Michael Bernhard Valentini

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Michael Bernhard Valentini

Michael Bernhard Valentini (* 26. November 1657 in Gießen; † 18. März 1729 ebenda) war ein deutscher Arzt und Naturforscher.

Museum Museorum, Bd.I, Frontispiz (2. Aufl. 1714)
Anwendung der Moxa zur Heilung von Podagra und Chiagra. Auf der Grundlage einer Schrift von Hermann Buschoff entworfener Stich in Valentinis Museum Museorum, Bd.I (2. Aufl. 1714)
Erstmalige Beschreibung der Sammlung des Ostindien-Fahrers Johann Konrad Rätzel in Valentinis Museum Museorum, Bd. II, Appendix 19 (2. Aufl. 1714)

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Valentini wurde als Sohn von Johann Justus Velten (1625–1689) und dessen Ehefrau Marie, geb. Will, in Gießen, einer Universitätsstadt von etwa 5000 Einwohnern, die zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt gehörte, geboren. Der aus dem nahe gelegenen Großen-Linden stammende Vater hatte seinen Namen latinisiert. Der als ältester von zwei Söhnen geborene Michael Bernhard besuchte von 1669 bis 1675 das Gießener Pädagogium, danach die Universität, wo er den üblichen Ausbildungsweg einschlug und zunächst an der philosophischen Fakultät unter anderem Geschichte, Logik, Metaphysik und Mathematik hörte. 1676 verteidigte er unter dem Theologen Kilian Rudrauff (1627–1690) eine logisch-metaphysische Disputation. Erwähnenswert ist darüber hinaus der Besuch des Compendium Physicum, eine an der philosophischen Fakultät angesiedelte Vorlesung in Naturphilosophie bei Lorenz Strauß. Nach dem sich anschließenden Medizinstudium bei dem erwähnten Strauß, bei Michael Heiland und dem damaligen Extraordinarius Ludwig Christian Tackius (1655–1718) wurde Valentini 1680 mit der Arbeit De convulsionibus Lizentiat der Medizin. In der Folge war er zunächst als praktischer Arzt in der Grafschaft Leiningen-Hardenburg tätig, um dann als zweiter Garnisonsmedikus unter Johann Daniel Widt in Philippsburg zu praktizieren. Ab 1682, zurück in Gießen, betrieb er eine große Praxis und verfasst die an Widt adressierte Epistolica de nova matricis et morbonae muliebris anatome, die ihm 1683 die Mitgliedschaft bei der Academia naturae curiosorum verschaffte. Eine wissenschaftliche Reise, die ihn nach Frankreich, Holland und England führte, erweiterte seinen Horizont. 1686 erwarb er in Gießen die Doktorwürde, ein Jahr darauf übernahm er den Lehrstuhl für Physik. Dank seiner Kontakte zur Werkstatt der Musschenbroeks in Leiden konnte er physikalische Instrumente, insbesondere eine Antlia pneumatica (= Luftpumpe) ankaufen und die Experimentalphysik an der Universität Gießen etablieren, die nun nach Altdorf und Marburg als dritte deutsche Universität die „neue Physik“ in ihrem Curriculum anbot.

1697 wechselte Valentini auf einen Lehrstuhl der Medizin. 1720 wurde ihm das „Seniorat“ und „Ökonomie-Inspektorat“ der Universität übertragen. 1728 erfolgte die Ernennung zum kaiserlichen Leibmedicus. Seit 1683 gehörte er der 1652 gegründeten Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina an, zu deren Aufbau er wichtige Beiträge leistete. 1704 wurde er Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften und am 10. November 1715 Mitglied der Royal Society in London.

Valentini stand in Kontakt mit zahlreichen Gelehrten in Europa und Fernost. Er akkumulierte nicht nur eine Fülle von Informationen, sondern baute auch eine umfangreiche Sammlung auf. Sein Anfang des 18. Jahrhunderts publiziertes Werk „Museum Museorum“ ist noch heute eine Fundgrube für Informationen zur Materia Medica aus aller Welt, wie auch zur Bedeutung und Methodik des Sammelns und zu den wichtigsten Sammlungen seiner Zeit. Der dritte Teil stellt zahlreiche Apparate und Instrumente von Musschenbroek vor. Neben knapp hundert Beiträgen für die von der Academia Naturae Curiosorum herausgegebenen Miscellanea curiosa medico-physica und zahlreichen kleinen Schriften, Disputationen und Universitätsreden veröffentlichte Valentini mehrere bedeutende medizinische Lehrbücher, so seine Medicina nov-antiqua, die 1698 in erster, 1713 in zweiter, stark erweiterter und 750 Seiten umfassender Auflage in Frankfurt am Main erschien. Mit weit über tausend Seiten noch umfangreicher präsentiert sich die 1711 in erster, 1721 in zweiter Auflage erschienene Praxis medicinae infallibilis. Erwähnenswert ist auch sein 1720 in erster Auflage erschienenes Amphitheatrum zootomicum (2. Aufl. 1742). Das Buch zeigt auf 105 Tafeln Abbildungen von heimischen und exotischen Tieren: Die beeindruckende Sammlung lässt jedoch keine expliziten Ordnungskriterien erkennen, sondern scheint der Sicherung und Wahrung tradierten Wissens zu dienen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1680 : Microcosmi tortura medica convulsio quam pro licentia summos in arte medica honores immunitates et privilegia doctoralia jure meritove indipiscendi solenni patrum academiae conscriptorum examini sistit Michael Bernhard Valentin, Giessanus. Gießen: Karger (38pp.)
  • 1686 : Mich. Bern. Valentini Historia moxae cum adjunctis in fine meditationibus de podagra ad ... Andream Cleyerum ... perscripta. Leiden: van der Aa.
  • 1687 : Historia Physices Experimentalis |Michaelis Bernhardi Valentini Med. D. Historia Physices Experimentalis |Qua Antiquitatem Ejus, Ortum & Progressum Loco Panegyris Inavgvralis In Pleno Antistitum Consessu et frequenti Civium Academicorum confluxu adstruebat Cum Pridiè Calendas Iunii Anni MDCLXXXVII Professionem Physices Ordinariam In Per-Illustri Academiâ Giessena ordiretur.Gissae Hassorum : Müllerus,1687 (44pp.)
  • 1704/14 (Teil 1): Museum Museorum, oder Vollständige Schau-Bühne aller Materialien und Specereyen / nebst deren natürlichen Beschreibung, Election, Nutzen und Gebrauch / Aus andern Material-, Kunst und Naturalien-Kammern, Oost- und West-Indischen Reiß-Beschreibungen / Curiosen Zeit- und Tag-Registern / Natur- und Artzney-Kündigern / wie auch selbst-eigenen Erfahrung / Zum Vorschub der Studirenden Jugend /Materialisten / Apothecker und deren Visitatoren / wie auch anderer Künstler / als Jubelirer / Mahler / Färber / u.s.w. also verfasset, und mit etlich hundert sauberen Kupfferstücken unter Augen geleget. Frankfurt a.M.: Zunner.
  • 1704/14 (Teil 2): Musei Museorum. Oder Der vollständigen SchauBühne frembder Naturalien Zweyter Theil/ Worinnen Die rareste Natur-Schätze aus allen biss daher gedruckten Kunst-Kammern / Reiss-Beschreibungen und andern Curiosen Büchern enthalten/ und benebenst einer Neu-auffgerichteten Zeug- und Rüst-Kammer der Natur/ auch vielen Curiosen Kupffer-Stücken vorgestellt sind. Frankfurt a.M.: Zunner.
  • 1704/14 (Teil 3): Neu-auffgerichtetes Rüst- und Zeughauß der Natur/ Worinnen Die so wundersame/ curiöse/ auch sehr nützlich Machinen und Instrumenten / deren sich die heutige Naturkündiger in Erforschung der natürlichen Ursachen bedienen / zu sehen und zu finden sind. Zum Vorschub aller derjenigen/ so der Lateinischen Sprach nicht mächtig sind/ und dennoch ihren Schöpffer in der Natur zu verehren suchen/. Anjetzo zum erstenmal in Hoch-Teutscher Sprache beschrieben. Frankfurt a.M.: Zunner.
  • 1719 : Viridarium reformatum, seu regnum vegetabilis Das ist eingerichtet und-Neu-buch vollständiges Kräuter, Worinnen alfo noch nicht geschehen Weise, als Kräutern Vegetabilien CRF, Sträuchen, Bäumen, Bluhmen Erd- und anderer Art Gewachsen, Krafft und beschreiben werden Würckung dergestalter, dass man dieses Werck statt einer Botanischen Bibliotheca haben, jedes zu seiner rechten Haupt Kraut-Art bringen, dessen Nutzen auch in der deutlich Artzney umständlich und finden. Frankfurt a.M.: Anton Heinscheidt.
  • 1720 : Amphitheatrum zootomicum :tabulis aeneis quamplurimis exhibens historiam animalium anatomicam e miscellaneis S.R.I. Academiae Naturae Curiosorum, diariis Societatum Scientiarum regiarum Parisiensis, Anglicae & Prusiacae … Accedit methodus secandi cadav. humana / accurante variisque notis & figuris illustrante Michaele Bernhardo Valentini. Frankfurt a.M.: Zunner.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Julius Pagel: Valentini, Michael Bernhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 39, Duncker & Humblot, Leipzig 1895, S. 468 f.
  • Ulrike Enke: Gelehrtenleben im späten 17. Jahrhundert – eine Annäherung an den Gießener Medizinprofessor Michael Bernhard Valentini (1657–1729). In: Medizinhistorisches Journal. Band 42, Nr. 3–4, 2007, S. 299–329.
  • Ulrike Enke: Michael Bernhard Valentini (1657-1729) – Professor der Medizin und Begründer der Experimentalphysik an der Universität Gießen. In: Horst Carl et al. (Hgg.): Panorama 400 Jahre Universität Gießen: Akteure, Schauplätze, Erinnerungskultur. Hg. im Auftrag des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag 2007, S. 46–51.
  • Ulrike Enke: Peripherie als Innovationspotential? Das Beispiel des Gießener Medizinprofessors Michael Bernhard Valentini (1657-1729). In: Dies. (Hg.): Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen: Institutionen, Akteure und Ereignisse von der Gründung 1607 bis ins 20. Jahrhundert (= Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen 1607 bis 2007, hg. von V Roelcke, Bd. 1). Stuttgart: Franz Steiner, 2007, S. 39–80.
  • Hermann Buschof: Erste Abhandlung über die Moxibustion in Europa. Das genau untersuchte und auserfundene Podagra, vermittelst selbst sicher-eigenen Genäsung und erlösenden Hülff-Mittels. Neu herausgegeben und kommentiert von Wolfgang Michel, Haug Verlag, Heidelberg 1993, S. 60 ff. ISBN 3-7760-1327-3