Michael Wildt

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Michael Wildt (* 13. April 1954 in Essen) ist ein deutscher Historiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wildt wuchs in Bad Pyrmont auf, machte 1972 das Abitur und absolvierte anschließend den 18-monatigen Wehrdienst. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler war er von 1976 bis 1979 Mitarbeiter des Rowohlt-Verlages in Reinbek bei Hamburg. Anschließend studierte er von 1979 bis 1985 Geschichte, Soziologie, Jura, Kulturwissenschaften und Evangelische Theologie an der Universität Hamburg. Er wurde 1991 am Historischen Seminar bei Arnold Sywottek mit der Studie „Auf dem Weg in die ‚Konsumgesellschaft‘. Studien über Konsum und Essen in Westdeutschland 1949–1963“ promoviert.

Von 1991 bis 1997 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Ab 1997 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) im Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“.

Mit einer vielbeachteten Studie über das Führerkorps des Reichssicherheitshauptamtes habilitierte sich Wildt 2001 für das Fach Neuere Geschichte an der Universität Hannover, wo er Lehrbeauftragter sowie 2005 und 2006 außerordentlicher Professor war. Im Wintersemester 2001/2002 war er Forschungsmitarbeiter am International Institute for Holocaust Research (Yad Vashem) in Jerusalem. Vom Wintersemester 2006/2007 an lehrte er am Historischen Seminar der Universität Hamburg. Hier wurde er im Februar 2007 zum Professor ernannt. Zum Sommersemester 2009 folgte der Wechsel an die Humboldt-Universität Berlin (Nachfolge von Ludolf Herbst) in das Arbeitsgebiet Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt Zeit des Nationalsozialismus.

Michael Wildt ist Mitherausgeber der Fachzeitschriften WerkstattGeschichte und Historische Anthropologie.

Wissenschaftliches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Forschungsbereich von Michael Wildt liegt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den Schwerpunkten Nationalsozialismus und Antisemitismus, den Ordnungskonzepten und Weltanschauungen.

Seine Studie über das Führerkorps des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA, also die Führungsebene der partei- und gleichzeitigen staatlichen Institution) wurde 2002 unter dem Titel Generation des Unbedingten publiziert. Darin beschreibt er anschaulich unter den Gesichtspunkten „Generation“, „Institution“ und „Krieg“ die intellektuelle Elite aus Reinhard Heydrichs „kämpfender Verwaltung“.

„Ein Amalgam aus konzeptioneller Radikalität, neuen Institutionen und einer auf keine Grenzen stoßenden Machtpraxis im Krieg konnte jenen Prozess der Radikalisierung freisetzen, der im Völkermord mündete.“

Michael Wildt: Generation des Unbedingten, S. 870 f.

Wildt untersucht die Täter sowohl übergreifend als auch mit biografischen Fallstudien wie etwa zu Hans Ehlich, Erwin Schulz oder Martin Sandberger. Das RSHA sei eine „Institution neuen Typs“ gewesen, eine „Institution der Bewegung“, aber vor allem eine „politische Institution“. Wichtig für die Auswahl des Personals war der Einsatz, der praktizierte Terror, der sich in vielen Fällen im angeleiteten, aber auch im eigenhändigen Judenmord im Osten, in „völkischer Flurbereinigung“ manifestiert habe[1] – so dass eine Charakterisierung als Schreibtischtäter oder Bürokraten in die Irre führe.[2]

Das nächste Projekt Wildts[3] befasste sich mit der Volksgemeinschaftsideologie und dem Antisemitismus mit einem Schwerpunkt zur Gewalt gegen Juden in Deutschland zwischen 1930 und 1939. Es untersuchte die Transformation einer bürgerlichen Gesellschaft, die Herstellung der Volksgemeinschaft durch die Praxis der Gewalt. Hierbei stützte Wildt sich auf Berichte der lokalen Stellen des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (1893-1935), die Erinnerungsberichte deutscher Juden, auf Zeitungsberichte sowie auf Gestapo-Unterlagen. Das Projekt mündete in die Monografie Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, die 2007 erschien.

Wildts laufendes, auf drei Jahre angesetztes, Forschungsprojekt untersucht die so genannten „Ethnischen Säuberungen“. Er untersucht die gewalttätigen Konflikte in Europa darauf, wo und in welcher Form sich ethnische Morde und Vertreibungen auffinden lassen. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie ein „biopolitisches“ Konzept des „Volkes“ zur politischen Dominante im Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Generation des Unbedingten, S. 410–415.
  2. Generation des Unbedingten, S. 861.
  3. http://www.his-online.de/cms.asp?ModeMA=6&IDN=216&ID=71&Plugin=12&H='175'&T=0