Migrationsforschung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Migrationsforschung ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Arbeitsfeld, das sich mit dauerhaften und grenzüberschreitenden Verlagerungen menschlicher Wohnorte befasst. Nach Anfängen im 19. Jahrhundert brachten die großen Bevölkerungsbewegungen des 20. Jahrhunderts der Migrationsforschung wachsendes Interesse ein.

Die Untersuchung solcher Wanderungsvorgänge ist ein Teilbereich der Erforschung räumlicher Mobilität. Unter räumlicher Mobilität verstehen Geographen, Ökonomen, Geschichts- und Sozialwissenschaftler jede Positionsveränderung eines Individuums zwischen verschiedenen Einheiten eines räumlichen Systems. Räumliche Mobilität ist unabhängig von der Reichweite der Bewegung (große oder geringe Distanzen) und ihrer Frequenz (einmalig oder regelmäßig, selten oder häufig). Von einem Wanderungsvorgang oder einer Migration spricht man in der Regel dann, wenn die räumliche Mobilität eines Individuums oder einer Gruppe über eine administrative Grenze hinweg erfolgt und auf Dauer, jedoch zumindest auf einen längeren Zeitraum, angelegt ist.

Obwohl Migration als allgemeinmenschliches Phänomen gilt und der Mensch von Anthropologen als homo migrans angesehen wird,[1] fand eine Regulierung und Kontrolle von Migration erst im Zeitalter der Entstehung der Nationalstaaten und verstärkt seit der Entstehung moderner Wohlfahrtsstaaten statt. Heute geht man davon aus, dass im Rahmen der Globalisierung und in Zusammenhang mit Individualisierung und der Pluralisierung eine steigende Mobilität der einzelnen Menschen entsteht, die es den Individuen zunehmend ermöglicht, territoriale, soziale und kulturelle Grenzen zu überschreiten.[2]

Einteilungen und Definitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bewegen sich Wanderungen innerhalb eines Gebiets, handelt es sich um eine Binnenwanderung. Werden Staatsgrenzen überschritten, so handelt es sich aus Sicht des Herkunftslandes um Auswanderung (Emigration) und aus Sicht des Aufnahmelandes um Einwanderung (Immigration). Transitstaaten dienen dem temporären Aufenthalt beim Übergang vom Herkunftsland ins Zielland.

Das deutsche Ausländerrecht definiert Migranten als „Oberbegriff für Menschen nicht deutscher Herkunft“ und schließt neben Ausländern auch „eingebürgerte deutsche Staatsangehörige und Aussiedler“ ein.

Unfreiwillige Migranten sind Flüchtlinge, Zwangsverschleppte oder von Naturkatastrophen vertriebene Menschen. Flüchtlinge sind Menschen, die vor Kriegen oder politischer oder religiöser Verfolgung geflohen sind. Freiwillige Migration aus religiösen oder politischen Gründen wird als ideologische Migration bezeichnet.[3]

Arbeitsmigranten wiederum sind Menschen, welche aus ihrer Heimat zum Zweck der Beschäftigung in ein fremdes Land auswandern. Die Wanderungsbewegung erfolgt in der Regel von industriell schlecht entwickelten Ländern in Industrienationen. Deshalb werden sie auch umgangssprachlich abschätzig als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet. Wirtschaftsmigranten erfüllen nicht die Kriterien für den Flüchtlingsstatus. Sie genießen daher keinen Anspruch auf internationalen Schutz als Flüchtlinge im Sinne des Asylrechtes. Laut UNHCR unterscheidet Flüchtlinge von Migranten, dass "Wirtschaftsmigranten den Schutz ihrer Heimatländer genießen, Flüchtlinge hingegen nicht."

Eine wachsende Rolle spielt die Bildungsmigration, obwohl sie kein ganz neues Phänomen ist. Immer mehr Länder bemühen sich heute, attraktive Bedingungen der Ausbildung, des Studiums und der Forschung zu schaffen, um wanderungswillige und qualifizierte Personen zu gewinnen.[4]

Man unterscheidet formelle und informelle Einwanderungsländer. Für die formellen Einwanderungsländer ist Einwanderung ein Teil ihres Selbstverständnisses, was sich in der Gesetzgebung und den Institutionen niederschlägt. Informelle Einwanderungsländer verstehen sich als Aufnahmeländer für beschränkte Einwanderungsgruppen. Klassisches Beispiel für ein formelles Einwanderungsland in Europa ist Frankreich wegen der Zuwanderung aus seinen ehemaligen Kolonien. Weltweit genießen die USA, Kanada und Australien diesen Ruf. Europa zählt inzwischen auch als Einwanderungskontinent. Ein Beispiel für ein informelles Einwanderungsland ist die Bundesrepublik Deutschland, traditionell offen für deutschstämmige Aussiedler und politisch Verfolgte, oder auch Israel, das allen Juden zur Einwanderung offensteht (Alija). Die Grenzen zwischen formell und informell sind dabei keineswegs festgelegt. Schweden entwickelte sich z. B. vom formellen zum informellen Einwanderungsland. Die Niederlande sind ein informelles Einwanderungsland, aber mit multikultureller Prägung, und auf die Schweiz trifft keines der Kriterien zu.

Interdisziplinarität und Internationalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Migrationsforschung erfordert aufgrund der Vielfältigkeit ihres Gegenstandes die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. In seit der Jahrtausendwende zunehmend entstehenden interdisziplinären Teams können die einzelnen Wissenschaftler durch ihre jeweils fachspezifische Expertise und Sichtweise eine umfassende Darstellung der erforschten Fragestellungen gewährleisten.[5]

Die international vergleichende Migrationsforschung steht vor der Herausforderung, repräsentative Aussagen zu einem Forschungsgegenstand zu machen, auch wenn die jeweiligen Datengrundlagen in den einzelnen Ländern sehr stark voneinander abweichen. Nationale interdisziplinäre Teams gewährleisten hier, dass die jeweils fachspezifischen nationalen Datenquellen gefunden und genutzt werden können.

Internationale Forschungsprojekte wie beispielsweise PEMINT (Political Economy of Migration in an Integrating Europe) haben diese Herausforderung durch die Zusammenstellung interdisziplinärer Teams in sechs verschiedenen Ländern gelöst. Migrationswissenschaftliche Netzwerke wie IMISCOE (International Migration, Integration and Social Cohesion) ermöglichen eine solche interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit von Wissenschaftlern.

Kennziffern der Migrationstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Unterschiede zwischen der gleichzeitig stattfindenden Auswanderung und Einwanderung schlagen sich im Wanderungssaldo nieder. Bei positivem Wert überwiegt die Einwanderung die Auswanderung. Zum Beispiel zählte 2003 die Zuwanderungsstatistik insgesamt 601.759 Zuzüge aus dem Ausland nach Deutschland und 499.063 Fortzüge ins Ausland. Das Wanderungssaldo betrug also + 102.696. Polnische Staatsangehörige stellten die größte Zuwanderungsgruppe (88.241, Wanderungssaldo: + 14.575), gefolgt von türkischen Einwanderern (49.774; + 12.911) und russischen Migranten (31.776; + 17.897).

Zur Messung und zum Vergleich von Wanderungsvorgängen werden folgende Einheiten/Kennziffern verwendet:

  • Wanderungsvolumen/Bruttowanderung = Summe aller Wanderungsvorgänge: Zuzüge + Fortzüge
  • Wanderungsbilanz/-saldo = Differenz aus Zu- und Fortzügen
  • Wanderungsrate = Wanderungsvolumen bezogen auf 1.000 Einwohner
  • Mobilitätsziffer(n) = Wanderungsraten bestimmter Bevölkerungsgruppen (z. B. jüngere/ältere Bevölkerungsschichten)

Die auf diese Weise beschriebenen Wanderungsvorgänge lassen sich weiter differenzieren nach Reichweite, Motiven und strukturellen Merkmalen der Wandernden.

Migrationsfaktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Adam Smith befasste sich mit Ursachen der Land-Stadt-Wanderung und sah sie in Überbevölkerung und Landknappheit einerseits, im Arbeitskräftemangel der entstehenden Industriestädte andererseits.

Mit dem Einsetzen der großen Überseewanderungen aus Europa ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts entstand auch das wissenschaftliche Interesse an der Erforschung und Erklärung solcher Wanderungsprozesse. Zunächst versuchte man, Wanderungsvorgänge summarisch zu erklären, später kamen Erklärungsansätze hinzu, die von der subjektiven Entscheidung einzelner Individuen ausgehend, Wanderung zu erklären versuchten (verhaltenstheoretische Ansätze). Der Fokus der Migrationsforschung verschob sich im 20. Jahrhundert von einem staatsorientierten Analyserahmen zur Untersuchung individueller Handlungen mit Schwerpunkt auf der Unterscheidung verschiedenen Migrationsverhaltens entsprechend von Kategorien wie Gender, Rasse, Klasse oder Alter.[1]

Ernst Ravenstein begründete die Migrationstheorie im Jahr 1885 durch Betrachtung der Binnenwanderungen im Vereinigten Königreich. Er bewies anhand seiner Statistiken erstmals, dass Wanderungen Regeln folgen. Zwar wurden in der Folge verschiedene formale Modelle zur Beschreibung von Wanderungen entwickelt, doch liefert keines eine umfassende und befriedigende theoretische Beschreibung des Phänomens der Wanderungen. Alle Modelle stützen sich auf die Vorstellung, dass der Migrant rational eine Migrationsentscheidung fällt. Doch gerade die Einfachheit des Push- und Pull-Modells von Ravenstein (der Begriff wurde 1944 zuerst von Gunnar Myrdal verwendet) erschien attraktiv. Das Modell, welches auf dem Vergleich zwischen Faktoren am Herkunfts- und Zielort beruht und zusätzlich Wanderungshindernisse sowie persönliche Faktoren einbezieht, wurde 1966 von Everett S. Lee entwickelt und findet sich auch in den heutigen Migrationsdiskursen wieder. Je geringer die Unterschiede zwischen Herkunfts- und Zielland wahrgenommen werden, desto geringer ist nach Lee die Wanderungsneigung.

Die subjektive Wahrnehmung spielt also einer erhebliche Rolle; sie kann stark verzerrt sein. Wie unterschiedlich die Bewertung der einzelnen Faktoren sein kann, zeigen die zu Tausenden in den USA beschäftigten philippinischen Pflegekräfte. Viele davon sind ausgebildete Ärzte und Ärztinnen, welche es vorziehen, unterqualifiziert zu arbeiten, weil sie in ihrem Heimatland keine Perspektive sehen.[6]

Makrotheoretische Gravitationsmodelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die makrotheoretischen Modelle versuchen, Wanderungen auf der Aggregatebene zu verdeutlichen und Kennziffern zu bestimmen zur Erklärung des Migrationsverhaltens ganzer Populationen. Die Migrationen werden zum Beispiel auf ökonomische oder geographische Faktoren reduziert. Zwar lässt sich mit diesen verallgemeinernden und unvollständigen Ansätzen gut arbeiten, doch beherbergen sie bei näherem Hinsehen auch einige Ungereimtheiten und unerklärte Vorkommnisse.

Schon in den 1940er Jahren entstanden Gravitationsmodelle, welche sich auf das Gravitationsgesetz aus der Physik berufen. Wichtigste Erkenntnis war, dass die Entfernung zwischen Herkunftsort und Migrationsziel eine wesentliche Rolle spielt bezüglich des Migrationsvolumens. Je weiter die Orte voneinander entfernt sind, desto weniger Angehörige einer Population machen sich auf den Weg.

In den 1960er Jahren wiederum erfolgte der Rückgriff auf die klassische Wirtschaftslehre. Das Lohngefälle zweier Regionen erklärte das Ausmaß einer Wanderung, bei der Arbeitsmigranten vom schlechtbezahlten Ort der Herkunft zum Zielort mit höherem Lohnniveau abwanderten. Die Theorie besagte, dass sich das Lohnniveau beider Regionen angleichen würde. Schließlich stiegen im Zuwanderungsgebiet die Zahl der Arbeitskräfte und fiel damit das Lohnniveau, und gleichzeitig erhöhte sich im Herkunftsgebiet der Lohn wegen des Mangels an Arbeitskräften.

I. S. Lowry erweiterte dieses Modell wiederum um wirtschaftliche Kennziffern. So gilt die jeweilige Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Regionen als Indikator für die Bereitschaft der Migranten, die Wanderungsentscheidung zu treffen, um das jeweilige Einkommen zu steigern.[7]

Zwar gelang inzwischen der Beweis des Zusammenhangs zwischen attraktiven Löhnen und hoher Zuwanderung, doch nicht der Umkehrbeweis zwischen niedrigem Lohnniveau und hoher Abwanderungsrate. Dies erklärt sich laut der Globalisierungsforscherin Saskia Sassen durch die Unkalkulierbarkeit komplexer und variabler sozialer Faktoren. So besteht für viele erst die Chance zur Wanderung, wenn sie sich von der größten Not befreit haben. Michael Vogler vom Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn wiederum hat die Wanderungsströme für 86 Länder und 15 Jahre untersucht. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Migration erst einsetzt, wenn die Region einen gewissen Entwicklungsstand erreicht hat. Wenn ein bestimmter Wohlstand erreicht ist, flachen die Zahlen wieder ab. Zuerst emigrieren die Menschen von ländlichen Gebieten in die Städte und später ins Ausland.[8]

Historischer Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer der ersten Erklärungsansätze von Ernst Ravenstein ging vom empirischen Befund der Wanderung selbst aus. Er veröffentlichte in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre seine Wanderungsgesetze, die er aus der Auswertung von Daten von Volkszählungen gewonnen hatte. Diese Gesetzmäßigkeiten weckten das Interesse weiterer Forscher, die die Ravensteinschen Gesetze teilweise bestätigten und ergänzten. Sinngemäß lauten diese Theoreme:

  1. Die Mehrzahl der Wanderungsvorgänge erfolgt über kurze Distanzen,
  2. Wanderungen über größere Distanzen verlaufen häufig in Etappen (Kettenwanderung),
  3. Bei Wanderungen über größere Distanzen werden große Industrie- und Hafenstädte als Zielorte bevorzugt,
  4. Wanderungsströme bestehen stets aus zwei gegenläufigen Komponenten,
  5. Die Landbevölkerung ist in Wanderungsströmen überrepräsentiert,
  6. Frauen wandern eher über kürzere, Männer eher über längere Distanzen,
  7. Die Mehrzahl der Migranten sind Alleinstehende,
  8. Die Bevölkerungszunahme in Städten ist mehr durch Wanderungsgewinne als durch natürliche Bevölkerungsbewegungen bedingt,
  9. Das Wanderungsvolumen steigt synchron mit der industriellen und verkehrstechnischen Entwicklung,
  10. Die meisten Wanderungsvorgänge werden durch ökonomische Anlässe ausgelöst.

Ein weiterer grundlegender Ansatz zur Erklärung von Wanderungen ist Zelinskis Modell des Mobilitätsübergangs (1971), das das Mobilitätsverhalten einer Gesellschaft mit ihrem sozioökonomischen Entwicklungsstand in Verbindung bringt. In Analogie zum Modell des demographischen Übergangs werden fünf Entwicklungsphasen unterschieden.

Distanz- und Gravitationsmodelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der empirischen Betrachtung von Wanderungsprozessen zwischen einem Quellort und verschiedenen, unterschiedlich weit entfernten Zielorten über einen längeren Zeitraum wird ein starker Zusammenhang zwischen Wanderungsvolumen und Distanz deutlich, wie bereits von Ravenstein erkannt. Bei der Suche nach einem geeigneten Modell für die Erklärung dieses Zusammenhangs erkannten Geographen (Kant 1946; Stewart 1941; Zipf 1949) Gemeinsamkeiten mit dem physikalischen Gravitationsgesetz von Newton. Der Zusammenhang zwischen dem mit der Distanz zwischen Quell- und Zielort abnehmenden Wanderungsvolumen lässt sich gut mit diesem Distanzmodell beschreiben (dem jedoch noch die "Masse" als Eigenschaften von Quell- und Zielort fehlt, siehe unten):

Hierbei ist F die Wanderungsrate zwischen den Orten i und j, d die Distanz zwischen i und j, k eine empirisch ermittelte Konstante (zumeist = 1) und b ein die Distanz gewichtender Exponent (zumeist = 2). Wenn k=1 und b=2, dann nimmt ein gegebenes Wanderungsvolumen mit der Verdoppelung der Distanz auf ein Viertel des Ausgangsvolumens ab (quadratische Abnahme). Während dieses Modell bei geeigneter Anpassung von k und b gut beobachtete Wanderungsströme modellieren kann, sagt es nichts über die Motive und Ursachen von Wanderungsprozessen aus.

Beim Vergleich zwischen empirisch und mathematisch ermittelten Werten fällt auf, dass das obige Modell die Wanderungsvolumina für kurze Distanzen überschätzt. G. Zipf und J. Stewart entwickelten daher die im Modell enthaltene Ausgangsüberlegung weiter und erweiterten es zu einer für Zwecke der Demografie geeigneten Abwandlung des Newton'schen Gravitationsgesetzes.

wobei die „Masse“ des Ortes i und die „Masse“ des Ortes j ist.

Zumeist wird „Masse“ mit den Bevölkerungszahlen gleichgesetzt, die sich leicht der amtlichen Statistik entnehmen lassen. Damit wird das Wanderungsvolumen also nicht nur ansteigen, wenn die Distanz verringert wird, sondern auch wenn die Masse von zwei betrachteten Regionen größer ist als die Masse anderer Regionen. Sicherlich wird allein die Bevölkerungszahl keine befriedigende Modellierung ergeben, denn unterschiedliche Bevölkerungszusammensetzungen in den betrachteten Regionen wirken ebenfalls auf die Wanderungsströme ein. Eine bevölkerungsreiche Region, in der eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht, hat sicherlich eine geringere Anziehungskraft und damit Masse, als eine gleich große Region mit einer sehr niedrigen Arbeitslosigkeit. Ein Vorschlag (Haggett 1991) lautet daher, die Masse als das Produkt aus Bevölkerungszahl und Durchschnittseinkommen zu bestimmen.

Gravitationsmodelle können Wanderungen zwar gut beschreiben, aber nicht vollständig erklären. Als einzige Eigenschaften von Quell- und Zielgebiet gehen in diese Modelle Bevölkerung und Distanz ein. Neben der Masse von interagierenden Regionen gibt es aber noch eine Vielzahl weiterer Merkmale, die die vom einzelnen Individuum als positiv oder negativ empfundenen Eigenschaften (push- und pull-factors) bestimmen und Wanderungsvorgänge ebenso beeinflussen, wie die zwischen den Regionen liegenden Zwischenräume, die entweder eine Wanderung hemmen (intervening obstacles) oder ablenken (intervening opportunities) können.

Push- und Pull-Faktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sogtheorie erklärt am Push-and-Pull-Modell das Zustandekommen eines Migrationsdruckes aus dem ökonomischen Gefälle zwischen zwei Ländern. Im Ursprungsland wirken Druckfaktoren wie Arbeitslosigkeit, niedriges Lohnniveau, Armut und das Aufnahmeland bietet Sogfaktoren wie Arbeitsplätze, höhere Gehälter und soziale Sicherheit. Auch beeinflussen die Berichterstattung über das Zielland sowie Erfahrungsaustausch mit bereits Ausgewanderten oder ihren daheim gebliebenen Angehörigen die Wanderungsentscheidung. Letztere Anreize bewirken laut Treibel eine Gruppenmigration.[9]

Bei Wanderarbeitern steht die "materielle Deprivation" im Vordergrund.[10] Die Migrationsentscheidung ist eng verknüpft mit Konflikten des Auswanderungswilligen und seiner näheren Umgebung, mit der er sich auseinanderzusetzen und zu verhandeln hat. Die positive Entscheidung zur Auswanderung stellt sich somit nach Thomae stets als Konfliktlösung dar. Oft sind daran Verpflichtungen des Emigranten gekoppelt wie die Verpflichtung zur Rückkehr „als eine Art Gleichgewichtssicherung zwischen motivationalem und kognitivem System“.[11]

Das Paradigma des Push and Pull entspricht jedoch keinem eigenständigen theoretischen Ansatz, sondern suggeriert eher die Zusammenhänge, da trotz der plausiblen Annahme von Sogfaktoren und Druckfaktoren die Annahmen auf den Einzelnen bezogen rein hypothetischer Natur sind.[8] Der mikrotheoretische Ansatz des Push and Pull kommt im makrotheoretischen Ansatz zum Einsatz, um die individuellen Migrationsentscheidungen zu erklären.

Die wichtigsten Gründe für Migrationen von Mexiko in die USA waren beispielsweise :

  • Push-Faktoren
    • Prekärer Arbeitsmarkt
    • Mangelnde Grundstoffe
    • Niedrige Löhne
    • Kinder als Altersversorgung
    • Gefahr eines Umsturzes des politischen Systems
    • Mangelhaftes Bildungssystem
    • Mangelhaftes Gesundheitssystem
    • Starke soziale Gefälle
  • Pull-Faktoren
    • Bessere humanitäre Versorgung
    • Sicherer Arbeitsplatz
    • Hohe Löhne
    • Besseres Bildungssystem
    • Besseres Gesundheitssystem
    • Chancen für sozialen Aufstieg
    • Sicheres politisches System
    • Finanzielle Unterstützung
    • Bessere Perspektiven für Kinder
    • Nähe zur Heimat

Theorien der Arbeitsmarktsegmentierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Michael Piore[12] geht davon aus, dass Industriegesellschaften eine permanente Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften haben, deren Ursache die Segmentierung der Arbeitsmärkte der Zielländer sind. Das Migranten bereit sind, auch schlecht bezahlte und instabile Jobs anzunehmen, begründet er damit, dass sie target earner seien, also auf ein bestimmtes monetäres Ziel hin arbeiten und nicht an einem gehobenen Status interessiert sind. Er kann damit das Nebeneinander von Arbeitslosigkeit und Zuwanderung, aber nicht das Verweilen der Zuwanderer im Zielland und ihren sozialen Aufstieg erklären.

George J. Borgas (1999) zeigt, dass durch Migration in die USA das Qualifikationsniveaus seit den 1960er Jahren gesunken ist und die Ungleichheit in der Einkommensverteilung zugenommen hat. Doch wirke der Migrationsanreiz weiter durch wohlfahrtsstaatliche Leistungen.

Migrationsssystemtheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der nigerianische Soziogeograph Akin Mabogunje und Mary Kriz, Lin Leam Lim und Hania Slotnik[13] begründeten die Theorie der Migrationssysteme. Dabei werden verschiedene Sozialräume und Subsysteme abgegrenzt, die sich nach Art und Herkunft der Migration unterscheiden (z. B. Migration aus früheren Kolonien in die Mutterländer Frankreich, Großbritannien; aus der Türkei, aus Osteuropa und vom Balkan nach Deutschland; aus Lateinamerika, Marokko, Rumänien nach Spanien) bzw. innerhalb welcher die Binnenmigration besonders hoch ist (z. B. innerhalb Skandinaviens).

Mikrotheoretische Modelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Vergleich zum Gravitationsmodell und anderen strukturellen Erklärungen der Wanderung fokussiert der mikrotheoretische Ansatz nicht das Kollektiv sondern das Individuum, um die jeweilige Migrationsentscheidung zu untersuchen. Er nimmt internationale Lohnunterschiede als gegeben an und versucht die Migrationswahrscheinlichkeit durch die individuellen Chancen auf einen Arbeitsplatz, die individuell zu erwartende Lohnhöhe und die Migrationskosten zu erklären. Zu diesen Ansätzen gehört vor allem das akteurszentrierte neoklassische Harris-Todaro-Modell (1970), das u. a. postuliert, dass bei einem Ausgleich der Löhne zwischen zwei Regionen die Migration zum Erliegen kommt.

Zu den Grenzen vieler mikrotheoretischer Ansätze gehört ihre Blindheit gegenüber der Tatsache, dass Migrationsentscheidungen häufig keine Individual-, sondern Entscheidungen von Haushalten oder sogar von (Groß-)Familien sind, die darüber bestimmen, wen sie mit welcher „Mission“ in das Zielland entsenden. Dem trägt eher die Werterwartungstheorie Rechnung. Insbesondere sind aber auch Forschungsansätze der Migrationssoziologie zum Verständnis von Kollektiventscheidungen heranzuziehen.

Individualisierte Sogtheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1972 individualisierte Lee das makrotheoretische Paradigma des Push and Pull und erkennt in Migrationen vier ursächliche und gleichzeitig wirksame Schichten:

  • Merkmale bezüglich der Herkunftsregion
  • Faktoren bezüglich des Zielgebietes
  • Blockadefaktoren
  • individuelle Parameter

Die gebietsbezogenen Merkmale beinhalten nicht nur Lohnhöhe und Arbeitslosenrate, sondern sind verfeinert um strukturelle Faktoren wie Klima, Wohnqualität, öffentliche Sicherheit, Bildungszugang und die Qualität der medizinischen Versorgung. Als Blockadefaktor gilt nicht mehr die Distanz als entscheidend, sondern intervenierende Hindernisse wie der Bau der Berliner Mauer oder eine restriktive Einwanderungsgesetzgebung.

Neben den objektiven und rein strukturellen Merkmalen finden sich auch individuelle Parameter. Zu den individuellen Merkmalen zählen etwa Geschlecht, Alter, Bildungsstand, Beruf oder ethnische Herkunft. Darunter fällt auch die Frage der persönlichen Wahrnehmung der anderen Faktoren. Zum Beispiel meiden Alleinstehende oft ländliche Zonen wegen langer Anfahrtswege und geringen Freizeitangebots, während Familien diese Umgebung schätzen, soweit die Umwelt intakt ist und die Schulen zufriedenstellen.

Nach E. S. Lee fällt ein Migrant die Wanderungsentscheidung erst nach einem Vergleich all dieser Merkmale. Demnach lässt sich dieses Modell nicht in eine allgemeingültige Formel überführen.[14]

Lowry verknüpft 1966 das ältere Gravitationsmodell mit wesentlichen ökonomischen Faktoren, um das Migrationsverhalten zu berechnen.

mit

als Anzahl der Migranten von i nach j
jeweilige Arbeitslosenquoten (unemployment)
das jeweilige Lohnniveau (wages)
Personen im nichtlandwirtschaftlichen Bereich
Entfernung zwischen i und j
als Fehlerterm

Somit wächst die Zahl der Wanderungswilligen von i nach j, je mehr Arbeitslose, je höher die Beschäftigung und je unattraktiver die Löhne in i ausfallen und je näher sich die beiden Orte sind.[8]

Humankapitalmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1962 entwickelte L.A. Sjaastad das sogenannte Humankapitalmodell der Migrationstheorie (siehe Humankapital). Er fokussierte in seiner Human Capital Migration Theory die individuelle Qualifikation der Migrierenden, die ihre Skills und andere Eigenschaften als Investitionen betrachten und nutzenmaximierend einsetzen wollen. Auch eine Wanderung ist gleichbedeutend mit einer persönlichen Investition in Humankapital. Die Migration ist in dieser Betrachtungsweise eine Bilanz mit Ausgaben und Einnahmen, welche jeweils geldwert sein können.[15]

  • Monetäre Ausgaben fallen an für einen Umzug oder alternativ lange Anfahrtswege.
  • Nichtmonetäre Ausgaben stehen für den Verzicht auf Familie und Freundeskreis.
  • Monetäre Einnahmen entstehen etwa durch höhere Löhne.
  • Nichtmonetäre Erträge ergeben sich z. B. aus einem besseren Klima.

Das Modell unterstellt keine sofortige Realisierung der Erträge, sondern berücksichtigt auch eine Wanderungsentscheidung wegen einer beruflichen Perspektive durch die Hoffnung auf bessere Aufstiegschancen, wie sie viele Behörden oder Konzerne anbieten.

Formal finden die nichtmonetären Aspekte zwar Berücksichtigung, erfahren jedoch eine weit geringere Gewichtung als die monetären Parameter.

mit

und Einkünfte in der Zielregion (destination) bzw. in der Stammregion (origin)
T = Kosten der Migration
N = Zahl der Jahre, bis Vorteile zu erwarten sind
r = Rate zur Anzinsung des erwarteten Einkommens

Die Einkünfte stehen hier für die subjektiven Einschätzungen des zu erwartenden Einkommens.

Der Formel entsprechend kommt es eher zur Wanderungsentscheidung

  • je höher das Lohnniveau in der anderen Region,
  • je mehr Zeit bis zum Ende des Erwerbslebens ansteht und
  • je weniger Kosten die Wanderung verursacht oder je weniger Assets im Ursprungsland zurückgelassen werden müssen.

Somit erfasst das Modell auch verschieden motiviertes Migrationsverhalten unterschiedlicher sozialer Gruppierungen, da die verschiedenen Parameter sich auf individuelle Faktoren wie Beruf, Alter und Geschlecht beziehen können.[8] Allerdings ist bei der Analyse von Migrationsentscheidungen nicht nur das Bruttoeinkommen, sondern auch der Effekt staatlicher Umverteilungsmaßnahmen durch Steuern, Sozialabgaben usw. zu berücksichtigen.

Das Modell wurde später von Borjas durch die Berücksichtigung der unterschiedlichen ökonomischen Bewertung von sichtbaren (z.B. zertifizierter Schulbildung) und weniger leicht sichtbaren Merkmalen im Herkunfts- und Zielland mehrfach verfeinert. Demnach würde ein Anstieg der Schulbildung in einem Herkunftsland den Pull-Effekt verstärken. Außerdem zeigte Borjas, dass die jüngeren Einwandererkohorten in die USA weniger in das Erlernen der neuen Sprache und in Ausbildung investierten als frühere Generationen von Einwanderern und so nur geringere Einkommen erzielten. [16] Allerdings bestreitet Chiswick diesen Befunde: Was Borjas als sinkende „Qualität“ bezeichne, sei in Wirklichkeit auf die abnehmende Übertragbarkeit der Fähigkeiten der neuen Zuwanderer zurückzuführen, die aus kulturell weiter entfernten Ländern kämen.[17] Doch geht in jedem Fall wohl der Grenznutzen zusätzlicher Investitionen in Humankapital bei steigenden Einwandererzahlen, also einer zunehmenden Zahl von potenziellen Mitbewerbern, zurück.[18] Damit lassen die Bildungsanstrengungen der Migranten nach und die Zahl der Schulabbrecher steigt an.[19] Andere Autoren führen diesen Effekt auch auf das Sinken von Migrations- und Informationskosten durch die Unterstützung ausgedehnter kinship networks im Zielland zurück. Das verringere den Druck auf die Migranten zu zusätzlichen Investitionen in das Humankapital und reduziere die Lohn- bzw. Verzinsungserwartungen, die mit solch hohen Investitionen verbunden seien.

Barry Chiswick versuchte zu zeigen, dass sich Migration nur für hoch qualifizierte, hoch motivierte Menschen lohnt, die über eine lange Zeit eine niedrige Verzinsung ihrer Humankapitalinvestitionen in Kauf nehmen. Sie erwarten erst etwa nach 10 bis 15 Jahren das Durchschnittseinkommen der einheimischen Bevölkerung zu erreichen.[20]

Den Versuch der Zusammenfassung dieser Theorien und einer einheitlichen humankapitaltheoretischen Begründung von Wanderungsbewegungen liefern Bodvarson und Van den Berg.[21]

Betrachtet man die Migration selbst als eine Investition, die sorgfältig vorbereitet und (oft kollektiv) vorfinanziert werden muss, so lässt sich aus der Humankapitaltheorie auch die Schlussfolgerung ziehen, dass in den Abwanderungsregionen erst ein gewisser Einkommens- und damit Bildungsstandard erreicht sein muss, um die Abwanderung überhaupt finanzieren zu können. Demzufolge kann die Abwanderung auch bei einer Annäherung an das Lohnniveau des Ziellandes zunächst zunehmen, um bei Erreichung eines relativen Wohlstands mit einem Pro-Kopf-Einkommen von durchschnittlich vielleicht 20.000 US-Dollar wieder abzunehmen.

Allerdings leiden auch die elaboriertesten Ansätze darunter, dass sie nicht berücksichtigen, dass Migrationsentscheidungen oft Haushaltsentscheidungen sind. So ist oft nicht die Erwartung eines individuell höheren Lohns seitens der Migrierenden selbst, sondern ihre Hoffnung auf höhere Bildungs- und Einkommenschancen ihrer Kinder ausschlaggebend für die Migrationsentscheidung. Dem versucht die Werterwartungstheorie Rechnung zu tragen, die auch Haushaltsentscheidungen berücksichtigt.

Werterwartungstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ansatz des Subjective Expected Utility (SEU, subjektiv zu erwartender Nutzen, Werterwartungstheorie) stellt den Versuch dar, die verschiedenen theoretischen Migrationsmodelle zu vereinen.[22] Das Modell stützt sich auf die Werterwartungstheorie und verbindet die subjektiven Merkmale mit klassischen sozioökonomischen Beweggründen. Klassische makrotheoretische Beweggründe wie Klima und Lohnhöhe nehmen Einfluss auf die Formel, doch bestimmen persönliche Wahrnehmung und Abwägung das Zustandekommen der Migrationsentscheidung.

Die Kosten-Nutzen-Analyse geht stillschweigend davon aus, dass die Entscheidungsträger bevorzugt die Möglichkeiten auswählen, welche ihnen den größten Vorteil bringen, um den persönlichen erwarteten Gesamtnutzen (SEU) zu maximieren. Eventuelle Ausgaben gehen wiederum als negativer Vorteil in die Berechnung ein (Evaluation). Auch die persönliche Erwartung, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Handlung gelingt, findet Eingang in die Gesamtbewertung.

„Der Ausdruck besagt, dass der subjektiv erwartete Gesamtnutzen (SEU) einer bestimmten Handlung (i) sich zusammensetzt aus der Summe der subjektiven Nutzen (U), die diese Handlung für die Erreichung verschiedener individueller Ziele (j) hat, multipliziert mit den jeweils subjektiv erwarteten Wahrscheinlichkeiten (p), dass diese Nutzen auch tatsächlich realisiert werden.“[8]

Konfrontiert mit variablen Möglichkeiten, erfolgt somit die Auswahl der Aktion, welche den höchsten Wert SEU(i) vorweist. Liegt der SEU über dem der Sesshaftigkeit, dann erfolgt die Migrationsentscheidung.

Den Kern des Modells bildet eine Nutzenmaximierung nach individualistischen und rationalen Erwägungen. Es berücksichtigt also nur Einzelpersonen. Geht es um die komplexe Wanderungsentscheidung mehrerer Beteiligter wie ganzer Haushalte, dann sprengt die gemeinsame Entscheidung den rein egoistisch aufgebauten Erklärungsansatz. So können bei Haushaltsentscheidungen die Interessen und Nutzenvorteile der jeweils Beteiligten sich untereinander widersprechen. So gilt es als erwiesen, dass die meisten Haushaltsentscheidungen zuungunsten der Karriere des weiblichen Partners stattfinden.[8]

Entscheidungstheoretische Wanderungsmodelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bisher vorgestellten Modelle dienen zur Beschreibung und Erklärung von summarischen Wanderungseffekten. Auf der Mikroebene der Entscheidungen einzelner Individuen lassen sich mathematische Kausalbeziehungen jedoch nicht formulieren. Wanderungsentscheidungen lassen sich hier – wie alle individuellen Entscheidungen – lediglich auf wahrscheinlichkeitstheoretischer Basis (Probabilistik) vorhersagen. Probabilistische Modelle berücksichtigen bei Standortentscheidungen den unterschiedlichen Informationsgrad der Wandernden.

Den Prozess der Informationsgewinnung und -bewertung, der (möglicherweise) zu einer Standortverlagerung führt, versuchen entsprechende Modelle abzubilden.[23] Die Informationen, die in eine Entscheidung für oder gegen eine Wanderung einfließen, entstammen zumeist dem typischen, wöchentlichen Aktionsradius (activity space) einer Person oder eines Haushaltes. Eine Unzufriedenheit mit der Ausgangssituation kann dabei auf unterschiedlichen Faktoren beruhen, die sich nach den Daseinsgrundfunktionen (Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Bildung, Erholung) gliedern lassen. Aus jedem Faktorenbereich können einzelne Umweltreize als Stressoren die Bewertung des gegenwärtigen Wohnstandortes beeinflussen.

Die Modelle bilden – meist in Form von Flussdiagrammen – die Entscheidungsalternativen des Individuums/Haushaltes ab, die jeweils zufällig, jedenfalls nichtdeterministisch getroffen werden. Grundsätzlich lassen sich vier Handlungsalternativen beim Auftreten von Stressoren unterscheiden:

  1. Durch Erhöhung der Toleranzgrenze passt sich das Individuum/der Haushalt an die Gegebenheiten an.
  2. Durch aktive Beeinflussung wird versucht, die Stressoren abzubauen (z. B. Engagement für eine höhere Umweltqualität).
  3. Es setzt eine aktive Suche nach einem neuen Wohnstandort ein.
  4. Es wird eine prinzipielle Entscheidung für einen Standortwechsel gefällt, der jedoch erst bei einer günstigen Gelegenheit tatsächlich vollzogen wird und möglicherweise durch verschiedene externe Faktoren zusätzlich beeinflusst wird.

Außerdem kann man die individuell unterschiedliche Risikoneigung der Akteure in wahrscheinlichkeits- und spieltheoretische Modelle einbeziehen.

Konzepte auf der Mesoebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die New Economy of Labour Migration, vor allem vertreten durch Odet Stark (1991), stellt nicht das Individuum, sondern die Familie den ausschlaggebenden Akteur von Migrationsentscheidungen und -strategien dar. Migrationsentscheidungen werden stets im Kontext sozialer Abhängigkeit getroffen. In dieser Betrachtung kann auch Migration ohne Lohndifferential sinnvoll sein, wenn z. B. [24] eine Risikostreuung angestrebt wird oder die zeitweise Migration als Ersatz für fehlende Kreditmöglichkeiten im Herkunftsland dient, um z. B. ein Geschäft zu gründen.

Ebenfalls auf der Mesoebene argumentieren Ansätzen, die von der risikodämpfenden Wirkung der Existenz von Netzwerken bereits Migrierter in den Zielländern ausgehen. So wird Kettenmigration dadurch definiert, dass die Migration einzelner Akteure die Migration von weiteren, mit diesem Akteur über direkte Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsbeziehungen in Verbindung stehenden Akteuren nach sich zieht.[25] Neben der unterstützenden Wirkung von Netzwerken werden auch die Risiken diskutiert, die eine Nichtakzeptanz von Migrierenden durch etabliert kinship networks bewirken können. Oft setzen auch Kämpfe um Status, Machtverteilung oder Genderkonflikte innerhalb dieser Netzwerke ein.[26]

Globale Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wanderungen sind ein wesentliches Element für Bevölkerungsveränderungen insbesondere, weil sie wesentlich kurzfristiger wirksam werden als die natürlichen Bevölkerungsbewegungen. In den frühindustrialisierten Ländern bestimmen Wanderungsvorgänge derzeit weit überwiegend die Bevölkerungsbewegung insgesamt. Die Dimensionen sowie die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen von großen Wanderungsbewegungen treten damit angesichts eines

  • zunehmenden Wohlstandsgefälles zwischen den hochentwickelten Industrienationen und den sogenannten Entwicklungsländern,
  • weltweit stetig zunehmender Bevölkerungszahlen sowie
  • einer Vielzahl aktueller kriegerischer Konflikte

immer mehr ins öffentliche Bewusstsein.

Erklärungsansätze für aktuelle Wanderungsbewegungen und Modelle für die Prognose zukünftiger Wanderungen haben daher mehr als nur rein wissenschaftliche Bedeutung. Sie finden immer häufiger Berücksichtigung in aktuellen politischen Handlungsfeldern (vgl. Zuwanderungsgesetz).

Problematik der Migrationsstatistiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untersuchung und Vergleich der Migration in Europa oder den einzelnen Mitgliedsstaaten gestalten sich in der Regel problematisch:[27]

  • definitorische Probleme:
    • Es fehlt eine gemeinsam verbindliche Definition für "Migranten" bzw. "Migrantinnen". Für die einen Länder gilt als Einwanderer, wer ein Jahr sesshaft war, für andere die bei der Einreise angegebene Aufenthaltsdauer und wieder andere Staaten unterscheiden zwischen Zuwanderung von Ausländern und remigrierenden ehemaligen Bürgern. Frankreich wiederum erhebt überhaupt keine offizielle Immigrationsstatistik. Migration und die Kategorie "Migrant" bzw. "Migrantin" sind daher sozial konstruiert und historisch wandelbar, was direkte Auswirkungen auf Migrationsstatistiken und deren Vergleichbarkeit hat.[28]
    • Die Zuweisung Migrant gleich Ausländer ist falsch. Aus rechtlicher Sicht ist Ausländer, wer keine deutsche Staatsbürgerschaft aufweist. Zum einen sind nicht alle in Deutschland lebenden Ausländer auch Migranten – so wachsen viele Kinder der zweiten und dritten Generation in Deutschland auf und kennen zum Teil weder die ursprüngliche Sprache oder gar das Herkunftsland. Zum anderen sind nicht alle Migranten Ausländer, wie dies zum Beispiel bei wiedereingebürgerten Spätaussiedlern der Fall ist. Staaten mit kolonialem Hintergrund wie Frankreich oder Großbritannien bürgern Immigranten aus den ehemaligen Kolonien ein und erfassen diese nicht in der jeweiligen Ausländerstatistik.
  • Unterschiedliche Verfahren bei der Aufbereitung des Zahlenmaterials:
    • Absolute Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig im Gegensatz zu Statistiken, welche das Verhältnis von Zuwanderern zur Wohnbevölkerung berücksichtigen. Zuwanderungszahlen belegen auch mitnichten den Bestand der in Deutschland lebenden ausländischen Wohnbevölkerung. Die deutsche Einwanderungsstatistik beinhaltet zusätzlich Aussiedler.
    • Die Zahl der Einwanderungen impliziert keineswegs ein Bevölkerungswachstum, soweit das Zahlenmaterial nicht den Wanderungssaldo berücksichtigt, also das Verhältnis zur Abwanderungsrate. Auch die Sterberate und die Geburtenrate sind zu überprüfen.
    • Ausländer können Bürger der EU sein oder aber aus einem Nichtmitgliedsstaat stammen.
  • illegale Migration
    • In Südeuropa wird der Anteil illegaler Migration als tendenziell höher eingeschätzt. Das hängt mit langen, schwer zu kontrollierenden Seegrenzen zusammen und führt zur statistischen Unterrepräsentation in den Migrationsstatistiken.

Institutionen der Migrationsforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Portal: Interkultureller Dialog und Integration – Artikel, Kategorien und mehr

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bibliographien

  • Davoud Gharagozlou: Quellen zur Migrationsforschung. Eine selektiert-komparative Bibliographie in drei Sprachen über USA, Deutschland, Frankreich und England. Zusammengestellt und versehen mit einer kurzen Darstellung der amerikanischen Migrationsgeschichte. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7881-3 (= Sources of migration research).
  • R. Paul Shaw: Migration Theory and Fact: A Review and Bibliography of Current Literature. Philadelphia 1975.

Darstellungen

  • Klaus J. Bade, Peter C. Emmer, Leo Lucassen, Johne Oltmer (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-75632-9
  • Klaus J. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung. (Studien Zur Historischen Migrationsforschung). V&R Unipress, 2004, ISBN 3-89971-172-6.
  • Wassilios Baros: Familien in der Migration. Eine qualitative Analyse zum Beziehungsgefüge zwischen griechischen Adoleszenten und ihren Eltern im Migrationskontext. Lang, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-37544-1 (Zugleich Dissertation an der Universität Köln 2000 unter dem Titel: Das Beziehungsgefüge zwischen griechischen Adoleszenten und ihren Eltern im Migrationskontext).
  • Harald Bauder: Labor movement – how migration regulates labor markets. Oxford Univ. Press, 2006.
  • Gudrin Biffl (Hrsg.): Migration und Integration - Dialog zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis. omninum, Bad Vöslau 2010, ISBN 978-3-9502888-1-0.
  • G. F. De Jong, J. T. Fawcett: Motivations for Migration: An Assessment and a Value-Expactancy Research Model. In: G.F. De Jong, R. W. Gardner (Hrsg.): Migration Decision Making. New York 1981.
  • Jared Diamond: Kollaps. (Originaltitel: Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed.2004, übersetzt von Sebastian Vogel), Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-013904-6, als Taschenbuch 2006, ISBN 978-3-596-16730-2.
  • Maria Dietzel-Papakyriakou: Altern in der Migration. Lucius, Stuttgart 1993, ISBN 3-432-25901-8.
  • Peter Haggett: Geographie – Eine moderne Synthese. Stuttgart 1991.
  • Petrus Han: Theorien zur internationalen Migration: Ausgewählte interdisziplinäre Migrationstheorien und deren zentralen Aussagen. Lucius & Lucius, Stuttgart 2006, ISBN 3-8252-2814-2.
  • Felicitas Hillmann: Migration. Eine Einführung aus sozialgeographischer Perspektive. Franz Steiner, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-515-10636-8.
  • Kirsten Hoesch: Migration und Integration. Wiesbaden 2018.
  • Jacqueline Knörr (Hrsg.): Women and Migration. Anthropological Perspectives. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 2000, ISBN 3-593-36604-5 (englisch).
  • Jacqueline Knörr (Hrsg.): Childhood and Migration. From Experience to Agency. Transcript, Bielefeld 2005, ISBN 3-89942-384-4.
  • Steffen Kroehnert: Theorien der Migration. Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung, 2003 (online[8])
  • Everett S. Lee: Eine Theorie der Wanderung. In: G. Széll (Hrsg.): Regionale Mobilität. München 1972.
  • Jürgen Leibold: Immigranten zwischen Einbürgerung und Abwanderung – Eine empirische Studie zur bindenden Wirkung von Sozialintegration. Göttingen 2007. (online auf webdoc.sub.gwdg.de, abgerufen 22. Februar 2009)
  • Ira South Lowry: Migration and Metropolitan Growth: Two Analytical Models. San Francisco 1966.
  • Larry A. Sjastaad: The Costs and Returns of Human Migration. In: The Journal of Political Economy. 70, 1962.
  • Anette Treibel: Migration in modernen Gesellschaften. Juventa, Weinheim 1999, ISBN 3-7799-0385-7.
  • Heike Wagner, E. Petzl: Konstruktion von Migration in Statistik, Diskurs und Praxis. In: M. Becka, A.-P. Rethmann (Hrsg.): Migration und Ethik. Schöningh, Paderborn 2010, S. 25–50. ISBN 978-3-506-76939-8.
  • Hans-Rudolf Wicker: Migration, Differenz, Recht und Schmerz. Sozialanthropologische Essays zu einer sich verflüchtigenden Moderne, 1990-2010.: Seismo, Zürich 2012, ISBN 978-3-03777-110-5.
  • Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2 (2005), Heft 3: Migration.
  • Ljubomir Bratić mit Eveline Viehböck: Die zweite Generation, Migrantenjugendliche im deutschsprachigen Raum, Innsbruck: Österr. Studien-Verlag 1994, ISBN 3-901160-10-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Migration – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Barbara Lüthi: Migration and Migration History. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 28. September 2010, abgerufen am 30. Juli 2012.
  2. Vgl. Beck 1986, S. 125.
  3. Barry R. Chiswick: Are Immigrants Favorably Self-Selected? An Economic Analysis. In: Caroline D. Brettell, James F. Hollifield (Hrsg.): Migration Theory: Talking Across the Disciplines. Routledge, New York 1999, S. 52-75; hier: S. 70, Anm. 9.
  4. Bildungsmigration. Bundeszentrale für politische Bildung, 15. September 2015.
  5. Vgl. Caroline B. Brettell, James F. Hollifield: Migration Theory. Talking across Disciplines. New York/ London 2000.
  6. Michael Jeismann: Das Risiko heißt: Zusammenbruch der Weltgesellschaft (Interview mit Jared Diamond). In: faz.net, 19. Dezember 2005, abgerufen 22. Februar 2009.
  7. Lowry 1966.
  8. a b c d e f g Steffen Kroehnert: Theorien der Migration (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive), Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung, 2003 (abgerufen 22. Februar 2009).
  9. Treibel 1999, S. 39 f.
  10. Thomae 1974.
  11. Dietzel Papa Kyriakou 1993, S. 68.
  12. M. Piore: Bird of Passage. 1979.
  13. Mary M. Kritz, Lin Lean Lim, Hania Zlotnik: International migration systems: A global approach. Oxford 1992.
  14. Lee 1972, S. 115–129.
  15. Sjaastad 1962, S. 80–93.
  16. George J. Borjas: Assimilation, Changes in Cohort Quality and the Earnings of Immigrants. In: Journal of Labor Economics, vol. 3 (1985), S. 463-489.
  17. Barry R. Chiswick: Are Immigrants Favorably Self-Selected? An Economic Analysis. In: Caroline D. Brettell, James F. Hollifield (Hrsg.): Migration Theory: Talking Across the Disciplines. Routledge, New York 1999, S. 52-75; hier: S. 70, Anm. 11.
  18. George J. Borjas: The Slowdown in the Economic Assimilation of Immigrants: Aging and Cohort Effects Revisited Again. In: Journal of Human Capital, vol. 9, no. 5, S. 483-517.
  19. George J. Borjas, Richard B. Freeman, Lawrence F. Katz: On the Labor Market Effects of Immigration and Trade. National Bureau of Economic Research Working Paper No. 3761, 1991. Online
  20. Barry R. Chiswick: Are Immigrants Favorably Self-Selected? An Economic Analysis. In: Caroline D. Brettell, James F. Hollifield (Hrsg.): Migration Theory: Talking Across the Disciplines. Routledge, New York 1978.
  21. Ö. B. Bodvarsson, Ö. B., H. Van den Berg: The Economics of Immigration: Theory and Policy. Berlin, New York 2013.
  22. De Jong/Fawcett 1981.
  23. Roseman u.a., siehe auch Migrationssoziologie
  24. J. Mincer: Family migration decisions. In: Journal of Political Economy 86(2005)5, S. 749-773.
  25. Sonja Haug: Empirische Forschung zur Kettenmigration und zu sozialen Netzwerken. In: Soziales Kapital und Kettenmigration. Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Band 31. Wiesbaden 2000, S. 163.
  26. Cecilia Menjívar: Immigrant Kinship Networks: Vietnamese, Salvadoreans and Mexicans in Comparative Perspective. In: Journal of Comparative Family Studies, vol. 28 (1997), no. 1, S. 1-24.
  27. Marianne Haase, Jan C. Jugl: Migration im europäischen Vergleich – Zahlen, Daten, Fakten? In: bpb.de, 13. März 2008, abgerufen am 30. Juli 2012.
  28. Wagner/Petzl 2010, S. 25–50.
  29. Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Osnabrück.
  30. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.
  31. Institut für Regional- und Migrationsforschung, Trier.
  32. [1]