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Michaelskirche (Gräfenhausen)

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Michaelskirche (Gräfenhausen) Ansicht West

Die evangelische Michaelskirche in Gräfenhausen, einem Ortsteil von Birkenfeld im Enzkreis in Baden-Württemberg, ist eine Kirche, deren Ursprünge im hohen Mittelalter liegen.

Gemäß einer heute nicht mehr vorhandenen, aber urkundlich mehrfach bezeugten Inschrift war ein Ruprecht von Straubenhardt 1108 Stifter der Pfarrei in Gräfenhausen und Erbauer der ersten Kirche. Die Kirche war die Mutterkirche für ein relativ großes Kirchspiel, das sich südwestlich bis nach Dobel erstreckte. Der Turm der Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert und war aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst ein Wehrturm und wird der Romanik zugerechnet.[1] Sein ursprünglicher Eingang liegt in sechs Metern Höhe und führt in das Dach des Kirchenschiffs. Teile der Süd- und Ostwand der Kirche stammen ebenfalls aus dem Mittelalter. Sie waren Bestandteil des um 1300 erbauten gewölbten Chorraums der Kirche und wurden beim Umbau von 1607 und von 1745 in den neuen Kirchenbau integriert. An den Wänden des Chorraums befinden sich die spätmittelalterlichen Wandmalereien,[2] die ein szenisches Apostel-Propheten-Credo darstellen.

Michaelskirche, Ostwand, szenisches Apostel-Propheten-Credo

Die Ostwand zeigt einen Zyklus stehender Apostel, die mit den ihnen zugeordneten Artikeln des Glaubensbekenntnisses in lateinischer Sprache auf geschwungenen Schriftbändern ausgestattet sind. Komplett überliefert sind die Figur de hl. Matthäus, die eines Apostels mit Beil und die des hl. Matthias. Darüber wird eine Folge von Propheten sichtbar, die als Halbfigurenbildnisse gestaltet sind. Erkennbar und mit Namen versehen sind von links nach rechts Joel, Maleachi, Mose und Daniel, sowie eine Figur, deren Name nicht mehr lesbar ist. Darüber haben sich Bilder der Passion Christi erhalten, nämlich der Einzug in Jerusalem (fragmentarisch), Fußwaschung (fragmentarisch) und das Gebet im Garten Gethsemane.[3] Die Weiterführung des Zyklus findet sich an der Südwand mit der Darstellung Christus vor Pilatus; von der Dornenkrönung sind nur Fragmente überliefert, von der Grablegung und der Auferstehung nur die Unterzeichnungen. Unten links befindet sich neben dem Sakramentshäuschen die Darstellung Christi im Reich der Toten, der Adam und Eva als Vertreter der Menschheit vom Tod ins Leben führt.[4] Das gut erhaltene Kreuzigungsbild an der Südwand mit Maria, Johannes und Maria Magdalena gehört in die Zeit nach dem 1607 erfolgten Umbau der Kirche.[5]

Turmstumpf Ansicht Südost mit Spolien Südwestecke

In und an der Kirche sind einige römische Motivsteine, sogenannte Spolien, vermauert.

Die Kirche wurde 1607 umgebaut und vergrößert. In den Kriegen des 17. Jahrhunderts wurden 1682 die Glocken der Kirche gestohlen. 1724 erhielt die Kirche ihre erste Orgel.

1743 folgte ein neuerlicher Kirchenumbau, bei dem das Schiff auf der Nordseite um rund 4,50 Meter verbreitert wurde. Der Umbau erfolgte jedoch nicht fachgemäß, so dass 1744 umfangreiche Nachbesserungen nötig waren, nachdem die Wände nicht dauerhaft in der Lage waren, die Dachkonstruktion zu tragen.

Barockorgel von J. Weinmar aus dem Jahr 1778, restauriert 1995

1778 erhielt die Kirche eine neue Orgel von Johannes Weinmar aus Bondorf. Die alte Orgel wurde von Orgelbauer Johannes Weinmar umgebaut und kam später in die Remigiuskirche nach Mühlen am Neckar.

1791 wurde durch Kirchenrats-Baumeister Goez der baufällige Dachstuhl saniert und das Glockengeschoss des Turms erneuert. Die Emporen wurden vergrößert und überdachte Emporen-Außenaufgänge an der Südwand und an der Nordwand angebracht.

1823 erfolgte nochmals ein grundlegender Umbau der Kirche, wobei hauptsächlich die mangelhafte Dachstuhl- und Deckenkonstruktion verbessert und in den heutigen Zustand gebracht wurde.

Von 1972 bis 1974 erfolgte der bislang letzte große Umbau der Kirche. Dabei wurden u. a. alte Emporen verkleinert und verkürzt und alte Grabplatten aus dem Boden der Kirche geborgen und an den Wänden aufgestellt. Außerdem wurden wertvolle gotische Fresken (Wandmalereien) im Chorbereich (an Ost- und Südwand) wiederentdeckt und restauriert. Sie stammen aus der Zeit von etwa 1440 bis 1630 und zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament (siehe 4 Detail-Bilder in der unteren Galerie).

Die Barockorgel von Johannes Weinmar aus dem Jahr 1778 wurde 1995 vollumfänglich (Pfeifen, Mechanik, Prospekt usw.) restauriert, wiederhergestellt und erweitert.

Unter den heute in der Kirche vorhandenen Glocken befindet sich die 1767 bei Christian Ludwig Neubert in Ludwigsburg gegossene Friedensglocke, die restlichen drei Glocken wurden 1949 bei Heinrich Kurtz in Stuttgart gegossen und haben ältere, in den Weltkriegen abgelieferte Glocken ersetzt.

Die alte Friedensglocke hat ein Gewicht von 650 kg, den Schlagton gis′ und einen Durchmesser von 1060 Millimetern. Die Glocke ist mit einem Fries aus Flechtwerk, Rocaillen und Rundstäben geschmückt. Auf der Flanke nennt eine Inschrift den Gießer, das Gussjahr sowie die Namen von damaligen Gräfenhausener Honoratioren. Die Kurtz-Glocken von 1949 haben Gewichte von 231, 326 und 1166 kg.[6]

Der heutige, spätgotische Taufstein der Kirche stammt etwa von 1500. Sein achteckiger, vermutlicher Vorgänger diente zwischenzeitlich als Blumenkübel und hat nach seiner Wiederentdeckung inzwischen wieder einen würdigen Platz in der Kirche gefunden.[7]

An den Seitenwänden haben seit der letzten Renovierung verschiedene Grabplatten Aufstellung gefunden, die ursprünglich im Fußboden des ehemaligen Chorraums eingelassen waren. Die bedeutendsten sind auf der Nordseite von Ost nach West: Grabplatte des am 18. August 1515 (oder 18) verstorbenen Kaplan Jodoc(us) Hußner mit Zweitverwendung für den aus Tübingen stammenden Gräfenhäuser Pfarrer Abraham Sautter, gestorben am 12. Dezember 1758; unter seiner Ägide fand die großer Kirchenrenovierung von 1745 statt. Die Grabplatte links davon erinnert an die einstigen Ortsherren und Begründer der Pfarrei. Sie ist gewidmet dem 1544 verstorbenen edel vnnd vest/Juncker J(erg/Sche)ner von Strubenhart und zeigt die Wappenschilde der Schöner v. Straubenhardt und Seldeneck.[8]

  • Emil Mayer: Unsere Michaelskirche. In ders.: Dorfbuch Gräfenhausen Obernhausen, Neuenbürg o. J. (ca. 1984), S. 141–158.
  • Erika Baumann: 900 Jahre Michaelskirche Gräfenhausen, in: Der Enzkreis. Historisches und Aktuelles, Band 12, 2007.
  • Jeff Klotz, Mathias Kraft: Die Evangelische Michaelskirche Gräfenhausen. Hrsg. Klotz Verlagshaus GmbH, 2020, ISBN 978-3-948424-89-3.
  • Mathias Köhler: Kunstführer Nr. 2354: Ev. Michaelskirche Gräfenhausen. Hrsg. Dr. Hugo Schnell und Dr. Johannes Steiner, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-6151-0.
  • Hanke: Festschrift anläßlich der abgeschlossenen Gesamtrenovierung der Michaelskirche, Gräfenhausen 1974.
Commons: Michaelskirche – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. Jeff Klotz, Mathias Kraft: Die Evangelische Michaelskirche Gräfenhausen. Hrsg.: E. Freiburger, A. Goffin, J. Klotz. Klotz Verlagshaus GmbH, Neulingen 2020, ISBN 978-3-948424-89-3, S. 16–17.
  2. Jeff Klotz, Mathias Kraft: Die Evangelische Michaelskirche Gräfenhausen. Hrsg.: E. Freiburger, A. Goffin, J. Klotz. 1. Auflage. J.S. Klotz Verlagshaus, Neulingen 2020, ISBN 978-3-948424-89-3, S. 21 ff.
  3. Mathias Köhler: Ev. Michaelskirche Gräfenhausen. In: Dr. Hugo Schnell und Dr. Johannes Steiner (Hrsg.): Kleine Kunstführer. 1. Auflage. Nr. 2354. Verlag Schnell & Steiner GMBH, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-6151-0, S. 16.
  4. Mathias Köhler: Ev. Michaelskirche Gräfenhausen. In: Dr. Hugo Schnell und Dr. Johannes Steiner (Hrsg.): Kleine Kunstführer. 1. Auflage. Nr. 2354. Verlag Schnell & Steiner GMBH, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-6151-0, S. 16.
  5. Mathias Köhler: Ev. Michaelskirche Gräfenhausen. In: Dr. Hugo Schnell und Dr. Johannes Steiner (Hrsg.): Kleine Kirchenführer. 1. Auflage. Nr. 2354. Verlag Schnell & Steiner GMBH, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-6151-0, S. 18.
  6. Mathias Köhler: Historische Glocken im Enzkreis. In: Der Enzkreis. Jahrbuch 93/94, S. 73–91, hier S. 81/82.
  7. Blumenkübel entpuppt sich als jahrhundertealter Taufstein. Badische Neueste Nachrichten, 15. Januar 2020, abgerufen am 22. Januar 2020.
  8. Mathias Köhler: Ev. Michaelskirche Gräfenhausen. In: Dr. Hugo Schnell und Dr. Johannes Steiner (Hrsg.): Kleine Kirchenführer. 1. Auflage. Nr. 2354. Verlag Schnell & Steiner GMBH, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-6151-0, S. 19.

Koordinaten: 48° 52′ 15,8″ N, 8° 34′ 53,6″ O