Michel de Montaignes Turmbibliothek

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Michel de Montaignes Turmbibliothek befindet sich auf dem über Jahrhunderte hinweg mehrfach umgestalteten Gebäudekomplex des Familiensitzes von Michel de Montaigne, dem Château de Montaigne[1]. Er liegt in der Gemeinde Saint-Michel-de-Montaigne, im Département Dordogne, Region Nouvelle-Aquitaine im Südwesten von Frankreich.[2]

La tour de Montaigne aus südlicher Sicht, mit drei Etagen[3]
Erdgeschoss: Das Oratorium von de Montaigne, im Erdgeschoss des Turms; zwei Gebetsstühle davor. Der Gebetsraum ist mit Fresken dekoriert. Der Eingang liegt links (nicht im Bild)
1. Etage: Kammer im Turm des Château de Montaigne, in der ersten Etage. In Blickrichtung Montaignes Reisetruhe, rechtsseitig sein Bett. Hier starb wahrscheinlich der Philosoph. Blick vom Eingang
1. Etage: Truhe auf dem Château de Montaigne, in der Abbé Prunis das Manuskript des Journal de voyage fand

.

2. Etage: Hier hatte Montaigne in der zweiten Etage seine Privat-Bibliothek. Man sieht auch den Seitenturm mit der darin aufsteigenden steinernen Wendeltreppe.
2. Etage:Ausschnitt aus der Decke der Bibliothek.
Drei lateinische Bibelzitate, im Auftrag Montaignes in die Balken gebrannt
2. Etage: Montaignes Arbeitszimmer ohne die Bücherregale, Blick von Eingang aus; nach rechts (nicht im Bild) Zugang zur Garderobe
2. Etage: Skizzierte Rekonstruktion einer Bibliothekswand im Turm, Blickrichtung: hinter dem Schreibtisch und vor dem (ehemaligen) Kaminplatz in südwestlich bzw. südöstlicher Richtung der beiden Fenster. Rechts im Bild nicht sichtbar Treppenaufgang und Zugang zur Garderobe
2. Etage: Blick aus der Garderobe mit über dem Ausgang angebrachten, stark erodierten Fresken. Darüber Blick auf die Bibliothek (süd-westliche Richtung). Hiervon im Hintergrund; das Fenster mit Ausblick auf den „Frauenturm“ (siehe nächstes Foto)

Bauliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schloss erfuhr in seiner Geschichte mehrere bauliche Veränderungen. Es handelt sich um eine zweigeschossige, geschlossene Vierflügelanlage mit annähernd quadratischem Innenhof, dessen rautenförmige Lage in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet ist. In südlicher Richtung befindet sich das Eingangstor und rechtsseitig (in östlicher Richtung) der „Bibliotheksturm“. Der angrenzende Flügel führt in östlicher Richtung zum „Frauenturm“.[4][5]

2. Etage: Blick aus einem Fenster im Seitenbereich der Bibliothek, der Garderobe in östlicher Richtung. Der Turm (weißer Verputz mit spitzkegeligem Dach) am Ende des östlichen Schlossflügels gehörte seiner Frau, Françoise de La Chassaigne.

Der südlich des Hauptgebäudes gelegene „Bibliotheksturm“ besteht aus einem großen und einem kleineren runden Turm mit einem kleinen Wohngebäude und einem Wendeltreppenaufgang. Der Turm ist der einzige authentische Überrest der Gebäude des 16. Jahrhunderts.

Holzbalkendecke mit Einschubbrettern im Bibliotheksturm.[6]

Die Deckenbalken sind jeweils mit Inschriften versehen. Jede Etage weist eine leicht variierte Richtung der Fensteröffnungen auf.

Die Inschriften sind dabei in verschiedenen Schreibrichtungen, je nach Perspektive des Betrachters „auf dem Kopf stehend“ oder in üblicher Leserichtung lesbar.

Man betritt den Turm über eine schmale Tür und gelangt zunächst in eine kleine Kapelle.[7] Die Decke des gewölbten Oratoriums hat einen blauen Anstrich. An der Wand hinter dem kleinen in einer Mauernische befindlichen Altar ist links und rechts das Familienwappen als Fresko dargestellt. Dazwischen befindet sich eine Abbildung des Heiligen Georgs als Drachentöter.[8]

Über eine schmale in der Wand verlaufende Wendeltreppe erreicht man den sich an den Mauerinnenbereich anlehnenden, seitlichen Rundturm und gelangt durch eine Tür in einen runden Wohn- und Schlafraum im ersten Stock; hier starb der Philosoph.[9] Es finden sich ein großer Kamin sowie drei kleine Fenster. Im zweiten Stock gelangt man zur Bibliothek, die gleichzeitig Montaignes Arbeitszimmer war. Auch hier sind drei Fenster vorhanden. Die Bücher waren auf fünf im Rund angebrachten Regalbrettern aufgereiht.[10] Montaigne hatte durch die vielen Fenster einen Blick auf Wiesen, Felder und den Wirtschaftshof, das Château de Montaigne liegt auf einem kleinen Hügel.[8] Montaigne selbst beschreibt den Ort in den Essais:

Zuhause begebe ich mich ein wenig öfter in meine Bibliothek, von wo aus ich so nebenbei meinen Haushalt regle....… Sie befindet sich im dritten Stock eines Turms. Im Erdgeschoss ist meine Kapelle, im ersten Stock ein kompletter Schlafraum, wo ich mich häufig hinlege, um allein zu sein. Darüber befindet sich eine große Garderobe; das war in der Vergangenheit der überflüssigste Ort meines Hauses. In meiner Bibliothek verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunden des Tages. Nachts bin ich dort nie…… Meine Bibliothek ist rund; sie hat keine gerade Linie, außer den üblichen an meinem Tisch und meinem Stuhl, und sie bietet mir in ihrer Krümmung auf einen Blick die Ansicht aller meiner Bücher, die auf fünf Regalbrettern im gesamten Umkreis aufgereiht sind. Sie hat drei Fenster mit reichlichem und freiem Ausblick und hat sechzehn Schritt im Durchmesser. Im Winter bin ich weniger lange dort, denn mein Haus sitzt auf einem Hügel, wie der Name schon sagt, und hat keinen Raum, der höher ist als dieser. Deshalb bin ich gerne etwas empfindlich und nehme Abstand sowohl von der Arbeit als auch vom Lesen. Dort ist mein Lebensmittelpunkt.

Essais, III, 3

Über die steinerne Wendeltreppe im Seitenturm, ebenfalls im zweiten Stock und in nördlicher Richtung, erreicht man aus der Bibliothek heraus die Garderobe. Sie ist mit zum Teil stark arrondierten Fresken geschmückt.

Umstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von seinem achtunddreißigsten Lebensjahr an, im Februar 1571, zog sich Michel de Montaigne in seine Turmbibliothek im Château de Montaigne zurück. Er hatte sein Amt als Richter in Bordeaux verkauft. Hier in seinem „Turm“ nahm er sein umfangreiches Lebenswerk, die Essais, in Angriff. Die ersten beiden Bände erschienen 1580. Bis zu seinem Tode im Jahre 1592 schrieb Montaigne an seinem Werk, das er häufig überarbeitete und mit Hilfe von Notizen ständig erweiterte.

Eine lateinische Inschrift an der Wand der Bibliothek lautet auf Deutsch:

Im Jahre des Heils 1571, im 38. Lebensjahr, am 28. Februar, seinem Geburtstag, hat sich Michael Montaigne, schon lange müde des Dienstes bei Gericht und in öffentlichen Ämtern, in voller Manneskraft in den Schoß der gelehrten Jungfrauen zurückgezogen, um in Ruhe und aller Sorgen ledig, wenn es das Schicksal ihm vergönnt, den kleinen Rest seines schon zum großen Teil verflossenen Lebens zu vollenden; er hat diese Stätte, diesen teuren von seinen Ahnen ererbten Zufluchtsort, seiner Freiheit, seiner Ruhe und seiner Muße geweiht.

Der Buchbestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Grundstock dieser Bibliothek stammte größtenteils aus dem Vermächtnis seines Freundes Étienne de La Boétie der im Jahre 1563 an der Dysenterie oder der Pest verstarb. Es waren hier etwa tausend Bücher auf den Regalen aufgereiht. Die wenigen Bücher, die aus seinem Bestand noch erhalten sind, weisen häufig von Montaigne verfasste Randnotizen, sogenannte Scholien auf.

Verzeichnis der Inschriften auf den Deckenbalken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Holzbalkendecke im Bibliotheksraum weist zwei große tragende Balken in nord-südlicher Ausrichtung auf. Zwischen diesen spannen sich kleinere Querbalken die von den beiden Hauptbalken in drei Fächer unterteilt sind. Diese Balken sind mit insgesamt 66 sichtbaren Beschriftungen versehen, 30 griechischen und 36 lateinischen. Von Montaignes Schreibtisch fiel der Blick wahrscheinlich auf die beiden nach Süden (süd-westlich bzw. -östlich) hin ausgerichteten Fenster, vor einem (nicht mehr erhaltenen) Kaminfeuerplatz.[11]

„Diese Sammlung lateinischer und griechischer Sentenzen gibt nicht das Denken Montaignes wieder! Dieses Denken – in dauernder Bewegung und über alles – kann nur die Lektüre seiner Essais, wenn schon nicht in vollem Umfang verständlich machen, so doch wenigstens streifen, vorausgesetzt, man reduziert es nicht auf einige wenige französische Sentenzen derselben Art.“

Alain Legros[12]
Die Inschriften auf den Deckenbalken in der Turmbibliothek von Michel de Montaigne[13]
1. Balken unten: Theognis Elegien I, 1156–57 Εἴη μοι ζῆν ἀπὸ τῶν ὀλίγων μηδὲν ἔχοντι κακὸν Mein Wunsch: Von wenig leben, aber ohne Leid.[14]
oben: Prediger 3, 22 Extrema homini scientia ut res sunt boni consulere, caetera securum. Höchstes Geschick des Menschen ist es, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und das Übrige nicht zu fürchten.
2. Balken unten: Johannes Stobaios nach Sotades Aὐτάρκiα πρὸς πᾶσιν ήδονἠ δικαία Die wahre Freude ist, wirklich auf sich selbst gestellt zu sein.[14]
oben: Prediger 1,13 Cognoscendi studium homini dedit Deus eius torquendi gratia. Solche unselige Mühe hat Gott den Menschen gegeben, dass sie sich damit quälen müssen.
3. Balken unten: Stobaios nach Menander Μακάριος ὂστις ὐγίαν καὶ νοῦν ἔχει Glücklich ist, wer die Klugheit mit der Gesundheit verbindet.[14]
oben: Stobaios nach Sokrates Τους μέν κένους άσκούς τό πνεύμα διίστησι, τούς δε άνοήτους άνθρώππυς τό όίημα. Die leeren Schläuche bläst der Wind auf, den leeren Kopf der Dünkel.
4. Balken unten: Euripides in Alceste Οὔ ποτε φήσω γάμον εὐφραίνειν πλέον ἢ λυπεῖν Nie würde ich behaupten, dass die Ehe mehr Freude als Tränen bringt.[14]
oben: Prediger 9,3 Omnium quae sub sole sunt fortuna et lex par est. Alles unter der Sonne hat gleiches Schicksal und Gesetz.
5. Balken: Sextus Empiricus, Hypot. I, 19 Ού μάλλον ούτως έχει ή έκείνως ή ούδετέρως. Ebenso wenig ist es so, noch so, als vielmehr auf keine Weise von beiden.
6. Balken unten: Horaz in Oden I, 23, 19-20 Durum sed leuius fit patientia quidquid corrigere est nefas. Das Ungewollte ist schwer zu ertragen, aber Geduld erleichtert sein Gewicht.[14]
oben: Prediger 3, 11 Nullius vel magnae vel parvae earum rerum quas Deum tam multas fecit notitia in nobis est. In uns ist keinerlei Kenntnis dessen, ob groß oder klein, was Gott so mannigfaltig geschaffen hat.
7. Balken unten: Sophokles, Ajax 125–126[15] ὁρῶ γὰρ ἡμᾶς οὐδὲν ὄντας ἄλλο πλὴν
εἴδωλ’ ὅσοιπερ ζῶμεν ἢ κούφην σκιάν.
Ich sehe, dass wir alle, die wir leben, nichts sind als Schemen oder flüchtige Schatten.
oben: George Buchanan nach Palladas Si te fata ferunt fer fata ferere ferentes fata ferunt rapiunt sin minus illa feras. Wenn dich das Schicksal trägt, ertrage es und lass dich tragen.[14]
8. Balken: Lukrez, De rerum natura II, 14 O miseras hominum mentes O pectora caeca qualibus in tenebris vitae, quantisque periclis degitur hoc aevi quodcunque est! Ach unselige Geister, blinde Herzen des Menschen! In welch finsterer Nacht, und unter welchen Gefahren wird dies Leben verbracht mit unbestimmter Dauer!
9. Balken unten: Sophokles, Ajax 554 (Erasmus, Adagia II, 10) Εν τῶ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἢδιστος βίος τὸ μὴ φρονεῖν κάρτ' ἀνώδυνον κακὸν Das Leben, ohne zu denken, ist leicht, denn Nichtdenken ist eine schmerzlose Krankheit.[14]
oben: Ioannis Stobaei Sententiae Κρίνει τίς άυτόν πώποt’ ἄνθρωπον μέγαν ὅν ἐξαλείφει πρόφασις ἡ τυχοῦσ’ ὅλον. Wer je an seine Menschengröße glaubt, den stürzt die erste beste Gelegenheit in gänzliches Verderben.
10. Balken: Lukrez VI, 668 Omnia cum coelo terraque marique. Sunt nihil ad summam summaï totius. Himmel, Erde und Meer, sie alle sind nichts gegen die Summe der Summen des nie zu ermessenden Ganzen.
11. Balken: Sprüche Salomonis 26,12 Vidisti hominem sapientem sibi videri? Magis illo spem habebit insipiens. Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt, dann ist von einem Narren mehr zu erhoffen.
12. Balken unten: Lukrez, III, 1081 Nec nova vivendi procuditur ulla voluptas. Sein Leben zu verlängern, es wird kein neues Vergnügen gebären.[14]
oben: Prediger 11,5 Sicut ignoras quomodo anima conjungatur corpori sic nescis opera Dei. Da du nicht weißt, wie die Seele mit dem Körper verbunden ist, kennst du nicht Gottes Werk.
13. Balken: Sextus Empiricus, Hypot. I, 21 Ενδέχεται και ούκ ενδεχεται. Dieses ist möglich und nicht möglich.
14. Balken: Platon, Kratylos ἀγαθὸν ἀγαστὸν. Bewundernswert ist das Gute.
15. Balken: Erasmus von Rotterdam, Adagia II,10,90 (= 1990)[16] κέραμος ἄνθρωπος. Der Mensch ist wie ein tönernes Geschirr.
16. Balken unten: Sokrates Ή δεισιδαιμονία καθάπερ πατρὶ τῶ τυφῶ πείθεται. Die falsche Religion folgt dem blendenden Hochmut ihres Schöpfers.[14]
oben: Paulus, Ad Romanos 12,16 Nolite esse prudentes apud vosmetipsos. Haltet euch nicht selbst für weise.[14]
17. Balken unten: Herodot, VII, 10 Οὐ γὰρ ἐᾶ φρονέειν ὁ θεὸς μέγα ἄλλον ἡ έωυτὸν. Gott lässt keinen außer sich selbst lobpreisen.[14]
oben: Martial, X, 47, 13 Summum nec metuam diem nec optem. Meinen letzten Tag weder fürchten noch erhoffen.[14]
18. Balken unten: Horaz, Episteln I, 1 Quo me cumque rapit deferor hospes. Wo mich der Wind hinträgt, bin ich Durchreisender.[14]
oben: Prediger, 11, 6 Nescis homo an illus magis expediat an æque utrumque. Du weißt nicht, Mensch, ob dies oder das besser ist, oder ob beides gleich gut ist.[14]
19. Balken: Terenz, Heautontimoroumenos 77 (= I,1,25) Homo sum humani a me nihil alienum puto. Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd.[17]
20. Balken: Prediger, 7, 17 Ne plus sapias quam necesse est ne obstupescas. Sei nicht weiser als nötig, du wirst verrückt.[14]
21. Balken: Paulus, Ad Corinthios I, 8,2 Si quis existimat se aliquid scire nondum cognouit quomodo oporteat illud scire. Wenn sich jemand einbildet, etwas zu wissen, hat er noch nicht die Einsicht, wie man wissen soll.
22. Balken: Paulus, Brief an die Galater, VI, 3 Si quis existimat se aliquid esse cum nihil sit ipse se seducit. Wenn einer, der nichts ist, meint, jemand zu sein, der täuscht sich selbst.[14]
23. Balken unten: nicht identifizierter lateinischer Text Tolle..............et.............O....AV.
oben: Paulus, Brief an die Römer, 12, 3 Ne plus sapite quam oportet sed sapite ad sobrietatem. Nicht weiser als nötig, sondern weise mit Maß.[14]
24. Balken: Xenophanes bei Diogenes Laertios Καί τό μέν ούν σαφές ούτις άνήρ ίδεν έσται έίδώς. Die eine Wahrheit kennt keiner und keiner wird sie wissen.[14]
25. Balken: Euripides, Phrixus in Stobaios, Elegie des Todes Τίς δ’ οίδεν εί ζήν τούδ’, ό κέκληται δανείν, το ζήν δε δνήσκεν έστι. Wer aber weiß, ob das, was Sterben heißt, nicht Leben, dass Leben aber Sterben ist?
26. Balken unten: Theognis, I, 255 Κάλλιστον τὸ δικαιότατον ῤάστον δ ὐγιαίνειν. Nichts Schöneres als ausgezeichnete Moral, aber das Angenehmste ist gute Gesundheit.[14]
oben: Prediger, 1, 8 Res omnes sunt difficiliores quam ut eas possit homo consequi. Die Dinge sind zu komplex, als dass der Mensch ihnen folgen könnte.[14]
27. Balken: Homer, in Diogenes Laertios, Leben des Pyrrhon Επέων δὲ πολύς νόμος ἔνθα και ἔνθα Hier wie dort, ein weites Feld der Worte.[14]
28. Balken: Lukrez, IV, 597 Humanum genus est avidum nimis auricularum. Das Menschengeschlecht ist zu erpicht auf Märchen.[14]
29. Balken: Persius I, 4 Quantum est in rebus inane. Wie leer ist die Welt![14]
30. Balken: Prediger, 1, 2 Per omnia vanitas. Überall Eitelkeit.[14]
31. Balken unten: Text nicht identifiziert
oben: Lucan 2,381–382[18] Servare modum, finemque tenere, naturamque sequi. Maß halten, den Endzweck bewahren, bloß der Natur gehorchen.[19]
32. Balken: Prediger, 10, 9 Quid superbis terra et cinis. Was überhebst du dich, Staub und Asche?
33. Balken: Jesaia, 5, 21 Væ qui sapientes estis in oculis vestris. Wehe denen, die sich selbst für klug halten.[14]
34. Balken unten: Cornelius Nepos, Leben des Atticus Mores cuique sui fingunt fortunam. Jedem das Schicksal, das sein Benehmen ihm bestimmt.[14]
oben: Prediger, 3, 22 Fruere iucunde præsentibus cætera extra te. Freue dich an der Gegenwart, der Rest ist nicht erreichbar.[14]
35. Balken: Sextus Empiricus, Hypot. I, 27 Πάντι λόγος ίσος άντίκειται. Jedem Argument steht ein ebenbürtiges entgegen.[14]
36. Balken: Michel de l’Hôpital Nostra vagatur in tenebris nec caeca potest mens cernere verum. Im Dunkeln irrt unser Geist, und blind vermag er die Wahrheit nicht zu unterscheiden.
37. Balken unten: Cicero, Tusculanes, I, 8 nach Epicharmos Emori nolo sed me esse mortuum nihili æstimo. Ich will nicht sterben, aber ich schätze, nicht tot zu sein.[14]
oben: Prediger 7,1 Fecit deus hominem similem umbræ de qua post solis occasum quis iudicabit. Gott hat den Menschen gleich einem Schatten geschaffen, den niemand richten kann, wenn die Sonne untergegangen ist.
38. Balken: Plinius, nat. hist. II, 7 Solum certum nihil esse certi et homine nihil miserius aut superbius. Das einzig Gewisse ist, dass nichts gewiss ist, und nichts elender und aufgeblasener als der Mensch.
39. Balken unten: Text nicht identifiziert
oben: Prediger, 11, 5 Ex tot Dei operibus nihilo magis quidquam homini cognitum quam venti vestigium. Von allen Werken Gottes ist dem Menschen nicht mehr bekannt als die Spur des Windes.
40. Balken: Euripides, Hippolytos 104 ἄλλοισιν ἄλλος θεῶν τε κἀνθρώπων μέλει. Es schätzt nicht jeder jeden, weder Mensch noch Gott.[20]
41. Balken unten: Text nicht identifiziert
oben: Menander, Epimpramene Έφ’ ώ φρονείς μέγιστον, άπολεί τούτό σε, τό δοκείν τίν’ είναι. Was dich am höchsten dünkt, der Wahn, etwas zu sein, er wird dich verderben.
42. Balken: Epiktet, Handbüchlein 5[21] Ταράσσει τοὺς ἀνθρώπους οὐ τὰ πράγματα, ἀλλὰ τὰ περὶ τῶν πραγμάτων δόγματα. Nicht die Dinge verwirren die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge.
43. Balken unten: Text nicht identifiziert
oben: Sophokles, Colchides Καλόν φρονείν τόν δνητόν άνδρώποις ίσα. Dem Sterblichen gebührt es, menschlich zu denken.
44. Balken unten: Text nicht identifiziert
oben: Horaz, Oden, II, 11 Quid aeternis minorem consiliis animum fatigas? Was plagst du mit ewigen Plänen deinen unmündigen Geist?
45. Balken unten: lateinischer Text nicht identifiziert
oben: Psalm 36,7 Iudicia domini abyssus multa. Die Entscheidungen des Herrn sind abgrundtief.[14]
46. Balken: Sextus Empiricus, Hypot. I, 22, 23, 26 Ούδέν όρίζω. Ού καταλαμβάνω. Έπέχω. Σκέπτομαι. Ich bestimme nichts (setze nichts fest). Ich verstehe nicht. Ich enthalte mich des Urteils. Ich erwäge.
Die beiden Haupttragebalken
A1: nach Sextus Empiricus, Hypot. I, 15 Iudicio alternante. Im Wechsel urteilen.
A2: Sextus Empiricus, Hypot. I, 26 Άκαταληπτώ. Ich begreife nicht.
A3: Sextus Empiricus, Hypot. I, 7 Οὐδὲν μᾶλλον. Vollkommen ebenbürtig.[14]
A4: Sextus Empiricus, Hypot. I, 27 Ἀρρεπώς. Ohne Schwanken.
B1: Sextus Empiricus, Hypot. I, 26 Οὐ καταλαμβάνω Ich ziehe keine Rückschlüsse.[14]
B2: Sextus Empiricus, Hypot. I, 22 ΕΠΕΧΩ Ich weiche nicht.[14]
B3: Sextus Empiricus, Hypot. I, 3 ΣΚΕΠΤΟΜΑΙ Ich suche.[14]
B4: nach Sextus Empiricus, Hypot. I, 8 More duce et sensu. Geleitet von den Sitten und den Sinnen.

[22][23][24]

Einfluss auf das Schreiben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Historiker, so etwa Edouard Galy und Léon Lapeyre (1861)[25][26] nahmen an, so ihre Hypothese, dass die Umgebung des Turms auch Montaignes Schreiben beeinflusst hat. Montaigne selbst geht auf die Bedeutung der Bibliothek für sein Schreiben im dritten Teils seines Essay hierzu ein. Montaigne habe sich nicht nur von den Büchern in seiner Bibliothek inspirieren lassen, sondern auch von den Gemälden sowie den Zitaten, die an allen Wänden und Decken angebracht waren, wie die Verwendung der Zitate in den Aufsätzen zeige. Das Ausmaß und die Art dieses Einflusses bleibt jedoch schwer zu bestimmen. Die neuere Forschung tendiert dazu, Montaignes grundlegende persönliche Herangehensweise durch Sich-inspirieren-Lassen oder durch die Anordnung der Objekte und durch „die eine Struktur, die auf Vergleich und Kontrast beruhte,“ für Montaignes assoziative Schreibweise verantwortlich zu machen.[27]

Aktuelle Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Brand des Schlosses im Jahre 1885 blieb u. a. der Turm unbeschadet. Marie Thirion Mautauban veranlasste die Wiedererrichtung und Umgestaltung des Schlosses. Als Teil der Domaine de Michel de Montaigne ist das Anwesen immer noch im Privatbesitz der Familie Mähler-Besse (6. und 7. Generation nach Pierre Magne). Der Schlossinnenhof und auch der Turm sind für die Öffentlichkeit regelmäßig im Rahmen von Führungen zugänglich. Am Eingang können u. a. die Eintrittskarten erworben werden. Für behinderte Menschen bzw. schwerbeschädigte Personen aus der EU ist der Eintritt frei. Entlang eines Parkweges gelangt man zum Tor und darüber in den Schlosshof, der Turm Montaignes liegt rechter Hand nahe dem Eingang. Für Rollstuhlfahrer ist der Weg beschwerlich. Der Aufstieg zum Turm setzt ein unbeeinträchtigtes Gehvermögen voraus. Die fundierten Führungen finden nur in französischer Sprache statt. Audioguides sind nicht vorhanden; im Boutiquebereich werden aber laminierte Texte mit Erläuterungen zu den einzelnen Etagen des Turmes in verschiedenen Sprachen zur Verfügung gestellt.

Obgleich der französische Staat das Objekt im Jahre 1992 unter der Rubrik Monuments historiques (Historische Denkmäler)[28] erfasste, scheint die kultur-historische Konservierung des Baudenkmals, also der Erhalt seiner Authentizität, unter Berücksichtigung des Alters und der Geschichte, ohne es dabei irreversibel zu verändern bzw. die vorhandenen Fresken etc. zu schützen bzw. zu restaurieren, trotz aller Bemühungen, die privaten Träger zu überfordern. Zuständig für die Monuments historiques ist das Kulturministerium, Ministère de la Culture et de la Communication, das die Base Mérimée unterhält.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Schloss Montaigne – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Offizielle Website von Schloss Montaigne [1] (en/fr/es)
  2. Alain Legros: La librairie et ses sentences. 25 mars 2012, Société Internationale des Amis de Montaigne. B.S.A.M., online.
  3. Zeichnung des La tour de Montaigne mit den Grundrisszeichnungen der einzelnen Etagen [2] aus Claude Ignace François Michaud (Hrsg.), Michel de Montaignes: Essais de Montaigne (self-édition) Texte original, accompagné de la traduction en langage de nos jours by Montaigne, Michel de, 1533-1592. Firmin-Didot, Paris 1907 [3] auf archive.org, S. 12
  4. Google Earth, Luftbild der heutigen Schlossanlage [4]
  5. Luftbild mit Blick aus östlicher Richtung. Montaignes Turm liegt im Süden (links), der Tum seiner Ehefrau liegt im Bildvordergrund. [5] abgerufen auf cdt24.media.tourinsoft.eu
  6. Fotografie der aktuellen Situation der 2. Etage des Turms. [6] abgerufen auf luc.greliche.free.fr
  7. Fotografie des Turmeingangs. Montaigne : Journal de voyage.
  8. a b Richard Friedenthal: Entdecker des Ich. Montaigne, Pascal, Diderot. R. Piper, München 1969, S. 42 f.
  9. Ralf Nestmeyer: Der Turm des Philosophen. Montaigne in Montaigne. In: Ders: Französische Dichter und ihre Häuser. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-458-34793-3. S. 201–210.
  10. Uwe Schultz: Michel de Montaigne. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-50442-1, S. 7–12.
  11. Rekonstruktion der 2. Etage der La tour de Montaigne auf f.hypotheses.org [7] [8]
  12. Alain Legros: Catalogue des sentences de la librairie. Société Internationale des Amis de Montaigne, 24. März 2012; (französisch): „Ce florilège de sentences latines et grecques ne constitue pas la pensée de Montaigne, pensée en mouvement et sur tous sujets que seule la lecture des Essais peut permettre, sinon d’appréhender, du moins de côtoyer, à condition toutefois de ne pas la réduire à des sentences françaises de même type.“
  13. Die lateinische Übersetzung, der Montaigne die Bibelzitate entnommen hat, wurde bisher nicht ermittelt. Für die Kohelet-Stellen merkt Alain Legros dies ausdrücklich an, doch auch die Paulus-Zitate entsprechen nicht der Vulgata. – Alain Legros: Sentences peintes au plafond de la bibliothèque de Montaigne. (pdf) In: Bibliothèques Virtuelles Humanistes. 20. November 2015; (französisch): „Ecclésiaste (...) dans une version à déterminer.“
  14. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad ae af ag ah Übersetzt nach Legros
  15. Montaigne kannte die Stelle aus einem Zitat bei Stobaios. – Alain Legros: Sentences peintes au plafond de la bibliothèque de Montaigne. (pdf) In: Bibliothèques Virtuelles Humanistes. 20. November 2015; (französisch): „Sophocle, Ajax porte-fouet, 125-126, dans Stobée, « De l’orgueil », éd. 1549, p. 186.“
  16. Vollständiger Text bei: Universität Zürich (lateinisch und griechisch). Erasmus zitiert aus einer nicht genannten und auch seither nicht ermittelten Quelle (er diskutiert die Lesarten verschiedener Codices) und vergleicht dieses Zitat später mit einem Paulus-Wort: 2 Kor 4,7 LUT.EU.ELB. – Legros gibt 2015 als Quelle nur Erasmus an, ohne nach dessen Quelle zu fragen, und korrigiert damit seine frühere Annahme, es handle sich um ein durch Erasmus vermitteltes Paulus-Zitat. – Alain Legros: Sentences peintes au plafond de la bibliothèque de Montaigne. (pdf) In: Bibliothèques Virtuelles Humanistes. 20. November 2015; (französisch): „Erasme, Adages, II, 10“Alain Legros: Catalogue des sentences de la librairie. Société Internationale des Amis de Montaigne, 24. März 2012; (französisch): „Saint Paul, sans doute par Erasme.“
  17. Der Vers ist schon seit der Antike sprichwörtlich, im Deutschen insbesondere in dieser Übersetzung. Auf wen die Übersetzung zurückgeht, scheint nicht bekannt zu sein. – Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes, gesammelt und erläutert von Georg Büchmann, fortgesetzt von (...), durchgesehen von Alfred Grunow. 31. Auflage. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1964, S. 498. – Dudenredaktion (Hrsg.): Zitate und Aussprüche (= Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion [Hrsg.]: Der Duden in zwölf Bänden. Band 12). 2. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2002, ISBN 3-411-04122-6, S. 262. – Siehe auch Homo sum, humani nihil a me alienum puto. Der dort angeführte Aufsatz von Eckart Lefèvre geht auch auf die Verwendung des Verses in Montaignes Essais ein.
  18. Dasselbe Zitat findet sich in den Essais: De la Physiognomie. Chap. XII.
  19. Im Kontext (2,380–383): „So war der Charakter, der feste Grundsatz des strengen Cato: Maß halten, den Endzweck bewahren, bloß der Natur gehorchen, das Leben dem Vaterland widmen und überzeugt sein, nicht sich zu gehören, sondern der Menschheit.“ – Zitiert nach der Übersetzung: Lucan: Der Bürgerkrieg oder Die Schlacht bei Pharsalus. Aus dem Lateinischen übertragen von Dietrich Ebener (= Bibliothek der Antike. Römische Reihe). Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1978, DNB 790219239.
  20. Übersetzung: Euripides: Tragödien. Griechisch und deutsch von Dietrich Ebener (= Schriften und Quellen der Alten Welt. Band 30,2). 2. Auflage. Band 2. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000334-0, S. 115.
  21. Montaigne kannte die Stelle aus einem Zitat bei Stobaios. – Alain Legros: Sentences peintes au plafond de la bibliothèque de Montaigne. (pdf) In: Bibliothèques Virtuelles Humanistes. 20. November 2015; (französisch): „Epictète, dans Stobée, « De la mort, qu’elle est inévitable », éd. 1549, p. 598.“
  22. Wilhelm Wiegand: Michel de Montaigne. Diogenes Verlag, Zürich 1985, ISBN 3-257-21283-6, S. 215–226
  23. NOVEMBER 17, 2010, A Catalog of Montaigne’s Beam Inscriptions
  24. Alain Legros: La Société des Amis de Montaigne Catalogue des sentences de la librairie, abgerufen am 10. November 2017.
  25. Edouard Galy, Léon Lapeyre: Montaigne chez lui : Visite de deux amis à son château. J. Bounet, Périgueux 1861, S. 35.
  26. Helmut Pfeiffer: Montaignes Revisionen: Wissen und Form der Essais. Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2018, ISBN 978-3-8467-6354-4, S. 40 [9] auf books.google.de
  27. George Hoffmann: Montaigne's Nudes: The Lost Tower Paintings Rediscovered. Yale French Studies (2006), No. 110: Meaning and Its Objects: Material Culture in Medieval and Renaissance France (2006), S. 122–133
  28. Monuments historiques, édifice / site Château de Montaigne, abgerufen auf www2.culture.gouv.fr [10]

Koordinaten: 44° 52′ 41″ N, 0° 1′ 48″ O