Medizin des Mittelalters

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Manuskript aus dem späten 15. Jahrhundert mit den „Vätern der Medizin“: Neben Hippokrates, Avicenna, Aristoteles, Galenos, Albertus Magnus und Dioskurides ist unten rechts auch der fiktive „Macer“ abgebildet.

Die Medizin des Mittelalters basierte maßgeblich auf der antiken Humoralpathologie (Säftelehre), die durch Hippokrates von Kos begründet und von Galenos von Pergamon weiterentwickelt worden war. Nach dem Zerfallen des Römischen Reiches in der Spätantike zersplitterte sich die akademische Medizin in drei territoriale Hauptstränge und wurde fortan in Westeuropa, Byzanz und in der arabischen Welt weitergeführt, bis diese durch das Aufkommen der universitären Medizin im Hochmittelalter wieder miteinander verschmolzen wurden. Wissen aus der Volksheilkunde wurde von der akademischen Medizin des Mittelalters vielerorts übernommen.

Medizintheorie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Altgriechische Medizin

Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb die antike Humoralpathologie nach Hippokrates und den zahlreichen Schriften von Galen für das medizinische Denken in Orient und Okzident vorherrschend. Die Ausgewogenheit der vier Körpersäfte, die Eukrasie, galt als Voraussetzung von Gesundheit. Für Krankheit wurde ein naturwidriger Stoff von außen verantwortlich gemacht, die Materia peccans. Diese konnte das Gleichgewicht der Säfte stören oder einen der Säfte schlecht werden lassen und musste deshalb aus dem Körper entfernt werden. Dies führte zum häufigen Einsatz von Aderlass sowie Abführmitteln und Brechmitteln bis ins 19. Jahrhundert.

Ärzte in Antike und Mittelalter handelten nach den Grundsätzen Erst das Wort, dann die Pflanze, zuletzt das Messer (in der griechischen Mythologie Asklepios, dem Gott der Heilkunst zugeschrieben) sowie Medicus curat, natura sanat (etwa: Der Arzt behandelt, die Natur heilt.) aus dem Corpus Hippocraticum. Im christlichen Mittelalter wurde dem noch ...Deus salvat zugefügt (Gott rettet). Der Naturbegriff in Antike und Mittelalter meint, dass Ärzte nur demütige Diener sowie bestenfalls Verbündete der Natur sind und gute Ärzte die Natur sehr genau studieren müssen. Dennoch kann ihre Nachahmung nie so gut sein wie die Natur selbst.[1]

Das große Gesamtschema des Galen[2]
Element Körpersaft Qualitäten Farbe Geschmack Organ Jahreszeit Lebensalter Fieberart Geschlecht
Luft Blut warm und feucht rot süß Herz Frühling Jugend kontinuierliche Fieber (keines)
Feuer Gelbgalle warm und trocken gelb bitter Leber Sommer junger Mann Tertiana männlich
Erde Schwarzgalle kalt und trocken schwarz scharf und sauer Milz Herbst alter Mann Quartana (keines)
Wasser Weißschleim kalt und feucht weiß salzig Gehirn Winter Greis Quotidiana weiblich

In der Temperamentenlehre wurden Menschen je nach vorherrschendem Körpersaft in ihrer Grund-Wesensart kategorisiert:

  • Blut (lat. sanguis, gr. αἷμα, háima): Sanguiniker (αἱματώδης – heiter, aktiv)
  • Schleim (gr. φλέγμα, phlégma): Phlegmatiker (φλεγματικός – passiv, schwerfällig)
  • Schwarze Galle (gr. μέλαινα χολή, mélaina cholḗ): Melancholiker (μελαγχολικός – traurig, nachdenklich)
  • Gelbe Galle (gr. χολή, cholḗ): Choleriker (χολερικός – reizbar und erregbar)

Astrologische Aspekte beeinflussten die Behandlungen, etwa den Zeitpunkt des Aderlasses. Auch die Signaturenlehre spielte eine gewisse Rolle, wurde aber erst von Paracelsus im 16. Jahrhundert schriftlich systematisiert.

Byzantinische Medizin[Bearbeiten]

Hauptartikel: Byzantinische Medizin
Ärztebild aus dem Wiener Dioskurides, fol. 3v (um 512).

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches bestand das oströmische Byzanz als Zentrum der theoretischen und praktischen Medizin weiter. Alexandria wurde bis zur islamischen Expansion im 7. Jahrhundert erneut zur Hochburg der akademischen Medizin (vgl. Herophilos von Chalkedon im 3. vorchr. Jh.).[3]

Von der Teilung des römischen Reiches im Jahr 395 bis zur Eroberung Alexandrias 642 wurde vornehmlich das antike Wissen zusammengetragen, kommentiert, systematisiert, sowie in übersichtlicher und konzentrierter Form zusammengefasst.[3] Als Kompilatoren traten insbesondere Oreibasios von Pergamon, Aëtios von Amida, Alexander von Tralleis sowie Paulos von Aigina in Erscheinung.[3] Oreibasios, Leibarzt von Kaiser Julianus Apostata, schuf auf Befehl des Regenten eine Collecta medicinalia in 70 Bänden, die in erster Linie auf den Schriften Galens beruhte. Sie ist heute nur noch bruchstückhaft erhalten. Ein Auszug daraus, die Synopsis pro Eustathion in neun Bänden, verbreitete sich schnell und wurde bereits im 6. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt.[3] Ein zweites wichtiges Werk war das Euporista (Hausarzneibuch) mit Rezepten und Therapieanweisungen für Laien.[3] Um 512 wurde für Anicia Iuliana der heute berühmte Wiener Dioskurides erstellt, eine Sammelhandschrift, die seit 1997 zum Weltdokumentenerbe zählt.[4] Etwa 150 Jahre nach Oreibasios schuf Aëtios sein Tetrabiblon, ein Sammelwerk in vier mal vier Bänden. Er baute auf Galen und Oreibasios auf und integrierte neben eigenen Erfahrungen auch frühchristliche Elemente wie Magie, Mystik und Religion.[5][6][7] Alexander von Tralleis richtete sich mit seinen Zwölf Büchern über die Medizin an Laien wie Ärzte. Im Wesentlichen hatte er Therapieanweisungen von Hippokrates und Galen zusammengetragen und mit eigenen Erfahrungen ergänzt. Ein dreibändiger Auszug fand weite Verbreitung und wurde ins Lateinische, Arabische, Hebräische und Syrische übersetzt.[3] Paulos von Aiginia schuf in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts die Kompilation Hypomnema in sieben Bänden, ein Handbuch der praktischen Medizin. Im sechsten Band, der Chirurgie, wurde antikes Wissen vorsichtig durch eigene Erfahrungen ergänzt.[3]

Nach der Eroberung Alexandrias setzte der graeco-arabische Texttransfer ein. Der Schwerpunkt der akademischen Medizin verlagerte sich nach Konstantinopel. Nachfolgend wurden antike und byzantinische Traditionen durch persische, arabische und indische Elemente ergänzt.[3] Mit dem spätbyzantinischem Krankenhauswesen (vgl. Geschichte des Krankenhauses) traten klinische Erfahrungen vermehrt in den Vordergrund.[8][9] In diesen christlich geprägten Hospitälern entwickelte sich die stationäre Krankenpflege und ab dem 10. Jahrhundert auch die ärztliche Krankenversorgung.[3] Das Pantokratoros hatte im 12. Jahrhundert nicht nur eine hierarchisch strukturierte Ärzteschaft, sondern auch eine eigene Ärzteschule. Aufgrund innenpolitischer Unruhen entstanden relevante Schriften jedoch erst ab dem 11. Jahrhundert wieder. Michael Psellos, Simeon Seth, sowie später Nikolaos Myrepsos und Johannes Zacharia Aktuarios waren die Hauptvertreter der zweiten Phase der byzantischen Medizin.[3] Michael Psellos wirkte als Philosoph und Gelehrter an der wiedereröffneten Akademie in Konstantinopel (Akademie von Mangana). Als Lehrer und Erzieher von Kaiser Michael VII. schuf er eine allgemeine Enzyklopädie, eine Synopsis der Medizin, eine Diätetik und ein Traktat über Edelsteine als Heilmittel. Darauf baute Simeon Seth auf, der ein lexikalisches Werk Über die Heilkräfte der Nahrungsmittel verfasste. Als erste Arzneimittellehre beinhaltete es auch systematisch arabische und indische Materia medica wie Kampfer, Moschus, Ambra, Gewürznelken, Muskatnuß und Haschisch.[3] Nikolaos Myrepsos erstellte im 13. Jahrhundert ein Antidotarium mit 2656 Rezepten aus griechischer, lateinischer und arabischer Tradition. In Johannes Zacharia Aktuarios findet die byzantinische Medizin ihren Abschluss.[3] Erhalten ist eine Therapeutik in sechs Bänden (Methodus medendi), in die eigene Erfahrungen stark einflossen. Als zweites Hauptwerk verfasste er sieben Bände Über den Harn, das als Höhepunkt der byzantinischen Uroskopie gilt und weit über die Schriften Galens hinausgeht. In Über die normalen und abnormen Tätigkeiten des Seelengeistes und darauf bezogene Diät verband Aktuarios antike Vorstellungen der Seelenzustände mit diätetischer Lebensführung.[3]

Arabische Medizin[Bearbeiten]

Hauptartikel: Arabische Medizin
Die erste Seite einer Abschrift des Kanons der Medizin von 1597/98

Die Theorie der arabischen Medizin beruhte insbesondere auf den Werken von Galen sowie weiteren, ihm zugeschriebenen Schriften.[10] Nach dem Konzil von Ephesos (431) und noch einmal mit dem Zweiten Konzil von Konstantinopel (553) wurde die Lehre der Nestorianer als Häresie verurteilt. Viele der Anhänger flohen in das zweite persische Großreich, das Sassanidenreich, einige bis nach Gundischapur. An der bereits im 3. Jahrhundert gegründeten Akademie von Gundischapur übersetzten und lehrten sie Aristoteles. Chosrau I. begründete dort um 555 die medizinische Fakultät, wo die Humoralpathologie nach Hippokrates und Galen von den Nestorianern in die mittelpersische Sprache übertragen wurde. Die Unterrichtssprache könnte Persisch gewesen sein, wahrscheinlicher ist aber die syrisch-aramäische Sprache, da dies die Muttersprache der Nestorianer und der Sassaniden war.[10]

Der christlich-arabische Gelehrte Hunain ibn Ishāq (lat. Johannitius) und seine Verwandten übersetzten im 9. und 10. Jahrhundert insgesamt 129 Schriften Galens ins Syrisch-Aramäische und ins Arabische. Hier wurde erstmals eine Terminologie der Medizin geschaffen.[10] Der persische Arzt und Philosoph Muhammad ibn Zakarīyā ar-Rāzī (lat. Rhazes) verfasste im 10. Jahrhundert auf Basis von Galen ein medizinisches Lehrbuch in zehn Teilen (Kitāb al-Manṣūrī fī aṭ-Ṭibb), mehrere Dutzend Krankenjournale sowie eine sehr bekannte Abhandlung über Pocken und Masern, mit einer differentialdiagnostischen Beschreibung der Initialsymptome.[10] In der Medizinschule von Kairouan wirkte der jüdische Arzt und Philosoph Isaak ben Salomon Israeli. Er verfasste Schriften über Fieber und Urin, sowie über Diätetik. Zunächst hatte er in Kairouan unter Isḥāq ibn ’Imrān gearbeitet (bekannt für ein Traktat über Melancholie), der wie er von Emir Ziyadat Allah III. an den Hof geholt worden war. Somit erweiterte sich die griechische Tradition der arabischen Medizin nach Westen hin. Es folgte Ibn al-'Gazzâr, dessen bekanntestes Werk die spezielle Pathologie Der Reiseproviant ist.[10]

Der Universalgelehrte Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā (lat. Avicenna) schuf im frühen 11. Jahrhundert den fünfteiligen Kanon der Medizin. Der erste Teil beinhaltet einen Großteil der Medizintheorie. Im zweiten Teil werden vorrangig 758 Einzeldrogen vorgestellt, zu Beginn findet sich jedoch eine Arzneimittelkunde mit detaillierten Erläuterungen zu den Primärqualitäten und wie diese durch die Mischung von Zutaten beeinflusst werden. Avicenna gibt auch sehr genaue Regeln zum Experimentieren mit Drogen vor. So lehnt er bspw. Tierversuche ab, da die Wirkung beim Menschen eine andere sei als beim Tier. Der dritte Teil enthält die Innere Medizin, der vierte die Chirurgie und Allgemeinkrankheiten. Der letzte Teil schließlich ist ein Antidotarium mit 650 Heilmitteln. In den westlichen Universitäten blieb der Kanon bis ins 16. Jahrhundert das medizinische Standardwerk, im Orient sogar bis nach dem Zweiten Weltkrieg.[10]

Ali ibn Isa (lat. Jesu Occulist) verfasste mit dem Erinnerungsbuch für Augenärzte die weltweit erste Augenheilkunde, die 131 Krankheiten beschrieb. Ammar ibn Ali al-Mawsili (lat. Canamusali) beschrieb Operationen am Grauen Star mit einer von ihm erfundenen hohlen Metallnadel.[10] Ibn al-Quff fertigte 20 Traktate über Die Pfeiler in der Chirurgie an, die Abu l-Qasim Chalaf ibn al-Abbas az-Zahrawi (lat. Albucasis) zum Teil übernahm. Dessen at-Tasrif, eine medizinische Enzyklopädie in 30 Bänden, wurde wegen der letzten Abhandlung noch im 17. Jahrhundert von Athanasius Kircher hochgelobt.[10]

Die Medizinschule von Gondeschapur hatte Modellcharakter für weitere Krankenhäuser als bedeutende Ausbildungszentren, etwa in Bagdad, Damaskus und Kairo. Sultan Ahmad ibn Tulun stiftete 872 das erste öffentliche Krankenhaus in Fustāt. Nach der Überlieferung soll die Behandlung dort kostenlos gewesen sein. Zur Einrichtung gehörten getrennte Bäder für die beiden Geschlechter und spezielle Kleidung. Zur Entlassung wurde ein Gericht mit Hühnchen gereicht.[10]

Als Basis für die spätere Diätetik eines Ibn Butlan (Taqwim es-sihha, vgl. Tacuinum sanitatis) oder Ibn Zuhr (Kitāb at-Taisīr fī l-mudāwāt wa-t-tadbīr) gelten die Sex res non-naturales Luft, Bewegung und Ruhe, Speise und Trank, Fülle und Leere, Schlaf und Wachsein sowie der Spiritus animae.

In zwei Übersetzungswellen kamen die zentralen Schriften der arabischen Medizin nach Westeuropa. Heinrich Schipperges prägte hierfür den Begriff Arabismus. Die erste Welle wurde durch Constantinus Africanus in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Salerno bestimmt, eine zweite Welle im 12. Jahrhundert durch Gerhard von Cremona in Toledo.[10]

Klostermedizin[Bearbeiten]

Hauptartikel: Klostermedizin

Die Epoche der Klostermedizin in Westeuropa wurde maßgeblich von der Regula Benedicti geprägt, in der Benedikt von Nursia um 529 im 36. Kapitel der Regel die Sorge für die Kranken als Dienst an Jesus beschreibt. Benedikt nennt spezielle Räumlichkeiten für die Kranken, aber auch den ausgebildeten Pfleger bzw. Mönchsarzt (Infirmarius).[11] Das berühmte Ora et labora der Benediktiner, das so in der Regel nicht vorkommt und vielmehr eine Erfindung aus dem Spätmittelalter ist[12], müsste eigentlich Ora et labora et lege heißen, also Bete und arbeite und lies.[13] Lesen bedeutete damals auch Abschreiben und Benedikt trug seinen Mönchen auf, jedes Jahr mindestens ein Buch zu lesen. In einem Zeitalter, das von Völkerwanderung, Kriegen und Seuchen bestimmt war, verblieben somit im zerbrochenen weströmischen Reich die Klöster als Zentren des Schrifttums und der Kultur.[13] Dennoch wurde die Heilkunst als solche bspw. noch durch Gregor von Tours in Frage gestellt. Es gab eine Diskussion, ob Medizin als solche nicht grundsätzlich gegen das Werk Gottes verstoße. Wahrscheinlich auch deshalb ist der ältesten erhaltenen Schrift der Klostermedizin, dem Lorscher Arzneibuch (Weltdokumentenerbe seit Juni 2013[14]) aus dem späten 8. Jahrhundert, eine Vorrede beigefügt, in der nicht nur die Heilkunst verteidigt wird, sondern explizit auch heidnische Quellen befürwortet werden.

Cassiodor gründete um 554 das Kloster Vivarium und legte mit seinem enzyklopädischen Werk Institutiones divinarum et saecularium litterarum einen maßgeblichen Bildungs- und Leseplan vor, der sich an der Schule von Nisibis orientierte.[15] Cassiodor empfiehlt als medizinische Lektüre u. a. das Kräuterbuch des Dioskurides, Schriften von Hippokrates und Galen, De Medicina von Aulus Cornelius Celsus sowie eine Sammlung anonymer Schriften.[11] Isidor von Sevilla kompilierte mit Etymologiarum sive originum libri XX das noch vorhandene Wissen der Antike (vgl. Bücherverluste in der Spätantike). Medizinische Werke der Antike waren in der Regel auf Griechisch verfasst worden und lagen nur bruchstückhaft in lateinischer Fassung vor. Nach dem Zerfallen des römischen Reiches war die Kenntnis der griechischen Sprache aber weitestgehend aus Westeuropa verschwunden. Wer lesen und schreiben konnte, der tat dies auf Latein. So wurden viele antike Schriften in Byzanz und in der arabischen Welt bewahrt und weiterentwickelt und kamen erst im Hochmittelalter zurück in den Westen.[13] Isidor standen insbesondere medizinische Werke von Celsus und von Plinius (vgl. Medicina Plinii) zur Verfügung.

Karl der Große verpflichtete mit seiner Verordnung Capitulare de villis vel curtis imperii die Klöster zum Anbau von Nutz- und Heilpflanzen. Auf dieser Basis entstanden im 9. Jahrhundert im Kloster Reichenau der Klosterplan und das Lehrgedicht Liber de cultura hortorum des Abtes Walahfrid Strabo.[13] Das wichtigste Werk der Klostermedizin war das von Odo Magdunensis verfasste Lehrgedicht Macer floridus, in dem in Form von Hexametern 77 Arzneipflanzen beschrieben werden.[16] Als Abschluss der Klostermedizin gilt Hildegard von Bingen, die Mitte des 12. Jahrhunderts ihre natur- und heilkundlichen Werke Causae et curae und Physica verfasste. Die heute überaus populären Werke hatten jedoch im Mittelalter lediglich regionale Bedeutung. Von der Causae et curae ist nur eine einzige Handschrift überliefert, von der Physica sind etwa zehn erhalten geblieben. Im Gegensatz zu anderen Autoren griff Hildegard weit weniger auf antike Autoren zurück[17], sondern übernahm viele Rezepte und auch Pflanzen wohl aus der Volksheilkunde. Die heute oftmals behauptete Verfolgung kräuterkundiger Frauen im Mittelalter hat es nie gegeben, sondern geht auf Erfindungen des 19. Jahrhunderts zurück.[18]

Im iro-schottischen Raum wurde oftmals einheimisch-volkstümliches Wissen mit den mediterranen Quellen der Antike vermengt.[11] Das dreiteilige Bald’s Leechbook aus dem 9. Jahrhundert, eine der ältesten erhaltenen medizinischen Schriften in angelsächsischer Sprache, enthält im dritten Teil noch zahlreiche Rezepte, die weitgehend ohne Einfluss aus dem Mittelmeerraum sind. Der Begriff Leech für Volksarzt findet sich auch bei Beda Venerabilis in seinem Werk Historia ecclesiastica gentis Anglorum.

Um 1240 wurden durch Friedrich II. die Berufe des Arztes und des Apothekers voneinander getrennt.[13] Dies und das Aufkommen der universitären Medizin in u. a. Salerno und Montpellier trugen maßgeblich dazu bei, dass der Stellenwert der Mönche und Nonnen in der Medizin abnahm. Bis zur Säkularisation im frühen 19. Jahrhundert verlagerte man sich insbesondere auf die Pharmazie – die Klosterapotheke. In der heutigen Klosterheilkunde leben einige Rezepturen und weitere Elemente aus der Epoche der Klostermedizin noch fort.

Salerno und Montpellier[Bearbeiten]

Hauptartikel: Schule von Salerno
Hauptartikel: Universität Montpellier
Darstellung der Trota von Salerno auf einem Manuskript um 1200.

Die Abtei Montecassino unterhielt in Salerno ein Hospital, in dem erkrankte Ordensbrüder, aber auch Kreuzfahrer von den anlegenden Schiffen behandelt wurden. Im 10. Jahrhundert entstand daraus eine Medizinschule, die heute als älteste Universität Europas gilt.[19] In der frühen Phase von etwa 995 bis 1087 wurden Quellen gesichert und byzantinische Texte übertragen.[20] Um 1063 kam der tunesisch-arabische Constantinus Africanus nach Salerno und begann damit, galenistische Werke der arabischen Medizin in das Lateinische zu übertragen. So entstand die Articella, das maßgebliche Corpus für den Unterricht in Salerno.[20] Mit Liber Graduum, Antidotarium Nicolai und Circa instans entstanden drei große Arzneimittellehren, die später als Basis des neuen Apothekerwesens fungierten. Das Trotula-Ensemble war die erste umfangreiche Frauenheilkunde, entstanden um 1100. Verfasserin des Hauptteiles war Trota von Salerno, die als Gelehrte keine Sonderrolle einnahm: Mehrere Dutzend Frauen, die in Salerno lernten und lehrten, sind schriftlich bezeugt. Trota achtete auf eine einfache Zusammensetzung der Rezepte, so dass auch das einfache Volk sie übernehmen konnte. Für ihre Zeit hatte Trota erstaunlich fortschrittliche gynäkologische Kenntnisse. Besonders beachtlich sind ihre Angaben zu Unfruchtbarkeit, Geburtenkontrolle und Geburtshilfe.[21] In der späten Phase bis 1275 wurden diverse Werke zusammengefasst, u. a. die Vier-Meister-Glosse (vgl. Roger Frugardi). Die Chirurgie wurde hier bereits aus dem Ärztestand ausgegliedert (vgl. Konzil von Tours, 1163), der Handwerksberuf des Wundarztes entstand. In Salerno finden sich frühe Tendenzen der Scholastik (Quaestiones salernitanae). Im späten 13. Jahrhundert begann eine landessprachliche Rezeption, so etwa durch Ortolf von Baierland.[20]

Die Schule von Montpellier reicht bis ins Jahr 1137 zurück, ab 1181 konnte jedermann dort unterrichtet werden. Vermutlich geht die Gründung auf christliche Ärzte zurück, die in Salerno ausgebildet worden waren.[22] Ihre höchste Bedeutung hatte die Schule im 14. Jahrhundert, als dort Arnaldus de Villanova, Bernhard von Gordon und Gerhard von Solo wirkten. Guy de Chauliac schuf mit Chirurgia magna ein bedeutendes Werk der Chirurgie, ab spätestens 1366 gab es Sektionen des Menschen. Gibt es für das 14. Jahrhundert noch 244 belegte Absolventen der Schule, so sind es im folgenden Jahrhundert nur noch 133 Mediziner. Im 16. Jahrhundert war Montpellier eine wichtige Pflegestätte des Humanismus.[22]

Chirurgie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Chirurgie#Geschichte

Erst im Hochmittelalter konnte in der westeuropäischen Chirurgie das Niveau der antiken alexandrinischen Schule (vgl. Herophilos von Chalkedon) wieder erreicht werden. Der Chirurg, später Wundarzt, muss im Mittelalter vom gelehrten Physicus bzw. Medicus sowie vom Apotheker differenziert werden.[23]

Im Frühmittelalter wurden Luxationen wieder eingerenkt, Frakturen der Röhrenknochen behandelt sowie Intrusionen bei Schädelverletzungen wieder aufgerichtet und Knochenfragmente entfernt. Auch prothetische Versorgungen von Amputationsstümpfen sind belegt.[23] Überlieferte Schriften sind in vulgärem Latein verfasst und teils pseudo-galenisch. Die Ausbildung war in erster Linie praktisch ausgerichtet, eine Schule gab es nicht.[23]

Im Hochmittelalter war die Chirurgie als Handwerk von Medizin und Pharmazie abgegrenzt, akademisch gebildete Wundärzte wie Ortolf von Baierland oder Thomas Schelling wurden selten und Geistlichen (Klostermedizin) das ärztliche Praktizieren erschwert (Verbot operativer Tätigkeit). Durch die Übersetzungen arabischer Texte und deren Rezeption kam es zu neuer chirurgischer Fachliteratur. So konnten sich auch neue Behandlungsformen verbreiten. In Parma lehrte Roger Frugardi, seine Chirurgie wurde 1180 durch Guido von Arezzo d. J. bearbeitet. Sie wurde in Latein und Landessprache rezipiert und bis in die Neuzeit abgewandelt, u. a. durch Roland von Parma, in Montpellier, in Erfurt und Leipzig.[23] Ab dem 13. Jahrhundert übernahm Bologna die Führung in der Chirurgie. Ugo Borgognoni hatte die Schule 1219 gegründet. Mit Schlafschwämmen wurden Allgemeinnarkosen durchgeführt, eiterlose Wunden mit alkoholischen Verbänden versorgt. Mondino dei Luzzi war vielleicht der Erste, der Sektionen in den Anatomie-Unterricht einband. Seine 1316 veröffentlichte Anathomia war in die sechs Schritte einer Sektion gegliedert.[24] In der Dichtung des Hochmittelalters, so bei Wolfram von Eschenbach, wird die Chirurgie oft thematisiert.[23]

Im Spätmittelalter war die Chirurgie in das Zunftwesen der Städte integriert. Über die schriftliche Erfassung auch neuer Methoden wurde die universitäre Anatomie beeinflusst. Ab 1295 wird Paris durch Lanfrank von Mailand zum Zentrum der Chirurgie. Die Pariser Schule in Bologneser Tradition bringt die Nervennaht nach Lanfrank und die Intubation bei Atemnot nach Guy de Chauliac. Jan Yperman legte 1329 sein Lehrbuch Surgie vor, Thomas Schelling 1343 eine Gesamtdarstellung. In der Schädelchirurgie, bei den Nahttechniken und den Behandlungen von Knochenbrüchen gingen beide weit über ihre Vorlagen hinaus.[23] In der Lombardei und der Romagna wirkten Leonardo de Bertapaglia, Pietro d’Agellata und Giovanni da Vigo.

Die medizinische Versorgung oblag im späten Mittelalter in erster Linie den Wundärzten. Aufgrund von Gebührenordnungen konnte sich auch die untere und mittlere Schicht die Behandlungen bei ihnen leisten. Studierte Ärzte versorgten vorrangig die Oberschicht. Die Wundärzte stellten ihre Arzneien in der Regel selbst her und griffen auf heimische Zutaten zurück. Die unerschwinglichen "Spezereien aus dem Orient" waren schon seit dem Lorscher Arzneibuch im späten 8. Jahrhundert immer wieder kritisiert worden. Die dort propagierte Kostensenkung im Gesundheitswesen war durch die teils als Stadtarzt bzw. Stadtphysicus tätigen Wundärzte nun endlich Realität geworden. Bei komplizierten Arzneimitteln wie dem Theriak griffen aber auch die Wundärzte auf die Apotheker zurück. Zur Ausbildung gehörte üblicherweise die Wanderschaft als Geselle, einige waren auch später noch als fahrende Spezialisten für bspw. Augen oder Zähne tätig.[23] Innere Medizin durften sie nicht betreiben, doch hielten sich zahlreiche Vertreter der Zunft nicht immer so genau daran - sie pfuschten den studierten Ärzten in die Kur.[25]

Übergang zur Neuzeit[Bearbeiten]

Hauptartikel: Medizin der Renaissance

Mit dem Aufkommen des Renaissance-Humanismus wurde der theologische Einfluss auf die Medizin schwächer, lebte aber zum Beispiel in Form der Pestblätter bis in die Inkunabelzeit und danach weiter. Das Wissen über die Pflanzenheilkunde wurde im ersten gedruckten Kräuterbuch in deutscher Sprache, dem Gart der Gesundheit (1485) weitergegeben. Die Väter der Botanik korrigierten und erweiterten dieses Wissen ab dem 16. Jahrhundert. Mit der langsamen Abkehr von der dogmatischen Humoralpathologie entwickelte sich nach und nach die moderne Medizin. Galens Auffassungen vom Fluss des Blutes wurden jedoch erst im 17. Jahrhundert durch William Harvey und Marcello Malpighi und teils gegen erhebliche Widerstände revidiert. Das öffentliche Verbrennen der Bücher von Galen und Avicenna durch Paracelsus hatte unmittelbar keine Auswirkungen. Komplett abgelöst wurde die Humoralpathologie schließlich im 19. Jahrhundert durch die Zellularpathologie.

Literatur[Bearbeiten]

Zu einzelnen Aspekten

  • Donald Campbell: Arabian medicine and its influence on the Middle Ages. London 1926, Neudruck Amsterdam 1974.
  • Konrad Goehl: Avicenna und seine Darstellung der Arzneiwirkungen. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-86888-078-6.
  • Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl: Die Grundzüge der Medizin Avicennas. In: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-8262-1130-8, S. 42–73.
  • Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl, Katharina Englert: Die Pflanzen der Klostermedizin in Darstellung und Anwendung. Mit Pflanzenbildern des Benediktiners Vitus Auslasser (15. Jh.) aus dem Clm 5905 der Bayerischen Staatsbibliothek München (= DWV-Schriften zur Medizingeschichte. Bd. 5). Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2009, ISBN 978-3-86888-007-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ortrun Riha: Mikrokosmos Mensch: Der Naturbegriff in der mittelalterlichen Medizin. In: Peter Dilg (Hrsg.): Natur im Mittelalter: Konzeptionen – Erfahrungen – Wirkungen. Akademie Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-05-003778-4, S. 111–123
  2. Johannes Gottfried Mayer: Die Entstehung der Viersäftelehre in der griechischen Naturphilosophie. In: Mayer, Goehl: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-8262-1130-8, S. 30 ff.
  3. a b c d e f g h i j k l m Kamal Sabri Koltar, Doris Schwarzmann-Schafhauser: Byzantinische Medizin. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007, ISBN 978-3-11-019703-7, S. 224 ff.
  4. Vienna Dioscurides im Memory of the World Register.
  5. Iwan Bloch: Byzantinische Medizin. In: Max Neuburger, Julius Pagel (Hrsg.): Geschichte der Medizin. Jena 1902. Nachdruck Hildesheim 1971, S. 492–588.
  6. Paul Diepgen: Geschichte der Medizin. Berlin 1949. S. 165–174.
  7. Heinrich Steinhagen: Das vierte Buch des Tetrabiblon des byzantinischen Arztes Aetios von Amida. Aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen. Dissertation, Düsseldorf 1938.
  8. Heinrich Haeser: Geschichte christlicher Krankenpflege und Pflegerschaften. Wilhelm Hertz, Berlin 1857. Nachdruck Bad Reichenhall 1955. S. 15 ff. (Digitalisat im Internet Archive)
  9. Eduard Seidler: Geschichte der Pflege des kranken Menschen. Stuttgart 1970. S. 56.
  10. a b c d e f g h i j Friedrun Hau: Arabische Medizin im Mittelalter. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007, ISBN 978-3-11-019703-7, S. 87 ff.
  11. a b c Hans Lauer: Klostermedizin. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007, ISBN 978-3-11-019703-7, S. 758 ff.
  12. Mönchtum im Abendland: Bete und arbeite. In: Brockhaus multimedial premium. 2007.
  13. a b c d e Tobias Niedenthal: Wie die Heilkunst in die Klöster kam. In: Rudolf Walter (Hrsg.): Gesundheit aus Klöstern. Verlag Herder, Freiburg 2013, ISBN 978-3-451-00546-6, S. 6 f.
  14. Lorscher Arzneibuch im Memory of the World.
  15. Andreas Pronay: Cassiodorus Senator. Einführung in die geistlichen und weltlichen Wissenschaften. Hildesheim 2014, S. 5.
  16. Johannes Gottfried Mayer, Bernhard Uehleke und Kilian Saum: Das große Buch der Klosterheilkunde. ZS-Verlag Zabert Sandmann, München 2013, ISBN 978-3-89883-343-1, S. 25.
  17. Ortrun Riha: Ursprung und Behandlung der Krankheiten. Causae et Curae. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2011, ISBN 978-3-87071-248-8, S. 11 f.
  18. Rita Voltmer: Vom getrübten Blick auf die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen: Versuch einer Klärung. Textarchiv TA-2006-12.
  19. Christine Becela-Deller: Die Weinraute (Ruta graveolens L.) als Beispiel für eine Heilpflanze zur Zeit der Schule von Salern (10.–14. Jh.). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 12 (1994), S. 143–152.
  20. a b c Bernhard Haage, Wolfgang Wegner: Schule von Salerno. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007, ISBN 978-3-11-019703-7, S. 1281 f.
  21. Monica H. Green: Who/what is „Trotula“? (PDF) 2008.
  22. a b Bernhard Haage, Wolfgang Wegner: Montpellier. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007, ISBN 978-3-11-019703-7, S. 1006.
  23. a b c d e f g Bernhard Haage, Wolfgang Wegner: Chirurgie. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007, ISBN 978-3-11-019703-7, S. 251.
  24. Rolf-Dieter Hofheinz: Mondino de Liucci. In: Gerabek et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2007. ISBN 978-3-11-019703-7. S. 1004
  25. Oliver Bergmeier: Die sogenannte „niedere Chirurgie“ unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Halle an der Saale in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. (PDF) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2002. S. 6–30.