Michael Heinrich (Politikwissenschaftler)

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Michael Heinrich 2014 in Zagreb

Michael Heinrich (* 1957 in Heidelberg) ist ein deutscher Politikwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten]

Heinrich war von 1987 bis 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin, wo er zum Dr. rer. pol. promoviert wurde. 1998 war er Gastprofessor an der Universität Wien sowie 2003 Vertretungsprofessor an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW). Anschließend war Heinrich Lehrbeauftragter an der Freien Universität Berlin. Seit dem Wintersemester 2005/2006 ist er wieder an der FHTW tätig, die 2009 in Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin umbenannt wurde. Außerdem ist Heinrich als Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) an der Edition bislang unveröffentlichter Marxscher Exzerpte zur Krise von 1857/58 beteiligt.

Heinrich war bis Oktober 2014 geschäftsführendes und presserechtlich verantwortliches Mitglied der Redaktion von PROKLA - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Er wurde von Ingo Stützle in dieser Funktion abgelöst.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Marxsche Theorie und die Geschichte der ökonomischen Theoriebildung. Heinrich gehört zum Kreis linker Wirtschaftswissenschaftler um den emeritierten Professor Elmar Altvater.

Theorie[Bearbeiten]

Heinrich ist ausgesprochener Gegner eines von ihm so bezeichneten „Weltanschauungsmarxismus“, als dessen Protagonist ihm Karl Kautsky gilt. Diese Art von Marxismus sei geprägt durch „einen äußerst simpel gestrickten Materialismus“, „bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Elemente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichkeiten“, die „zu einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert“ würden. Weitere besonders hervorstechende Merkmale seien „ein oft kruder Ökonomismus“ sowie „ein ausgeprägter historischer Determinismus, der das Ende des Kapitalismus und die proletarische Revolution als naturnotwendig eintretende Ereignisse betrachtet“.[1]

Verblendungszusammenhang[Bearbeiten]

Dagegen sieht Heinrich Marx in erster Linie als „Kritiker der über den Wert vermittelten und damit ‚fetischisierten‘ Vergesellschaftung“.[2] Anknüpfend an den Strukturalismus Althussers und die Kritische Theorie spricht er von einem Verblendungszusammenhang, dem Kapitalisten und Arbeiterklasse gleichermaßen unterliegen. Auch wenn dieser Fetischismus nicht prinzipiell undurchdringlich sei, könne „von einer privilegierten Erkenntnisposition der Arbeiterklasse“[3] ebenso wenig die Rede sein wie von einer bewussten Instrumentalisierung durch das Kapital, weshalb eine moralische Kritik am Verhalten Einzelner sinnlos sei.

Monetäre Werttheorie[Bearbeiten]

Heinrich verwirft die vorherrschende „substanzialistische“ Interpretation der Marxschen Arbeitswerttheorie, die Wertgröße unmittelbar „als Eigenschaft einer einzelnen Ware“[4] aufzufassen. Heinrich versteht diese vielmehr als monetäre Werttheorie, genau darin liege auch der Marxsche Paradigmenwechsel gegenüber prämonetären Arbeitswerttheorien wie der Klassischen politischen Ökonomie, aber auch der Nutzentheorie des Werts der Neoklassik.[5]

Auch wenn die Wertgröße einer Ware als dingliche Eigenschaft erscheine, sei sie nämlich ein gesellschaftliches Verhältnis, nämlich das Verhältnis „zwischen der individuellen Arbeit des Produzenten und der gesellschaftlichen Gesamtarbeit.“ Das heißt nicht, dass der Tausch den Wert produziere, nur er vermittle aber dieses Verhältnis, nur in ihm „erhalte der Wert eine gegenständliche Wertform“.[4] Heinrich zufolge mussten die Warenbesitzer als Resultat des Tausches Geld hervorbringen, Geld ist also „keineswegs auf praktischer Ebene nur ein Hilfsmittel des Tausches und auf theoretischer nur ein Anhängsel der Werttheorie. Ohne Wertform können sich die Waren nicht als Werte aufeinander beziehen und erst die Geldform ist die dem Wert angemessene Wertform“.[5]

Fall der Profitrate und Krisentheorie[Bearbeiten]

Heinrich verwirft ausdrücklich das Marxsche Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Die Profitrate könne sehr wohl fallen, aber auch steigen – eine dauerhafte Tendenz zum Profitratenfall lasse sich auf der allgemeinen Ebene nicht begründen.[6] Auch lasse sich aus der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus keine langfristige Tendenz zur Zuspitzung der gegenläufigen Momente ableiten: „Krisen sind (...) nicht nur zerstörerisch, vielmehr wird in Krisen die Einheit von Momenten, die (wie Produktion und Konsum) zwar zusammengehören, aber gegeneinander verselbständigt sind (Produktion und Konsum gehorchen unterschiedlichen Bestimmungen) gewaltsam wieder hergestellt.“.[7]

Entschieden weist er daher die von Wertkritikern wie Robert Kurz vertretene These, die Widersprüchlichkeit von Produktions- und Konsumlogik stelle einen „eskalierenden logischen Selbstwiderspruch des Kapitals“ dar,[8] an dem der Kapitalismus zwangsläufig zerbreche, zurück. Die bereits in der Geschichte der Arbeiterbewegung verbreitete Zusammenbruchstheorie des Kapitals habe „historisch immer eine Entlastungsfunktion: Egal wie schlimm die aktuellen Niederlagen auch waren, das Ende des Gegners war letztlich doch gewiss.“ Eine solche finde sich, trotz der Andeutungen in seinem Frühwerk „Grundrisse“, auch nicht bei Marx. Jedoch mache „das Fehlen dieser prophetischen Gewissheiten (...) den Kapitalismus um keinen Deut besser.“[9]

Kritik[Bearbeiten]

Trotz der großen Beliebtheit seiner nüchtern kritischen Herangehensweise stößt Michael Heinrichs Marx-Lesart auf eine außerordentlich zweigespaltene Rezeption. So konstatiert der traditionelle Marxist Wolfgang Fritz Haug: „Da Heinrich die rettende Kritik der marxistischen Überlieferung meidet und sich außerhalb der Geschichte der Klassenkämpfe stellt und die Dialektik der Logik opfert, gerät seine Einführung zur Entführung aus dem Marxismus.“[10]

an der monetären Werttheorie[Bearbeiten]

Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt, Vertreter der Neuen Marx-Lektüre, stellen bei Heinrich „eine absolute Zweiteilung der Ökonomie in naturale Realsphäre, in der keine Waren, sondern Produkte hergestellt werden, und der Sphäre des Austausches“ fest.[11] Norbert Trenkle, Vertreter der wertkritischen Gruppe Krisis, schließt sich dieser Kritik an: „diese gesellschaftliche Beziehung wird keinesfalls erst im Tausch hergestellt. Indem Heinrich dies postuliert geht er nicht über Marx hinaus, sondern fällt im Gegenteil hinter ihn zurück und landet selbst auf dem Boden der bürgerlichen Volkswirtschaftlehre.“ [12]

an der Krisentheorie[Bearbeiten]

Norbert Trenkle wirft Heinrich darüber hinaus vor, „die Kritik der politischen Ökonomie zu positivieren und unschädlich zu machen.“ Heinrichs zentrales Anliegen sei es, jede zusammenbruchstheoretische Implikation aus der Marxschen Theorie herauszusäubern. Dabei verfahre er „geradezu gewaltsam mit den Marxschen Schriften“ und blende „systematisch alle Aussagen aus, die nicht in sein Bild passen“.[13]

am Verblendungszusammenhang[Bearbeiten]

Vertreter einer eher klassischen Lesart von Marx kritisieren zudem vielfach, dass der Mensch als Akteur in Heinrichs Konzeptualisierung kaum noch stattfinde, sich die Konflikthaftigkeit im Abstrakten erschöpfe und konkrete Auseinandersetzungen in Form des Klassenkampfes keinen Platz mehr hätten, weil eben alle gleichermaßen der Verblendung durch den Warenfetisch unterlägen. Karl Reitter zufolge überinterpretiere Heinrich damit die Marxsche Formel vom Kapital als automatischem Subjekt. Indirekt leiste Heinrich "dem Gerede vom Verblendungszusammenhang, hinter dessen düsterem Vorhang alle Klassengegensätze irrelevant werden, leider einen gewissen Vorschub."[14]

Die Redaktion GegenStandpunkt kritisiert Heinrichs Opposition gegen jede moralische Kritik kapitalistischen Handelns innerhalb des Kapitalismus. Diese lande dabei, „dass an den Agenten des Kapitals und ihrem Ausbeutungsgeschäft unter den gegebenen Eigentums- und Tauschverhältnissen eigentlich nichts zu kritisieren ist: Was sie treiben, ist nach den Regeln des Warentauschs absolut korrekt.“ Ihm sei „offenbar nichts wichtiger [...] als die ökonomisch Mächtigen aus der Schusslinie zu nehmen“.[15]

Schriften[Bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten]

  • Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. VSA-Verlag, Hamburg 1991, ISBN 3-87975-583-3.
  • Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-89657-582-1.
  • Wie das Marxsche Kapital lesen? Schmetterling Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-89657-051-2.
  • Wie das Marxsche Kapital lesen? Bd. 2, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-89657-053-6.

Herausgeberschaft[Bearbeiten]

  • Mit Dirk Messner: Globalisierung und Perspektiven linker Politik. Festschrift für Elmar Altvater zum 60. Geburtstag. Westfälisches Dampfboot, Münster 1998, ISBN 3-89691-443-X.
  • Mit Werner Bonefeld: Kapital & Kritik: Nach der "neuen" Marx-Lektüre. VSA-Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-89965-403-5.

Artikel[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 23.
  2. Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 10.
  3. Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 77.
  4. a b Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 52.
  5. a b Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 62.
  6. Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 152 und Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. 2. Auflage. 1999, S. 327 ff.
  7. Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 174.
  8. Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Ullstein, München 2001, S. 731 f.
  9. Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. S. 175–178.
  10. Wolfgang Fritz Haug :Zur Kritik monetaristischer Kapital-Lektüre. Teil II: Logik und Praxis bei Heinrich. In: Das Argument. 258, 46. Jahrgang, Heft 6, 2004, S. 865–876.
  11. Backhaus/Reichelt 1995, S. 68.
  12. Norbert Trenkle: Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation. In: Streifzüge. 3/2000.
  13. Norbert Trenkle: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen. In: Streifzüge. 1/2000.
  14. Karl Reitter: Kapitalismus ohne Klassenkampf? zu Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. In: Grundrisse. 11, Herbst 2004, S. 26–34.
  15. GegenStandpunkt: Wie man „Das Kapital“ nicht schon wieder neu lesen sollte. In: GegenStandpunkt. 2/08.