Michael Richter (Historiker)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Michael Richter (* 11. Dezember 1952 in Berlin) ist ein deutscher Zeithistoriker und Aphoristiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richter besuchte die Polytechnische Oberschule in Ilfeld und machte sein Abitur in Gotha. Dort war er Mitglied im Lyrikzirkel von Hanns Cibulka. Von 1974 bis 1979 studierte er evangelische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. In dieser Zeit war er Mitglied im Lyrikzirkel der Jungen Welt, nahm an Poetenseminaren teil und veröffentlichte erste Aphorismen, u. a. im Eulenspiegel, in der neuen deutschen literatur und in temperamente.

Im Jahr 1981 siedelte er nach Hannover über. Hier und in Bonn studierte er Geschichte, Politikwissenschaft und evangelische Theologie und veröffentlichte Aphorismen und Kalauer in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften des gesamten deutschsprachigen Raumes. 1989 wurde er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zum Dr. phil. promoviert. Im Jahr 1993 erschien im Berliner verbum-Verlag sein Aphorismenband Wortbruch mit einem Vorwort von Johannes Gross.

Seit 1994 arbeitet Richter als Historiker am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Er veröffentlichte etliche Bücher und Beiträge zur Geschichte der SBZ/DDR. Zuletzt erschien 2009 bei Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90. Beim Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) erschienen bislang drei Aphorismenbände.

Im November 2010 wurden Vorwürfe bekannt, nach denen Richter von 1979 bis 1981 selbst für das Ministerium für Staatssicherheit als IM „Thomas“ (Reg.-Nr. XV 1693/79, MfS AIM 6927/83, Teil I/1 345 Seiten, Teil II/1 64 Seiten) gearbeitet hat. Er selbst hatte dies „bereits auf dem Gebiet der DDR“ Freunden gegenüber, im Notaufnahmelager Gießen sowie gegenüber Bekannten und Arbeitgebern offengelegt. Das MfS klassifizierte ihn daraufhin als „Feind der DDR“ und verhängte „Einreisesperre für immer“. (BStU-Akte Bl. 285 ff.). Die Gauck-Behörde schrieb am 31. Oktober 1991 in einer Auskunft: „Werbung erfolgte auf folgender Grundlage: einer Nötigung […]. In ihren Treffberichten gibt es keine belastenden Angaben über andere Personen. Sie versuchten, sich den vom MfS-Mitarbeiter gestellten Aufgaben zu entziehen, sofern eine plausible Begründung vorgewiesen werden konnte. Nach der Aktenlage ging die Initiative für den Ausreiseantrag von ihnen aus.“ (Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes, Tgb.-Nr. 8509/91/AU 2-Sch). Richter informierte auch das Kuratorium des Hannah-Arendt-Instituts und wurde trotz seiner MfS-Kontakte angestellt. Nach einer neueren Aufarbeitung der Akten Richters durch die Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit entließ das Institut am 24. November 2010 den Historiker fristlos.[1] Die Kündigung wurde vom Arbeitsgericht Dresden und vom Landesarbeitsgericht Chemnitz aufgehoben und der Vorwurf einer wesentlichen umfassenderen IM-Tätigkeit zurückgewiesen. Richter ist weiterhin Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut, arbeitet allerdings auf Grundlage einer außergerichtlichen Einigung und einer Abordnung seit April 2012 am Sorbischen Institut Bautzen.[2]

Michael Richter lebt in Struppen in der Sächsischen Schweiz.

Inhaltliche Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Bundespräsident Horst Köhler Angaben aus dem Buch „Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90“ in einer Rede zum 20. Jahrestag übernommen hat, stellten sich diese als Unwahrheiten heraus. Köhler sagte unter Rückgriff auf Richter: „Vor der Stadt standen Panzer, die Bezirkspolizei hatte Anweisung, auf Befehl ohne Rücksicht zu schießen. Die Herzchirurgen der Karl-Marx-Universität wurden in der Behandlung von Schusswunden unterwiesen, und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt.“ Diese Informationen sind falsch, Richter räumte gegenüber der DPA ein, dass er „für seine Studie bedauerlicherweise widersprüchliche und zum Teil ungenaue Zeitzeugen-Aussagen übernommen“ habe.[3][4][5]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichtswissenschaftliche Monographien (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aphorismenbände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wortbruch, Aphorismen. Mit einem Vorwort von Johannes Gross. Verbum Druck- und Verlagsgesellschaft für Kirche und Öffentlichkeit, Berlin 1993.
  • Widersprüche. 1000 neue Aphorismen. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2006.
  • Wortschatz. Aphorismen. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2007.
  • Einspruch. Aphorismen aus artgerechtem Denken. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2009.
  • Wortburg. Aphorismen. Books on Demand, Norderstedt 2013, ISBN 978-3-7322-5362-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wegen Spitzeltätigkeit für das MfS: Hannah-Arendt-Institut entlässt Stasi-Forscher Richter
  2. [1]
  3. Köhler lügt, von: Arnold Schölzel in Junge Welt vom 12. Oktober 2009 (abgerufen am 12. Oktober 2009)
  4. Dramatische Details in Köhler-Rede wohl falsch, in: Sächsische Zeitung vom 10. Oktober 2009 (abgerufen am 12. Oktober 2009)
  5. Deutschland: Unmut über Köhler-Rede zur Wende, in ORF.at vom 11. Oktober 2009 (abgerufen am 12. Oktober 2009)