Mellotron

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Ein Mellotron

Ein Mellotron (aus rechtlichen Gründen später Novatron genannt) ist ein elektromechanisches Tasteninstrument.

Es ist die Urform des Samplers und arbeitet mit 3/8 Zoll breiten, mit drei Spuren bespielten Tonbändern. Jeder Taste ist dazu ein eigener Tonbandstreifen zugeordnet, der beim Druck auf die Taste über einen Tonkopf abgespielt wird. Wird die Taste losgelassen, wird das Tonband über eine Feder schnell in seine Ausgangsposition zurückgezogen.

Produktionsgeschichte[Bearbeiten]

Anfang der 1950er Jahre entwickelte der Amerikaner Harry Chamberlin ein Tasteninstrument, dessen Klangerzeugung auf Tonbändern basierte.

In England übernahmen die Brüder Leslie, Frank und Norman Bradley diese revolutionäre Idee und gründeten die Firma Streetly Electronics, die 1963 das erste, Mellotron Mark I genannte Instrument (35 Tasten Umfang, zwei nebeneinanderliegende Manuale), auf den Markt brachten.

1964 folgte das Mark II mit geringfügigen technischen Verbesserungen. 1965 wurde mit Harry Chamberlin eine Vereinbarung getroffen, dass Streetly Electronics seine Mellotrone nicht auf dem nordamerikanischen Markt (USA, Kanada) vertreiben dürfe. Im Gegenzug beschränkte sich Chamberlin seinerseits auf den US-Markt. 1968 kam mit dem M 300 ein einmanualiges Mellotron mit 52 Tasten Umfang, 1970 schließlich das M 400 als kleinstes und bühnentaugliches Instrument mit nurmehr 35 Tasten Umfang. Um einen weltweiten Vertrieb dieser Mellotrone zu ermöglichen, ging Streetly Electronics 1976 eine Geschäftsverbindung mit der US-amerikanischen Firma Dallas Music ein. Dallas Music musste aber bereits im Folgejahr Konkurs anmelden.

Ab 1977 musste Leslie Bradly seine Instrumente unter dem Namen Novatron verkaufen, da der Produktname Mellotron ebenfalls verkauft worden war und in die Konkursmasse mit einging. 1988 ging auch Streetly Electronics in Konkurs.

2009 nahm die Firma den Betrieb zur Wartung und Reparatur alter Mellotrone wieder auf.

Funktion[Bearbeiten]

Mellotron – Funktionsprinzip bei freier Taste
Mellotron – Funktionsprinzip bei gehaltener Taste

Ein Mellotron (bzw. Novatron) kann auf Magnetband aufgezeichnete Klänge spielbar auf einer Klaviatur wiedergeben. Typische, vom Hersteller auf den „Bandrahmen“ mitgelieferte Klänge waren Flöte, Violinen, Bläser und Chöre. Man konnte aber auch Klangaufzeichnungen nach eigenen Wünschen anfertigen lassen.

Auf jedem Bandstreifen liegen drei Tonspuren nebeneinander, die durch Verschiebung des Tonkopfes ausgewählt werden können. Zwischen den drei Klängen kann daher während des Spielens schnell gewechselt werden. Bei manchen Modellen (Mk I, Mk II, M 300) ist außerdem jedes Tonband in sechs Abschnitte (= Stationen) unterteilt, die über einen Motor angefahren werden können. Insgesamt stehen so pro Band 18 „Instrumente“ (3 Klänge x 6 Stationen) zur Verfügung. Das Mellotron Mk I wie auch das Mk II hatten sogar zwei Tastaturen mit jeweils 35 Tasten, die verschiedene Klänge enthalten konnten. Sie enthielten 1260 Samples (zwei Tastaturen à 35 Tasten bzw. Bänder, sechs Abschnitte pro Band mit je drei Samples).

Um zu gewährleisten, dass der Klangverlauf einer Aufzeichnung (also vom Toneinsatz bis zum Ausklingen) mit jedem Tastendruck wieder erneut exakt von vorn einsetzt, wurden als Bänder keine Endlosschleifen eingesetzt (bis auf einige Ausnahmen von Eigenbaugeräten und dem Birotron), sondern Bandstreifen in einem Rahmen, die beim Loslassen der Taste durch einen ausgeklügelten Feder- und Rollenmechanismus wieder in ihre Ausgangsposition zurückschnappten. Ein Dauerton war somit nicht möglich (maximal ca. acht Sekunden), dafür aber perkussive Klänge, Bläser, Klaviere, Gitarren usw., also die jeweiligen Anblas-, Zupf- und Anschlagcharakteristika der aufgezeichneten Instrumente. Mit einer speziellen Spielweise, dem „Spiderwalk“, bei dem man geschickt, kurz bevor das Band das Ende erreichte, von Taste zu Taste (meist die Oktave) „wanderte“, ließ sich ein scheinbar andauernder Ton simulieren.

Nutzung[Bearbeiten]

Das Mellotron wird immer noch zur Filmvertonung eingesetzt. Dazu wurden vom Hersteller zusammengestellte Geräusche, Klangeffekte und Hintergrundatmosphären auf die dreispurigen Tonbänder aufgenommen.

Durch entsprechende Bedienung der Tastatur lassen sich sogar recht aufwendige Geräuschkulissen in Echtzeit verwirklichen, was beim Synchronisieren sehr von Vorteil ist. Fast alle amerikanischen und englischen Filme der Schwarzweiß-Ära wurden mit dem Mellotron synchronisiert, was man an dem typischen Leiern der immer gleich klingenden Telefonklingel bei Krimis hören kann. Gleichlaufprobleme beim Mellotron sind mehr oder weniger normal, da die Schwungmasse viel zu klein dimensioniert ist. Manche Filmstudios arbeiten heute noch mit dem Mellotron.

Die Verwendung in der Unterhaltungsmusik ist selten gewesen, da das Aufnehmen von Klängen durch das verwendete ungewöhnliche Bandformat nur speziell ausgerüsteten Studios vorbehalten war.

Das Mellotron hat einen charakteristischen warmen, meist etwas melancholischen Klang, der zum Beispiel im Beatles-Song Strawberry Fields Forever zu hören ist. Es ist ein charakteristisches Instrument des Progressive Rock der 1970er Jahre. Zu den bekanntesten Nutzern des Mellotrons in diesem Genre gehören King Crimson, die das Instrument 1968–1974 auf ihren Alben und live gebrauchten, Genesis von 1970 bis 1977 und Yes im gleichen Zeitraum. Weitere nennenswerte Beispiele von Mellotron-Einsätzen sind auf den Stücken Immediate Curtain (1972) von Matching Mole und Fauni Gena (1973) von Tangerine Dream zu hören. Letztere nutzten das Mellotron in beinahe allen ihrer Songs der 1970er Jahre für die charakteristischen Streicher-, Chor- und Flötenklänge, insbesondere auch im Intro des Songs Cherokee Lane (1977). Ansonsten setzten Pink Floyd, Earth & Fire, Elton John, Camel, Pavlov’s Dog, Beggars Opera, Moody Blues (z. B. in Nights in White Satin), die Zombies, Caravan, Klaus Schulze, Barclay James Harvest, Roxy Music, Led Zeppelin (The Rain Song), Orchestral Manoeuvres in the Dark sowie 10cc das Mellotron gelegentlich in ihren Studioproduktionen ein. Der Keyboarder Eddie Jobson, bekannt von U. K. und Roxy Music, präparierte in den frühen 1970er Jahren ein Mellotron mit Sounds von einem Mini-Moog-Synthesizer, um damit polyphone Klänge zu erzielen, die mit der damaligen Technologie noch nicht möglich waren.

Ende der 1970er Jahre wurden die Standardsounds des Mellotrons (Streicher, Chor, Bläser) immer mehr durch elektronische Imitate verdrängt. Gelegentlich findet sich daher die Bezeichnung „Mellotron“ auf LP-Covern für Instrumente wieder, die gar keine sind. Typisch für streicherähnliche Arrangements waren elektronische Streicherkeyboards (z. B. ELKA Rhapsody, Hohner String-Melody und ARP Solina String Ensemble).

In den 1980er Jahren wurde das Mellotron größtenteils von elektronischen Samplern und Synthesizern abgelöst. In den 1990er Jahren wurden digitale Samples der Mellotron-Klänge gerne für Techno-Produktionen eingesetzt. Dennoch wurde das eigentliche Instrument von einigen Bands weiterhin benutzt, so zum Beispiel von Motorpsycho, zu hören auf Timothy’s Monster, den Smashing Pumpkins, vor allem auf deren 1995er Album Mellon Collie & The Infinite Sadness, Monster Magnet auf dem 1995er Album Dopes to Infinity, Porcupine Tree (Mellotron Scratch, 2005) und Opeth (Damnation, 2003).

Nachteile[Bearbeiten]

Die Nutzung des Mellotrons war mit einigen Nachteilen verbunden. Die komplizierte Mechanik, speziell bei den Mk I-, Mk II- und M 300-Modellen, war störanfällig, während das „kleinere“ M 400 nur gelegentlich gewartet werden musste (Tonkopf-, Bänder- und Mechanikreinigung). Aufgrund der kurzen Bänder konnten Töne höchstens acht Sekunden lang gehalten werden. Eine Entwicklung aus den späten 1970er Jahren, das Birotron, versuchte dieses Problem mithilfe von Endlosbändern (8-Spur-Kassetten) zu umgehen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Die meisten Mellotrone waren für Konzerte wegen Größe und Gewicht kaum geeignet (Mk I und II 159 kg, M 300 113 kg, M 400 55 kg).

Außerdem sprachen finanzielle Aspekte gegen die Nutzung des Mellotrons. Es war in der Anschaffung sehr teuer, da es nur in sehr geringen Stückzahlen (ca. 2500 Stück) produziert wurde. Daher greifen Bands heute fast nie auf das originale Mellotron zurück.

Modelltypen[Bearbeiten]

  • Mark I – 1963, zwei nebeneinander liegende Manuale mit jeweils 35 Tasten Umfang, Mahagoni-Furnier, 55 Stück produziert
  • Mark II – 1964, wie Mark I, aber mit technischen Verbesserungen, über 300 Stück produziert
  • FX Console – 1965, wie Mark II, aber speziell für Soundeffekte, 60 Stück produziert
  • M 300 – 1968, einmanualig, 52 Tasten Umfang, weiß, über 60 Stück produziert
  • M 400 – 1970, einmanualig, 35 Tasten Umfang, weiß, über 1.800 Stück produziert, „das“ Bühnenmellotron
  • M 400 FX – 1970, wie M 400, aber speziell für Soundeffekte
  • Mark V – 1975, doppelmanualiges M 400, 28 Stück produziert
  • Novatron 400 SM – 1977, wie M 400, nur neuer Name (siehe Produktionsgeschichte), weiß oder schwarz
  • Novatron Mark V – 1977, wie Mellotron Mark V, nur neuer Name (siehe Produktionsgeschichte), 2 Stück produziert (Paul McCartney und Patrick Moraz)
  • T 550 – 1981, Flightcase-Version des 400 SM, 3 Stück produziert

Alternativen[Bearbeiten]

Inzwischen gibt es verschiedene Software-Emulationen vom Mellotron, die dem Klangbild der Originale sehr nahe kommen (als VST-Plugins, wie z. B. M-Tron Pro, Mellowsound, Nanotron, Tapeworm, Redtron, SoniVox oder einer RackExtension für Reason namens Re-Tron). Als Hardware-Alternative ohne Ersatzteilprobleme und Bandsalat entwickelte die kleine Berliner Firma Manikin Elektronics (Thorsten Feuerherdt & Markus Horn GbR) 2005/2006 das Memotron; 2010 wurde erstmals das Digital Mellotron von Markus Resch vorgestellt. Äußerlich ähneln beide sehr dem Original; technisch ist das Memotron von Manikin ein Preset-Sampler mit CD-Rom-Laufwerk, CompactFlash-Karten-Speicherung, einem Stereo-Effektprozessor und MIDI. Eine große, sorgsam (von fast 50 Mellotronen) erstellte Klangbibliothek bietet die komplette Mellotronlibrary und weitere verwandte Klänge in originaler Qualität.

Der Instrumentenhersteller Clavia hat mit seinem 2007 erschienenen Nordwave-Synthesizer die originalen Mellotron-Klänge (gekürzt und geloopt) integriert, die auf der Clavia-Website zum Herunterladen abrufbar sind.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mellotrons – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien