Medea (Archetyp)

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Medea (Eugène Delacroix, 1862).

Medea ist eine Titelheldin der Literaturgeschichte. In den vielfältigen Bearbeitungen durch die Jahrtausende kommt in immer neuen Motivationen zum Ausdruck, wie der betrogenen Gattin und Mutter schließlich mörderische Rache am treulosen Ehemann angelastet wird. Das Medea-Dilemma besteht darin, dass die Entwicklung der Liebeshormone bei Mann und Frau im Verlauf der Jahrmillionen einen unvermeidlichen Konflikt herbeiführt. Die Anthropologie der Liebe, wie sie vor allem durch das Lebenswerk Helen Fishers erforscht wurde, zeigt, dass das Medea-Dilemma ein durch Jahrmillionen wieder und wieder erfahrener Konflikt zwischen alternden Eheleuten ist. Im Anschluss an den von Carl Gustav Jung geschaffenen Terminus der Archetypie[1] wird daher die Liebesbeziehung zwischen Medea und Jason als archetypisch dargelegt.[2]

Hormonelle Steuerung der Liebe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helen Fisher unterscheidet grundsätzlich 3 Hauptkomponenten der Liebe, die in der Regel nacheinander wirksam werden und miteinander erhalten bleiben:

  • sexuelle Liebe
  • romantische Liebe
  • Eheliebe.

Sexuelle Liebe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sexuelle Liebe ist vollkommen unabhängig vom individuellen Treueanspruch und richtet sich skrupellos auf jede attraktive Person, die im Umkreis eines geschlechtsreifen Menschen auftritt. Sie wird beim Mann vor allem durch Testosteron und bei der Frau vorrangig durch Oestrogen gesteuert. Ein Binding-Globulin sorgt für die Abmilderung der sexuellen Wirkung beider Hormone (Sex-Hormon-Binding-Globulin: SHBG).[3]

Romantische Liebe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tristan und Isolde mit dem Liebestrank, John William Waterhouse

Als romantisch wird die Liebe bezeichnet, wenn der Mensch einen einzigartigen Geliebten nicht mehr aus dem Bewusstsein drängen kann. Tag und Nacht sehnt sich der romantisch Liebende nach seinem Partner. Hormonelle Trigger sind Dopamin und Endorphine. Sprichwörtlich hat der Betroffene "Schmetterlinge im Bauch". Durch die Individuation der Liebe im Sinne romantischer Verliebtheit wird die Eifersucht zu einem wesentlichen Motiv. Nach dem Stufenmodell von Helen Fisher erhebt sich die romantische Liebe über die sexuelle, ohne dass die zugrundeliegende Motivation aufgegeben wird.

Eheliebe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dritte und höchste Stufe der Liebe wird nach Helen Fisher als Eheliebe bezeichnet. Sie wird durch das Hormon Oxytocin gesteuert. Gleichzeitig führt die Freisetzung von Oxytocin zu Kontraktionen des Uterus und zu beschleunigter Rückbildung des Uterus nach der Geburt. Während der Brusternährung wird Oxytocin nicht nur von der Mutter freigesetzt, sondern auch beim Säugling kommt es zu erhöhten Konzentrationen des Hormons während der Stillphase. Selbst wenn Vater nur die Flasche reicht, wird Oxytocin im Blut von Vater und Säugling erhöht vorgefunden. Aber auch beim Geschlechtsverkehr der Säuger ist Oxytocin in der Regel erhöht. Das Hormon höchster Stufe ist also mit den beiden Arten niederer Liebe regulär verbunden.

Brunstverlust[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medea, also eine junge geschlechtsreife weibliche Person, ist im Gegensatz zu den meisten Tieren besonders attraktiv. Denn durch Verlust der Brunft erfolgt die Synthese des Sex-Hormon-Binding-Globulins nicht mehr im Ovar, sondern in der Leber. So wird ihre Libido nicht mehr auf wenige Tage des Monats eingeschränkt. Das goldene Fließ ist sozusagen geraubt.

Jason-Dilemma[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Iason mit dem goldenen Vlies von Bertel Thorvaldsen (1803)

Auf dem Gipfel seiner Mannesjahre raubt Jason als Anführer der Argonauten das Goldene Vließ und die Königstochter Medea von der Insel Kolchos. In späteren Jahren verfällt er der jungen Königstochter Glauke. Medea ermordet in rasender Eifersucht die Nebenbuhlerin und deren Vater. Der gealterte Jason legt sich unter sein Schiff und wird von den zusammenbrechenden Massen des Schiffskörpers erschlagen.

Die Physiologie des alternden Mannes lässt in den Jahren über 50 einen Rückgang der Testosteron-Synthese erkennen. Psychologisch resultiert die Neigung zu mehr Stimulation durch jugendliche Reize. Der Ehebruch bringt langfristig nicht die erhoffte Jugend zurück. Schließlich erliegt der alte Mann den Gebrechen seines eigenen Helden-Körpers.

Postmenopause vs. Erotopause[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Philemon und Baucis, Adam Elsheimer, 1608

Infolge langjähriger Teilung der Granulosazellen des Ovars kommt es zum irreversiblen Verlust der Telomere. Das Ovar stellt mit der Follikelreifung auch die Hormonsynthese ein, so dass kaum noch Oestrogen im Blut der Frau über 50 zur Verfügung steht. Der Mangel an Oestrogen bewirkt langfristig Osteoporose und Arteriosklerose. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für die Bildung der sog. Alzheimer-Plaques an den Neurozyten des Gehirns.

Trotz des niedrigen Oestrogen-Spiegels im Blut kommt es meist nicht zu einer Einschränkung der Libido, da jetzt ein relativ hohes Testosteron den Stimulus für Lust am Sex übernimmt. Es tritt also nicht mit der Postmenopause die Erotopause ein. Auch die übrigen Liebeshormone sind nicht durch die Involution des Ovars betroffen. Insbesondere Oxytocin, das von der Hypophyse synthetisiert wird, erhält bis ins hohe Alter die eheliche Treue (Agape).

Sexualtherapie des Medea-Dilemmas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sexualtherapie setzt seit den bahnbrechenden Arbeiten des Amerikanischen Forscherpaares Masters und Johnson gelegentlich direkt bei den körperlichen Störungen einer Paarbeziehung an.[4] Hierzu gehören das Erlernen von Masturbation und interindividuellen Stimulationstechniken. Auch Hormonsubstitution und Unterdruck-Massagen der Genitalien kommen hier zum Einsatz. Im Sinne einer Krebs-Prophylaxe werden vor allem die Unterdruckmassage des Hodens (incl. Prostata) und der Mamma empfohlen.[5]

Die Archetypie Medeas in den Künsten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Deutung der Medea-Gestalt im Verlauf der Geschichte lässt sich am ehesten in den erhaltenen Werken der Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte aufzeigen. Kriterien für das Archetypische der Medea-Erfahrung sind:

  • Genetische Determination
  • Rezeption der literarischen Struktur
  • Kommentare der Autoren im Sinne einer unhintergehbaren Formung menschlicher Erfahrung.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bätzner, Nike; Matthias Dreyer, Erika Fischer-Lichte, Astrid Silvia Schönhagen (Hrsg.): Medeamorphosen – Mythos und ästhetische Transformation. Wilhelm Fink, München 2010, ISBN 978-3-7705-4840-8.
  • Fisher, Helen. Anatomie der Liebe. Droemer Knaur 1995
  • Hidalgo, Roxana: Die Medea des Euripides. Zur Psychoanalyse weiblicher Aggression und Autonomie. Gießen: Psychosozial-Verlag 2002.
  • Kannengießer, Wilhelm: Die großen Erfolge der Schröpftherapien bei Frauenproblemen. 2010
  • Ders.: Die Vakuum-Erektionspumpe: Die Hilfe zur Selbsthilfe. 2009
  • Leuzinger-Bohleber M. The 'Medea fantasy'. An unconscious determinant of psychogenic sterility. Int J Psychoanal. 2001 Apr;82(Pt 2):323-45.
  • Lütkehaus, Ludger: Mythos Medea. Texte von Euripides bis Christa Wolf. Reclam, Leipzig 2007, ISBN 3-379-20006-9; Reclam, Ditzingen 2007, ISBN 3-15-020006-7.
  • Masters; Johnson, Virginia: Human sexual response. Boston: Little, Brown 1966 (dt.: Die sexuelle Reaktion. Frankfurt/M.: Akademische Verlagsges. 1967)
  • Roth, Wolfgang: C. G. Jung verstehen. Grundlagen der Analytischen Psychologie. Patmos, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-491-42136-3.
  • Sirola, Riitta: The Myth of Medea From the Point of View of Psychoanalysis, (2004). Scandinavian Psychoanalytic Review, 27:94-104

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Roth 2009
  2. Bätzner et al. 2010 zeigen die sog. Medeamorphosen auf. Vgl. auch Lütkehaus 2007. Zur psychoanalytischen Deutung der Medea bei Eurypides vgl. Hidalgo 2002, Leuzinger-Bohleber 2001 und Sirola 2004
  3. vgl. Fisher 1995
  4. vgl. Masters/Johnsohn 1966
  5. vgl. Kannengießer 2010
  6. vgl. Bätzner 2010