Michael Gamper (Priester)

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Michael Gamper (* 7. Februar 1885 in Prissian; † 15. April 1956 in Bozen) war ein Priester und Publizist sowie Kanonikus des Bozner Kollegiatkapitels. Besonders von Bedeutung ist sein Einsatz für die deutschsprachige Volksgruppe in Südtirol sowie seine Haltung gegenüber Faschismus und Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine der ersten Ausgaben des von Michael Gamper redigierten Volksboten, Nr. 4, 2. Oktober 1919

Gamper wurde in Prissian, Gemeinde Tisens, als Sohn des vom Deutschnonsberg stammenden Schmiedes Michael Anton Gamper (1848–1929) und seiner Frau Elisabeth, geborene Sulzer, geboren. Er war das zweitälteste von sechs Geschwistern (ein weiteres Kind war bereits jung verstorben). Er besuchte in Meran das Benediktiner-Gymnasium und immatrikulierte nach der Matura an der Universität Innsbruck (die ihn später, 1951 zum Ehrenmitglied ernannte), um Theologie zu studieren. Dort trat er bald der AKV Tirolia bei. Nach dem Studium besuchte er das Priesterseminar in Trient.

Als Seelsorger war Gamper zunächst in Girlan, Altrei, Leifers und Barbian tätig. 1914 wurde er als Kanonikus (Domherr) in das Kollegiatkapitel der Propsteikirche in Bozen berufen.[1] In dieser Zeit machte er auch Bekanntschaft mit Prälat Aemilian Schöpfer, der bald die journalistischen Fähigkeiten Gampers erkannte und ihn drängte, die Schriftleitung des neuen Südtiroler Volksboten zu übernehmen (nach der Annexion Südtirols durch Italien im Jahre 1919 war der Verkauf des Tiroler Volksboten verboten worden), dem er als Redakteur rasch eine scharf antisozialdemokratische und antisemitische Richtung gab.[2] 1921 wurde Gamper auch Präsident der Südtiroler Sektion des Tyrolia Verlages.

Nachdem im Rahmen der Italianisierung 1925/26 sämtliche deutsche Printmedien in Südtirol verboten worden waren, erreichte er mit Unterstützung des Vatikans, insbesondere des Mussolini nahestehenden Jesuiten Pietro Tacchi Venturi, dass die deutschsprachige Tageszeitung Dolomiten und andere katholische Printmedien 1925 wieder erscheinen konnten, wenngleich um den Preis regierungsfreundlicher Berichterstattung.[3][4] Darüber hinaus war er, in Reaktion auf das italienische Schulverbotsgesetz vom Oktober 1923 (Lex Gentile), eine der treibenden Kräfte zur Wiederzulassung des deutschen Religionsunterrichts und – zusammen mit Josef Noldin, Eduard Reut-Nicolussi und Rudolf Riedl – der Organisation der Katakombenschulen.[5]

Mit dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA), einer NS-Kulturorganisation, unterhielt Gamper – auch dank seiner Freundschaft mit dessen Leiter Hans Steinacher – beste Beziehungen. Der Verein förderte mit erheblichen finanziellen Zuwendungen Gampers Notschulprogramm, und Steinacher bezeichnete Gamper als den „beste[n] deutsche[n] Mann in Südtirol“, zumal dieser bis 1937 an einem der NSDAP gegenüber überaus freundlichen Kurs festhielt, da er deren völkische Grundierung, aber auch den markanten Antikommunismus und Antisemitismus von Hitler-Deutschland teilte; erst die ab 1935 sich verstärkende Unterdrückung des deutschen Katholizismus bewirkte ab 1937 seine Abkehr vom Nationalsozialismus.[6]

Während der Optionszeit 1939 setzte er sich für den Verbleib der Bevölkerung in Südtirol ein (siehe Andreas-Hofer-Bund). Im Dezember 1940 übernahm Gamper auszugsweise einen zuvor im Osservatore Romano erschienenen Zeitungsartikel über die Ermordung von Kranken und Behinderten in Deutschland in der Aktion T4 durch die Nationalsozialisten unter dem Titel Ein schrecklicher Verdacht.[7]

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Südtirol 1943 musste Gamper vor der Gestapo fliehen und versteckte sich zunächst in Wangen am Ritten, später – dank der Hilfe von „Männer[n] der Deutschen Abwehr“[8] – in einem Kloster in der Toskana. Dort nutzte er die Zeit zur Erstellung eines Memorandums für die Alliierten, in dem er die Geschichte Südtirols vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die 1940er Jahre beschrieb.

Den nach Kriegsende zwischen Österreich und Italien im September 1946 geschlossenen Pariser Vertrag lehnte er als „Mißerfolg“ und „Kuhhandel“ ab, da es die ersehnte Selbstbestimmung unmöglich machte.[9] Nun übernahm er die Leitung der Tageszeitung Dolomiten und baute die aus dem Tyrolia-Verlag hervorgegangene Athesia wieder auf. Bis 1956 blieb er deren Präsident. Gamper setzte sich weiterhin für die Belange der deutschsprachigen Volksgruppe in Südtirol ein und lieferte mit seinem Leitartikel über den „Todesmarsch der Südtiroler“ vom 28. Oktober 1953 ein Grundmotiv des Kampfes um die Autonomie Südtirols.[10]

Im Alter von 71 Jahren starb Michael Gamper am 15. April 1956 in Bozen. Zuvor machte sich eine schwere Krankheit bemerkbar, der auch ein Aufenthalt in Martinsbrunn bei Meran und Bestrahlungen an der Universitätsklinik von München nicht entgegenwirken konnten. Im Februar 1956 bekam Gamper die Diagnose Lebertumor von Max Lebsche. Die Ausbreitung war jedoch zu weit fortgeschritten für eine Operation. Er selbst organisierte noch seine Nachfolge im Betrieb und bei der Zeitung und sein Begräbnis. Dieses nahm am 19. April 1956 mit einem Trauerzug durch Bozen ein Ausmaß einer Großveranstaltung an; am Begräbnis nahmen über 30.000 Personen teil.[11]

Sein journalistisches und finanzielles Erbe traten seine Nichte Martha Flies und ihr Mann Toni Ebner an. Heute ist das Verlagshaus Athesia großteils im Besitz ihrer Kinder Michl und Toni Ebner.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders von der Athesia-Presse und von dieser nahestehenden Autoren bzw. klerikalen und rechtskonservativen Kreisen wurde nach Gampers Tod dessen Wirken mythisch verklärt und dieser zum „getreuen Eckart des Südtiroler Volkes“ und zum „Mann von Tirol“ stilisiert.[12] Dagegen hat die neuere Forschung die teilweise widersprüchliche Haltung Gampers gegenüber den Diktaturen, seinen klerikalen Dominanzanspruch und die systematische Vermengung von Kirche und Politik herausgestellt.[13]

In Altrei, Bozen, Innsbruck, Klobenstein, Leifers, Lienz und Olang wurden Straßen nach Kanonikus Gamper benannt.

Das Kanonikus-Michael-Gamper-Werk, das seit den 1960er Jahren mehrere Schulheime in Südtirol betreibt, trägt seinen Namen.[14]

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Haben so in Italien die Juden schon das Geld in ihren Händen, so ist natürlich auch der Staat ihnen ausgeliefert, mit anderen Worten, die Juden reißen immer mehr auch die politische Macht an sich. (1921)[15]

„Lieber noch eine fascistische Regierung als eine solche, die, wie die letzte, uns immer wieder ihres Schutzes versichert und dann schließlich doch keinen Finger rührt, um unser Recht zu schützen. (1922)[16]

„Was soll nun geschehen? Sollen wir mit dem Verlust der deutschen Schule auch das deutsche Volkstum verlieren? (…) Nun müssen wir es den ersten Christen nachmachen. (…) Als sie vor den Verfolgern (…) nicht mehr sicher waren, nahmen sie zu den Toten in den unterirdischen Grabkammern, in den Katakomben ihre Zuflucht. (1923)[17]

„Mir ist die national-sozialistische Partei gerade so schlecht oder so recht wie eine andere Partei. (1927)[18]

„Der Volkscharakter des Tirolers ist grundverschieden von dem des Italieners. (…) Ganz Südtirol ist einig im heissen Wunsche, sein Schicksal für immer von dem Italiens zu trennen. (1944)[19]

„Es ist ein Todesmarsch, auf dem wir Südtiroler uns seit 1945 befinden, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt. (1953)[20]

„Ein Volk, das um nichts anderes kämpft als um sein natürliches und verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben. (1956)[21]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Athanasius (i.e. Michael Gamper): Die Seelennot eines bedrängten Volkes. Von der nationalen zur religiösen Unterdrückung in Südtirol. Innsbruck: Marianische Verlags-Buchhandlung 1927.
  • Südtirol im Jubeljahr seines Bundes. Bericht über die 150-Jahr-Feier des Tiroler Herz-Jesu-Bundes im Jahre 1946. Brixen: Verlagsanstalt Athesia 1946.
  • Die deutsche Volksgruppe in Südtirol gestern und heute. In: Volk und Staat. Festschrift Karl Maßmann. Kiel-München 1954, S. 220–227.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anna Esposito: Stampa cattolica in Alto Adige tra fascismo e nazismo. La casa editrice Vogelweider-Athesia e il ruolo del canonico Gamper (1933–1939). Rom: Aracne editrice 2012, ISBN 978-88-54854215.
  • Alois M. Euler: Michael Gamper: Hirte und Herold von Südtirol. Eine Dokumentation. Wien: Südtirol-Dokumentations-Zentrum der Volksbewegung für Südtirol 1976.
  • Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Innsbruck-Wien: Studienverlag 1996, ISBN 978-3-7065-1133-9.
  • Walter Marzari: Kanonikus Michael Gamper: ein Kämpfer für Glauben und Heimat gegen Faschistenbeil und Hakenkreuz in Südtirol (= Aus Christentum und Kultur, 3). Wien: Hollinek 1974, ISBN 3-85119-113-7.
  • Franz H. Riedl: Südtirol: Land europäischer Bewährung. Kanonikus Michael Gamper zum 70. Geburtstag (= Schlern-Schriften 140). Innsbruck: Wagner 1955.
  • Rolf Steininger (Hrsg.): Ein Leben für Südtirol. Kanonikus Michael Gamper und seine Zeit. Bozen: Athesia 2017, ISBN 978-88-6839-257-4.
  • Leopold Steurer: Propaganda im „Befreiungskampf“. In: Hannes Obermair et al. (Hrsg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung – Cittadini innanzi tutto. Festschrift für / Scritti in onore di Hans Heiss. Folio Verlag, Wien/Bozen 2012, ISBN 978-3-85256-618-4, S. 386–400.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 15.
  2. Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 36–51.
  3. Winfried Adler: Die Kulturpolitik des italienischen Faschismus in Südtirol. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 61, 1981, S. 305–361, hier S. 357–358.
  4. Anna Esposito: Stampa cattolica in Alto Adige tra fascismo e nazismo. La casa editrice Vogelweider-Athesia e il ruolo del canonico Gamper (1933–1939). Rom: Aracne editrice 2012.
  5. Hierzu Jürgen Charnitzky: Die Schulpolitik des faschistischen Italiens in Südtirol (1922–1943). Tübingen 1994, S. 73ff.
  6. Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 57–63
  7. Volksbote, Ausgabe vom 19. Dezember 1940, S. 1. Zur vatikanischen Urheberschaft s. Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 74.
  8. Laut Toni Ebner: Die Flucht des Kanonikus. In: Dolomiten, Ausgabe vom 7. Februar 1985, Beilage, S. IX; zitiert bei Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 75.
  9. Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 88.
  10. Wiener Zeitung, 17. November 2007
  11. Windegger, Flies, Oberleiter, Ebner, Seifert: Kanonikus Michael Gamper – Ein Leben für Südtirol. S. 142
  12. So etwa durchgängig Euler: Gamper und Marzari: Gamper, aber auch Steininger: Leben für Südtirol. Vgl. auch Otmar Parteili: Der Mann von Tirol. Zum 40. Todestag von Kanonikus Michael Gamper. In: Südtirol in Wort und Bild 1996, H. 2, S. 8–10.
  13. Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik, bes. S. 7ff.
  14. Website des Kanonikus-Michael-Gamper-Werks, abgerufen am 18. Juli 2019.
  15. Das Reich Israel in Italien, in: Der Volksbote, 3. März 1921, S. 1.
  16. Die Fascistenregierung, in: Der Volksbote, 2. November 1922, S. 2.
  17. Zitiert nach Marzari: Gamper, S. 39.
  18. Brief an Wilhelm Rohmeder vom 1. 4. 1927; zitiert bei Leo Hillebrand: Medienmacht & Volkstumspolitik: Michael Gamper und der Athesia-Verlag. Studienverlag, Innsbruck-Wien 1996, S. 60.
  19. Aus der Denkschrift Südtirol – ein Problem des Friedens; zitiert nach Steininger: Ein Leben für Südtirol, S. 240 u. 263
  20. Dolomiten, Ausgabe vom 28. Oktober 1953.
  21. Leopold Steurer: Propaganda im „Befreiungskampf“. In: Hannes Obermair et al. (Hrsg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung – Cittadini innanzi tutto. Festschrift für / Scritti in onore di Hans Heiss. Folio Verlag, Wien/Bozen 2012, S. 394; demnach wurde das Zitat vom Befreiungsausschuss Südtirol im Zuge der sog. Feuernacht von 1961 auf einem Flugblatt benutzt.