Methaqualon

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Strukturformel
Struktur von Methaqualon
Allgemeines
Freiname Methaqualon
Andere Namen
  • Methylquinazolon
  • 2-Methyl-3-(2-methylphenyl)-4(3H)-chinazolinon
  • 2-Methyl-3-(o-tolyl)-4-chinazolon
Summenformel C16H14N2O
CAS-Nummer
PubChem 6292
ATC-Code

N05CM01

DrugBank DB04833
Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Hypnotikum

Eigenschaften
Molare Masse 250,30 g·mol−1
Schmelzpunkt
  • 120 °C [1]
  • 255–256 °C (Hydrochlorid)[2]
Löslichkeit

schwer in Wasser (4,73 g·l−1 bei 25 °C) [1]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
06 – Giftig oder sehr giftig

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301
P: 301+310 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][3]

Xn
Gesundheits-
schädlich
Hydrochlorid
R- und S-Sätze R: 22
S: keine S-Sätze
Toxikologische Daten

185 mg·kg−1 (LD50Ratteoral)[1]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Methaqualon, umgangssprachlich auch Quaaludes oder Ludes genannt, ist ein Chinazolin-Derivat, dessen Name sich von der englischen chemischen Bezeichnung Methylquinazolinone (deutsch: Methylchinazolinon) ableitet. Es ist ein Arzneistoff, der als Hypnotikum und als Rauschmittel verwendet wurde und – mit gegenwärtigem Verbreitungsgebiet Afrika – weiterhin gebraucht wird.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wurde 1951 vom indischen Forscher M. L. Gujiral zufällig im Zuge der Suche nach einem Malariamittel entdeckt[5] und seit den 1960er-Jahren als Schlafmittel eingesetzt. 1965 wurde es unter den Handelsnamen Quaalude® und Parest® in den USA als Alternative zu den nicht ungefährlichen Barbituraten eingeführt. Das ursprünglich in der Werbung als nicht abhängig machend dargestellte Mittel führte aber zu Fällen physischer und psychischer Abhängigkeit, über die bereits 1966 in Großbritannien berichtet wurde.

Als auf der Straße gehandeltes Rauschmittel erfreute es sich in den USA bald großer Beliebtheit aufgrund seiner euphorisierenden und aphrodisierenden Wirkung. Anfang der 1970er Jahre war das sogenannte „Luding out“, die Einnahme von 300 bis 450 mg Methaqualon zusammen mit Wein unter College-Studenten weit verbreitet. Durch den Alkohol wird das durch Methaqualon ausgelöste Gefühl der Unzerstörbarkeit und starken Euphorie noch verstärkt. Methaqualon senkt (wie andere sedative Hypnotika) die Hemmschwelle und kann damit zu einer Steigerung des sexuellen Empfindens führen.

Im Juli 2015 wurde aus Gerichtsakten aus dem Jahr 2005 bekannt, dass Bill Cosby in mindestens einem Fall einer Frau Betäubungsmittel verabreicht haben soll, um mit dieser Sex zu haben. Er bestätigte in einem Gerichtsverfahren, in diesem Fall „Quaaludes“ verwendet zu haben.[6][7]

Pharmakologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pharmakodynamik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methaqualon ist ein positiver allosterischer Modulator an GABAA-Rezeptoren, und zwar an jenen Typen, welche sich zusammensetzen aus den Untereinheiten α1,2,3,5 und β2,3 sowie γ2S. Daneben verhält sich Methaqualon am Typ α4β1δ als stiller, an α6β1δ als negativer, an α4β2δ und α6β2,3δ als positiver Modulator, an α4β3δ als „Superagonist“. Keine Wirkung zeigt es dabei an Benzodiazepin-, Barbiturat- oder Neurosteroid-Bindungsstellen. Es wird angenommen, dass sich eine mögliche Wirkungskavität im transmembranären Abschnitt der Schnittstelle β(+)α(–) befindet und sich mit jener des Anästhetikums Etomidat überlappt.[8] Nach heutigem Kenntnisstand (2015) gilt es als selektiver GABAA-Rezeptor-Ligand.

Pharmakokinetik und Metabolismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die therapeutische Plasmakonzentration liegt im Bereich von 0,4 bis 5 μg/mL, die Plasmahalbwertszeit beträgt 20 bis 60 Stunden und die Proteinbindung wird mit 75–95 % angegeben.[9] Methaqualon wird großenteils verstoffwechselt, vor allem durch Hydroxylierung an den Methylgruppen und den aromatischen Ringen. Es folgt Konjugation zu O-Glukuroniden und O-Methylethern. Durch N-Oxidation bildet sich Methaqualon-N-oxid. Deutliche interindividuelle Unterschiede wurden im Mengenverhältnis der Metabolite beobachtet. 4'- und 2'-Hydroxymethaqualon können als die Metabolite mit den höchsten Konzentrationen ausgemacht werden, es folgen 3'-, 2- und 6-Hydroxymethaqualon. Das Methaqualonmolekül ist sterisch gehindert und unterliegt unter physiologischen Bedingungen der Atropisomerie, es ist damit chiral und es existieren entsprechende Rotamere. Nach Gabe von racemischem Methaqualon wird 4'-Hydroxymethaqualon über den menschlichen Urin nahezu stereospezifisch ausgeschieden. Bei den 3'-, 2'- und 2-Hydroxymetaboliten werden ungleiche Enantiomerenverhältnisse beobachtet, 6-Hydroxymethaqualon wird als Racemat ausgeschieden.[9] Die Enzyme CYP2D6 und CYP2C19 sind an der Verstoffwechselung nicht nennenswert beteiligt.[10]

Betäubungsmittelrechtliche Vorschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA wurde das Medikament aufgrund der weiten Verbreitung als Rauschmittel schon 1984 vom Markt genommen, aber dennoch weiterhin illegal hergestellt, wobei es sich bei später sichergestellten illegal produzierten angeblichen Methaqualontabletten allerdings meist lediglich um hochdosierte Benzodiazepine, wie etwa Diazepam, handelte.

In der Bundesrepublik Deutschland war Methaqualon als Normi-Nox auf dem Markt, wurde allerdings schon 1981 dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt und war damit als eine in der Anlage II des BtMG aufgeführte Substanz nicht mehr verschreibungsfähig. Ähnliches widerfuhr dem Wirkstoff in der DDR, wo Methaqualon der Hauptbestandteil des Schlafmittels Dormutil war, das aufgrund seiner häufigen Verwendung zu Rauschzwecken[11] schließlich ebenfalls aus dem medizinischen Verkehr gezogen wurde (das heute unter dem Namen Dormutil N bekannte Nachfolgepräparat enthält den Wirkstoff Diphenhydramin).

In Österreich wurde Methaqualon seines Suchtpotentials wegen 1992, in Deutschland 1993 die Zulassung als Schlafmittel gänzlich entzogen, während es in der Schweiz unter dem Namen Toquilone weit verbreitet blieb. Es war jedoch nur noch als Toquilone compositum, das zusätzlich Diphenhydramin enthält, im Handel und ist seit 2005 auch in der Schweiz nicht mehr verschreibungsfähig.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während in westlichen Ländern Methaqualon als Rauschmittel kaum noch eine Rolle spielt, ist es in manchen afrikanischen Ländern, vor allem in Südafrika, weit verbreitet. In Südafrika ist es neben Marihuana sogar das verbreitetste illegale Rauschmittel (Stand 2017), es kommt in vielen verschiedenen Tabletten auf den Schwarzmarkt, die, ähnlich den Ecstasytabletten hierzulande, mit verschiedenen Logos versehen sind. Der Großteil des dort verbrauchten Methaqualons stammt aus illegaler Produktion aus Indien, von wo aus es nach Afrika eingeschmuggelt wird. Die am häufigsten anzutreffende Konsumform dort ist das Rauchen der zerbröselten Tabletten, oft gemischt mit Marihuana, was einen kurzzeitigen, sehr intensiven „Euphorieflash“ auslöst. Danach beginnt die sedative Komponente zu überwiegen und der Konsument verfällt in einen länger andauernden Dämmerzustand.

Geschichtlich zählt Methaqualon zu den Schlafmitteln, die in den 1960ern als Ersatz der aufgrund einer möglichen tödlichen Überdosierung umstrittenen Barbiturate dienen sollten. Andere Beispiele sind Ethchlorvynol (Handelsname Placidyl) oder Glutethimid (Handelsname Doriden). Allerdings riefen viele dieser Stoffe Euphorie und damit die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit hervor, weshalb sie heute kaum noch in Verwendung sind. Zum Teil können sie außerdem eine physische Abhängigkeit verursachen. Interessanterweise wurden bei Experimenten mit Methaqualon mehr oder weniger zufällig die Benzodiazepine entdeckt, die heute fast den gesamten Bedarf an Schlaf- und Beruhigungsmitteln decken.

Nebenwirkungen und Abhängigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chronischer Gebrauch kann zu Polyneuropathie, zur psychischen und zur physischen Abhängigkeit führen. Bei Einnahme kleinerer Dosen kann die Wirkung euphorisierend anstatt sedierend sein, wie es eigentlich bei einem Schlafmittel zu erwarten wäre. Mögliche Symptome einer Methaqualon-Überdosis sind Magen-Darm-Beschwerden, Benommenheit, Ataxie, Kribbeln, langsame, undeutliche Sprache und Muskelhyperaktivität, innere Blutungen, Konvulsionen, Koma.

Quaalude-/Mandrax-Tabletten und -kapseln

Szenenamen und Darstellung in der Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Drogenslang ist Methaqualon teilweise als seven-one-fours, seventeen, oder lemmon 714 bekannt. Diese Bezeichnungen rühren alle von dem Lemmon 714-Aufdruck auf der Quaalude-Tablette her. Andere Bezeichnungen sind ludes (ebenfalls von Quaalude) oder einfach Mandrax nach dem gleichlautenden Handelsnamen. Unter dem Handelsnamen Mozambin wurde es von Falco in Ganz Wien besungen. Wegen der Größe der Tabletten war das Methaqualon in den frühen 80er Jahren in New York auch als „Gorilla Biscuits“ bekannt, woher die Straight Edge Band Gorilla Biscuits ihren Namen hat. Ebenso werden sie im Film The Wolf of Wall Street (2013) mehrfach genannt und konsumiert, wobei auch die Nebenwirkungen dargestellt werden.

Die hier beschriebenen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen hat der Singer-Songwriter Shel Silverstein 1980 in seinem satirischen Lied Quaaludes Again beschrieben. Außerdem wird es in dem Lied Time von David Bowie erwähnt: „…Quaaludes and Redwine…“

Synthese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methaqualon kann durch die Kondensationsreaktion von N-Acetylanthranilsäure mit o-Toluidin in Toluol in Anwesenheit eines wasserentziehenden Reagenz wie zum Beispiel Phosphorylchlorid synthetisiert werden.[12] Aus diesem Grund unterliegt die Anthranilsäure der Grundstoffüberwachung.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Eintrag zu Methaqualon in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM).
  2. Eintrag zu Methaqualon. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 17. Mai 2014.
  3. a b c Datenblatt Methaqualone hydrochloride bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 22. Oktober 2016 (PDF).
  4. Für Stoffe ist seit dem 1. Dezember 2012, für Gemische seit dem 1. Juni 2015 nur noch die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung gültig. Die EU-Gefahrstoffkennzeichnung ist daher nur noch auf Gebinden zulässig, welche vor diesen Daten in Verkehr gebracht wurden.
  5. Etienne F. van Zyl: A survey of reported synthesis of methaqualone and some positional and structural isomers. In: Forensic Science International 122 (2001), S. 142–149, doi:10.1016/S0379-0738(01)00484-4.
  6. Neue Enthüllungen Bill Cosby machte Frau mit Drogen gefügig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. Juli 2015 (faz.net [abgerufen am 7. Juli 2015]).
  7. http://www.zeit.de/kultur/film/2015-07/bill-cosby-beruhigungsmittel-vergewaltigung
  8. Hammer H, Bader BM, Ehnert C, Bundgaard C, Bunch L, Hoestgaard-Jensen K, Schroeder OH, Bastlund JF, Gramowski-Voß A, Jensen AA: A Multifaceted GABAA Receptor Modulator: Functional Properties and Mechanism of Action of the Sedative-Hypnotic and Recreational Drug Methaqualone (Quaalude). In: Molecular Pharmacology. 88, Nr. 2, 2015, S. 401–20. doi:10.1124/mol.115.099291. PMID 26056160.
  9. a b Prost F, Thormann W: Enantiomeric analysis of the five major monohydroxylated metabolites of methaqualone in human urine by chiral capillary electrophoresis. In: Electrophoresis. 22, Nr. 15, 2001, S. 3270–80. doi:10.1002/1522-2683(200109)22:15<3270::AID-ELPS3270>3.0.CO;2-K. PMID 11589290. Weitere Referenzen dort.
  10. Prost F, Thormann W: Assessment of the stereoselective metabolism of methaqualone in man by capillary electrophoresis. In: Electrophoresis. 24, Nr. 15, 2003, S. 2598–607. doi:10.1002/elps.200305512. PMID 12900872.
  11. Autobiografie „Bekenntnisse“ | Das wilde Leben der Nina Hagen, zuletzt abgerufen 13. Januar 2014.
  12. Laboratoires Toraude: „2-methyl-3-orthotolyl-4-quinazolone and acid addition salts thereof“, Britischer Patent Nummer 843073, 1960.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Eigenverlag, 2004
  • Zaheer Kacker: Journal of the Indian Chemistry Society. Band 28, 1951. S. 344 (Synthese)
  • R. Bonnichsen et al: Clinical Chim. Acta. Band 60, 1975. S. 67 (Metabolismus)
  • E. I. Goldenthal: Toxicol. Appl. Pharmacol. Band 18, 1971. S. 185 (Toxizität)
  • D. M. Patel et al: Anal. Profiles Drug Subs. Band 4, 1975. S. 245-267 (ausführliche Beschreibung)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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