Microdosing

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Microdosing (seltener in deutscher Übersetzung Mikrodosierung genannt) beschreibt den Einsatz von Arzneistoffen oder halluzinogenen Drogen in extrem kleinen Dosierungen. Entsprechend der Dosis-Wirkungs-Beziehung treten dabei manche Wirkungen und Nebenwirkungen praktisch nicht auf. Anwendung findet Microdosing bei der Entwicklung von Arzneistoffen und im privaten Rahmen durch die Einnahme von sehr geringen, in ihren Wirkungen kaum wahrnehmbaren Dosen von Halluzinogenen.

Microdosing in der Medikamentenentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überlegungen zum Microdosing in der pharmazeutischen Industrie und in Medizinkreisen begannen Mitte der 1990er Jahre.[1] Durch Microdosing, typischer Weise die Gabe von einem Hundertstel der als wirksamen bekannten und üblichen Dosierung, können die Verteilung von Pharmaka im Organismus (Pharmakokinetik) und bestimmte Wirkungen des Pharmakons, z. B. welche Rezeptoren besetzt werden (Pharmakodynamik), bei zu vernachlässigenden Nebenwirkungen untersucht werden.[1]

2006 setzte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMEA) die Rahmenbedingungen für klinische Studien mit Microdosing an Menschen fest. Ziel ist es, Tierversuche zu vermindern bzw. gänzlich zu vermeiden,[2] durch Extrapolation Nebenwirkungen beim Menschen abzuschätzen[3] und zu einer effektiveren Medikamentenentwicklung zu gelangen.[4] Die US-amerikanische Food and Drug Administration FDA gab ähnliche Vorgaben heraus. Im klinischen Zusammenhang wird beim Microdosing von einer "sub-therapeutischen Phase 0" gesprochen, um Unterschied zur Phase 1, bei der eine erhebliche höhere wirksame Dosis gegeben wird. Um das Verhalten einer Mikrodosis im Organismus zu verfolgen, werden in den letzten Jahren entwickelte hochempfindliche Messmethoden verwendet, die teils radioaktiv markierte Moleküle nutzen.[5][6] Es wurden mittlerweile einige grundlegende experimentelle Studien (unter Verwendung von in ihren Eigenschaften gut bekannten Molekülen/Pharmaka) durchgeführt, in denen sich zeigte, dass sich minimale Mengen dieser Moleküle im menschlichen Organismus praktisch identisch wie größere Mengen verhalten. Dies zeigt, dass der Methode des Microdosing bei der Prüfung von Pharmaka eine größere Zukunft bevorstehen dürfte.

Microdosing von Halluzinogenen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem Silicon Valley kommt ein Trend, die (illegale) Droge LSD etwa zweimal wöchentlich in sehr geringen Mengen einzunehmen, um die Kreativität und Konzentration zu steigern und einige psychiatrische Symptome wie Ängste und Depressionen oder ADHS zu mindern. Einige Anwender („Microdoser“) berichten auch von einem erleichterten Absetzen von Psychopharmaka, z. B. Antidepressiva. Bis auf einige eher vage Berichte von Einzelpersonen gibt es bisher allerdings keinerlei wissenschaftliche Belege für diese behaupteten Wirkungen. Studien, wie sie in den 1950er und 1960er Jahren vielfach mit geringen und sehr geringen Dosen von LSD unternommen wurden, zeigen eher störende Wirkungen auf Konzentration und andere geistige Fähigkeiten, auch bezgl. der Kreativität[7] Die meisten „Microdoser“ berichten zwar kaum von Nebenwirkungen; andererseits wurden aber störende Wirkungen auf Wahrnehmung und geistige Fähigkeiten wie auch depressive Reaktionen und Schlafstörungen wiederholt beschrieben, insbesondere bei längerfristiger Anwendung über Wochen/Monate. Der Trend kam inzwischen auch in Europa an, typischerweise in Kreativberufen, etwa in Werbeagenturen.[8]

Es ist wichtig zwischen drei Formen von so genanntem Microdosing von Halluzinogenen zu unterscheiden. Alle drei Formen sind in Internet-Einträgen als "Microdosing" dokumentiert. 1. Die Einnahme einer sehr geringen Dosis eines Halluzinogens wie LSD (5–15 Mikrogramm oral) oder Psilocybin (2–3 mg oral), bei der keinerlei Wirkung spürbar ist, aber doch zustandekommen soll; 2. die regelmäßige Einnahme der vorgenannten sehr geringen Dosen alle drei Tage über eine Zeitraum von Wochen; 3. Die Einnahme von geringen Dosen, die eine spürbare Wirkung hervorrufen (wie 20–50 Mikrogramm LSD oral oder 4–6 mg Psilocybin oral). Dies wurde auch als Minidosing bezeichnet. Diese drei Formen zu unterscheiden ist auch von Bedeutung, da häufig alles unter der Bezeichnung Microdosing abgehandelt wird und somit ganz unterschiedliche Einnahmeformen zusammengeworfen werden. Das erschwert bzw. verunmöglicht natürlich eine Erfassung und Beurteilung möglicher Wirkungen.

Neben den oben angesprochenen frühen Studien nahmen sich in den letzten zwei Jahren lediglich einige Umfragestudien dieses Phänomens an.[9][10][11] So untersucht etwa die englische Beckley Foundation zusammen mit dem Imperial College seit 2018, ob den berichteten Wirkungen des Microdosings ein Placebo-Effekt zugrunde liegen könnte.[12] Aufgrund ihrer generell fehleranfälligeren Methodik ist die Konklusivität von Umfragestudien begrenzt.

Eine nach strengen methodischen Standards durchgeführte und die Placeboeffekte weitestgehend ausschließende Studie (2019) untersuchte die Wirkungen von Placebogaben im Vergleich zu 5, 10, 15 und 20 Mikrogramm LSD (per os) an mehr als 50 gesunden Versuchspersonen. Es zeigten sich bei allen genannten Dosen keine über der Zufallswahrscheinlichkeit auftretenden subjektiven Effekte, jedoch war eine im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant veränderte Kurzzeitwahrnehmung zu beobachten. Die im Versuch beobachtete Verlängerung der Reproduktionszeit von Zeitintervallen wird mit gesteigerter Aufmerksamkeit und verbessertem Arbeitsgedächtnis assoziiert.[13] Nicht untersucht sind bisher regelmäßige Gaben von Mikrodosen, z. B. alle drei Tage über mehrere Wochen. Die letztgenannte Studie hat allerdings auch die (möglichen) Wirkungen von sechs Gaben alle drei Tage über insgesamt 18 Tage untersucht. Diese Ergebnisse sind jedoch noch nicht veröffentlicht. Zusammenfassend betrachtet präsentiert sich der Forschungsstand bezüglich möglicher Effekte des Microdosings als uneindeutig.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b G. Lappin: Microdosing: current and the future. In: Bioanalysis. Band 2, Nummer 3, März 2010, S. 509–517, doi:10.4155/bio.09.177, PMID 21083258.
  2. T. Burt, K. Yoshida, G. Lappin, L. Vuong, C. John, S. N. de Wildt, Y. Sugiyama, M. Rowland: Microdosing and Other Phase 0 Clinical Trials: Facilitating Translation in Drug Development. In: Clinical and translational science. Band 9, Nummer 2, April 2016, S. 74–88, doi:10.1111/cts.12390, PMID 26918865, PMC 5351314 (freier Volltext).
  3. M. Bergstrom: The Use of Microdosing in the Development of Small Organic and Protein Therapeutics. In: Journal of Nuclear Medicine. Band 58, Nummer 8, 08 2017, S. 1188–1195, doi:10.2967/jnumed.116.188037, PMID 28546333.
  4. European Medicines Agency: EMEA-Konzeptpapier. (PDF) Abgerufen am 8. März 2019 (englisch).
  5. A. T. Wotherspoon, M. Safavi-Naeini, R. B. Banati: Microdosing, isotopic labeling, radiotracers and metabolomics: relevance in drug discovery, development and safety. In: Bioanalysis. Band 9, Nummer 23, Dezember 2017, S. 1913–1933, doi:10.4155/bio-2017-0137, PMID 29171759.
  6. T. Burt, C. S. John, J. L. Ruckle, L. T. Vuong: Phase-0/microdosing studies using PET, AMS, and LC-MS/MS: a range of study methodologies and conduct considerations. Accelerating development of novel pharmaceuticals through safe testing in humans - a practical guide. In: Expert opinion on drug delivery. Band 14, Nummer 5, Mai 2017, S. 657–672, doi:10.1080/17425247.2016.1227786, PMID 27564533.
  7. Passie, Torsten.: Science of Microdosing Psychedelics. Psychedelic Press, 2018, ISBN 0-9928088-8-X.
  8. Johanna Kuroczik: Drogen-Kick fürs Büro. In: sueddeutsche.de. 2019, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 8. März 2019]).
  9. J. Fadiman, S. Korb: Might Microdosing Psychedelics Be Safe and Beneficial? An Initial Exploration. In: Journal of psychoactive drugs. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] März 2019, doi:10.1080/02791072.2019.1593561, PMID 30925850.
  10. V. Polito, R. J. Stevenson: A systematic study of microdosing psychedelics. In: PLOS ONE. Band 14, Nummer 2, 2019, S. e0211023, doi:10.1371/journal.pone.0211023, PMID 30726251, PMC 6364961 (freier Volltext).
  11. T. Anderson, R. Petranker, D. Rosenbaum, C. R. Weissman, L. A. Dinh-Williams, K. Hui, E. Hapke, N. A. Farb: Microdosing psychedelics: personality, mental health, and creativity differences in microdosers. In: Psychopharmacology. Band 236, Nummer 2, Februar 2019, S. 731–740, doi:10.1007/s00213-018-5106-2, PMID 30604183.
  12. Courtney Garner: LSD microdosing: is it a placebo or does it improve cognition function and wellbeing? In: SciTech Europa. 3. September 2018, abgerufen am 8. März 2019 (britisches Englisch).
  13. Steliana Yanakieva, Naya Polychroni u. a.: The effects of microdose LSD on time perception: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. In: Psychopharmacology. 236, 2019, S. 1159, doi:10.1007/s00213-018-5119-x.
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