Gewöhnliche Schillerspinne

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Micaria pulicaria)
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Gewöhnliche Schillerspinne
Gewöhnliche Schillerspinne (Micaria pulicaria), Weibchen

Gewöhnliche Schillerspinne (Micaria pulicaria), Weibchen

Systematik
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Unterordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Überfamilie: Gnaphosoidea
Familie: Plattbauchspinnen (Gnaphosidae)
Gattung: Schillerspinnen (Micaria)
Art: Gewöhnliche Schillerspinne
Wissenschaftlicher Name
Micaria pulicaria
(Sundevall, 1831)

Die Gewöhnliche Schillerspinne oder Gewöhnliche Ameisenplattbauchspinne (Micaria pulicaria) ist eine Spinne aus der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae). Sie wird oft auch schlicht Ameisenspinne genannt, weil sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild einer großen Ameise ähnelt. Dies trifft jedoch auch für einige andere Spinnenarten zu. Die Art ist holarktisch verbreitet, das heißt, sie kommt auf der gesamten Nordhalbkugel vor.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Männchen

Das Weibchen der Gewöhnlichen Schillerspinne erreicht eine Körperlänge von 2,7 bis 4,5 und das Männchen eine von drei bis vier Millimetern.[1] Der Körperbau entspricht dem anderer Schillerspinnen (Micaria), womit auch diese Art durch ihr langgestreckte Opisthosoma (Hinterleib) Ameisen imitiert (Mimikry). Beide Geschlechter sehen sich optisch sehr ähnlich, der Geschlechtsdimorphismus ist nur gering ausgeprägt.[2][3]

Der Carapax (Rückenschild des Prosomas, bzw. Vorderkörpers) ist dunkelbraun[4][5] bis schwarz[3] gefärbt und ist überdies mit sechs gleichmäßigen[4] von der Fovea (Apodem) ausgehenden und aus weißen Härchen bestehenden[3] Radiärstreifen[5] versehen. Die Kopfpartie und das Zentrum des Carapax erscheinen silbrig glänzend.[4]

Die Beine haben eine gelbliche Grundfärbung. Die Femora (Schenkel) des ersten und des zweiten Beinpaares sowie die Coxae (Hüftglieder) erscheinen schwarz. Hingegen sind die Femora des dritten und des vierten Beinpaares anders als bei anderen Schillerspinnen immer gleichmäßig gefärbt. Die Coxae und die Trochanter (Schenkelringe) der Beinpaare zwei bis vier verfügen auf der Dorsalseite über eine weiße Behaarung.[4] Beim Weibchen sind, anders als beim Männchen, die Tibien (Schienen) des ersten und des zweiten Beinpaares auf der Ventralseite nicht mit Borsten versehen.[1] Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) sind einfach gebaut.[4]

Das Opisthosoma (Hinterleib) weist eine schwarzgraue[4] bis schwarze[3][5] Farbgebung und überdies eine durch Lichtbrechung erzeugte Irisierung[3] auf. Es verfügt vorne über einen kurzen und weiter hinten im Zentrum über einen bis zu den Seitenrändern reichenden weißen Querbalken.[4][3][5] Dahinter befindet sich noch eine Reihe aus zwei[4] bis drei[5] ebenfalls weißen Punkten. Diese können aber auch verwachsen sein und somit eine Linie bilden.[4] Beide möglichen Formationen reichen ebenfalls an die beiden seitlichen Ränder des Opisthosomas.[3]

Aufbau der Geschlechtsorgane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bulbi (männliche Geschlechtsorgane) der Gewöhnlichen Schillerspinne weisen je eine stark verlängerte Retinaculum (Halteband) auf.[1] Außerdem befindet sich hier anders als bei den meisten anderen Schillerspinnen (Micaria) eine Borste auf dem Cymbium (erstes Glied der Bulbi).[4] Der retrolaterale Rand des Tegulums (vom Cymbium verdecktes Sklerit) weist eine deutliche Kerbe auf, während der Embolus (Einführorgan der Bulbi) schlank gebaut ist und die Endkurve des Spermienleiters sich im Basalbereich des Tegulums befindet.[6]

Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) der Art weist die gleiche Länge wie Breite und im vorderen Bereich eine M-förmig gekrümmte Querfalte auf. Die Kopulationsgänge verlaufen teilweise parallel bis gleichmäßig gekrümmt.[6]

Ähnliche Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Präpariertes Weibchen der Rindenschillerspinne (Micaria subopaca) mit teilweise fehlenden Beinen

Die artenreiche Gattung der Schillerspinnen (Micaria) weist mehrere der Gewöhnlichen Schillerspinne ähnliche Arten auf. Eine dieser Arten ist die Streifbein-Schillerspinne (M. micans), mit der die Gewöhnliche Schillerspinne eine Artengruppe bildet. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal sind die bei der Steifbein-Schillerspinne auf der Dorsalseite der Femora des vierten Beinpaares vorhandenen Längsstreifen, die der Gewöhnlichen Schillerspinne dort fehlen bzw. bei der die Femora des dritten und des vierten Beinpaars gleichmäßig gefärbt sind. Eine genaue Unterscheidung ist bei den Männchen der beiden Arten auch anhand genitalmorphologischer Merkmale möglich.[7]

Eine weitere, der Gewöhnlichen Schillerspinne stark ähnelnde Art innerhalb der Gattung der Schillerspinnen ist die Rindenschillerspinne (M. subopaca), die jedoch überwiegend an den Stämmen von Kiefern zu finden ist. Ähnliches trifft auch auf Micaria albovittata und die Schlesische Schillerspinne (M. silesiaca) zu, bei denen die Punktierung auf dem Opisthosoma jedoch deutlich weniger bis gar nicht präsent ist. Außerdem bewohnt die Schlesische Schillerspinne zumeist trockene Heiden und sandige Habitate, M. albovittata vorzugsweise Graslandschaften auf Klippen. Die Arktoalpine Schillerspinne (M. alpina), die Moos- und Graslandschaften in gebirgigen Regionen in Höhen ab 750 Metern über dem Meeresspiegel bewohnt, kann von der Gewöhnlichen Schillerspinne durch die weniger stark bis gar nicht vorhandenen Querbalken unterschieden werden.[3] Eine der Gewöhnlichen Schillerspinne entfernt ähnliche Art ist die Große Schillerspinne (M. formicaria), die jedoch deutlich größer wird und auf dem Carapax rot schillernde Schuppenhaare aufweist. Außerdem setzt sich die Zeichnung auf dem Opisthosoma der Großen Schillerspinne lediglich aus den auch bei den anderen Schillerspinnen vorhandenen Querbinedn zusammen.[5]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weibchen in Lettland

Das Verbreitungsgebiet der Gewöhnlichen Schillerspinne umfasst die Vereinigten Staaten, Kanada, Europa, Georgien, Russland, (europäischer bis fernöstlicher Teil), Kasachstan, China, Japan und möglicherweise die Türkei und Zentralasien. In Europa ist die Art flächendeckend anzutreffen und lediglich in Spitzbergen, dem Franz-Josef-Land Nowaja Semlja, der Republik Moldau, Bosnien und Herzegowina, den Balearischen Inseln sowie Sizilien nicht nachgewiesen.[1]

In Mitteleuropa ist die Gweöhnliche Schillerspinne ebenfalls weit verbreitet.[5] Selbiges trifft auch auf die Britischen Inseln zu.[3][8]

Lebensräume[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Offene und sonnige Habitate wie z. B. die Westruper Heide bei Haltern am See (Kreis Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen) werden von der Gewöhnlichen Schillerspinne bevorzugt.

Die Gewöhnliche Schillerspinne bewohnt ein breites Spektrum an Habitaten, bevorzugt aber sonnige und warme Lebensräume. Dazu zählen Sandheiden, Kreideflächen, Dünen mit Torfmoosen (Sphagnum), verlassene Gebiete, jedoch auch Salzwiesen und Moosschichten in Laubwäldern.[8] Darüber hinaus bewohnt die Art auch Trockenrasen, Waldlichtungen, Wiesen,[5] Ödland, Wegränder, Siedlungsbereiche sowie Feuchtgebiete[5] und gelegentlich sogar Brachlandschaften.[3]

Die Gewöhnliche Schillerspinne kann bis zu einer Höhe von 700 Wassermetern angetroffen werden.[8]

Bedrohung und Schutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gewöhnliche Schillerspinne ist bedingt durch ihr großes Verbreitungsgebiet und ihre Anpassungsfähigkeit nicht bedroht und darüber hinaus die häufigste Art der Schillerspinnen (Micaria),[1][4][5] wobei dies auch auf die Streifbein-Schillerspinne (M. micans) zutreffen kann.[1]

In der in der Roten Liste gefährdeter Arten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands etwa wird die Gewöhnliche Schillerspinne als "ungefährdet" geführt und genießt somit in Deutschland keinen gesetzlichen Schutz.[9] Der allgemeine Bestand der Art wird von der IUCN nicht erfasst.[10]

Lebensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umherstreifendes Männchen

Die Gewöhnliche Schillerspinne zählt, wie alle kontrastreich gefärbten Plattbauchspinnen einschließlich der Schillerspinnen (Gattung Micaria), zu den tagaktiven Vertretern der Familie. Sie teilt mit diesen ihre schnelle und ruckartige Fortbewegung, die bei der Gewöhnlichen Schillerspinne wie bei den anderen Arten der Gattung bedingt durch deren optische Erscheinung an die von Ameisen erinnert. Die Nacht verbringt sie in für Plattbauchspinnen typischen Wohngespinsten. Diese Ähnlichkeit wird durch zitternde Bewegungen der Vorderbeine, die den Fühlerbewegungen von Ameisen ähneln, verstärkt.[8] Diese Form Mimikry dient vermutlich dazu, Prädatoren (Fressfeinde) abzuschrecken, da Ameisen von vielen Räubern aufgrund ihrer Wehrhaftigkeit gemieden werden.

Jagdverhalten und Beutefang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gewöhnliche Schillerspinne ist wie alle Plattbauchspinnen ein frei laufender Hetzjäger, der kein Spinnennetz zum Fangzweck anlegt. Sie ist, anders als andere Ameisen imitierende Spinnen oder auch einige Plattbauchspinnen, z. B. der Gemeine Ameisendieb (Callilepis nocturna) allerdings nicht auf diese spezialisiert, sondern wie alle Schillerspinnen (Micaria) ein opportunistischer Jäger. Ameisen werden von dieser Spinne sogar verschmäht.[3]

Das Jagdverhalten als solches entspricht dem anderer Plattbauchspinnen, Beutetiere werden von der gewöhnlichen Schillerspinne optisch wahrgenommen. Kleinere Beutetiere werden einfach von der Spinne angesprungen und mit einem mittels der Cheliceren verabreichten Giftbiss außer Gefecht gesetzt, während größere mit einem von der Spinne an diese und an den Boden angehefteten Spinnfaden an der Flucht und an einer Gegenwehr gehindert werden. Dabei heftet die Spinne während des Anspringens einen Spinnfaden an das Beutetier und an den Untergrund und umkreist es anschließend, während sie gleichzeitig weitere Spinnenfäden produziert. Ist dies geschehen, versetzt die Spinne dem Beutetier dann einen Giftbiss und verzehrt es anschließend.[11]

Lebenszyklus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gewöhnliche Schillerspinne weist wie viele in den gemäßigten Klimazonen lebende Spinnen einen über die Jahreszeiten aufgeteilten Lebenszyklus auf, der in mehrere Abschnitte gegliedert ist.

Phänologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aktivitätszeit ausgewachsener Individuen der Gewöhnlichen Schillerspinne erstreckt sich fast über das ganze Jahr,[1][8] nur bei den Weibchen ist im Januar eine Absenz zu vermerken.[1] Am aktivsten sind beide Geschlechter jedoch vom frühen Februar bis zum späten November.[8]

Fortpflanzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über das Paarungsverhalten der Gewöhnlichen Schillerspinne ist nichts bekannt. Das Weibchen fertigt einige Zeit nach der Paarung einen festen Eikokon an, dessen Form an die eines gebördelten Topfes erinnert. Wie andere Plattbauchspinnen bewacht auch das der Gewöhnlichen Schillerspinne seinen Eikokon. Anders als bei anderen Vertretern dieser Familie verbleibt es aber nicht permanent in dessen unmittelbarer Nähe, sondern entfernt sich gelegentlich von dem Eikokon, kehrt aber bis zum Schlupf der Jungtiere gehäuft zu diesem zurück, um diesen zu überprüfen.[8] Die Jungtiere wachsen dann nach dem Schlupf selbstständig heran.

Systematik und Taxonomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gewöhnliche Schillerspinne wurde bei ihrer Erstbeschreibung 1831 vom Erstbeschreiber Karl Jakob Sundevall als Clubiona pulicaria beschrieben und somit in die Gattung der Eigentlichen Sackspinnen innerhalb der mit den Plattbauchspinnen nah verwandten Familie der Sackspinnen (Clubionidae) eingegliedert. Die heutige Bezeichnung Micaria pulicaria wurde erstmals nachweislich 1851 von Nicolas Westring angewandt und wird seit 1980 nahezu durchgehend verwendet.[12]

Die Gattung der Schillerspinnen mitsamt der Gewöhnlichen Schillerspinne wurde mehrfach in andere Familien umgestellt, darunter recht lange aufgrund ihrer konisch geformten Spinnwarzen in die der Sackspinnen. In neuerer Zeit wird die Gattung aber vermehrt der Familie der Plattbauchspinnen zugeordnet.[5]

Der Artname pulicaria ist vom lateinischen Wort pulicarius (übersetzt "flohartig") abgeleitet. Pulicaria ist außerdem die wissenschaftliche Bezeichnung für die Gattung der Flohkräuter.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Micaria pulicaria (Sundevall, 1831) bei araneae - Spiders of Europe, abgerufen am 16. Juli 2020.
  2. Michael John Roberts: The Spiders of Great Britain and Ireland, Band 2, Brill Archive, 1985, S. 78, ISBN 9789004076587.
  3. a b c d e f g h i j k L. Bee, G. Oxford, H. Smith: Britain's Spiders: A Field Guide, Princeton University Press, 2017, S. 333, ISBN 9780691165295.
  4. a b c d e f g h i j k Micaria pulicaria (Sundevall, 1831) beim Wiki der Arachnologischen Gesellschaft e. V., abgerufen am 16. Juli 2020.
  5. a b c d e f g h i j k Heiko Bellmann: Der Kosmos Spinnenführer. Über 400 Arten Europas. Kosmos Naturführer, Kosmos (Franckh-Kosmos), 2. Auflage, 2016, S. 252, ISBN 978-3-440-14895-2.
  6. a b C. Muster, P. Michalik: Cryptic diversity in ant‐mimic Micaria spiders (Araneae, Gnaphosidae) and a tribute to early naturalists, Zoologica Scripta, 2019, S. 1-13, abgerufen am 16. Juli 2020.
  7. Die Micaria pulicaria-Artengruppe beim Wiki der Arachnologischen Gesellschaft e. V., abgerufen am 16. Juli 2020.
  8. a b c d e f g Micaria pulicaria (Sundevall, 1831) bei der British Arachnological Society, abgerufen am 16. Juli 2020.
  9. Micaria pulicaria (Sundevall, 1831) beim Rote-Liste-Zentrum, abgerufen am 16. Juli 2020.
  10. Micaria pulicaria (Sundevall, 1831) bei Global Biodiversity Information Facility, abgerufen am 16. Juli 2020.
  11. J. O. Wolff, M. Řezáč, T. Krejčí, S. N. Gorb: Hunting with sticky tape: functional shift in silk glands of araneophagous ground spiders (Gnaphosidae), Journal of Experimental Biology, Volumen 220, 2017, S. 2250–2259, abgerufen am 16. Juli 2020.
  12. Micaria pulicaria (Sundevall, 1831) im WSC World Spider Catalog, abgerufen am 16. Juli 2020.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Gewöhnliche Schillerspinne – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien