Medien in Russland

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Medien in Russland (russisch Средства массовой информации, abgekürzt: СМИ) umfassen Kommunikationsmedien wie Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet.

Die derzeit größten Unternehmen auf dem russischen Medienmarkt sind die staatlichen Medienholdings WGTRK respektive Rossija Sewodnja und die Gazprom-Media, eine Tochterfirma des sich mehrheitlich in Staatsbesitz befindenden Konzerns Gazprom[1]. Nicht-staatliche Medien erreichen einen Anteil von nicht mehr als zehn bis 15 Prozent der russischen Bevölkerung[2], welche sich zu 90 Prozent im Fernsehen informiert.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Medien in Russland werden seit ihren Anfängen in der Zarenzeit weitgehend vom Staat dominiert.

Viele überregionale Medien – beispielsweise die Nachrichtenagentur ITAR-TASS, die Zeitungen Iswestija oder Moskowskije Nowosti – haben ihre Wurzeln in der frühen Sowjetunion.[4] Andere, wie die Wirtschafts-Zeitung Kommersant, waren Neugründungen der Glasnost-Periode; sie sahen sich zum Teil in der Tradition vorrevolutionärer, im zaristischen Russland herausgegebener Blätter.

Die elektronischen Massenmedien Radio und Fernsehen wurden in der Sowjetunion und werden, nach einer kurzen Periode der Öffnung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im modernen Russland ebenfalls vom Staat dominiert.

Vor der Industrialisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorläufer der ersten Zeitungen waren die sogenannten Kuranten oder Mitteilungsbriefe, auch Kurantbriefe genannt (russisch Куранты respektive Вестовые письма).[5] In diesen wurden auszugsweise Artikel ausländischer Zeitungen in russischer Übersetzung veröffentlicht. Sie wurden im 16. Jahrhundert im zaristischen Außenamt für den Zaren angefertigt. Zur Zeit von Alexei I. hatte das Außenamt etwa zwanzig ausländische Zeitungen abonniert, im Wesentlichen holländische, deutsche und polnische Ausgaben. Die Informationsübermittlung durch Kurantbriefe war allerdings extrem langsam und unzuverlässig – oft wurden den russischen Gesandten die Beglaubigungsurkunden auf den Namen westeuropäischer Herrscher ausgestellt, die schon lange tot waren.[5]

Erste Gründung durch den Zaren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter der Große

Als Begründer des russischen Zeitungswesens gilt Zar Peter der Große. Unter seiner Herrschaft erschienen ab 2. Januar 1703 die vom Staat herausgegebenen Nachrichten über militärische und andere Dinge, wert zu wissen und zu erinnern, die sich in dem Moskowitischen und anderen umliegenden Ländern ereigneten (russisch: "Ведомостей о военных и иных делах, достойных знания и памяти, случившихся в Московском государстве и в иных окрестных странах"). Die Zeitung, 1726 in Russische Nachrichten (Российские Ведомости) umbenannt, verkaufte sich eher schlecht und stellte ihr Erscheinen 1728 ein. Seit Anfang des Jahres 1728 gab die Russische Akademie der Wissenschaften die zweimal wöchentlich erscheinenden Sankt Petersburger Nachrichten (Санкт-Петербургские Ведомости) heraus, ihnen folgte im Jahr 1729 die ebenfalls von der Akademie herausgegebene deutschsprachige Sankt Petersburgische Zeitung, die bis heute erscheint.[6]

Das Zeitungswesen bis 1860[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

War auch Chefredakteurin: Katherina die Große

Die russische Zeitungslandschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich durch einige Charakteristika aus:[6] Die Herausgabe einer Zeitung wurde direkt vom Zar genehmigt. Die Redaktion stand unter unmittelbarer Aufsicht der staatlichen Behörde und der Zensur, letztere wurde mitunter direkt als vorgesetzte Behörde des Redakteurs verstanden. Artikel wurden vor der Veröffentlichung direkt der – für die im Artikel behandelten Themen – zuständigen Behörde vorgelegt. Es gab eine Reihe kurzlebiger Neugründungen, von denen die meisten mangels Abonnenten sehr schnell ihr Erscheinen einstellten. Angesichts der Zensur wichen die Zeitungen auf thematische Beilagen zu Kunst und Literatur aus.

Thematisch lassen sich die Zeitungen dieser Periode gliedern in:

  • Satirische Zeitungen unterhaltenden Charakters (wie beispielsweise die Zeitung Alles Mögliche russisch: Всякая Всячина, Herausgeberin und Chefredakteurin war Katherina die Große)[7]
  • Zeitungen mit enzyklopädischem Bildungscharakter wie Die Freizeit zum Nutzen angewandt russisch: Праздное Время, в пользу употребленное
  • Zeitungen mit spezieller Thematik wie die Sank Petersburger Arztnachrichten (russisch: Санкт-петербургские Врачебные Ведомости)
  • Zeitungen zur Landwirtschaft wie Der Landbewohner, wirtschaftliche Ausgabe zum Nutzen der Dorfbewohner russisch: Сельский житель, экономическое в пользу деревенских жителей служащее издание.[6]

Medien in der Sowjetunion 1917–1991[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzlich war die Mediensituation in der UdSSR rechtlich von einer staatlichen Monopolisierung geprägt. Medien wurden zu dieser Zeit als Instrumente der Partei verstanden und unterlagen einer strengen Zensur. Deren Kriterien bestimmten die Medienlandschaft sowie die Gestaltung der unterschiedlichen Formate formal, inhaltlich und sprachlich, aber auch die Art und Weise, wie das Publikum Medienprodukte wahrnahm und "konsumierte". Auch die Einführung der neuen, elektronischen Massenmedien (Radio ab ca. 1920 und TV (tägliche Sendungen) ab ca. 1950) fand unter dem Zeichen von Ideologisierung und Monopolisierung statt. Obschon das ganze Spektrum zeitgenössischer Medien vorhanden war, beschränkte sich die Herstellung und Rezeption von Zeitungen und Zeitschriften auf einige wenige: zu den verbreitetsten Titeln zählen die Pravda, Izvestija und die Gewerkschaftszeitung Trud (vgl. Besters-Dilger). Ab 1951 strahlte der erste Kanal sein tägliches Programm aus, ab den 1960er Jahren kam ein zweiter, russlandweiter Kanal hinzu. Der dritte Kanal war vorwiegend auf Moskau ausgerichtet.[8]

Medien ab der Perestroika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Mitte der 1980er Jahre, in der Zeit der Glasnost weichte sich unter Gorbatschow die strenge Kontrolle der sowjetischen Medien etwas auf. Der Zerfall der Sowjetunion und die Privatisierung der Medien ab 1991 sowie das gesetzlich verankerte Verbot der Zensur im Gesetz der Russischen Föderation über die Massenmedien vom 8. Februar 1992 löste einen regelrechten Boom in der Medienszene aus. Häufig wird diese Zeit (von 1991 bis 1994) als „Goldenes Zeitalter“ der Medien bezeichnet (vgl. Kreisel 2001). Zahlreiche Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender wurden in dieser Zeit gegründet, bestehende Medien veränderten ihre Linie, ihre Inhalte, Gestaltungsweisen und Design. Die Vielfalt in der Medienlandschaft äußerte sich also generell nicht nur am Ansteigen der Ausgaben und Programme, sondern auch in deren (auch sprachlicher) Gestaltung. Neue Genres, v.a. Live-Programme, Talk- und Reality-Shows im TV etwa, entstanden. Im Vergleich zur Sowjetzeit, die in der öffentlichen Rede vom bürokratisch-formelhaften Newspeak bestimmt war, zeigte sich die neue Freiheit, die Möglichkeit zu Normbrüchen und die Experimentierfreudigkeit auch im Stil und in der Sprache. Ebenso wurden die primären Funktionen von Medien – Propaganda und Ideologisierung – von der Funktion der Unterhaltung und Information abgelöst. Auch der Status der Journalisten änderte sich vor dem Hintergrund einer freien Medienlandschaft: diese wurden als ernst zu nehmende Individuen mit einer echten Botschaft wahrgenommen, anstatt als Funktionäre der Partei betrachtet zu werden (vgl. z. B. Duskaeva 2003).

Das durch Privatisierung und Vielfalt gekennzeichnete „Goldene Zeitalter der Medien“ hielt allerdings nicht lange an. Mit der Zeitungsdepression 1994 und schließlich der Wirtschaftskrise 1998 in Russland gerieten die Medien zunehmend unter (finanziellen) Druck und damit in Abhängigkeit von finanzkräftigen Geldgebern. In der Jelzin-Ära wurden zahlreiche wichtige Medien von Firmengruppen russischer Oligarchen übernommen.

Entwicklung seit 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Aufbau des Images des kaum bekannten Wladimir Putin sowie der Wahlsieg im Jahr 2000 wurden zum großen Teil von Massenmedien geschaffen. In diesem Wissen hatte die folgende Regierung die Medienkontrolle in den Worten der Soziologieprofessorin Anna Amelina „als Voraussetzung für die weitere Popularität des Präsidenten und seinen Erfolg in der Politik“ betrachtet.[9]

Seit der Wahl Putins, noch mehr aber seit den Protesten nach den russischen Parlamentswahlen 2011 gegen Präsident Putin wurden etliche Medien von staatlich kontrollierten Holdings oder durch Tochterfirmen von Staatskonzernen übernommen und stehen somit – vor allem, was das Fernsehen (als zentrales Medium in Russland) betrifft – fast ausnahmslos unter politischer Kontrolle.

Im April 2001 übernahm der staatliche Energiegigant Gazprom nach der Verhaftung Wladimir Gussinskis die Kontrolle über den Fernsehsender NTW, den einzigen landesweit zu empfangenden Sender, der kritisch über das Vorgehen der russischen Armee in Tschetschenien berichtete. Nachdem sich der mit Putin befreundete Boris Beresowskis solidarisch mit seinem Rivalen Gussinski gezeigt hatte,[10] wurde mit fragwürdigen Methoden dessen Sender ORT übernommen. Gleichzeitig gab es Sanktionen gegenüber zwei Printmedien der Media-Most, die ebenfalls kritisch über Tschetschenien sowie über den ungeschickten Umgang der Regierung Putin mit dem Untergang des Atom-U-Boots K-141 Kursk berichtet hatten: Die Tageszeitung Sewodnja (Heute), wurde eingestellt, der Chefredakteur des erfolgreichen Wochenmagazins Itogi (Bilanzen) wurde gefeuert. Der Sender ORT

Im September 2003 übernahm letztmals ein vom Kreml nicht disziplinierter Ölmagnat, Michail Chodorkowski, die liberale Wochenzeitung Moskowskije Nowosti, um den von ihm unterstützten Oppositionsparteien Union rechter Kräfte und Jabloko im bevorstehenden Wahlkampf ein Forum bieten zu können. Dieses politische Engagement gilt als ein wichtiger Grund für die Verhaftung Chodorkowskis im Oktober 2003.

Etliche unabhängige Zeitungen seien gemäß Reporter ohne Grenzen im Jahr 2005 durch hohe Geldstrafen zur Aufgabe gezwungen worden. Zeitungen, die den Krieg in Tschetschenien thematisierten würden faktisch erpresst, da staatliche Anzeigen ausblieben. Die Arbeitserlaubnis von amerikanischen ABC-Journalisten sei nicht erneuert worden, nachdem der Sender ein Interview mit dem tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew ausstrahlte. [11]

Michail Gorbatschow verbreitete in einem offenen Brief noch 2008 Optimismus in Bezug auf die Pressefreiheit: Trotz aller berechtigten Kritik „gibt es bei uns zahlreiche Zeitungen, die heute Glasnost in der Praxis anwenden und frei schreiben.“[12]

Laut Putin-Sprecher Dmitri Peskow ist die gemäß Formulierung in der Zeit „zentral vom Kreml gesteuerte Nachrichtenvermittlung“ legitim: „Ein Propaganda-Instrument ist ein unveräußerliches Attribut eines jeden Staates. So etwas gibt es überall. Dementsprechend muss es das auch in Russland geben.“[13][14]

Anfang August 2014, zwei Wochen nach dem Abschuss von Malaysia-Airlines-Flug 17 über der Ukraine, wurde die für Russland einzig verbliebene Fernsehsendung auf Ren TV eingestellt, welche den Ruf gehabt hatte, eine „nicht unkritische“ Berichterstattung gegenüber der Regierung zu verfolgen.

Seit 2016 darf die ausländische Beteiligung an einem relevanten Medienunternehmen noch maximal 20 Prozent betragen.[15]

Pressefreiheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Demokratiereport 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung zeichnete „ein düsteres Bild der Pressefreiheit in Russland“.[16]

Auf längere Sicht bewertete Freedom House die Presse in Russland zuletzt 2002 als „teilweise frei“ (partly free), seither als „nicht frei“ (not free), und sah dabei einen generellen Abwärtstrend: Der Pressefreiheitsindex (press freedom score) sank kontinuierlich von 60 (2002) auf 83 (2015 und 2016, schlechtmöglichster Wert 100).[17]

Es gibt zwar in Russland eine große Anzahl an Medien und Printmedien, der grösste Teil davon befindet sich allerdings unter staatlicher Kontrolle.[18] Diese Kontrolle kann verschiedener Art sein:

  • Direkte staatliche Kontrolle: der Staat kontrolliert direkt, wie beispielsweise die Rossijskaja gaseta oder die Nachrichtenagentur TASS
  • Über staatliche Unternehmen: die Medien befinden sind in der Hand mehrheitlich vom Staat kontrollierter Firmen, wie beispielsweise die Tageszeitung Iswestija (über Gazprom-Media, Teil des mehrheitlich vom Staat kontrollierten Konzerns Gazprom) oder die Nachrichtenagentur RIA Novosti, die zum staatlichen Medienkonzern WGTRK gehört
  • Über staatstreue Unternehmer: Unternehmer, die mit staatsnahen Firmen auf das engste verbunden sind, kaufen auf dem Medienmarkt eigene Medienimperien ein; so erwarb 2007 Alischer Usmanow die Tageszeitung Kommersant, nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen bis dahin eine der „letzten Bastionen der unabhängigen Medien“[19]
  • Verstaatlichung von Druckereien[16]
  • Repressalien und Einschüchterungsmaßnahmen: haben in vielen Redaktionen zu Selbstzensur geführt[16]
  • Zulassung von Journalisten: „Wenn der Präsident oder ein anderer Vertreter des Kremls eine Pressekonferenz gibt, werden nur Journalisten zugelassen, die regierungsfreundlich berichten. Darüber hinaus dürfen nur Fragen gestellt werden, die vorher mit dem Pressestab des Präsidenten abgesprochen wurden.“ (Grigori Pasko in einem Interview.)[20] Im 2017 waren Akkreditierungen zum Confed-Cup nur möglich unter dem Vorbehalt, nur über die Spielorte zu berichten.[21]

Unabhängige Medien sind auf Moskau und größere Städte beschränkt. Die finanzielle Situation der unabhängigen Medien ist äußerst schlecht. Aufgrund der geringen Kaufkraft der Bevölkerung und der schlechten Anzeigenlage – im Fall der Nowaja Gaseta beispielsweise durch Druck auf Anzeigenkunden – leiden sie unter chronischer Finanzknappheit. Dazu kommen noch (gleichfalls wie im Fall Nowaja Gaseta) durch staatliche Institutionen eingeleitete steuer-, straf- oder zivilrechtliche Verfahren. Im Juli 2015 erhielt die Zeitung ihre zweite Warnung der Aufsichtsbehörde. Sie kann damit jederzeit von Amtes wegen geschlossen werden.[22] Grund war ein Verstoss gegen das Verbot des öffentlichen Fluchens, das schon vor der Einführung als Wiederkehr der Zensur mit deren Willkür gesehen worden war.[23]

Mehrere nicht gelenkte Medien in Russland verloren wie der TV-Sender Doschd in der dritten Amtszeit von Präsident Putin die nationale Reichweite.[24] Gleichzeitig müssen sich Blogger, deren Blog täglich 3000 Mal gelesen wird, seit Mai 2014 als "Nachrichtenmedien" registrieren lassen.[25]

Der Soziologe Nikolai Wakhtin strich in Bezug auf die „öffentliche Sprachlosigkeit der Russen“ die Rolle der Medien heraus: „Hätten wir ein anderes Fernsehen […], hätten wir bei uns auch eine ganz andere Staatlichkeit.“[26] Dies gilt auch für die regionale Betrachtung: Bis zum Jahr 2010 konnte festgestellt werden, es gäbe Dutzende unabhängige Medien auf Regionaler Ebene und Hunderte auf Lokalebene, diesen stünden jedoch Tausende von abhängigen Medien gegenüber, von denen man die überwältigende Anzahl als Anhängsel der Verwaltung und „kaum als Medien“ bezeichnen könne. [27]

Gewalt gegen Journalisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1993 und 1999 wurden in Russland gemäß einer Statistik der russischen Journalisten-Gewerkschaft 201 Journalisten ermordet. (Roland Haug zählt in seinem Buch Die Kreml AG 261 Attentate.) Zu den bekanntesten Fällen gehört die Anschläge auf den Mitarbeiter der Tageszeitung Moskowski Komsomolez, Dmitri Cholodow († 1994), und auf den Generaldirektors des Fernsehsenders ORT Wladislaw Listjew († 1995).

Seit dem Amtsantritt von Präsident Putin im März 2000 geschahen nach Angaben der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ bis Ende 2006 13 Auftragsmorde, von denen keiner vor Gericht gebracht wurde.[28] (Roland Haug nennt für den gleichen Zeitraum 16 Attentate.)


Social Media[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge der staatlichen Internet-Förderung verzeichnen die Social Media-Aktivitäten in Russland einen außergewöhnlich starken Auftrieb. Im Gegensatz zu den westlichen Märkten trifft dies sowohl auf die landeseigenen wie auch die international führenden Plattformen zu.

Landeseigene Plattformen wie z. B. Vkontakte.ru oder Odnoklassniki.ru wiesen höhere Wachstumsraten aus als etwa Facebook. Kulturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie die Nähe zum Markt sind Gründe, eine weitere, grundlegende Voraussetzung liegt in der Größe des Heimmarktes. Neben dem russischen Markt erfüllen nur mehr eine Handvoll weiterer Länder diese Grundvoraussetzung: USA, China, Japan; in beschränktem Maß Indien und Indonesien.[29] Ein enger Freund Putins, der russische Milliardär Alischer Usmanow, übernahm 2014 die volle Kontrolle über das größte Netzwerk VKontakte.[30] Der Gründer von VKontakte, Pawel Durow, hatte sich zuvor lange widersetzt, dem Inlandsgeheimdienst Nutzerdaten preiszugeben.

Die Leser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den Schikanen der Regierung steht aber auch mangelndes Bewusstsein sowohl in der Bevölkerung als auch bei manchen Journalisten und Vertretern der Rechtsprechung der Bildung einer freien Medienlandschaft im Wege. Nicht wenige in der Sowjetunion sozialisierte Journalisten und Richter sind es gewohnt, im Sinne der Regierung zu berichten beziehungsweise Menschen, die gegen die Interessen der Regierung handeln, zu verurteilen.

Bei einer Umfrage im Juli 2001 in Russlands Regionen meinten 29 Prozent, dass die Existenz nicht-staatlicher Medien schädlich sei. Bei einer anderen Umfrage im September des gleichen Jahres fanden 38 Prozent, dass eine wachsende Kontrolle der Medien für den Staat positiv sei. Eine mögliche Erklärung für diese Haltung ist die deutliche Verbesserung allgemeiner Lebensbedingungen – so zum Beispiel die in der Jelzin-Ära nicht selbstverständliche rechtzeitige Lohnauszahlung – bald nach Putins Amtsantritt und die daraus resultierende breite Unterstützung für Putins Politik.

Die wichtigsten Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Liste folgt den Angaben des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland, der britischen Fernsehgesellschaft BBC, den russischen, für Medienmonitoring zuständigen Unternehmen Comcom und mediaatlas.ru, sowie den Angaben der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen.[1][31][32]

In Klammern folgen jeweils die Angaben über die Eigentumsverhältnisse.

Nachrichtenagenturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fernsehsender[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Fernsehen ist die Hauptinformationsquelle für über 80 Prozent der Bevölkerung und die einzige Informationsquelle mit landesweiter Reichweite. Bei Fernsehsendern erfolgt in Klammern zuerst die die wöchentliche Reichweite in Prozent der Gesamtbevölkerung Russlands (3. Quartal 2006)[33] und dann die Nennung der Eigentümer.

Landesweit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erster Kanal (Reichweite 86,2 Prozent der Bevölkerung Russlands; der Staat ist Mehrheitseigentümer)
  • Rossija (79,1 Prozent; Teil der staatlichen Medienholding WGTRK)
  • NTW (60,8 Prozent; Mehrheitlich im Besitz der staatlich kontrollierten Gasprom-Media)
  • Ren TV (31,2 Prozent), kontrolliert von der Bank Rossija[34]
  • STS (55 Prozent; Besitzer: STS Media, an dieser sind beteiligt die Alfa Group Michail Fridmans zu 26 Prozent, die schwedische Modern Times Group zu 40 Prozent, 25 Prozent gehören anonymen Kapitalgebern, 9 Prozent einer russischen Kapitalinvestment-Gesellschaft)[35]
  • TNT (38,9 Prozent; Gasprom-Media)[36]
  • RBK (20 Mio. Zuschauer im Monat, zu Mediengesellschaft RBK)

Regional[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • TWZ (19,4 Prozent; Moskauer Stadtverwaltung)
  • Rossija K (18,6 Prozent; Teil der staatlichen Medienholding WGTRK)

Hörfunksender[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daneben gibt es eine Vielzahl von regionalen und lokalen Sendern.

Tageszeitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Auflagen sind angegeben in Tausend, nach eigenen Angaben:

Wochenzeitungen, Monatszeitungen und Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unabhängige Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nowaja Gaseta, die unter der Kontrolle des Oligarchen Alexander Lebedew und des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow steht, ist für ihren investigativen Journalismus bekannt.[38] Kritische Berichterstattung gibt es auch in der Wirtschaftszeitung RBK, dem Kommersant und Wedomosti, sowie einigen kleineren regionalen Zeitungen.

Der Internetfernsehsender Doschd und Echo Moskwy sind die einzigen verbliebenen kritischen elektronischen Medien.

Die Auslandssender Radio Liberty, Radio Free Europe und Deutsche Welle berichten in russischer Sprache. Im Weiteren berichten das Swissinfo sowie die BBC in Russisch.

Das Internet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Internet galt anfangs als das vergleichsweise freieste Medium in Russland. Allerdings stand es stets unter staatlicher Überwachung. Der Geheimdienst FSB kann – ohne richterliche Genehmigung – den gesamten Mailverkehr in, von und nach Russland lesen und die Internetaktivitäten der User in Echtzeit verfolgen. Die Anschaffungskosten für die Überwachungsanlagen mussten die Provider tragen.[39] Blogger mit mehr als 3000 Lesern müssen sich zudem als „Nachrichtenmedien“ registrieren lassen.[25]

Zu den wichtigsten Informationswebseiten gehören 2006 (in Klammern die Prozentzahl derjenigen russischen Internetnutzer, die diese Seite nutzen und die Zugehörigkeit zu einer Mediengruppe, soweit bekannt):[40]

  • gazeta.ru (7,2 Alischer Usmanow)
  • lenta.ru (6,5)
  • og.ru
  • polit.ru (2,4)
  • vesti.ru (Teil von WGTRK)[41]
  • utro.ru
  • strana.ru (2,8 Prozent; Teil von WGTRK)[41]
  • dni.ru (1,9)
  • vz.ru
  • smi.ru (Teil von WGTRK)[41]
  • inosmi.ru (Teil von WGTRK)[41]
  • rbth.ru (russische Regierungsagentur)
  • business-swiss.ch (russischsprachige Internetzeitung mit Sitz in der Schweiz)[42]

In der russischen Zeitung Wedomosti, die vor dem 2016 in Kraft getretenen Gesetz über Eigentum von Medien von US-amerikanischen und finnischen Medienkonzernen kontrolliert wurde, schrieb der Journalist Ilja Klischin, die Regierung Putin setze seit einer Protestwelle nach den Parlamentswahlen 2011 auf eine systematische Manipulation der öffentlichen Meinung im Internet.[43] Die Süddeutsche Zeitung bekam „Scharen bezahlter Manipulatoren“ bestätigt, welche im Internet in Blogs aktiv sind, darunter alleine 600 Mitarbeiter der „Agentur zur Analyse des Internets“ in St. Petersburg.[44][45]

Um die Zensurmaßnahmen zu umgehen, gründete die ehemaligen Chefredakteurin von Lenta.ru, Galina Timtschenko, im Oktober 2014 mit Meduza eine russischsprachige Internetzeitung mit Sitz in Lettland.[46]

Parteien-Gesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 2009 wurde ein neues Mediengesetz „Über die Garantien der Gleichheit der Parlamentsparteien hinsichtlich der Berichterstattung über ihre Aktivitäten durch die staatlichen TV-Sender und Radiosender“ verabschiedet. Das Gesetz garantiert jeder Parlamentspartei den gleichen Anteil an Sendezeit über ihre Aktivitäten in den staatlichen Fernseh- und Radiosendern. Das Gesetz schreibt gar die Objektivität dieser Berichterstattung vor.[47] Noch vor Verabschiedung dieses Gesetzes, während der Präsidentschaftswahl in Russland 2008, erhielten alle Präsidentschaftskandidaten die gleichen 21 Stunden an Sendezeit in den drei wichtigsten, staatlichen Fernsehsendern, um ihre Ansichten darzulegen und um miteinander zu debattieren.[48]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anna Kreisel (2001): Zwischen Information und Macht. Die Russische Medienlandschaft. In: Höhmann, Hans-Hermann; Schröder, Hans-Henning: Russland unter neuer Führung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts. Münster, 241-255.
  • Barbara Oertel: Viel Presse – wenig Freiheit. Medien und Macht in Russland, der Ukraine und Belarus. In: Osteuropa, 1/2003. S. 19-32.
  • H. Trepper: Massenmedien in Russland (Januar 1992 – April 1993). Forschungsstelle Osteuropa – Bremen, Arbeitspapiere und Materialien Nr. 6, Bremen 1993.
  • E. Geißlinger: Zwischen Putsch und Preissteigerung, Russische Medien auf dem Weg vom „alten“ zum „neuen“ Journalismus. In: Publizistik, H. 3 (September 97), S. 346–360.
  • Jens Deppe: Über Pressefreiheit und Zensurverbot in der Russländischen Föderation. Eine Untersuchung über die gesetzliche und tatsächliche Ausgestaltung der verfassungsrechtlichen Freiheitsgarantie. Dissertation, Univ. Hamburg 2000. (Online-Version)
  • Juliane Besters-Dilger (1996): Die russische Presse im Wandel; In: Osteuropa XLVI, 2, 109-118.
  • Lilja Duskaeva: Jazykovo-stilističeskie izmenenija v sovremennych SMI. In: Kožina, M. N. [Hg.] (2003): Stilističeskij ėnciklopedičeskij slovar' russkogo jazyka. Moskva, 664-675.
  • Uwe Krüger: Gekaufte Presse in Russland. Politische und wirtschaftliche Schleichwerbung am Beispiel der Medien in Rostov-na-Donu. Lit-Verlag, Münster 2006, ISBN 3-8258-9679-X
  • Roland Haug: Die Kreml AG. Putin, Rußland und die Deutschen, Hohenheim 2007, ISBN 978-3-89850-153-8

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Linksammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlen und Fakten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgewählte Einzelaspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Sabine Gladkov: Medienimperien in Russland (PDF-Datei; 121 kB) In: Russlandanalysen Nr. 7 der Forschungsstelle Osteuropa vom 28. November 2003
  2. Privates statt Politik: Russen haben genug von der Welt, RBTH, 12. Januar 2015
  3. Die Suche nach dem verlorenen Imperium, SRF Dok, 21. Dezember 2016
  4. Artikel Sowjetische Parteipresse in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie (BSE), 3. Auflage 1969–1978 (russisch)http://vorlage_gse.test/1%3D087186~2a%3DSowjetische%20Parteipresse~2b%3DSowjetische%20Parteipresse
  5. a b Wikisource: Kuranty, westowyje pisma – Artikel im Enzyklopädischen Wörterbuch von Brockhaus und Efron, Sankt Petersburg 1890–1907 (russisch)
  6. a b c Wikisource: Gaseta (Zeitung) – Artikel im Enzyklopädischen Wörterbuch von Brockhaus und Efron, Sankt Petersburg 1890–1907 (russisch)
  7. Wikisource: Wsjakaja Wsjatschina (Alles Mögliche) – Artikel im Enzyklopädischen Wörterbuch von Brockhaus und Efron, Sankt Petersburg 1890–1907 (russisch)
  8. Гибель советского ТВ (fb2). lib.rus.ec. Abgerufen am 17. Juli 2011.
  9. Anna Amelina: Propaganda oder Autonomie?: Das russische Fernsehen von 1970 bis heute, Band 4 von bibliotheca eurasica, transcript Verlag, 2015, ISBN 978-3-8394-0483-6, Seite 279; Zitat ebenfalls auf dieser Seite: „Die Präsidialadministration erwartet von den Medien nicht Objektivität, sondern Loyalität“
  10. Per-Arne Bodin, Stefan Hedlund, Elena Namli (Hrsg.): Power and Legitimacy: Challenges from Russia, Band 39 von Routledge contemporary Russia and Eastern Europe series, 2013, ISBN 978-0-415-67776-9, Seite 21, Autor Klaus von Beyme
  11. Russia. 2006 Annual report Reporter ohne Grenzen (Memento vom 27. November 2006 im Internet Archive)
  12. „Ihr seht Russland zu einseitig“, Cicero, Mai 2008.
  13. Putins Sprecher zur Bildung von Rossiya Segodnya: Jeder Staat hat sein Propaganda-Instrument, RIA, 19. Dezember 2013
  14. Russische Propaganda – Senden, um zu siegen, die Zeit, 28. April 2014
  15. ITAR-TASS:Foreign participation in Russian mass media to be restricted to 20% in 2016, 23. September 2014
  16. a b c Demokratiereport 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung
  17. Russia: Freedom of the Press 2016. Freedom House, abgerufen am 26. Juli 2016 (englisch).
  18. Putins Propaganda-Krieg, Arte, 15. September 2015
  19. Jahresbericht 2007 (PDF-Datei; 3,56 MB) der Reporter ohne Grenzen, S. 121
  20. Tobias Goltz: „Warum schreibt ihr nicht, was ich sehe?“ Der russische Journalist Grigori Pasko über Abhängigkeit und Käuflichkeit der Presse unter Putin. In: Berliner Zeitung. 20. August 2007, abgerufen am 19. Juni 2015.
  21. Potemkin lässt grüßen, Die Zeit, 25. April 2017, Zitat: "Medienvertreter dürfen nur auf dem Gebiet der Spielorte und nahe gelegener Sehenswürdigkeiten tätig sein"
  22. Nowaja Gaseta erhält erneut Verwarnung von der russischen Medienaufsicht, Eurasiablog.de, 21. Juli 2015
  23. Filme in Russland: Die Angst vor der Schere, RBTH, 18. Dezember 2014
  24. Die Nachricht bin ich Frankfurter Rundschau, 25. Mai 2014 (Doschd verlor Sendelizenz und Blogger mit mehr als 3000 Lesern müssen als Nachrichtenmedien registriert werden)
  25. a b Viktor Funk: „Die Nachricht bin ich“. In: Frankfurter Rundschau, 25. Mai 2014. (Doschd verlor Sendelizenz und Blogger mit mehr als 3000 Lesern müssen als Nachrichtenmedien registriert werden.)
  26. Soziologie: Die Russen sind ein sprachloses Volk, RBTH, 14. Oktober 2014
  27. Marc Stegherr, Kerstin Liesem: Die Medien in Osteuropa: Mediensysteme im Transformationsprozess, Springer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-531-92487-8, Seite 332
  28. „Thirteen Murders No Justice“, Committee to Protect Journalists, Abfragedatum: 21. Januar 2008.
  29. Die wichtigsten Social Media Plattformen in Russland im Überblick. Social Media Schweiz. Abgerufen am 14. März 2010.
  30. Soziales Netzwerk: Mail.ru übernimmt VKontakte vollständig, Spiegel, 17. September 2014
  31. Informationen des Auswärtigen Amtes
  32. BBC: Country Profile Russia; Media vom 3. Dezember 2006
  33. Reichweiten der TV-Anstalten, gemessen von der Firma comcon
  34. TV uses crash pictures in 'mass grave' reports, BBC, 30. September 2014
  35. Firmenanteile laut Homepage der STS
  36. Die TNT auf mediaatlas.ru
  37. Axel Springer Russia: Lizenzvertrag für NEWSWEEK wird nicht verlängert in: Axel Springer AG vom 18. Oktober 2010
  38. Sarah Oates, Gillian McCormack: The Media and Political Communication. In:Developments in Russian Politics, Band 7. Duke University Press, 2010, ISBN 978-0-230-22449-0.
  39. Johannes Vosswinkel: Kampf der Freiheit, in: Die Zeit online, 15. März 2007.
  40. Angaben nach Comcom, 3. Quartal 2006
  41. a b c d Pavlovsky Nationalized (Nezavisimaya Gazeta), The Russian Issues online, 4. Juli 2002. (offline)
  42. Geschäftsleben in der Schweiz
  43. Putins Internetpiraten. NZZ vom 18. Juni 2014, abgerufen am 4. Oktober 2014.
  44. Putins Trolle, SZ vom 13. Juni 2014.
  45. Prorussische Kommentare im Internet – Wo die Meinung gemacht wird, FAZ vom 20. Juni 2014.
  46. Sabine Adler: Reaktion auf russische Zensur. Eine unbequeme Journalistin fängt neu an, Deutschlandfunk, 10. Oktober 2014.
  47. Offizieller englischer Gesetzestext
  48. Daniel Treisman: The Return: Russia’s Journey from Gorbachev to Medvedev. Free Press, 2011, ISBN 978-1-4165-6071-5, S. 350.