Medienkritik

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Medienkritik bezeichnet die mit Argumenten geführte Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit ihren Massenmedien über deren Inhalte, Rezeption, Arbeitsweise und Organisation, das heißt, alle kritischen, mit Argumenten begründeten Betrachtungen über Medien, die nicht Teil einer rein inhalts- oder meinungsbezogenen Auseinandersetzung sind. Objekte der Kritik sind Verstöße gegen journalistische Grundsätze[1], die organisatorischen Verhältnisse (etwa: fehlende Trennung von Werbung und Redaktion)[2], Verstöße gegen die Menschenwürde und gegen Grundsätze der Moral[3] sowie die Einbindung in privatrechtliche Strukturen[4] bzw. die Nähe zu (etwa öffentlich-rechtliche Organisation von Sendern) oder Abhängigkeit von (etwa die Gleichschaltung der Medien in der NS-Zeit) staatlichen Strukturen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste als Medienkritik zu bezeichnende Ausführungen finden sich bereits in den Schriften von Platon um 400 v. Chr.[5] Mit dem Aufkommen der ersten Zeitungen Ende des 16. Jahrhunderts[6] wurde die Grundlage für die Kritik am Medienobjekt geschaffen: "Die Geschichte der Medienkritik ist so alt wie ihr Gegenstand".[7] Die neuere Deutsche Geschichte nennt als herausragendes Ereignis die Kritik an der Bildzeitung in der Anti-Springer-Kampagne der Studentenbewegung der 1960er Jahre. Im Jahr 1977 recherchierte Günter Wallraff undercover bei Bild, um deren manipulierende und informationsverfälschende Praktiken aufzudecken. Seither wurde Medienkritik auch zum Thema bei Kabarettisten wie etwa Dieter Hildebrandt, Georg Schramm, Harald Schmidt, Oliver Kalkofe, Oliver Welke und satirischen Zeitschriften wie Titanic.

Wichtige medienkritische Arbeiten kamen in den USA von Noam Chomsky und Neil Postman. Dort wurde in den 1960er-Jahren Ombudsleute installiert, die Medienkritik aus der Gesellschaft aufnehmen sollten. Online-Zeitschriften wie Salon.com und Slate.com fungierten ab 1995 bzw. 1996 als medienkritische Publikationen.[8] In Frankreich wurden in den 1990er-Jahren medienkritische Kollektive wie Action critique médias (1996) gegründet, und es erschienen das Buch Les nouveaus chiens de garde (Die neuen Wachhunde) von Serge Halimi, die medienkritische Zeitschrift Pour lire pas lu und medienkritische Dokumentarfilme von Pierre Carles.

Seit Ende der 1990er Jahre mit dem Aufkommen des Internets übt das Publikum verstärkt selbst Medienkritik, etwa in Weblogs. Durch zunehmende Bedeutung der Sozialen Medien rücken seit Anfang der 2000er Jahre auch Blogger und Plattformprovider wie etwa Facebook, Twitter und Google mit ihrer Rolle als kontrollausübende Instanz in den Fokus der Medienkritik.[9][10]

Kritik an der Berichterstattungsqualität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritisiert wird, dass Darstellung von Sachverhalten in den Medien oft nicht der Wirklichkeitswahrnehmung des Publikums entspricht: „Zwischen der konkreten Erfahrung, die die Bürgerinnen und Bürger machen und dem, was man sie glauben machen möchte, klafft eine immer größere Kluft.“[11] Der Medienkritiker Walter Lippmann hingegen hielt es schon 1922 für erforderlich, dass Medien in ihrer Darstellung zu Vereinfachungen neigen.[12]

Der Sozialpsychologe Kurt Lewin sieht ein Problem darin, dass „die Auswahlregeln der Journalisten weitgehend übereinstimmen“. Dadurch „kommt eine Konsonanz der Berichterstattung zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirkt.“[13]

Der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger kritisiert nach Untersuchungen, dass Journalisten bzw. Medienmacher Verantwortung für Folgen ihres Wirkens mehrheitlich ablehnen sowie mehrheitlich Übertreibungen im Sinne einer guten Sache gutheißen würden.[14]

Wirtschaftliche Verflechtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Objekt der Medienkritik ist die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Medien von Werbeaufträgen und die damit verbundene Einflussnahmemöglichkeit.[15]

Transparency International kritisiert von Unternehmen finanzierte Journalistenreisen oder Kooperationen von Firmen mit Redaktionen und Verlagen, die damit gegen die redaktionelle Unabhängigkeit verstoßen. Die Grenzen zwischen Journalismus und Public Relations verschwimmen, wenn Redaktionen fertige Textbausteine oder sendefertige Radiobeiträge aus den Zulieferungen der vermeintlichen Partner in der PR-Industrie übernehmen oder prominente Journalisten als „Markenbotschafter“ für Konzerne agieren und für Unternehmen als Redner oder Moderatoren von Veranstaltungen auftreten.[16] Transparency International fordert auch die Abschaffung von Journalistenrabatten, Sonderkonditionen und Preisnachlässen für Journalisten auf Waren und Dienstleistungen, weil sie als mögliche Form der Vorteilsnahme oder Bestechung die journalistische Berichterstattung prägen könnten.[17][18]

Viele Medien sind abhängig von Presseförderung und anderen staatlichen Geldern zum Beispiel über die Vergabe von Inseraten. Transparency International kritisiert, dass zwischen Medien und Politik ein Abhängigkeitsverhältnis existiere, bei dem die gegenseitige Einflussnahme schnell in Bereiche gelangen könne, die zwar nicht strafrechtlich problematisch, aber auch nicht mehr als ethisch einwandfrei anzusehen sei.[19]

In Österreich profitieren insbesondere Boulevard- und Gratiszeitungen wie Kronen Zeitung, Heute, Österreich oder Kurier von Inseraten der Regierung, Ministerien, politischen Parteien, Staatsbetrieben sowie der Stadt Wien und ihren stadteigenen Unternehmen.[20][21] Dies führt dazu, dass es seitens der Politik immer wieder Wünsche in Richtung redaktionelles Wohlverhalten gibt. So entstehe der Eindruck, dass redaktionelle Meinung durch Inserate gekauft werden könne.[22][23] Die sogenannte „Inseraten-Affäre“ führte zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss und 2011 zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs und der Untreue gegen den österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann und den Staatssekretär Josef Ostermayer.[24]

Selbstkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Medienjournalismus beteiligen sich Medien an der Medienkritik.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2013 zeigte eine Umfrage von Transparency International das Ausmaß der kritischen Haltung der Bevölkerung gegenüber den Medien: 54 Prozent der in Deutschland Befragten empfanden die Medien als korrupt.[25][26] Seit 2014 wird in Deutschland in sozialen Medien, der Blogosphere und in politischen Bewegungen wie Pegida der Begriff Lügenpresse als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der medialen Berichterstattung benutzt. Ende 2014 sperrten Onlinezeitungen wie süddeutsche.de aufgrund des hohen kritischen Kommentaraufkommens durch als Trolle[27] bezeichnete Leser ihre Kommentarfunktionen oder schränkten diese ein.[28] Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass Journalisten in westlichen Ländern politisch sowohl links ihrer Bevölkerung als auch ihres eigenen Publikums stehen.[29][30][31]

Bekannte Medienkritiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wettbewerbe und Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2012 zeichnet der Alternative Medienpreis erstmals einen Beitrag mit einem Sonderpreis in der Sparte Medienkritik aus.[32]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Leitlinien der Journalistischen Unabhängigkeit bei Axel Springer (abgerufen am 21. Juni 2016)
  2. Pressekodex des Deutschen Presserats (abgerufen am 21. Juni 2016)
  3. Benedikt Breitenbach: Die publizistischen Grundsätze - Moral vs. Realität, GRIN Verlag, 2010 ISBN 978-3-6405-50913
  4. Anna Bloch: Meinungsvielfalt Contra Medienmacht: Aktuelle Entwicklungen und Reformbestrebungen Im Medienkonzentrationsrecht, Logos Verlag Berlin GmbH, 2013, ISBN 978-3-832-534868, Seite 79
  5. Platons Medien-Kritik: Ein differenzierter Blick auf die Schriftkritischen Stellen des "Phaidros", Karsten Rohrback, GRIN Verlag, 2008, ISBN 978-3-638-939-461
  6. Wikipedia:Pressegeschichte_in_Deutschland
  7. Heinz Heiler: Hugo von Hofmannsthal und die Medienkultur der Moderne , Königshausen & Neumann, 2003, ISBN 978-3-8260-23-408 Seite 53
  8. Quelle: Susanne Fengler, 2006.
  9. Facebook muss Verantwortung übernehmen, süddeutsche.de (abgerufen am 21. Juni 2016)
  10. "Die Verantwortung von Facebook, Twitter und Google" (abgerufen am 20. Juni 2016)
  11. Franz Kössler: Armer Journalismus. In: Der Standard. 29. Juni. 2010.
  12. Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung, 1922
  13. siehe Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. und Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror. S. 137.
  14. vgl. Hans Mathias Kepplinger: Rivalen um Macht und Moral. In: Journalismus als Beruf. ; Hans Mathias Kepplinger: Rationalität und Ethik im Journalismus. In: Journalismus als Beruf. ; Hans Mathias Kepplinger: Der Einfluss politischer Einstellungen auf die Nachrichtenauswahl. In: Journalismus als Beruf. ; Hans Mathias Kepplinger: Erlaubte Übertreibung im Journalismus. In: Journalismus als Beruf.
  15. "Hagen, L., Flämig A., In der Au, A.-M. (2014). Synchronisation von Nachricht und Werbung. Wie das Anzeigenaufkommen von Unternehmen mit ihrer Darstellung in Spiegel und Focus korreliert. Publizistik 59(4), 367-386. (abgerufen am 21. Juni 2016)"
  16. Ivo Rzegotta: Nachlasse verführen zum Nachlassen. In: Transparency International Deutschland e.V.: Scheinwerfer. 39, Themenschwerpunkt: Medien, April 2008, S. 9, abgerufen am 8. November 2015.
  17. Rabatte mit Beigeschmack. In: Medien Monitor. abgerufen am 8. November 2015.
  18. www.transparency.de Gefallen an Gefälligkeiten. Journalismus und Korruption. S. 39, abgerufen am 8. November 2015.
  19. Anja Spiegel: Bis dass der Tod sie scheidet. In: Transparency International Deutschland e.V.: Scheinwerfer. 39, Themenschwerpunkt: Medien, April 2008, S. 13, abgerufen am 11. November 2015.
  20. Die Anzeigen-Schweige-Spirale. dossier.at, abgerufen am 17. November 2015.
  21. U-Ausschuss: Chronologie der Inseratenaffäre. diepresse.com, abgerufen am 17. November 2015.
  22. Presseförderung in Österreich Die gekaufte Republik. faz.net, abgerufen am 17. November 2015.
  23. Korruptionsfall Inserate? dossier.at, abgerufen am 17. November 2015.
  24. U-Ausschuss: Chronologie der Inseratenaffäre. diepresse.com, abgerufen am 17. November 2015.
  25. Transparency International: Mehrheit der Deutschen hält Medien für korrupt. In: Zeit Online. 9. Juli 2013, abgerufen am 30. Januar 2015.
  26. Global Corruption Barometer 2013 - National results. In: transparency.org. Transparency International, abgerufen am 30. Januar 2015 (englisch).
  27. "Ich bin der Troll: Die ersten Nachrichtenportale im Internet schließen ihre Leserkommentare"
  28. "Sueddeutsche.de schafft die Kommentarfunktion unter Artikeln ab"
  29. vgl. Hans Mathias Kepplinger: Rivalen um Macht und Moral. In: Journalismus als Beruf. ; Hans Mathias Kepplinger: Rationalität und Ethik im Journalismus. In: Journalismus als Beruf. ; Hans Mathias Kepplinger: Der Einfluss politischer Einstellungen auf die Nachrichtenauswahl. In: Journalismus als Beruf. ; Hans Mathias Kepplinger: Erlaubte Übertreibung im Journalismus. In: Journalismus als Beruf.
  30. Ein Drittel der Journalisten fühlt sich grün. In: Die Presse. abgerufen am 31. Juli 2015.
  31. Siegfried Weischenberg, Maja Malik, Armin Scholl: Journalismus in Deutschland 2005. Zentrale Befunde der aktuellen Repräsentativbefragung deutscher Journalisten. In: Media Perspektiven. 7/2006, S. 353.
  32. s. Webseite beim Alternativen Medienpreis zum Sonderpreis Medienkritik