Michael Meyer-Hermann (Physiker)

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Michael Meyer-Hermann (* 1967 in Reinbek[1]) ist Professor an der Technischen Universität Braunschweig und Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.

Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meyer-Hermann studierte Physik, Mathematik und Philosophie in Frankfurt am Main und Paris. 1993 veröffentlichte er seine Diplomarbeit mit dem Titel „QCD-Summenregeln mit Massen“ über Quantenchromodynamik.[2] Er wurde 1997 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main in theoretischer Elementarteilchenphysik über „Die innere Struktur des Nukleons“ promoviert.[3] 1998 gründete er die Forschungsgruppe „Theoretische Biophysik“ an der Technischen Universität Dresden und leitete sie bis 2003. Das Jahr 2004 verbrachte er an der University of Oxford. Von 2005 bis 2010 war er Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS).[1][4] Seit 2010 ist er in Braunschweig Professor an der Technischen Universität und Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.[5]

Computermodellierung der Bildung pilzförmiger Strukturen des Bakteriums Pseudomonas aeruginosa[6]

Mit seiner Arbeitsgruppe entwickelt Methoden in der theoretischen Zellbiologie, um die Funktionsweise des adaptiven Immunsystems und die Wechselwirkung von Nerven-, Hormon- und Immunsystems zu verstehen. Dies beinhaltet Forschung zu T- und B-Zellen, viralen und bakteriellen Infektionen, Stoffwechselstörungen, Diabetes und Krebs. Er setzt mathematische Methoden ein, um medizinische und biologische Systeme zu modellieren. Diese reichen von gewöhnlichen und partiellen Differentialgleichungen über agentenbasierte Modellierung bis hin zu Algorithmen für Regelkreise und künstliche Intelligenz.[4][7]

Während der COVID-19-Pandemie in Deutschland veröffentlichte er mit einer Arbeitsgruppe der Helmholtz-Gemeinschaft eine Modellierung auf Basis eines erweiterten SEIR-Modells,[8][9] die breit rezipiert wurde. In den folgenden Wochen wurden regelmäßig aktualisierte Schätzungen der Reproduktionszahl der verschiedenen Bundesländer veröffentlicht.[10] Meyer-Hermann sprach sich im April 2020 in Interviews und der Talkshow Anne Will aus epidemiologischer Sicht gegen Lockerungen von räumlicher Distanzierung, Ausgangssperren und anderen Maßnahmen aus, um die Nettoreproduktionszahl deutlich unter dem Schwellwert 1 zu halten und eine Eindämmung der Pandemie zu erreichen.[11][12][13] In einer gemeinsam mit u. a. Clemens Fuest (ifo Institut) verfassten, interdisziplinären Studie zeigten sie, dass ein Reproduktionsfaktor, geschätzt um 0,75, optimal sei, um die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie zu reduzieren, ohne die medizinischen Ziele zu gefährden. Es zeige „sich insofern, dass es in Bezug auf eine starke Lockerung der Maßnahmen keinen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Kosten gibt“.[14][15][16]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gabriel D. Victora, Tanja A. Schwickert, David R. Fooksman, Alice O. Kamphorst, Michael Meyer-Hermann, Michael L. Dustin, Michel C. Nussenzweig: Germinal center dynamics revealed by multiphoton microscopy with a photoactivatable fluorescent reporter. In: Cell 143(4), 2010, S. 592–605, doi:10.1016/j.cell.2010.10.032.
  • Gernot Schaller, Michael Meyer-Hermann: Multicellular tumor spheroid in an off-lattice Voronoi-Delaunay cell model. In: Physical Review E 71(5), 2005, 051910, doi:10.1103/PhysRevE.71.051910.
  • Jeroen M. J. Tas, Luka Mesin, Giulia Pasqual, Sasha Targ, Johanne T Jacobsen, Yasuko M Mano, Casie S Chen, Jean-Claude Weill, Claude-Agnès Reynaud, Edward P Browne, Michael Meyer-Hermann, Gabriel D Victora: Visualizing antibody affinity maturation in germinal centers. In: Science 351(6277), 2016, S. 1048–1054, doi:10.1126/science.aad3439.
  • Yang Zhang, Michael Meyer-Hermann, Laura A. George, Marc Thilo Figge, Mahmood Khan, Margaret Goodall, Stephen P. Young, Adam Reynolds, Francesco Falciani, Ari Waisman, Clare A. Notley, Michael R. Ehrenstein, Marie Kosco-Vilbois, Kai-Michael Toellner: Germinal center B cells govern their own fate via antibody feedback. In: Journal of Experimental Medicine 210(3), 2013, S. 457–464, doi:10.1084/jem.20120150.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Unsere Gäste, Webseite des NDR für die Fernsehsendung Anne Will am 19. April 2020.
  2. Michael Meyer-Hermann: QCD-Summenregeln mit Massen, Diplomarbeit, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 1993.
  3. Michael Meyer-Hermann: Die innere Struktur des Nukleons: Vielteilchenkorrelatoren und Störungskorrekturen im Limes großer Nf. Dissertation, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 1997.
  4. a b Prof. Dr. Michael Meyer-Hermann, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, abgerufen am 20. April 2020.
  5. Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Michael Meyer-Hermann, Pressemitteilung der Technischen Universität Braunschweig, 18. Mai 2011.
  6. Azadeh Ghanbari, Jaber Dehghany, Timo Schwebs, Mathias Müsken, Susanne Häussler, Michael Meyer-Hermann: Inoculation density and nutrient level determine the formation of mushroom-shaped structures in Pseudomonas aeruginosa biofilms. In: Scientific Reports, Band 6, Artikelnummer 32097, 2016, doi:10.1038/srep32097.
  7. Michael Meyer-Hermann, Website der Frontiers Journal Series, abgerufen am 20. April 2020.
  8. Arnab Bandyopadhyay u. a.: Stellungnahme der Helmholtz-Initiative „Systemische Epidemiologische Analyse der COVID-19-Epidemie“, 13. April 2020.
  9. Sahamoddin Khailaie, Tanmay Mitra, Arnab Bandyopadhyay, Marta Schips, Pietro Mascheroni, Patrizio Vanella, Berit Lange, Sebastian Binder, Michael Meyer-Hermann: Estimate of the development of the epidemic reproduction number Rt from Coronavirus SARS-CoV-2 case data and implications for political measures based on prognostics, 7. April 2020, doi:10.1101/2020.04.04.20053637.
  10. Report mit aktualisierten Zahlen zum Artikel von Khailaie et al.
  11. Florian Schumann: „Jetzt wäre jede Form von Lockerung gefährlich“. In: Zeit Online, 15. April 2020.
  12. Helmholtz-Forscher erklärt an einer Zahl, warum strenge Corona-Regeln bleiben müssen. In: Der Tagesspiegel, 15. April 2020.
  13. Cornelia Karin Hendrich: „Die Reproduktionszahl von 0,7 ist ein künstlicher Effekt“. In: Welt Online, abgerufen am 20. April 2020.
  14. Florian Dorn, Sahamoddin Khailaie, Marc Stöckli, Sebastian Binder, Berit Lange, Andreas Peichl, Patrizio Vanella, Timo Wollmershäuser, Clemens Fuest, Michael Meyer-Hermann: Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona-Pandemie. In: ifo Schnelldienst Digital. Nr. 6, 2020. ifo Institut, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (Hrsg.), 12. Mai 2020.
  15. Schnelle Lockerungen bringen der Wirtschaft Verluste. In: Zeit Online, 13. Mai 2020.
  16. Wirtschafts- und Infektionsforscher: Vorsichtige Lockerung. In: Welt Online, 13. Mai 2020.