Zum Inhalt springen

Miguel Ángel Asturias

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Miguel Ángel Asturias (1968)

Miguel Ángel Asturias Rosales (* 19. Oktober 1899 in Guatemala-Stadt; † 9. Juni 1974 in Madrid) war ein guatemaltekischer Schriftsteller, Lyriker und Diplomat. Asturias wurde 1967 der Nobelpreis für Literatur verliehen.[1]

Als Sohn eines Richters – der Vater war zeitweise Präsident des Obersten Gerichtshofes[2] – und einer Maya-Indianerin[3] konnte Asturias ab 1917 in seinem Heimatland Medizin, Publizistik und Jura studieren. Er engagierte sich in der Studentenbewegung gegen den seit 1898 herrschenden Diktator Estrada Cabrera. 1922 schloss er sein Studium ab und gründete er zusammen mit Freunden eine Volksuniversität, die Bildung für die armen Schichten ermöglichen sollte.[2]

1923 promovierte er zu den sozialen Problemen der Indigenen[3] und ging nach Europa, um in London ein Studium der Politischen Ökonomie aufzunehmen, das er nach wenigen Monaten abbrach. Stattdessen studierte er in Paris bis 1926 Religions- und Völkerkunde an der Sorbonne, insbesondere die präkolumbischen Kulturen Lateinamerikas und habilitierte sich zum Thema der Indianischen Mythologie.[4] Sein Professor Georges Raynaud veröffentlichte 1925 eine französische Übersetzung des Popul Vuh[5] und beauftragte Asturias und einen anderen ehemaligen Studenten mit einer Übertragung ins Spanische, die 1927 erschien und in Lateinamerika breit rezipiert wurde.[6] Nach dem Ende seiner Studien blieb er zunächst in Paris, kehrte dann nach Guatemala zurück und lebte als Reise-Journalist u. a. in Madrid und Paris.[7]

Asturias’ Grab auf dem Friedhof Père-Lachaise

In diese Zeit fällt auch seine erste literarische Veröffentlichung, das 1930 erschienene Buch Legenden aus Guatemala, welches durch Paul Valéry ausdrücklich gelobt,[4] und er als Wortkünstler und literarischen Entdecker der Maya-Welt weltweit bekannt wurde.[3] Nach weiteren Reisen durch Nordafrika und Asien[8] kehrte er 1933 nach Guatemala zurück, wo ihm durch den guatemaltekischen Diktator Jorge Ubico ein Schreib- und Lehrverbot verordnet wurde.[4] 1942 war er Abgeordneter im Kongress von Guatemala.

Nach dem Sturz des Diktators Jorge Ubico 1944, der eine zehn Jahre andauernde Phase der Demokratisierung Guatemalas einleitete, trat Asturias in den Diplomatischen Dienst ein, wurde als Professor 1946 Kulturattaché an der guatemaltekischen Botschaft in Mexiko-Stadt, ab 1947 in Argentinien und später in El Salvador. Er veröffentlichte in dieser Zeit viele Werke, die unter der Diktatur nicht erscheinen konnten. Als 1954 in Guatemala die Regierung des Präsidenten Jacobo Árbenz Guzmán durch einen Putsch gestürzt wurde, trat Asturias von seinen Ämtern zurück und seine Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt. Er ging bis 1966 ins Exil nach Argentinien.[9]

1966 fanden nach zwölf Jahren wieder freie Wahlen in Guatemala statt. Der gewählte Präsident, Méndez Montenegro, ernannte Asturias erneut als Diplomat für sein Land – zum Botschafter Guatemalas in Frankreich, Paris. Im selben Jahr wurde er mit dem Lenin-Friedenspreis für das Jahr 1965 geehrt.[3]

1970 beendete Asturias seine diplomatische Tätigkeit und reiste weiterhin viel, besonders durch Spanien, Italien und Frankreich. Er verstarb 1974 in Madrid. Sein Leichnam wurde nach Paris überführt, wo er auf dem Friedhof Père-Lachaise bestattet wurde.[10]

1939 heiratete Asturias Clemencia Amado (1915–1979). Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, Miguel Ángel und Rodrigo. Nach seiner Scheidung 1947 heiratete Asturias 1950 die Argentinierin Blanca Mora y Araujo.[11]

Sein Sohn Rodrigo war ab 1971 ein Anführer der Guerilla-Bewegung Organisación Revolucionaria del Pueblo en Armas (ORPA), welche die guatemaltekische Militärdiktatur bekämpfte. Er benutzte dazu den Decknamen „Gaspar Ilom“, den er dem Roman seines Vaters Die Maismenschen entnommen hatte.

Asturias ist ein Vertreter des Magischen Realismus in der lateinamerikanischen Literatur, der in seinem Werk die Mythen und Legenden der indigenen Völker seiner Heimat verarbeitet, insbesondere der Mayas und dessen Hauptvolk Quiché.[3] Seine Mitarbeit an der Neuübersetzung des heiligen Buches der Quiché, Popul Vuh, ins Spanische überzeugte ihn von der Notwendigkeit, die Elemente dieser Überlieferung in die moderne Literatur zu integrieren.[12]

Er thematisiert zudem die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Lateinamerikas, die negativen Auswirkungen der Diktaturen und die Rolle der USA in dieser Weltregion.

Der bereits um 1930 herum abgeschlossene, aber erst 1946 erschienene Roman Der Herr Präsident beschreibt das Leben unter der Diktatur und klagt die Gewaltherrschaft an. In Die Maismenschen nimmt er einen alten indianischen Mythos auf, wonach die Menschen aus Mais geschaffen wurden, und verknüpft ihn mit der Geschichte eines Kämpfers gegen den Landraub am Boden der Quiché durch Großgrundbesitzer.[13]

Es folgten 1963 der Roman Mulata de tal (Eine gewisse Mulattin), in dem Asturias die traditionelle Überlieferung von einem Mann auf, der seine Frau gegen viel Geld an den Teufel verkauft, aber nicht glücklich wird, und 1967 die Sammlung von Erzählungen El espejo de Lida Sal (Der Spiegel der Lida Sal).

1967 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur für seinen Bananen-Trilogie genannten Zyklus der drei Romane Viento fuerte (1949, Sturm), El papa verde (1954, Der grüne Papst) und Los ojos de los enterrados (1954/1960, Die Augen der Begrabenen) verliehen[14], in dem Asturias die Ausbeutung von Menschen und Natur in seinem Land thematisiert. In Sturm beschreibt er den Kampf eines Kleinbauern gegen die United fruit Company und entwickelt sozialreformerische Ideen einer genossenschaftlichen Organisation der indigenen Kleinproduzenten, die sich gegen den international agierenden Bananenkonzern behauptet. Die reich gewordenen Bauern entwickeln sich in Der grüne Papst zu skrupellosen Kapitalisten, die nur ihr eigenes Wohl und nicht das des ganzen Landes im Blick haben. Der 1954 zuerst fertiggestellte, dann aber mehrfach unter dem Einfluss der kubanischen Revolution überarbeitete Roman Die Augen der Begrabenen schließlich gibt der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben und eine grundlegende Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse Ausdruck. Wesentlich für Asturias ist dabei die Einbeziehung alter Maya-Mythen und überlieferter Zukunftshoffnungen.[15]

In Der böse Schächer (1969; Maladrón) greift Asturias die Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier auf und kritisiert die katholische Missionierung.[16] In seinem letzten Roman Freitag der Schmerzen (1972; Viernes de dolores) nimmt Asturias einen Jahre währenden studentischen Aufstand in Guatemala-Stadt gegen den Diktator Cabrera zum Hintergrund eines intriganten Spiels um Macht und Liebe.

Werke (Auswahl)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Bananen-Trilogie („La trilogía de la república de la banana“). Lamuv-Verlag, Göttingen 1991.
  1. Sturm. Roman („Viento fuerte“). 1991, ISBN 3-88977-226-9.
  2. Der grüne Papst. Roman („El Papa verde“). Neuaufl. 2005, ISBN 3-88977-246-3.
  3. Die Augen der Begrabenen. Roman („Los ojos de los enterrados“). 1991, ISBN 3-88977-255-2.
  • Der böse Schächer. Roman („Maladrón“). Suhrkamp, Frankfurt/M. 1981, ISBN 3-518-01741-1.
  • Drei von vier Sonnen. Ein Essay-Kurzroman-Gedicht-Traum („Tres de cuatro soles“). 1971, Kiepenheuer, Leipzig 1991, ISBN 3-378-00491-6.
  • Don Niño oder Die Geographie der Träume. Roman („El alhajadito“). Luchterhand, Neuwied und Berlin 1969. Neuausgabe: Lamuv-Verlag, Göttingen 1994, ISBN 3-88977-362-1.
  • Der Herr Präsident. Roman aus Guatemala, 1946, („El Señor Presidente“). Rotpunktverlag, Neuaufl. Zürich 2009, ISBN 978-3-85869-386-0.
  • Ein Land, das schmeckt. Essays und Gedichte („Comiendo en Hungría“). Corvina-Verlag, Budapest 1970 (zusammen mit Pablo Neruda).
  • Legenden aus Guatemala („Leyendas de Guatemala“). Insel Verlag, Wiesbaden 1960 (Insel-Bücherei 704/1). erw. Ausgabe: Suhrkamp, Frankfurt/M. 1973, ISBN 3-518-01358-0.
  • Die Maismenschen. Roman, 1949 („Hombres de maíz“). Lamuv-Verlag, Göttingen 1994, ISBN 3-88977-308-7.
  • Mulata de tal. Eine gewisse Mulattin. Roman, übersetzt von Waldemar Kabus. 1963 („Mulata de tal“). Helmut Kossodo Verlag, Genf und Hamburg 1964.
  • Der Spiegel der Lida Sal. Erzählungen und Legenden („El espejo de Lida Sal“). Suhrkamp, Frankfurt/M. 1983, ISBN 3-518-01720-9.
  • Weekend in Guatemala. Acht Novellen zum Sturz der Arbenz-Regierung 1954 („Week-end en Guatemala“). Rotpunktverlag, Zürich 1988, ISBN 3-85869-025-2.
  • 1983: El Señor Presidente – Regie: Manuel Octavio Gómez
  • Adalbert Dessau: Legendenbildung und Geschichtsdarstellung in den Romanen von Miguel Angel Asturias. In: Flermann Herlinghaus (Hrsg.): Romankunst in Lateinamerika. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 978-3-11253-555-4, S. 75–90.
  • Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Ein politisch-literarisches Reisebuch. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, ISBN 978-3-86841-330-4.
Commons: Miguel Ángel Asturias – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 19, 123 f., 147.
  2. a b Adalbert Dessau: Legendenbildung und Geschichtsdarstellung in den Romanen von Miguel Ángel Asturias. In: Flermann Herlinghaus (Hrsg.): Romankunst in Lateinamerika, Akademie-Verlag, Berlin 1990, S. 75.
  3. a b c d e Marcus Kenzler: „Der Blick in die andere Welt: Einflüsse Lateinamerikas auf die Bildende Kunst“. In: Der Blick in die andere Welt: Einflüsse Lateinamerikas auf die Bildende Kunst der DDR, Teil 1. Lit Verlag, 2012, ISBN 978-3-643-11025-1, S. 813 (984 S., eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. a b c Der Spiegel: NOBELPREISE / LITERATUR „Magisches Element“. In: Der Spiegel. 23. Oktober 1967 (spiegel.de).
  5. Popul-Vuh. Les Dieux, les Héros et les Hommes de l'Ancien Guatemala, d'après le Livre du Conseil d'après le "Livre du conseil". Paris 1925. Katalogeintrag in der Bibliothèque Nationale de France
  6. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 34 f.
  7. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 38.
  8. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 48.
  9. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 66 ff.
  10. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 147.
  11. Leal, Luis: Myth and Social Realism in Miguel Angel Asturias. In: Comparative Literature Studies. 5. 1968. S. 237–247.
  12. Adalbert Dessau: Legendenbildung ..., S. 76.
  13. Adalbert Dessau: Legendenbildung ..., S. 80–82.
  14. Nobelpreis für Literatur. 1967/1968/1969. Asturias, Kawabata, Beckett. Coron Verlag, Zürich 1971.
  15. Adalbert Dessau: Legendenbildung ..., S. 82–89.
  16. Rolf Raasch: Der Sprecher seines Landes. Miguel Angel Asturias als Chronist Guatemalas. Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, S. 126–136.