Menschliche Geschlechtsunterschiede

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Frau und Mann mit unterschiedlich ausgeprägten Körperproportionen, Körperbehaarung und Geschlechtsorganen.

Als menschliche Geschlechtsunterschiede werden all jene Unterschiede in der Anatomie, der Psyche und im Sozialverhalten zwischen Menschen bezeichnet, die auf deren Zugehörigkeit zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zurückgeführt werden.

Einteilung

Es wird unterschieden zwischen primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen. Primäre Geschlechtsmerkmale sind beim Mann Penis, Hoden, Nebenhoden und Samenwege, bei der Frau Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter und Vagina. Diese Merkmale sind bereits bei der Geburt ausgebildet. Die sekundären Geschlechtsmerkmale bilden sich in der Pubertät durch die Einwirkung von Hormonen. Dazu gehört beim Mann Bartwuchs, bei der Frau die Brust. Als tertiäre Geschlechtsmerkmale bezeichnet man den jeweiligen Körperbau, z. B. Körpergröße und Beckenform, sowie geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Gefühle (Psyche).[1]

Anatomie

Reproduktive Kapazität

Die Eierstöcke produzieren pro Monat etwa eine Eizelle, die sich zusammen mit einem Spermium zu einem Embryo entwickeln kann. Die Hoden produzieren pro Monat mehrere Milliarden Spermien, die sich jeweils zusammen mit einer Eizelle zu einem Embryo entwickeln können. Dies bedeutet, dass ein Mann in seinem Leben eine weitaus größere Zahl von Kindern zeugen als eine Frau bekommen kann. Im Durchschnitt haben Frauen und Männer die gleiche Anzahl an Kindern, da jedes Kind immer eine Mutter und einen Vater hat. Die Varianz ist jedoch weitaus höher bei Männern. Männer tendieren diesbezüglich dazu, durch die Zahl der Kopulationen beschränkt zu sein, Frauen durch ihre Fruchtbarkeit.[2]

Mulai Ismail zeugte über 850 Kinder; noch zu Lebzeiten hatte er bereits 700 männliche Nachkommen.[2] Die Frau mit den meisten Kindern war zeitgenössischen Quellen zufolge die russische Bäuerin Valentina Vassilyev (18. Jahrhundert). Aus 27 Schwangerschaften resultierten 69 Kinder.[3]

Die Fruchtbarkeit von Frauen nimmt ab dem Alter von etwa 30 Jahren ab und endet mit der Menopause. Männer sind länger fruchtbar. Die älteste Mutter, María del Carmen Bousada, war zum Zeitpunkt der Geburt 67, der älteste Vater 93 Jahre alt.[4]

Haut- und Augenfarbe

Frauen in allen bisher untersuchten menschlichen Populationen haben im Durchschnitt eine hellere Hautfarbe als Männer.[5] Die Helligkeit korreliert bei Frauen (nicht bei Männern) positiv mit dem pränatalen Östrogenspiegel.[6]

Einer in Island und den Niederlanden durchgeführten Studie zufolge kommt die Augenfarbe grün mehr als doppelt so häufig bei Frauen wie bei Männern vor, auch Sommersprossen sind deutlich häufiger.[6]

Gehirn

Das menschliche Gehirn ist statistisch gesehen deutlich sexualdimorph. Das männliche Gehirn ist im Durchschnitt 11 % schwerer und dieser Unterschied bleibt signifikant, wenn die Körpergröße konstant gehalten wird. Die Größe einzelner Hirnareale im Verhältnis zur Gesamtgröße unterscheidet sich ebenfalls. Beispielsweise sind die Frontallappen bei Frauen größer, die Amygdala und der Hypothalamus bei Männern.[7]

Auch bei Hirnarealen, die für kognitive Funktionen zuständig sind, gibt es Geschlechtsunterschiede. Frauen haben im Mittel ein relativ größeres Sprachzentrum und Forschungsergebnisse suggerieren, dass diese anatomischen Merkmale mit höheren Sprachfertigkeiten von Frauen korrelieren.[7]

Der signifikanteste Sexualdimorphismus des menschlichen Gehirns scheint die Lateralisation des Gehirns zu sein. Bei Männern sind die beiden Hemisphären im Bezug auf Sprache und Raumvorstellung tendenziell asymmetrischer organisiert als bei Frauen, was für einige Unterschiede in kognitiven Funktionen sorgen könnte. So haben Schäden an einer Hemisphäre bei Frauen manchmal geringere Effekte als bei Männern.[7]

Die unterschiedliche Hirnentwicklung beginnt sehr früh im Leben, wofür wahrscheinlich sowohl Sexualhormone als auch genetische Signale verantwortlich sind.[7]

Physische Leistungsfähigkeit

Frauen besitzen im Durchschnitt etwa zwei Drittel der physischen Leistungsfähigkeit von Männern[8][9][10] und haben im Durchschnitt 55 % der Muskelkraft und 67 % der Ausdauerleistungsfähigkeit von Männern. Die besten 20 % der Frauen haben dieselbe körperliche Leistungsfähigkeit wie die schlechtesten 20 % der durchschnittlichen männlichen Bevölkerung.[11]

In Deutschland haben Arbeitgeber im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung über die Lastenhandhabungsverordnung durch geeignete Messwerkzeuge, etwa die Leitmerkmalmethode, auf diese geschlechtsspezifischen Unterschiede Rücksicht zu nehmen. International sind die Unterschiede durch die ISO 11228 (Ergonomie – Manuelles Handhaben von Lasten) zum Heben, Halten, Tragen, Ziehen und Schieben von Lasten normiert. Europäische Norm ist die EN 1005 (Sicherheit von Maschinen – Menschliche körperliche Leistung).[12][13][14][15][16]

Unterschiede im Sport

Männer sind in allen Sportarten erfolgreicher als ihre weiblichen Kollegen. Frauen sind in der Regel kleiner und leichter als Männer, ihr Herz, ihre Atemwege und Lungen sind relativ kleiner, die Herzfrequenz relativ höher, die Blutmenge und der Wert des Sauerstofftransporteurs Hämoglobin sind relativ geringer.[17]

Sportwissenschaftler haben die Leistungen in vielen Sportarten verglichen. Ergebnis: Männer sind im Schnitt 15 bis 20 Prozent besser. Dieser Effekt ist umso stärker, je mehr es auf Kraft ankommt.[18]

Die besten Männer springen etwa 15 bis 18 % höher/weiter als die besten Frauen.
Männer werfen weiter als Frauen. Der Unterschied zwischen den Rekorden im Speerwurf liegt bei etwa 27 %.
Die besten Frauen heben etwa 26 bis 28 % weniger als ihre männlichen Kollegen.
Der Rekord im Kreuzheben ist bei den Männern fast 42 % höher als bei den Frauen.
Sportart Disziplin Rekord Unter­schied
Werfen Diskuswurf [19] 74,08 m (2 kg) Blue Mars symbol.svg kein Vergleich möglich:
versch. Wurfgewichte
76,80 m (1 kg) Symbol venus.svg
Eisschnelllauf Eisschnelllauf [20] 9,40 s Blue Mars symbol.svg 9 %
10,21 s Symbol venus.svg
Laufen Marathonlauf [21] 2:02:57 h Blue Mars symbol.svg 9 %
2:15:25 h Symbol venus.svg
Laufen 100-Meter-Lauf [22] 9,58 s Blue Mars symbol.svg 10 %
10,49 s Symbol venus.svg
Laufen 400-Meter-Lauf 43,18 s Blue Mars symbol.svg 10 %
47,60 s Symbol venus.svg
Laufen 1500-Meter-Lauf 3:26,00 min Blue Mars symbol.svg 12 %
3:50,07 min Symbol venus.svg
Schwimmen 50 m Brust[23] 26,42 s Blue Mars symbol.svg 12 %
29,48 s Symbol venus.svg
Schwimmen 50 m Rücken 24,04 s Blue Mars symbol.svg 13 %
27,06 s Symbol venus.svg
Schwimmen 50 m Freistil 20,91 s Blue Mars symbol.svg 14 %
23,73 s Symbol venus.svg
Springen Hochsprung [24] 2,45 m Blue Mars symbol.svg 15 %
2,09 m Symbol venus.svg
Springen Weitsprung 8,95 m Blue Mars symbol.svg 16 %
7,52 m Symbol venus.svg
Springen Stabhochsprung 6,16 m Blue Mars symbol.svg 18 %
5,06 m Symbol venus.svg
Gewichtheben Zweikampf [25] 472 kg Blue Mars symbol.svg 26 %
348 kg Symbol venus.svg
Werfen Speerwurf [26] 98,48 m Blue Mars symbol.svg 27 %
72,28 m Symbol venus.svg
Gewichtheben Stoßen 263 kg Blue Mars symbol.svg 27 %
193 kg Symbol venus.svg
Gewichtheben Reißen 214 kg Blue Mars symbol.svg 28 %
155 kg Symbol venus.svg
Bankdrücken Bankdrücken Raw [27] [28] 327,5 kg Blue Mars symbol.svg 39 %
199,5 kg Symbol venus.svg
Kreuzheben Kreuzheben Raw [29] [30] 462 kg Blue Mars symbol.svg 42 %
267 kg Symbol venus.svg
Klimmzüge Klimmzüge in 12h [31] 4654 Blue Mars symbol.svg 62 %
1760 Symbol venus.svg

Biologisch beeinflusste Verhaltens- und Persönlichkeitsunterschiede

Die Geschlechtsunterschiede beim Menschen gehen weit über anatomische Merkmale hinaus und finden sich in vielen Aspekten der Kognition, des Verhaltens und Störungen desselben wieder. Die historische Perspektive des Mannes als Jäger und Sammler, konkurrierend mit anderen Männern um Nahrung, Ressourcen und Frauen und mit geringen Investitionen in die Erziehung der Kinder, ist konsistent mit der Entwicklung von speziell männlichen Eigenschaften wie Aggression, Konkurrenz und Raumvorstellung. Bei Frauen standen wahrscheinlich Kindererziehung und die Fähigkeit, in einer kooperativen Gemeinschaft zu überleben, im Vordergrund, was die Herausbildung von kommunikativen und sozialen Fähigkeiten beförderte. Trotz des kürzlich eingetretenen kulturellen Wandels der Geschlechterrollen wird die Evolution des Menschen auch in Zukunft Verhalten beeinflussen.[7]

Diese Unterschiede zeigen sich auch in Geschlechtsunterschieden bei der Partnerwahl und sexuellen Mentalitäten. Männer sind generellen Beobachtungen zufolge oberflächlicher, primär von Schönheit und Jugend angezogen und sexuell opportunistisch, während Frauen von Reichtum und Status angezogen werden. Das evolutionäre Interesse der Männer, eine maximale Reproduktionsrate mit fruchtbaren Frauen zu erreichen, und das der Frauen, Partner mit guten Ressourcen und besten Genen für erfolgreichen Nachwuchs auszuwählen, helfen, diese unterschiedlichen Prioritäten zu erklären.[7] In einer vielzitierten Studie (1989) wurden über 10.000 Individuen aus 33 Ländern auf sechs Kontinenten und fünf Inseln bezüglich geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Bevorzugung von Eigenschaften bei potenziellen Partnern untersucht. Die Studie konzentrierte sich auf die Eigenschaften Erwerbspotenzial, Ehrgeiz/Fleiß, Jugendlichkeit, physische Attraktivität und Keuschheit. Frauen schätzten das signalisierte Erwerbspotenzial bei potenziellen Partnern mehr als Männer. Signale der Fruchtbarkeit bei potenziellen Partnern wurden von Männern höher geschätzt als von Frauen. Diese Unterschiede deuten auf geschlechtsspezifische evolutionäre Strategien hin.[32]

Der unterschiedliche Selektionsdruck führte zu geschlechtsspezifischen Entwicklungen der Geschlechtschromosomen, die das Verhalten direkt (über Gene) und indirekt (über Hormone) beeinflussen.[7]

Sexualhormone

Der traditionellen Sicht zufolge sind Hormone die einzigen biologischen Ursachen für Verhaltens- und Kognitionsunterschiede zwischen Mann und Frau. Viele der frühen Studien wurden an Mäusen durchgeführt. Testosteron beeinflusst die geschlechtsspezifische Hirnentwicklung sowie Verhalten und Funktionen. Der Hauptmechanismus der Entwicklungsunterschiede scheint der programmierte Zelltod zu sein. Androgene behindern auch die Entwicklung typisch weiblichen Verhaltens. Beispielsweise besteigen männliche Mäuse mit Androgenmangel seltener weibliche Mäuse und sind rezeptiver für die Besteigung durch andere Männchen. Dabei besteht kein einfacher Zusammenhang zwischen Hormonmenge und Verhaltensausprägung; der Zeitpunkt der Hormonausschüttung, die Empfindlichkeit für Hormone und modifizierende Umweltfaktoren können Verhaltensvariationen erklären. Sexualhormone wirken sich auch auf Aggression und Kognition aus. Beispielsweise verhalten sich Mäuse und Primaten aggressiver, wenn sie höheren Androgenspiegeln ausgesetzt sind. Weibliche Ratten lernen räumliche Aufgaben schneller als kastrierte Männchen, wenn sie während ihrer Entwicklung Androgenen ausgesetzt sind.[7]

Wenn menschliche, weibliche Embryonen während der Schwangerschaft verstärkt männlichen Hormonen ausgesetzt wurden (z. B. durch Einnahme von Diethylstilbestrol durch die Mutter, oder durch das Adrenogenitale Syndrom (CAH)), neigen sie als Menschen später zu mehr Aggressivität, verbessertem räumlichen Denken, typisch männlichem Spielverhalten und Sexualpräferenzen. Der ursächliche Anteil der Erziehung am Ausmaß dieses Verhaltens bei CAH-Mädchen ist umstritten, da sich das Erziehungsverhalten als Reaktion auf die männlich anmutenden Genitalien ändern könnte.[7]

Mädchen von getrenntgeschlechtlichen Zwillingspaaren wurden als Embryonen in der Gebärmutter höheren Dosen von Androgenen ausgesetzt und zeigten in einigen Studien überdurchschnittlich typisch männliches Verhalten wie verbesserte Raumvorstellung und Sensationslust. Andere Studien konnten diese Effekte nicht replizieren.[7]

Die Hormonveränderungen während der Pubertät bewirken geschlechtsspezifische Unterschiede in der Häufigkeit von Stimmungsstörungen, wovon Mädchen doppelt so häufig wie Jungen betroffen sind.[7]

Geschlechtschromosomen

Die zahlreichen Hinweise auf die wichtige Rolle der Hormone bei Geschlechtsunterschieden bedeuten nicht, dass es keine anderen biologischen Ursachen für Geschlechtsunterschiede gibt. Einige sexuelle Differenzierungen können nicht auf Hormone zurückgeführt werden, sondern auf genetische Unterschiede.[7]

Das X-Chromosom enthält ein Gen für Soziale Kognition. Mädchen mit dem X0 Turner-Syndrom, die das X-Chromosom vom Vater erhalten haben, erzielten signifikant höhere Ergebnisse bei Tests als Mädchen mit der Krankheit, bei denen das X-Chromosom von der Mutter stammt. Normale Jungen haben schlechtere soziale Kognition als normale Mädchen. Dies suggeriert die Existenz eines Gens, das die sozialen kognitiven Fähigkeiten erhöht, aber in Jungen nicht exprimiert wird. Das X-Chromosom wurde in Studien zudem (teilweise kontrovers) mit Homosexualität, Affektstörungen, allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, Asozialität und geistiger Behinderung in Verbindung gebracht.[7]

Kognitive Fähigkeiten

Zwischen Frauen und Männern bestehen signifikante Unterschiede bei einzelnen intellektuellen Fähigkeiten, die sich jedoch anscheinend nicht auf Unterschiede des Allgemeinen Faktors der Intelligenz (g) zurückführen lassen. Die unterschiedlichen Fähigkeiten variieren mit dem Alter und auch mit dem Hormonspiegel. So zeigen Frauen in der Phase des Menstruationszyklus mit niedrigem Östrogenspiegel erhöhte Raumvorstellung und in der Phase mit hohem Östrogenspiegel erhöhte Motorik. Frauen, die Östrogene im Rahmen einer Hormonersatztherapie erhalten, weisen ein besseres Spracherinnerungsvermögen auf, wenngleich es hierzu auch gegensätzliche Ergebnisse gibt. Es ist jedoch relativ unstrittig, dass die Heritabilität von g etwa 50 % beträgt. Die Heritabilität („Vererbbarkeit“) steigt von etwa 20 % im Kindesalter auf 40 % im Erwachsenenalter und 60 % im späteren Leben. Die Heritabilität unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern: Insbesondere die Heritabilität des Sprechvermögens ist bei Mädchen höher als bei Jungen. Auf dem X-Chromosom befinden sich potenzielle Quantitative Trait Loci für g und ein Überschuss an Genen, die mit geistigen Behinderungen assoziiert sind. Daher sind als Resultat von Geschlechtsunterschieden bei der Genexpression von auf dem X-Chromosom befindlichen Genen verhaltensrelevante Effekte zu erwarten.[7]

Aggressivität

Antisoziales Verhalten tritt bei Männern häufiger auf als bei Frauen. Die Prävalenz von antisozialer Persönlichkeitsstörung in der Allgemeinbevölkerung liegt bei ca. 3 % für Männer und ca. 1 % für Frauen.[33][34] Jungen tendieren eher zu externalisierenden Störungen und Symptomen wie aggressivem und delinquentem Verhalten, während Mädchen eher an internalisierenden Problemen und depressiv ängstlichen Symptomen leiden.[35][36] In jeder Altersklasse werden mehr Männer als Frauen mit Verhaltensstörungen diagnostiziert. Männliche Menschen sind zudem in jeder Altersklasse physisch und verbal aggressiver als weibliche und begehen mehr Straftaten.[37] So waren in Deutschland laut polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2011 86,9 % der Tatverdächtigen in der Straftatengruppe „Mord und Totschlag“ männlich, in der Kategorie „Raubdelikte“ waren es 90,4 %.[38]

Lebenslanges persistentes antisoziales Verhalten wie Aggressivität tritt bei Männern ungefähr 10 bis 14 Mal häufiger auf als bei Frauen. Als Erklärung haben einige Forscher die unterschiedliche Konzentration von Testosteron bei Frauen und Männern vorgeschlagen.[39]

Forschungsergebnisse zeigen für Männer eine höhere Heritabilität von Aggression als für Frauen, wenngleich die Bestimmung eines definitiven Werts der Heritabilität schwierig ist. Der erste Hinweis auf eine Verbindung zwischen spezifischen Genloci (MAO-Gene) und Aggressivität wurde bei Tierversuchen gefunden. Die MAOA-Gene wurden später in bei Jungen in Verbindung mit asozialem Verhalten gebracht: Jungen, die wenig MAO-A exprimierten und zudem misshandelt wurden, tendierten später deutlich mehr zu asozialem und gewalttätigem Verhalten als Jungen mit höherer MAOA-Exprimierung (unabhängig davon, ob letztere misshandelt wurden oder nicht).[7]

Persönlichkeitsmerkmale und Interessen

Geschlechterdifferenz durch unterschiedliche Interessen beim Nachrichtenkonsum[40]

Eine Analyse zweier Meta-Analysen und dreier interkultureller Studien zeigte, dass die Persönlichkeitsunterschiede entlang der Big Five zwischen Männern und Frauen klein bis mittel sind. Die größten Unterschiede bestünden bezüglich Verträglichkeit und Neurotizismus, die beide bei Frauen im Durchschnitt stärker ausgeprägt seien als bei Männern. Frauen seien zudem stärker an Menschen und weniger an Dingen interessiert als Männer.

Die Persönlichkeitsunterschiede seien in geschlechtsegalitären Gesellschaften tendenziell größer als in weniger geschlechtsegalitären Gesellschaften, was als Widerspruch zur Rollentheorie und als Übereinstimmung mit evolutionären Theorien sowie der Theorie des sozialen Vergleichs gedeutet werden könne. Die Interessenunterschiede seien konsistent über Zeit und verschiedene Kulturen, was auf biologische Einflüsse hindeute.[41]

Kulturelle Erklärungsansätze

Hauptartikel: Gender

Eine Theorie geht davon aus, dass sich Verhaltens- und Persönlichkeitsunterschiede nicht aus dem biologischen Geschlecht ergeben würden, sondern aus den sozialen Bedingungen, Strukturen und Normen, an welche sich Männer und Frauen anpassen. Die Geschlechter seien nach der Theorie soziale Konstrukte, einige Unterschiede wie anatomische Unterschiede (Körpergröße) und weibliche Gebärfähigkeit seien dennoch nicht kulturell, sondern biologisch bedingt. Das stärkere Auftreten von Aggression bei Männern wird in diesem Ansatz als Folge von Rollenerwartungen gesehen. Der Durchschnitt der Männer besetzte und besetzt kulturell bedingt Rollen mit größerer Macht und höherem Status als der Durchschnitt der Frauen. Dies habe dazu geführt, dass aggressives, dominantes Verhalten als Ausdruck von Macht als typisch männlich angesehen werde. Die Verinnerlichung dieser Rollenerwartungen würde zu der höheren Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Aggressivität von Männern im Vergleich zu Frauen führen.[42] „Die neueren, im Umkreis der feministischen Philosophie geführten Debatten haben darüber aufgeklärt, was es bedeutet, diesen Begriff so zu gebrauchen, als eigne ihm ein veritabler Gegenstandsbezug: die Kategorie vermeintlich ontologischen Zuschnitts fungiert in Wahrheit als ideologisches Konstrukt.“[43]

Soziologie

Kriminalität

Täter

Männer begehen deutlich mehr Verbrechen als Frauen. Es gibt keine bekannte Gesellschaft, in der der Anteil der Frauenkriminalität höher ist als der der Männerkriminalität. 2006 waren etwa 4,3 % der weltweiten Gefängnisinsassen weiblich.[44] 74,3 % der 2014 ermittelten Tatverdächtigen in Deutschland waren männlich.[45] Speziell bei schwerwiegenden Delikten, bei Organisierter und Gangkriminalität ist der Anteil der Männer nochmal deutlich höher. Während in Österreich etwa 20 % der ermittelten Tatverdächtigen weiblich sind, beträgt ihr Anteil an Personen, die eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen, lediglich 4 %.[46][47]

Ein männliches Phänomen: Bandenkriminalität

Opfer

Die Geschlechterverteilung der Opfer von Verbrechen sind je nach Delikt sehr unterschiedlich, jedoch haben Männer in Deutschland ein höheres Risiko (59,0 %) einem Verbrechen zum Opfer zu fallen als Frauen (41,0 %).

Verbrechen Land Männer Frauen Daten
Tötungsdelikte Weltweit 78,7 % 21,3 % Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung [48]
Mord und Totschlag Deutschland 52,7 % 47,3 % 2011 Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung
Mord und Totschlag Österreich 59,8 % 40,2 % 2010 Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung
Straftaten gg. die sex. Selbstbestimmung Deutschland 7,0 % 93,0 % 2014 Polizeiliche Kriminalstatistik [49]
Tötungsdelikte im Gangmilieu USA 94,6 % 5,4 % U.S. Department of Justice [50]
Tötungsdelikte im Drogenmilieu USA 90,5 % 9,5 % U.S. Department of Justice
Tötungsdelikte Honduras 93,2 % 6,8 % 2010 Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung
Tötungsdelikte Japan 47,1 % 52,9 % 2012 Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung

Bildung

Global gesehen haben Männer eine höhere Alphabetisierungsrate als Frauen. In einigen Gebieten ist es Mädchen verboten, in die Schule zu gehen, so kämpfen beispielsweise die radikal-islamischen Taliban mit Gewalt gegen schulische Bildung der weiblichen Bevölkerung. Weltweit kommen auf 100 Männer, die Lesen und Schreiben können, 88 Frauen. In einigen Ländern ist diese Abweichung noch größer, in Bangladesch beispielsweise kommen nur 62 Frauen auf 100 Männer.[51] In entwickelten Ländern ist die Lese- und Schreibfähigkeit der Mädchen oft besser als die der Jungen, diese sind dafür etwas besser in Mathematik.[52][53]

In einigen Ländern gibt es mittlerweile mehr weibliche Studienabsolventen als männliche. In Deutschland waren 2014 50,1 % der Studienanfänger und 50,5 % der Absolventen Frauen.[54]

Führungsrolle

In den meisten Ebenen der Gesellschaft dominieren Männer in Führungspositionen, egal ob in der Politik, der Wirtschaft oder in anderen Hierarchien.

18 von 193 (9,3 %) Staaten hatten September 2015 ein weibliches Staatsoberhaupt oder/und einen weiblichen Regierungschef im Amt. 9,2 % (2014) der deutschen und 5,9 % (2015) der österreichischen Bürgermeister sind weiblich.[55][56] 41 % der Befragten gaben bei einer Studie der Marktforschungsgesellschaft GfK an, lieber einen Mann als Chef zu haben, 49 % war das Geschlecht des Vorgesetzten gleichgültig.

Land Aktienindex Anzahl gelisteter Unternehmen Unternehmen mit mind. einer Frau im Vorstand Unternehmen mit mind. zwei Frauen im Vorstand Unternehmen mit weiblichem CEO
Deutschland [57] DAX, MDAX, SDAX, TecDAX 160 21 % 3 % 0,63 %
Österreich [58] Wiener Börse Index 69 13 % 0 % 2,9 %

Wohlstand

Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer. Nach einer Veröffentlichung der Generaldirektion Justiz der Europäischen Kommission von 2014 verdienen in den EU-Ländern Frauen im Durchschnitt pro Arbeitsstunde 16 % weniger als Männer. In den einzelnen Ländern ist der Gender Pay Gap unterschiedlich stark ausgeprägt. Deutschland gehört mit Österreich zu den Ländern, in denen der geschlechtsspezifische Verdienstunterschied am höchsten ist.[59] Unter den Dollar-Milliardären der Welt befanden sich 2014 1645 Männer und 172 Frauen[60], wovon die meisten ihr Vermögen geerbt haben: 2010 hatten von 89 Frauen nur 14 (~15,8 %) ihren Reichtum selbst erwirtschaftet, während 665 von 922 Männer Selfmade-Milliardäre waren (~72 %).[61]

Literatur

  • Lee Ellis, Scott Hershberger, Evelyn Field, Scott Wersinger, Sergio Pellis, David Geary, Craig Palmer, Katherine Hoyenga, Amir Hetsroni, Kazmer Karadi: Sex Differences Summarizing More than a Century of Scientific Research. Psychology Press, 2008, ISBN 978-0-8058-5959-1.
  • David C. Geary: Male, Female. The Evolution of Human Sex Differences. American Psychological Association, 2009, ISBN 978-1-4338-0682-7.
  • Diane F. Halpern: Sex Differences in Cognitive Abilities. Lawrence Erlbaum Assoc Inc, 2000, ISBN 0-8058-2791-9.
  • Ulf Steinberg, H.-J. Windberg: Heben und Tragen ohne Schaden. Hrsg.: BAuA. 6. unveränderte Auflage. Dortmund 2011, ISBN 978-3-88261-594-4 (PDF; 577 kB [abgerufen am 26. Mai 2013] PDF; 577 kB).
  • Ulf Steinberg, Gustav Caffier, Falk Liebers, Sylvia Behrendt: Ziehen und Schieben ohne Schaden. Hrsg.: BAuA. 4. unveränderte Auflage. Dortmund 2008, ISBN 978-3-88261-595-1 (PDF; 638 kB [abgerufen am 26. Mai 2013] PDF; 638 kB).
  • U. Steinberg, F. Liebers, A. Klußmann, Hj. Gebhardt, M. A. Rieger, S. Behrendt, U. Latza: Leitmerkmalmethode Manuelle Arbeitsprozesse 2011. Bericht über die Erprobung, Validierung und Revision. Hrsg.: BAuA. 1. Auflage. Dortmund/Berlin/Dresden 2012, ISBN 978-3-88261-722-1 (PDF; 6,6 MB [abgerufen am 26. Mai 2013] PDF; 6,6 MB).

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Clauss, Cornelia Clauss: Humanbiologie kompakt. Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8274-1899-9, S. 348.
  2. a b Chapter 10: Sexual Selection. BIOL 271 – Evolution. Department of Biology, University of Vermont. (PDF; 350 kB)
  3. Marie M. Clay: Quadruplets and Higher Multiple Births. Cambridge University Press, 1991, ISBN 0-521-41223-4.
  4. At 66, Record-Breaking Mom Is 'More Than Happy'. Daily News Central, 18. Januar 2005.
  5. Nina G. Jablonski, George Chaplin: The evolution of human skin coloration. In: Journal of Human Evolution. Vol. 39, Nr. 1, 2000, S. 57–106, doi:10.1006/jhev.2000.0403 (PDF; 3 MB [abgerufen am 5. Juni 2013] PDF; 3,2 MB).
  6. a b Patrick Sulem et al: Genetic determinants of hair, eye and skin pigmentation in Europeans. In: Nature Genetics. Vol. 39, 2007, S. 1443–1452, doi:10.1038/ng.2007.13.
  7. a b c d e f g h i j k l m n o Ian W. Craig, Emma Harper, Caroline S. Loat: The Genetic Basis for Sex Differences in Human Behaviour: Role of the Sex Chromosomes. In: Annals of Human Genetics. Vol. 68, Nr. 3, 2004, S. 269–284, doi:10.1046/j.1529-8817.2004.00098.x.
  8. Leitmerkmalmethode für Aktivitäten wie Ziehen, Schieben. EU-OSHA, abgerufen am 6. November 2013.
  9. Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (Hrsg.): Handlungsanleitung zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen beim Ziehen und Schieben von Lasten. LV 29. Saarbrücken 2002, ISBN 3-936415-25-0, S. 21 (PDF; 1,7 MB [abgerufen am 8. Dezember 2015]).
  10. Josef Kerschhagl: Grundlagen – manuelle Lasthandhabung. Hrsg.: Zentral-Arbeitsinspektorat. Wien 24. Juli 2001, S. 11 (PDF; 696 kB [abgerufen am 25. Mai 2013]).
  11. „Women on average possess 55 per cent of the muscle strength and 67 per cent of the endurance of men. The average 20-to-30 year-old woman has the same aerobic capacity as a 50 year-old man. (...) The top 20 per cent of women are at a physical performance level comparable to the bottom 20 per cent of the average male population“ aus: Helena Carreiras u.a. (Hrsg.): Women in the Military and in Armed Conflict, Verlag für Sozialwissenschaften, 1. Auflage, Wiesbaden 2008, S. 10
  12. Lastenhandhabung. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 23. Oktober 2015, abgerufen am 15. Dezember 2015.
  13. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (Hrsg.): Handlungsanleitung für die arbeitsmedizinische Vorsorge. Juli 2009 (PDF; 705 kB [abgerufen am 2. April 2013] BGI/GUV-I 504-46).
  14. Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (Hrsg.): Manuelle Lasthandhabung Heben, Halten, Tragen. Wien Oktober 2009 (PDF; 590 KB [abgerufen am 2. April 2013]).
  15. Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (Hrsg.): Manuelle Lastenhandhabung – Heben, Halten, Tragen, Ziehen, Schieben. Verlag Technik & Information e.K., Bochum 2010, ISBN 978-3-941441-57-6 (PDF; 750 kB (Webarchiv) [abgerufen am 8. Dezember 2015]).
  16. WorkSaveNB (Hrsg.): Ergonomics Guidelines for Manual Handling. 2. Auflage. 2010 (englisch, PDF; 1,5 MB [abgerufen am 2. April 2013]).
  17. http://www.medizinpopulaer.at/archiv/bewegung-fitness/details/article/maennersport-frauensport.html
  18. http://www.tz.de/sport/fussball/frauen-maenner-fussball-gross-unterschied-wirklich-1296331.html
  19. Diskuswurf
  20. Liste der Eisschnelllaufweltrekorde
  21. Leichtathletik-Weltrekorde
  22. Leichtathletik-Weltrekorde
  23. Liste der Schwimmweltrekorde
  24. Leichtathletik-Weltrekorde
  25. Liste der Weltrekorde im Gewichtheben
  26. Leichtathletik-Weltrekorde
  27. Progression of the bench press world record (engl. WP)
  28. http://www.powerliftingwatch.com/records/raw/women-world
  29. Kreuzheben
  30. http://www.powerliftingwatch.com/records/raw/women-world
  31. http://www.recordholders.org/de/list/chinups.html
  32. David M. Buss: Sex differences in human mate preferences: Evolutionary hypotheses tested in 37 cultures. In: Behavioral and Brain Sciences. Vol. 12, Nr. 1, 1989, S. 1–14, doi:10.1017/S0140525X00023992.
  33. Hans-Ludwig Kröber u. a. (Hrsg.): Handbuch der forensischen Psychiatrie. Psychopathologische Grundlagen und Praxis der forensischen Psychiatrie im Strafrecht. Band 2. Springer, Berlin 2012, ISBN 978-3-7985-1745-5, S. 129 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  34. David G. Myers: Psychologie. 2. Auflage. Springer, Berlin 2008, ISBN 978-3-540-79033-4, S. 789 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  35. Marc Grischa Schmid: Psychische Gesundheit von Heimkindern. Juventa Verlag, Weinheim 2007, ISBN 978-3-7799-1694-9, S. 136 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
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