die Forschungsleistungen des Max-Weber-Kollegs wurden 2008 im aufwändigen Forschungsrating des Wissenschaftsrats für exzellent befunden. Das Max-Weber-Kolleg gehört damit zu den besten 9 Forschungseinheiten von insgesamt 254 im Bereich Soziologie in Deutschland.[4] Die Forschungsvorhaben der Fellows werden durch Projekte der betreuten Kollegiaten ergänzt. Die Forschung am Max-Weber- Kolleg ist historisch und vergleichend. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der inter- und transdisziplinären Verknüpfung der am Kolleg vertretenen Fachgebiete. Das Forschungsprogramm richtet sich auf folgende Problemfelder:

  • Religion, Wissenschaft und Recht als Deutungs- und Steuerungsmächte;
  • Wechselwirkungen zwischen Kulturen, gesellschaftlichen Ordnungen und Mentalitäten bei radikalem Wandel;
  • handlungstheoretische Grundlagen der Kultur- und Sozialwissenschaften und ihre Beziehung zu normativen, insbesondere ethischen Fragen.

Diese Problemfelder werden durch folgende Forschungsschwerpunkte konkretisiert:

Gewalt und Menschenwürde: Ein für heutige Gesellschaften zentraler Wertkomplex ist die Entwicklung der Menschenrechte und unser Glaube an eine universale Menschenwürde. Eine nähere Betrachtung zeigt, dass Werte nicht nur aus positiven wertkonstitutiven Erfahrungen hervorgehen, sondern auch aus der Verarbeitung negativer Erfahrungen - etwa der Gewalt und Entwürdigung des Menschen. In einer Reihe von historisch-soziologischen Studien soll deshalb die Wechselwirkung von Wertentstehung und Gewaltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert untersucht werden.

Kommunikation über Werte: In der Diskurstheorie von Jürgen Habermas, Karl-Otto Apel unter anderem, die in Anknüpfung an den Pragmatismus eine umfassende Theorie der Argumentation über kognitive und normative Geltungsansprüche vorgelegt haben, fehlt eine entsprechende Theorie für unsere Kommunikation über Werte. Über Werte, an die wir uns gebunden fühlen, können wir sehr wohl vernünftig miteinander sprechen, aber nicht rein rational-argumentativ Wertbindungen erzeugen oder erschüttern. In diesem, in die Philosophie reichenden Arbeitsgebiet, geht es deshalb um die Erarbeitung von Spezifika unserer Kommunikation über Werte (beispielsweise Narrativität).

Theorien des sozialen Wandels: Eine Theorie, die kulturelle und institutionelle Innovationen ernst nimmt und die Verarbeitung von Erfahrungen für eine wichtige Determinante sozialer Prozesse hält, muss mit teleologischen und evolutionistischen Konzeptionen brechen. Soweit solche Konzeptionen in den verschiedenen Versionen der Modernisierungstheorie enthalten sind, ist die Ausarbeitung einer verbesserten Version nötig, die unter das Stichwort „Kontingenz“ gefasst werden kann. Auf diesem Feld entstehen Arbeiten zur Geschichte des Kontingenzbewusstseins und zum Potential einer makrosoziologischen Theorie, die die verschiedenen Dimensionen von Modernisierung als nur locker verkoppelt auffasst.

Pragmatismus/Historismus/Soziologie:Dieser Schwerpunkt knüpft an die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus an (Charles Sanders Peirce, William James, John Dewey, George Herbert Mead). Diese Orientierung ergibt sich aus der Annahme, dass der Pragmatismus dazu beitragen kann, in der ganzen Breite der Sozialwissenschaften (und auch in der Philosophie) Auswege aus Sackgassen europäischer Geistesgeschichte zu eröffnen - natürlich unter Bezug auf die klassische Theorietradition der Soziologie (Weber, Durkheim, Parsons).

Das Forschungsprojekt hat seinen Ausgangspunkt in der Feststellung, dass die Sozialwissenschaften in Deutschland in ihrer Entstehungszeit in vielfacher Weise an den Historismus anknüpften - was analog in den USA für den Pragmatismus gilt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden diese Wurzeln aber weitgehend vergessen. Darum werden Studien über mehr oder minder vergessene Figuren und Theorien aus Pragmatismus und Historismus unternommen, um damit Anknüpfungspunkte für eine zeitgenössische, historisch tiefe, kulturvergleichende und interdisziplinäre sowie normativ orientierte Sozialwissenschaft zu schaffen.

Religion: Die lange vorherrschende Annahme, dass Modernisierung mit innerer Notwendigkeit zur Säkularisierung führe, hat sehr stark an Glaubwürdigkeit verloren. Ebenso aber ist die umgekehrte Vorstellung, dass Säkularisierung notwendig im Zerfall von Moral und sozialer Ordnung ende, nicht länger haltbar. In dieser Lage ist es nötig, in interdisziplinärer Weise, kulturvergleichend und historisch nach den Spezifika religiöser Erfahrung, den Prozessen religiöser Individualisierung und Gemeinschaftsbildung, den Wirkungen von Modernisierungsprozessen auf Religion und den religiösen Voraussetzungen von Modernisierungsprozessen zu fragen.

Bekannte Fellows[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedeutende Fellows des Kollegs waren bzw. sind u.a.


Als Gastwissenschaftler waren u. a. am Kolleg: der Soziologe Shmuel N. Eisenstadt (1998, 1999, 2000 und 2001), der Soziologe Toby Huff (2000), der Indologe Sheldon Pollock (2001), der Historiker Paolo Prodi (2007–2008), der Historiker Dan T. Carter (2009), der Soziologe Paul Lichterman (2009) und der Hochschulforscher Chen Hongjie (2010).[5][6][7]

Weblink[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.uni-erfurt.de/max-weber-kolleg/personen/ Personenverzeichnis des Max-Weber-Kollegs
  2. http://www.frias.uni-freiburg.de/institute/pressemitteilungen/pressemitteilung.2011-04-05.7389349057/ Hans Joas wechselt an das FRIAS
  3. http://www.uni-erfurt.de/uni/dienstleistung/presse/pressemitteilungen/2013/130-2013/ Pressemitteilung der Universität Erfurt
  4. http://www.diw.de/deutsch/pressemitteilungen/82071.html Pressemitteilung des DIW Berlin
  5. http://www.uni-erfurt.de/max-weber-kolleg/personen/ Mitglieder des Max-Weber-Kollegs
  6. http://www.uni-erfurt.de/max-weber-kolleg/archiv/ehemalige-mitglieder/ Ehemalige Mitglieder des Max-Weber-Kollegs
  7. http://www2.uni-erfurt.de/maxwe/personen/ehemalige-inhalt.html Mitglieder des Max-Weber-Kollegs vor 2010