Mental Health Facilitator

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Mental Health Facilitator ("Unterstützer" im Unterschied zum full professional) ist ein Laienhelfer oder Paraprofessional, der unter psychischen Problemen leidenden, traumatisierten, trauernden, suchtabhängigen, gemobbten Menschen oder Opfern häuslicher, krimineller und politischer Gewalt kenntnisreich hilft, psychische Beeinträchtigungen, Leid und Stress zu reduzieren, indem er sie professioneller Hilfe zuführt oder sie bei der Eingliederung oder Rehabilitation unterstützt, z. B. in Kooperation mit sozialpsychiatrischen Diensten.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Trainingsmodell des Mental Health Facilitators (MHF) wurde vom National Board for Certified Counselors (NBCC) in den USA auf Anforderung der Weltgesundheitsorganisation als internationales Weiterbildungscurriculum für Ersthelfer und Unterstützer konzipiert. Beim Facilitator-Training handelt sich nicht um eine therapeutische oder notfallpsychologische Ausbildung, sondern um eine Sensibilisierung und Qualifizierung von Laienhelfern bzw. eine Zusatzqualifizierung für medizinisches Personal.

Einsatzgebiete des MHF sind das Erkennen von und die unmittelbare Hilfe bei psychischen Problemen und Krisen, die Verbesserung des Zugangs zu Versorgungseinrichtungen der Gemeindepsychiatrie und ggf. die Weiterverweisung an Spezialisten, die Ersthilfe bei Katastrophen mit großen Zahlen an Traumatisierten, die Mitwirkung bei der betrieblichen Gesundheitsprävention und beim betrieblichen Eingliederungsmanagement sowie die Förderung der psychischen Gesundheit und der Resilienz benachteiligter Gruppen.

Verschiedene Untersuchungen (u. a. von Joseph A. Durlak, Bashir u. a.[1] sowie dem Schweizer Gesundheitssoziologen Peter C. Meyer) haben die Wirksamkeit von Laienintervention, aber auch die Notwendigkeit eines sorgfältigen Trainings aufgezeigt. So wurden schon beim Erdbeben in Kobe 1995 und wieder beim Erdbeben und Tsunami in Nordjapan 2011 Freiwillige (sog. Herzenströster) geschult und eingesetzt, die Gespräche mit den traumatisierten Opfern führten, um zur Verarbeitung der Emotionen beizutragen und so die Gefahr einer langwierigen posttraumatischen Belastungsstörung zu reduzieren.[2] Bashir u. a. (2000) haben gezeigt, dass der Einsatz von Mental Health Facilitators die Identifikationschancen psychischer Probleme in den Praxen von Allgemeinmedizinern und Hausärzten erhöhen kann.

In diesem Zusammenhang geforderte und zu trainierende Kompetenzen sind u. a.: Beobachtungsgabe, Empathie, Gesprächsführungs- und Fragetechniken, kultursensibles Vorgehen, um religiöse oder kulturelle Widerstände gegen professionelle Hilfe abzubauen, ferner die Nutzung einfacher Interventionstechniken in Krisensituationen und die Kenntnis von Institutionen, Netzwerken und kompetenten Spezialisten. Eine wichtige Kompetenz von Helfern ist es, sich selbst persönlich vor eventuellen negativen Folgen des dauernden Umgangs mit traumatisierten oder leidenden Menschen schützen zu können.

Das im Regelfall 19 Module umfassende Training des NBCC, das sich methodisch an Techniken von Carl Rogers anlehnt, wird in Dauer und Inhalt den jeweiligen nationalen und regionalen kulturellen Besonderheiten angepasst. Dabei muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die Vorstellungen von mentaler Gesundheit nie kulturneutral sind und auch Notfallsituationen oft durch interkulturelle Kommunikationsprobleme geprägt sind.[3]

So geht westliches Denken davon aus, dass bestimmte Lebensereignisse fast zwangsläufig traumatisierend wirken oder dass die Artikulation von Emotionen „gesünder“ ist als das Ertragen von Leid in stoischer Ruhe.[4] Alle diese Annahmen können plötzlich in Frage gestellt werden, wenn z. B. westliche Helfer in Botswana mit den Praktiken von Geistheilern konfrontiert werden, die versuchen, die mit Fremden, zumal mit dem Auftreten von Europäern oder Amerikanern, assoziierten besitzergreifenden Geister zu vertreiben, oder wenn sie sogar zu ihnen in Konkurrenz treten oder mit ihnen kooperieren müssen, um wirksam zu sein.[5]

Ein grundlegendes Element des Trainings ist es daher, ein Verständnis für die universellen Ausdrucksformen basaler Emotionen (Freude, Überraschung, Ärger, Ekel, Furcht, Trauer nach Paul Ekman[6]) zu wecken, diese bewusst zu machen und zugleich zu verstehen, dass das 'Emotionsmanagement' und damit die 'Modulation' des Gefühlsausdrucks kulturspezifischen Regeln unterworfen sind − ein Sachverhalt, der z. B. angesichts der Tsunami-Katastrophe in Japan 2011 in Europa noch auf Unverständnis stieß.[7] Im buddhistischen Kulturbereich ist das Konzept des MHF auf großes Interesse gestoßen.

Zielgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zielgruppen sind u. a. Sozialarbeiter und Case Manager, Arbeitsvermittler, Krankenpflege- und anderes spezialisiertes medizinisches Personal, das die Ansprache von traumatisierten oder leidenden Personen in der Ausbildung nicht immer erlernt hat, ferner z. B. Beratungslehrer, Studienberater, Gesundheitshelfer, Sozialarbeiter, Rettungssanitäter, Polizisten, Feuerwehrleute (Helfer vor Ort), Katastrophenhelfer, Entwicklungshelfer und Geistliche aller Konfessionen sowie Personen, die in der Arbeit mit Migranten, Älteren oder Menschen mit Behinderungen tätig sind. Ferner geht es um den Selbstschutz der in diesen Bereichen tätigen Personen (u. a. um Burnout-Prävention).

Der MHF wird international vor allem von Organisationen der Gesundheits- und Katastrophenhilfe sowie der Entwicklungszusammenarbeit nachgefragt. Auch in Deutschland wurden gute Erfahrungen mit ehrenamtlich tätigen Laienhelfern bei der Unterstützung von Menschen mit psychischen Problemen gemacht.[8] Als vorteilhaft wird angesehen, wenn sie in Gruppen arbeiten und sich somit gegenseitig unterstützen können.[9]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangspunkt der Überlegungen zur Entwicklung des MHF waren ursprünglich der erschwerte Zugang zu therapeutischen Diensten und psychiatrischen Einrichtungen sowie die geringe Zahl qualifizierter Professionals und fehlender kommunaler Einrichtungen im Mental-Health-Bereich in vielen gering entwickelten und Schwellenländern.[10] Entwickler des Curriculums waren u. a. Prof. Dr. Donna Henderson (Wake Forest University) sowie Scott Hinkle, Ph.D. (Coordinator of Clinical Training, NBCC). Das Pilottraining zum MHF fand im September 2007 in Mexico statt.[11] An einer Hochschule wurden MHF-Trainer zum ersten Mal in Penang (Malaysia) 2008 ausgebildet. Ein erstes Pilottraining in Europa wurde 2009 in Sofia (Bulgarien) durchgeführt. Die deutsche Version wurde von NBCC Deutschland[12] bearbeitet und seit 2009 vom IUK-Institut in Dortmund in Kooperation mit der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin pad e.V., der Landestelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein e.V. und der Fachhochschule Frankfurt am Main angeboten.

Der MHF nach Standards des NBCC ist inzwischen in mehreren entwickelten und Schwellenländern sowie vor allem in Drittweltländern verbreitet bzw. im Einsatz, u. a. in Bhutan (wo es nur zwei Psychiater gibt), Botswana, Bulgarien, Deutschland, Liberia, Malawi, Malaysia, Mexiko, Portugal, Rumänien, Sambia, Tanzania, Uganda. Das Curriculum wurde auch ins Spanische und Chinesische übersetzt.[13] In China wurden MHF nach dem Erdbeben am 12. Mai 2008 tätig.[14]

2017 waren über 2000 MHF weltweit registriert, davon in Deutschland etwa 220.

Verwandte Ansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der MHF knüpft an ältere Traditionen der Laienhilfe in Deutschland, Frankreich, Italien oder den Niederlanden an, die durch den Professionalisierungsdruck der Psychiatrie teilweise verdrängt waren.[15]

Im gesamten angelsächsischen Raum und vor allem in England wird seit den 1990er Jahren die Mitarbeit von Mental Health Support Workers in der Gemeindepsychiatrie (in Irland: Mental Health Matters Facilitators)[16] intensiviert. Charakteristisch ist, dass bei Rekrutierung und anschließender kurzer Ausbildung vor allem auf Persönlichkeitsmerkmale und auf Erfahrung im Umgang mit der Zielgruppe und weniger auf formale Qualifikationen geachtet wird.[17] Als Trainingsmethode spielt die Diskussion in der Peer Group eine bedeutende Rolle. Allerdings weichen die Trainingszeiten der verschiedenen Konzepte stark voneinander ab: Das Spektrum reicht von 16 Stunden bis zu acht Tagen und mehr.

Insbesondere in ländlichen Regionen, in denen die ärztliche und therapeutische Versorgung unzureichend ist, wird das Modell häufig eingesetzt, z. B. in Kanada.[18] Das Nossal Institute for Global Health der Universität Melbourne engagiert sich in Indien bei der Ausbildung zur Primärversorgung psychisch Kranker durch Verbesserung der Mental Health Literacy, d. h. des Wissens um psychische Gesundheit.[19]

In dem Maße, in dem sich ein Arbeitsmarkt für MHF entwickelt[20], wurde das Modell von einigen amerikanischen Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen adaptiert, die Laien nicht nur für ehrenamtliche, sondern auch für bezahlte Tätigkeiten in der kommunalen Versorgung psychisch auffälliger Menschen qualifizieren.

Ähnliche Kurse werden im Vereinigten Königreich und in Australien seit längerer Zeit als Zusatzqualifikation für praktische Ärzte angeboten mit dem Ziel, eine objektiv nicht notwendige medikamentöse Behandlung zu vermeiden.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Decurtins, Lucio; Meyer, Peter C.: Spontane und organisierte Hilfe unter Italienerinnen und Italienern in der Stadt Zürich. Gesundheitswesen, 58, 1998, S. 36-43.
  • Durlak, J. A.: Comparative Effectiveness of Paraprofessional and Professional Helpers. In: Psychological Bulletin, 1979 (86), S. 8092.
  • Durlak, J. A.: Evaluating Comparative Studies of Paraprofessional and Professional Helpers: A Reply to Nietzel and Fisher. In: Psychological Bulletin, 1981 (89), S. 566-569.
  • Bashir, K.; Blizard, B.; Bosanquet, A. u. a.: The evaluation of a mental health facilitator in general practice: effects on recognition, management, and outcome of mental illness. In: The British Journal of General Practice. August 2000, 50(457), S. 626-629.
  • Hinkle, J. S.: International disaster counseling: Today’s reflections, tomorrow’s needs. In: J. Webber / J. B. Mascari (Hrsg.): Terrorism, trauma, and tragedies: A counselor’s guide to preparing and responding. 3. Aufl. 2010, Alexandria, American Counseling Association S. 179-184.
  • Hinkle, J. Scott; Henderson, Donna: Mental health facilitation. Greensboro, NC, hrsg. von NBCC-International.
  • Matzat, Jürgen: Zum Verhältnis von Profession, Laienhilfe und Selbsthilfe, in: Klingemann, H. (Hrsg.): Selbsthilfe und Laienhilfe. Alternativen einer Gesundheitspolitik der Zukunft? Lausanne: ISPA-Press 1986
  • Meyer, Peter C.; Budowski, Monica (Hrsg.): Bezahlte Laienhilfe und freiwillige Nachbarschaftshilfe, Seismo, Zürich 1993.
  • Meyer, Peter C.; Budowski, Monica: Effects of Organizing Voluntary Help on Social Support, Stress and Health of Elderly People, Clinical Sociology Review 13, 1995, S. 106-119.
  • Nestmann, Frank: Theorien sozialer Unterstützung und eine Untersuchung alltäglicher Helfer aus vier Dienstleistungsberufen, Berlin: De Gruyter 1988.
  • Paredes, D.; Schweiger, W. K.; Hinkle, S.; Kutcher, S.; Chehil, S.: The Mental Health Facilitator program: An approach to meet global mental health care needs. Temas Selectos en Orientación Psicológica Vol.III: Discapacidad [Selected Topics in Psychological Counseling III: Disabilities], 2008, S. 73-80.
  • Raja, Shoba; Kermode, M; Gibson, K. u. a., An Introduction to Mental Health: Facilitators Manual for Training Community Health Workers in India, BasicNeeds and The Nossal Institute of Global Health, University of Melbourne 2009.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.bts-wuppertal.de/beratung--mehr/psychotherapie/laienkompetenz/index.html Weitere Studien und Argumente zur Laienkompetenz, Zugriff 13. Juni 2012
  2. http://derstandard.at/1297820950978/Traumata-Herzenstroester-unterwegs-zu-Beben-Opfern
  3. Christian Hannig, Interkulturelle Kommunikation im Rettungsdienst, in: Dagmar Kumbier, Friedemann Schulz von Thun (Hrsg.), Interkulturelle Kommunikation, Rowohlt, Reinbek 2006, S. 229-247
  4. Ethan Watters, The Americanization of Mental Illness, in: The New York Times Magazine, January 8, 2010.
  5. Katarina Greifeld (Hg.), Ritual und Heilung. Eine Einführung in die Medizinethnologie, Berlin 2003
  6. Ekman, P., Gesichtsausdruck und Gefühl. 20 Jahre Forschung von Paul Ekman, Paderborn: Junfermann 1988
  7. Zum japanischen Emotionsmanagement vgl. Ziková, M. (2006), Die kulturspezifische Formung des Gefühls: Japan im interkulturellen Vergleich, Kölner ethnologische Beiträge Bd. 19. Universität Köln, Institut für Ethnologie
  8. Görlitzer Anzeiger
  9. Regierung Unterfranken (Memento vom 12. Mai 2012 im Internet Archive), Zugriff 23. Januar 2016
  10. Counselors Address Mental Health Crisis in Developing Countries auf: medicalnewstoday.com
  11. NBCC International: First MHF pilot training held in Mexico (Memento vom 19. November 2008 im Internet Archive), Zugriff 23. Januar 2016
  12. Website von NBCC Deutschland
  13. Newsletter des NBCC und laufende Aktualisierung auf der Homepage www.mhf-global.org
  14. China-Australia training on psychosocial crisis intervention: response to the earthquake disaster in Sichuan. In: Australas Psychiatry, 17 (2009) 1, S. 51-55. doi: 10.1080/10398560802444069.
  15. http://www.forum.lu/pdf/artikel/1346_63_forum-Redaktion.pdf Zugriff 14. Oktober 2013
  16. MMHM Facilitators (pdf) - Zugriff 23. Januar 2016
  17. Z. B. http://www.charityjob.co.uk/jobs/269358/Floating-Mental-Health-Support-Workers?rid=17 - 'Stellenausschreibung von CharityJOB UK: gesucht werden warm, flexible and motivated individuals to provide person centred support - Zugriff 10. Februar 2013
  18. http://reddeer.cmha.ca/programs_services/facilitator-training/#.URjtGR0bdhQ Zugriff 11. Februar 2013
  19. University of Melbourne: Mental health literacy in rural Maharashtra, India (Memento vom 30. April 2013 im Internet Archive), Zugriff 23. Januar 2016
  20. http://www.indeed.com/q-Mental-Health-Facilitator-jobs.html Zugriff 11. Februar 2013
  21. Vgl. I. B. Hickie u. a., Treatment of common mental disorders in Australian general practice, Medical Journal of Australia, 16, Juli 2001, 175, Suppl:S25-30