Mechanistisches Weltbild

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Als mechanistisches Weltbild (auch: Mechanizismus, Mechanistische Weltanschauung, mechanische Philosophie) bezeichnet man eine Position, welche auf einen metaphysischen Materialismus festgelegt ist, also auf die These, dass nur Materie existiert und z. B. der menschliche Geist oder Wille nicht durch Bezug auf Immaterielles erklärbar ist. Eine Unterform dieser These ist der Atomismus, wonach die gesamte Wirklichkeit aus kleinsten materiellen Objekten besteht. Hinzu kommt üblicherweise die Annahme, dass Materie nur ein äußerst enges Handlungsrepertoire besitzt: Sie kann lediglich auf äußere Einflüsse reagieren und tut dies dem Mechanizismus zufolge bei gleichen Impulsen immer auf die gleiche Art. Daraus ergibt sich ein Determinismus, das heißt die These, dass die gesamte Wirklichkeit durch strikte Naturgesetze regiert wird, so dass prinzipiell bei deren exakter Kenntnis sowie einer exakten Kenntnis des Weltzustands zu einem Zeitpunkt alle Zustände zu allen Zeitpunkten errechenbar sind, was mittels der materialistischen These auch Zustände des menschlichen Geistes und Willens einschließt. Diese Annahme hat zum Gedankenexperiment des Laplaceschen Dämons geführt.

Beiden metaphysischen Thesen, Materialismus und Determinismus, entspricht eine wissenschaftstheoretische Methodologie, wonach die Natur quantitativ und kausal durch Bezug auf strikte Gesetze erklärt werden soll und kann, wie sie in der klassischen newtonschen Mechanik verwendet werden. Dies betrifft insbesondere auch biologische Prozesse, stellt sich also gegen den sogenannten Vitalismus (siehe etwa Doctrine médicale de l'École de Montpellier), bei dem ein eigenes Lebensprinzip angenommen wird. Die zwei Grundthesen, Materialismus und Determinismus, können bei einzelnen als „mechanistisch“ bezeichneten Theorien auch in Kombination auftreten.

Geschichte[Bearbeiten]

Fasst man die in einer Epoche vorliegenden Weltsichten als Koordinatensystem auf, dann meint ein Begriff wie der vom "mechanistischen Weltbild"[1] die zu einer Zeit dominierende Weltsicht neben anderen (auch in Zeiten, denen man aus heutiger Sicht das Etikett "mechanistisches Weltbild" zuordnet, gab es ja z.B. Pfarrer, die nach wie vor im kirchlichen Weltbild verhaftet waren). Das mechanistische Weltbild entstand in der frühen Neuzeit, breitete sich unaufhaltsam in sämtliche gesellschaftlichen, kulturellen und geistigen Lebensbereiche aus (Natur, Mensch, Gesellschaft, Staat, Seelenleben) und wurde schließlich zum Paradigma wissenschaftlicher Rationalität überhaupt und ist es in modifizierter Form bis heute geblieben. Die neue Weltsicht erfuhr durch ihre Verabsolutierung die höchste Steigerung zum allumfassenden mechanistischen Weltbild. Legimitation für die Entwicklung waren nicht zuletzt gewisse Bibelaussagen wie die von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, des "macht Euch die Erde untertan", die theologisch begründete Herrschaft des Menschen über die Natur, der zufolge der Mensch Verfügungsgewalt über die Natur hat. Der Mensch als "maître et possesseur de la nature" (Herr und Besitzer der Natur) wird zum Leitbild der neuzeitlichen Weltsicht (Descartes "Discours de la Méthode", 1637).

Zeitlich ordnet man das mechanistische Weltbild dem 16./17./18./19. Jahrhundert zu. Das mechanistische Weltbild ist verbunden mit den Namen Kopernikus (-1543), Kepler (-1630), F. Bacon (-1630), Galilei (-1642), Descartes (-1650), Thomas Hobbes (-1679), Newton (-1727), Kant (-1804). Die inhaltlichen Hauptcharakteristika des mechanistischen Weltbilds sind: Der Kosmos als hochkomplizierte, hochkomplexe Maschine (Uhrenvergleich), die Mechanik als Grundwissenschaft zur Beschreibung dieser Maschine, das Experiment als Inbegriff der neuen Denkweise, ein neues Konzept der Wissenschaft.

Die Welt als Maschine (Uhrenvergleich)[Bearbeiten]

Die Vorstellung von der "machina mundi", der Weltmaschine, war über die Chalcidius-Übersetzung des platonischen Timaios (um 400 n.Chr.) ins Mittelalter gekommen, hatte damals aber noch organismische Bedeutung im Sinn eines "lebendigen, organischen Weltganzen"[2]. Im Spätmittelalter erfuhr der Begriff eine Bedeutungsverschiebung hin zur Vorstellung von der unbelebten, toten Maschine, im weiteren Verlauf auch negativ zur geist- und seelenlos klappernden und ratternden Maschine.

Bei der Charakteristik der Welt als Maschine spielt insbesondere eine bestimmte "Maschine" eine Rolle, und zwar die Uhr. Dabei wird die Welt mit einer Uhr verglichen, Gott erscheint als der allmächtige Uhrmacher. Der erste Beleg für den Uhrenvergleich findet sich bei Nikolaus v. Oresme (14. Jahrhundert): "Denn würde einer nicht, wenn er eine Uhr herstellte, dafür sorgen, dass alle Bewegungen und Kreisläufe miteinander verrechenbar wären? Um wie viel mehr ist das von jenem Architekten anzunehmen, von dem es heißt, er habe alles nach Maß, Zahl und Gewicht geschaffen" [3]. Eine Briefstelle bei Kepler (1605): "Mein Ziel ist es zu zeigen, dass die himmlische Maschine nicht eine Art göttliches Lebewesen ist, sondern gleichsam ein Uhrwerk ..."[4] dokumentiert, dass der Bedeutungswandel des Maschinenbegriffs von der organismischen Bedeutung (Lebewesen) zur unbelebten Bedeutung (Uhrwerk) vollzogen ist.

Bei Descartes ("Meditationes de prima philosophia", 1641) wird die Maschinenvorstellung auf den menschlichen Körper übertragen und zum Wunderwerk der "Räderuhr" in Beziehung gesetzt: "Ja, ebenso wie eine ... Uhr, so steht es auch mit dem menschlichen Körper, wenn ich ihn als eine Art Maschine betrachte, die aus Knochen, Nerven, Muskeln, Adern, Blut und Haut ... eingerichtet und zusammengesetzt ist ..."[5]. Descartes entwickelt eine ganz neuartige Sicht auf den menschlichen (und tierischen) Körper im Sinn einer selbständig funktionierenden Maschine (mechanistische Physiologie). Diese Auffassung spiegelt sich in dem späteren berühmten Buchtitel von La Mettrie "L'homme machine" (Der Mensch - eine Maschine) (1748). Da zu jener späteren Zeit die maschinelle Produktion aufkam, trat das Bild vom Zahnrad neben das Bild der Uhr, zum Zeichen für einen Mechanismus, bei dem ein Zahnrädchen ins andere greift.

Ihren prägnantesten Ausdruck fand die Uhrenvorstellung in den Großuhren, z.B. am Dom von Münster und am Dom von Straßburg. Sie zeigen nicht nur die Stunden an, sondern auch kalendarische Angaben zu Tag, Monat, Jahr, den Stand der Planeten, verbunden mit einem Glockenspiel und einem Reigen aus Kaiser, Fürst, Edelmann, Bürger. Sie sind damit ein Sinnbild der kosmischen Ordnung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade die Uhr, die Ordnung, Gliederung, Geregeltheit verkörpert, mit der ebenfalls geordneten, gegliederten und geregelten Welt verglichen wurde[6].

Auf Thomas Hobbes geht die Mechanisierung des Staatswesens zurück, indem er den Maschinenbegriff mitsamt der mechanistischen Methode auf Gesellschaft und Staat übertrug ("Leviathan", 1651)[7]. Der Naturzustand erscheint bei Hobbes als schlecht, weil sich die Menschen auf Grund von Macht- und Gewinnstreben, Ehrgeiz und Eigennutz gegenseitig vernichten (homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf). Um dieser Konsequenz zu entgehen, schließen sich die Menschen in dem künstlichen Gebilde eines Staats zusammen, wobei alle Macht einem Souverän übertragen wird. Gemäß dieser Konzeption wird der Staat in das Bild einer überdimensionierten Maschine gekleidet, der Souverän übernimmt die Funktion eines Technikers, der diesen "Maschinenstaat" kontrolliert.

Im 18./19. Jahrhundert schließlich wird die Maschinenvorstellung auf das Seelenleben übertragen (Mechanisierung des Seelenlebens)[8]. Beispiele hierfür sind aus der Frühzeit David Hume "A Treatise of Human Nature" (1738), aus der Spätzeit J.F. Herbarts mentale Physik "Psychologie als Wissenschaft" (1824/25). Das gesamte Seelenleben wird hier nach mechanistischen Regeln erklärt.

Aufstieg der Mechanik[Bearbeiten]

Zwingende Konsequenz aus der Identifizierung der Welt mit einer Maschine ist der Aufstieg der Mechanik[9], denn diese ist ja die Disziplin, die sich mit den Gesetzen vom Funktionieren von Maschinen beschäftigt. Der alte, traditionelle Mechanikbegriff, der von Aristoteles bis ins 16. Jahrhundert Gültigkeit hatte, hatte die Mechanik und die Physik einander konfrontiert: die Physik befasst sich mit den natürlichen Dingen, die Mechanik mit den künstlichen Geräten. Die Mechanik beschäftigt sich in diesem Sinn mit nicht-natürlichen, widernatürlichen Dingen, ihr Sinn war geradezu die Überlistung der Natur zum Zweck der Erfüllung menschlicher Wünsche und Interessen (Beispiel: die Arbeit von Lastenträgern ist in diesem Sinn "wider die Natur", weil sie mit ihrer Muskelkraft gegen die natürliche Schwerkraft ankämpfen).

Erst zur Zeit Galileis und mit Galilei und Descartes als prominentesten Vertretern setzt sich ein Wandel in der Mechanikkonzeption durch. In ihrem neuen Verständnis wird die Mechanik als "völlig neue Wissenschaft" empfunden (Galilei in einem Brief von 1610)[10]. Galilei versteht die Mechanik nicht länger als die Lehre von der Überlistung der Natur, sondern als Lehre von der geschickten Anwendung auf die Natur. Das mechanistische Erklärungsprinzip ist in diesem Sinn nichts anderes als das Erklärungsprinzip der natürlichen Dinge.

Die Kriterien des neuen Mechanikkonzepts sind: Die Beobachtung rückt in den Mittelpunkt: vorrangig zu studieren ist das Beobachtbare. Die berühmte Formel von der Mathematisierung und Quantifizierung der Natur besagt, dass exakte, präzise Naturerkenntnis, die dem neuen Wissenschaftsideal entspricht, sich nur mit Hilfe der geometrischen Methode gewinnen lässt[11]. Die neue Vorgehensweise ist mit einer bewussten Einschränkung verbunden, mit einer Reduktion eines Dings oder Sachverhalts auf den quantitativen Aspekt: aus der Fülle der Wesensbestimmungen, die nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Merkmale umfasst, werden nur die quantitativen berücksichtigt, die der Messung, Zählung und dem Wägen zugänglich sind (gemäß dem Bibelwort aus Weisheit 11, 21: "Du hast alles geordnet nach Mass, Zahl und Gewicht"). Aus dieser Reduktion auf den quantitativen Aspekt im mechanistischen Weltbild ergibt sich eine Konsequenz, die langfristig große Auswirkungen hatte: die quantitativen Bestimmungen werden dem Objekt zugeordnet, die qualitativen Bestimmungen dem Subjekt. Die quantitativen Bestimmungen werden zu typischen Merkmalen der modernen Naturwissenschaften, die übrigen, meist qualitativen Bestimmungen, die visuellen, auditiven, taktilen usw. werden uminterpretiert zu rein subjektiven Erscheinungen.

Geschichte des Experiments[Bearbeiten]

Karen Gloy definiert das (moderne) Experiment so, dass in der Regel von einem vorläufigen Theorieentwurf ausgegangen wird, um diesen anhand des Experiments zu verifizieren oder zu falsifizieren[12] bzw. um zwischen konkurrierenden Modellen zu entscheiden[13].

Lässt man die Geschichte des Experiments im Hochmittelalter beginnen (z.B. Albert der Große, ca. 1200-1280)[14] (von der Antike wird hier abgesehen), dann zeigt sich, dass das mittelalterliche Verständnis vom Experiment gemäß obiger Definition noch wenig Gemeinsamkeit mit dem modernen zeigt. Das lateinische Wort experimentum (experiri) war im Mittelalter gleichbedeutend mit Erfahrung, sinnlicher Wahrnehmung. Bei Albert bedeutet Experiment noch nicht viel mehr als die grundsätzliche empirische Ausrichtung: die eigene Erfahrung wird dem bloßen Glauben und dem blinden Vertrauen auf schriftlich der mündlich Tradiertes entgegengesetzt.

Ein Fortschritt in der Experimentalanalyse findet sich erst bei Francis Bacon[15] (1561-1626) (z.B. Novum Organon, 1620), auch wenn Bacon keine eigene Forschung betrieb, sondern mehr ein Wissenschafts-Manager war. F. Bacon kleidet seine Grundüberzeugung, nämlich dass der Mensch aufgrund seiner Vernunft zur Herrschaft über die Natur bestimmt sei, in das Bild von der Gerichtssituation: der forschende Mensch ist der Richter, die Natur sitzt auf der Anklagebank wie ein Angeklagter, der sich weigert, die Wahrheit zu sagen, und der nur unter Anwendung von Gewalt dazu gebracht werden kann, mit der Wahrheit herauszurücken. Eine der Methoden, die Bacon entwickelte, ist die sog. Listenmethode. Es ist vorzugehen in dem Dreischritt: Beobachten -> Beobachtungsdaten sammeln in Listen -> Auswerten. Aus der Auswertung ergibt sich dann das (allerdings verbal formulierte) "Gesetz". Bei dem Versuch einer Bewertung von Bacons Experimentalmethode im Licht der eingangs erwähnten modernen Definition des Experiments ergibt sich, dass Bacons Vorgehensweise eher eine instrumentelle Methodisierung des "alten" Naturverstehens darstellt als die Anwendung von Experimenten im modernen Sinn, bei denen von einer vorgefassten Theorie ausgegangen wird, die dann durch das Experiment verifiziert oder falsifiziert werden soll.

Eine weitere Stufe der Entwicklung ist mit Galileo Galilei[16] (1564-1642) erreicht. Zwei Innovationen gehen auf Galilei zurück, die unter dem Schlagwort der "galileischen Wende" in die Geschichte eingegangen sind. Die erste Innovation Galileis ist die Einschränkung (Reduktion) der Erklärungsgründe für ein Problem auf die quantitativen Bestimmungen unter Ausschluss der qualitativen Bestimmungen - und damit verbunden - deren exklusiv mathematische Formulierung: das Gesetz, das gefunden wird, wird nicht mehr verbal formuliert wie noch bei F. Bacon, sondern in Gestalt einer mathematischen Formel. Als Beispiel diene das Fallgesetz: es geht nicht mehr um "das Wesen" des Falls, sondern die Fallbewegung wird in eine Reihe von Raum- und Zeitpunkten aufgelöst, so dass jedem Punkt der Wegstrecke ein bestimmter Moment der Zeitstrecke entspricht. Die dahinter stehende Regel, das Naturgesetz, wird in Form einer mathematischen Formel aufgeschrieben. Dieselbe Grundidee liegt auch der Entdeckung der analytischen Geometrie durch Descartes und der Erfindung der Differentialrechnung durch Newton und Leibniz zugrunde. Die zweite entscheidende Neuerung, die Galilei einführte, ist die fundamentale Rolle, die er theoretisch dem Experiment beimisst. Diese entspricht im Wesentlichen der modernen Definition, wonach man von einer vorgefassten Theorie ausgeht, um diese anhand des Experiments zu verifizieren oder zu falsifizieren bzw. um zwischen konkurrierenden Modellen entscheiden zu können.

Das neue Wissenschaftsideal[Bearbeiten]

Francis Bacon hat in seinen Schriften "Novum Organon" (1620) und "Nova Atlantis" (1624) viele Merkmale zum ersten Mal beschrieben, die den geistigen Prototyp aller späteren wissenschaftlichen Einstellung, Teamarbeit und Forschungsinstitute abgeben[17].

Vier Bereiche (idola, Trugbilder) sind es, die den Menschen bei der Naturforschung behindern: die idola tribus (des Stammes), d.h. die Einschränkungen durch die menschliche Natur; die idola specu (der Höhle), das ist das, was man mit kultureller Prägung beschreiben könnte; die idola fori (des Marktes), verkehrter Sprachgebrauch, falsche Definitionen, leere Wortgefechte; die idola theatri (des Theaters), das Verhaftetsein in bestimmten philosophischen Systemen.

Bacon stellte nicht nur Überlegungen zur Methode in den Einzelwissenschaften an, sondern auch solche zur Methode interdisziplinärer Forschung und zum Prinzip der modernen Arbeitsteilung (Teamwork) in der Forschung: während eine Gruppe Materialien sammelt und Recherchen durchführt, führt eine andere Gruppe Experimente durch, wieder eine andere analysiert und tabelliert die Versuchsergebnisse, und noch eine andere denkt über praktische Anwendungsmöglichkeiten nach.

Bedeutsam und zukunftsweisend sind in den genannten Werken darüber hinaus Überlegungen zu Umfang und Ausmaß experimenteller Betätigung, und v.a. zu Manipulation und zu künstlich-technischen Eingriffen in die Natur, z.B.: künstliche Erzeugung von Licht, Wärme, Wind, Schnee; Bau von Türmen zur Beobachtung des Wetters; Anlage künstlicher Quellen, Brunnen, Seen; Züchtung und Manipulation von Pflanzen und Tieren auf dem Weg der Kreuzung, Pfropfung u.ä.; Züchtung ertragreicher und weniger ertragreicher Arten (Prinzip der Gewinnmaximierung); Züchtung von Zwergwuchs und Riesenformen; sogar Züchtung von gewissen Gemütsarten (z.B. Hunde zur Hetzjagd oder zum Hüten von Schafen); Züchtung von "Schlangen, Würmern, Mücken und Fischen aus verwesenden Stoffen".

Was hier von Bacon als Wissenschafts- und Fortschrittsziel proklamiert wird, entspricht offensichtlich einem Wunschtraum der Menschheit: die totale Manipulation der Natur, die künstliche Herstellung aller Dinge. Bei F. Bacon zeigen sich zum ersten Mal die Fundamente des modernen Verfügungswissens gegenüber dem traditionellen Orientierungswissen. Über der Faszination der künstlichen Beherrschung der Natur durch Wissenschaft und Technik, wie sie für Bacon und das mechanistische Zeitalter symptomatisch ist, wurden die negativen Auswirkungen übersehen, die schon damals - wenngleich in geringerem Ausmaß als heute - sichtbar waren (z.B. die durch Waldrodung bedingte Verkarstung der Böden; Wasser-, Luftverschmutzung).

Ende der mechanistischen Weltsicht[Bearbeiten]

Im 19./20. Jahrhundert war das Ende der Vorstellung von der Welt als Maschine gekommen. Neue Entwicklungen in den Wissenschaften des 19. und v.a. des 20. Jahrhunderts führten zu einem Weltbild, für das das Bild vom mechanischen Uhrwerk nicht mehr passte. Man könnte die Entwicklung zusammenfassen unter dem Titel: Vom mechanistischen zum systemischen Naturverständnis. Interpretiert man die Gesamtentwicklung als Höherentwicklung im Sinn eines Abstraktionsprozesses[18], dann ergibt sich die Abfolge: die Welt als lebendiges, organisches Weltganzes (bis zum Spätmittelalter); Abstraktion zur (statischen) Vorstellung der "Welt als Maschine" (16. bis 19. Jahrhundert); weitere Abstraktion zum (dynamischen) systemischen Naturverständnis ("eine Welt aus Systemen": seit Ende 19. Jahrhundert):

Als Gründe für die Entwicklung vom mechanistischen zum systemischen Naturverständnis sind zu nennen[19]:

Das Aufkommen des Energie-Begriffs seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts[20]. Hatte man ursprünglich noch Energie und Materie unterschieden, so entstand durch die Entdeckung von Albert Einstein (1879-1955), dass Materie und Energie letztendlich dasselbe sind, die Überzeugung, die gesamte raumzeitliche Wirklichkeit lasse sich schließlich auf Energie bzw. energetische Prozesse zurückführen.

Von der starren zur statistischen Auffassung der Kausalität[21]: Hatte man bis zum 19. Jahrhundert Kausalität in Form von starren Ursache-Wirkungs-Ketten aufgefasst, so musste man durch die Entdeckungen von Max Planck (1858-1947) akzeptieren, dass im subatomaren Bereich nicht mehr der einzelne Partikel erfasst werden kann, sondern nur noch große Gruppen von ihnen. Gemessene Wirkungen waren somit als Gruppenwirkungen aufzufassen. Dadurch wurde die starre Sicht der Kausalität von der statistischen abgelöst.

Als die Regelung, das Geregelt-Sein vieler Naturvorgänge inklusive des Vernetzungsdenkens die Aufmerksamkeit auf sich zog, bildete sich um diese Vorgänge herum eine - quer durch viele Disziplinen hindurch gehende - Wissenschaft: die Kybernetik[22]. Als Begründer gilt der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener (1894-1964).

Durch das Aufkommen der Chaosforschung[23] zerbröckelte die lineare Vorstellung der Naturprozesse. Erkenntnisse aus der Chaosforschung ergaben, dass Naturprozesse nicht linear verlaufen, d.h. dass Prozesse in der Regel an einen Punkt gelangen, an dem sie in verschiedene, nicht vorhersehbare Richtungen umschlagen können. Aufgrund der Einsicht, dass selbst einfache Naturprozesse nicht linear verlaufen, musste man die Hoffnung, künftige Entwicklungen der Natur exakt voraussagen zu können, aufgeben: damit war dem Determinismus endgültig der Boden entzogen.

Der entscheidende Schritt zu einer grundlegend neuen Sicht der Natur war jedoch mit dem Aufkommen des Begriffs System seit der Mitte des 20. Jahrhunderts getan[24]. Ein System kann umschrieben werden als dynamisches, ganzheitliches Gebilde, das - zumindest von der Stufe des Lebendigen an - die Fähigkeit hat, sich unter Aufrechterhaltung der Ganzheit zu transformieren. Als Beispiel mögen die höheren Lebewesen dienen, die sich vom Embryo über die Kindes- zur Jugendform, danach über die Erwachsenen- zur Altersform transformieren. Für all solche Vorgänge passt das Bild des mechanischen Uhrwerks nicht mehr. Die systemische Sichtweise hat inzwischen sowohl in den Natur- wie in den Kulturwissenschaften die ältere mechanistische Sichtweise abgelöst.

Rezeption[Bearbeiten]

Nach Hannah Arendt ist das Uhrengleichnis als evidentes Paradigma für das mechanistische Weltbild anzusehen. Der erste Beleg für den Uhrenvergleich stammt aus dem 14. Jahrhundert (Nicolas v. Oresme). Die Natur wird als Produkt eines göttlichen Herstellers angesehen. Andererseits symbolisiert dieses Anschauungsmodell die beginnende Vergöttlichung des Homo faber. Die Begrenztheit der Naturerkenntnis habe in diesem etwas starren mechanistischen Bilde eben noch verharrt.[25]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eduard Jan Dijksterhuis: Die Mechanisierung des Weltbildes. Reprint der Ausgabe 1956. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 1983, ISBN 3-540-02003-9.
  • Christoph Lüthy, John E. Murdoch, William R. Newman (Hgg.): Late Medieval and Early Modern Corpuscular Matter Theory. Leiden, Netherlands: Brill, 2001.
  • Samuel I. Mintz: The Hunting of Leviathan: Seventeenth-Century Reactions to the Materialism and Moral Philosophy of Thomas Hobbes. Cambridge, U.K.: Cambridge University Press, 1962.
  • Margarete J. Osler: Mechanical Philosophy, in: New Dictionary of the History of Ideas, 1389–1392.
  • Karen Gloy: Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens, 1995.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das mechanistische Weltbild ist hier beschrieben nach Karen Gloy, Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens" (1995), 4. Teil, Neuzeitliches Naturverständnis
  2. Gloy, S. 167
  3. Gloy, S. 168
  4. Gloy, S. 167: Brief an Herwart von Hohenburg vom 10.2.1605
  5. Gloy, S. 168: Meditationes de prima philosophia (1641)
  6. Gloy, S.169
  7. Gloy, S.172
  8. Gloy, S.172
  9. Gloy, S. 170ff.
  10. Gloy, S. 171: Brief an Belisario Vinta vom 7.5.1610
  11. Gloy, S.176
  12. Gloy, S.190
  13. Gloy, S. 195
  14. Gloy, S. 187
  15. Gloy, S.179ff.
  16. Gloy, S. 193ff.
  17. Gloy, S. 179ff.
  18. z.B. Gloy, S. 36f.
  19. das Folgende ist beschrieben nach Willy Obrist "Die Natur - Quelle von Ethik und Sinn" (1999)
  20. Obrist, S. 80f.
  21. Obrist, S. 205f.
  22. Obrist, S. 211
  23. Obrist, S. 208f.
  24. Obrist, S. 211ff.
  25. Arendt, Hannah: Vita activa oder vom tätigen Leben. R. Piper, München 31983, ISBN 3-492-00517-9, Stw. „Mechanistisches Weltbild“ Seiten 120, 290 f., 305