Middlemarch (Roman)

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Middlemarch, 1871

Der Roman Middlemarch (1871–72; erstmals in Buchform: 1874) der englischen Autorin George Eliot gehört zu den wichtigsten viktorianischen Romanen des 19. Jahrhunderts. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler den Roman zu dem bedeutendsten britischen Roman.[1] Der Originaltitel des Romans lautet Middlemarch: A Study of Provincial Life.

Der Roman[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Autorin (George Eliot ist das Pseudonym von Mary Ann Evans) schildert darin eine typisch englische Kleinstadt um 1830, im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung. Der Name dieser fiktiven Kleinstadt ist Middlemarch. Die vier unterschiedlichen Handlungsstränge lassen ein facettenreiches Bild der englischen Gesellschaft jener Zeit entstehen. Das mehr als 800 Seiten starke Buch behandelt alle Lebensbereiche, die auch heute noch für uns von Belang sind: menschliche Beziehungen, Liebe, Intrigen, das Individuum im Verhältnis zur Gesellschaft, Religion, Kunst, Wissenschaft. George Eliot nimmt in dem Roman Bezug auf zahlreiche historische Ereignisse. Erwähnt werden unter anderem der Reform Act 1832, ein Gesetz, mit dem die Wahlkreiseinteilung für die Wahl des britischen Parlaments zum ersten Mal seit fast 150 Jahren geändert wurde; der zunehmende Bau von Eisenbahnlinien; der Tod von George IV. und die nachfolgende Thronbesteigung seines Bruders William.

Die bemerkenswerten Charakterstudien des Romans sind zeitlos realistisch: Die „Heldin“ dieses Bildungsromans, aber vor allem auch historischen Romans, Dorothea Brooke, ist idealistisch und naiv. In ihrem Wunsch, Gutes zu tun und sich für andere aufzuopfern, wird sie mit der heiligen Theresa von Ávila verglichen. Sie heiratet Edward Casaubon, einen ältlichen, unterkühlten Gelehrten, der schon seit Jahren an seiner großen, wissenschaftlichen Veröffentlichung arbeitet, ohne zu merken, dass die Forschung ihn längst eingeholt hat. Sie möchte ihm bei seiner wissenschaftlichen Arbeit helfen, er lässt sie jedoch nicht daran teilhaben und behandelt sie herablassend. Hier wie auch in der Charakterdarstellung anderer weiblicher Figuren findet sich eine deutliche Kritik George Eliots an der schlechten Bildung, die man Frauen jener Zeit zuteilwerden ließ.

Nach der desillusionierenden Erfahrung dieser Ehe heiratet Dorothea nach Casaubons Tod gegen den Willen ihrer Umgebung den Mann, den sie liebt: den jungen Künstler Will. Sie lernt ihren Platz in der Viktorianischen Gesellschaft zu finden. Auch hier kritisiert die Autorin – wenn auch indirekt – die untergeordnete Rolle der Frau.

Zu den Stilmitteln des Romans zählen humorvolle Kommentare des auktorialen Erzählers, der freundlich-ironisch die typisch menschlichen Schwächen der Charaktere aufzeigt; diese Kommentare muten manchmal seltsam modern an.

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2015 wurde Middlemarch mit großer Mehrheit zum bedeutendsten britischen Roman gewählt.[1] 42 Prozent der von BBC befragten nicht-britischen Literaturwissenschaftler und -kritiker zählten ihn jeweils unter den aus ihrer Sicht zehn wichtigsten Romanen auf. Der Literaturkritiker Geordie Williamson der Zeitung Australian erläuterte seine Wahl mit dem Hinweis, dass dieser Roman von einem warmherzigen Verständnis für menschliche Torheiten und Schwächen geprägt sei.[2] Sam Sacks, Literaturkritiker des Wall Street Journals bezeichnete den Roman als den großartigsten psychologischen Roman, der jemals in englischer Sprache geschrieben wurde.[1] Der Schriftsteller George Scialabba bezeichnete den letzten Satz des Roman als den bewegendsten der britischen Literaturgeschichte.[1]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Middlemarch. Ed. with notes by David Carroll. With an introduction by Felicia Bonaparte, Oxford [u.a.] : Oxford Univ. Press, 2008.
  • Middlemarch, eine Studie des Provinzlebens. Aus dem Englischen übersetzt von Ilse Leisi, Nachwort von Max Wildi. Manesse Verlag, Zürich 1962, ISBN 3-7175-8002-7.

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Middlemarch wurde mehrfach für Fernsehen und Theater adaptiert, bislang jedoch nicht zu einem Kinofilm verarbeitet. Der britische Regisseur Sam Mendes hat jedoch ein entsprechendes Projekt in Erwägung gezogen.[3]

Bereits 1968 wurde der Roman von der BBC zu einer gleichnamigen Fernsehserie verarbeitet.[4] Der Roman wurde 1994 erneut von der BBC verfilmt und als sechsteilige Serie vom 12. Januar 1994 bis 16. Februar 1994 im britischen Fernsehen ausgestrahlt. Hauptdarsteller waren Juliet Aubrey (Dorothea), Rufus Sewell (Will), Robert Hardy (Arthur Brooke), Douglas Hodge (Dr. Lydgate), Michael Hordern (Peter Featherstone) und Patrick Malahide (Rev. Edward Casaubon). Die Oper Middlemarch in Spring von Allen Shearer basiert auf einem Libretto von Claudia Stevens. Das Libretto konzentriert sich auf die Geschichte der Dorothea Brooke und die Zahl der Personen auf sechs begrenzt. Die Uraufführung fand 2015 in San Francisco statt.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • "Middlemarch" in the twenty-first century. Edited by Karen Chase, Oxford [u.a.] : Oxford Univ. Press, 2006.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d The Guardian:The best British novel of all times - have international critics found it?, aufgerufen am 2. Januar 2016
  2. The Guardian:The best British novel of all times - have international critics found it?, aufgerufen am 2. Januar 2016. Im Original spricht Geordie Williamson von to read [the novel] is to encounter an intelligence wholly sympathetic towards, and wholly unsurprised by, human foibles and frailties.
  3. Mendes to direct mini-Middlemarch. In: The Guardian, 23. April 2007. Abgerufen am 2. Januar 2016. 
  4. Jerry Roberts Encyclopedia of television film directors. Scarecrow Press, Lanham, Md. 2009, ISBN 9780810863781.
  5. http://www.sfchronicle.com/music/article/Opera-review-Middlemarch-in-Spring-is-a-6150113.php?t=ecfe361608&cmpid=fb-premium