Mike Synar

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Michael Lynn „Mike“ Synar (* 17. Oktober 1950 in Vinita, Oklahoma; † 9. Januar 1996 in Washington, D.C.) war ein amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei. Zwischen 1979 und 1995 vertrat er den zweiten Kongresswahlbezirk des Bundesstaates Oklahoma im US-Repräsentantenhaus. Der Jurist wurde mit 28 Jahren Abgeordneter und kämpfte für linksliberale Projekte und gegen mächtige Interessengruppen wie Landwirte und Tabakindustrie. Dabei machte er sich finanzkräftige Gegner, die sein Scheitern bei der Wiederwahl 1994 betrieben, unter anderem, indem sie seine enge Verbindung zum damals unpopulären US-Präsidenten Bill Clinton hervorhoben.

Familie, Ausbildung und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mike Synar war Sohn des polnischstämmigen Edmond Synar, der im Zweiten Weltkrieg in der US Air Force gedient hatte und Rinderzüchter in Vinita war.[1] Er hatte mit seiner Frau Virginia Ann Gann, die als „Klebstoff“ einer in engem Zusammenhalt lebenden Familie bezeichnet worden ist, einen weiteren Sohn und eine Tochter.[2] Die Familie wurde 1971 vom All-American Family Institute als Outstanding Family in the United States ausgezeichnet; Mike Synar war im selben Jahr Delegierter der White House Conference on Aging.[3] Er besuchte die öffentlichen Schulen in Muskogee, engagierte sich in Reden- und Debattenwettbewerben und erhielt von seinem Vater sechsjährig Jahren erste Verantwortung über eine eigene Viehherde als Mitglied der 4-H-Organisation, bei der er mehrere Auszeichnungen auf Bundesebene erhielt.[1] 1968 schloss er dort die High School ab. Bis 1972 studierte er an der University of Oklahoma, stieg als Debattenredner zum Studentensprecher auf, der neutral gegenüber dem Vietnamkrieg war,[2] und erreichte dort den akademischen Grad des Bachelor sowie 1974 an der Northeastern Illinois University (Chicago) denjenigen des Masters in Management. Nach einem anschließenden Jurastudium an der University of Oklahoma mit dem Abschluss Bachelor of Laws (LL. B.) wurde er 1976 als Rechtsanwalt zugelassen[4] und erhielt 1977 den Juris Doctor. Zwischenzeitlich studierte er mit einem Rotary-Stipendium 1973 im schottischen Edinburgh. Nach seiner Studienzeit arbeitete Synar als Rancher, Immobilienmakler und Rechtsanwalt in Muskogee.[1]

Politische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine politische Laufbahn für die Demokraten begann, als er 1978 für Oklahomas zweiten Kongresswahlbezirk in das US-Repräsentantenhaus gewählt wurde, wo er am 3. Januar 1979 Ted Risenhoover ablöste. Er hatte den Parteifreund zuvor in der Vorwahl geschlagen, da er Presseberichte verbreitete, die Risenhoover als Playboy porträtierten, der in einem herzförmigen Wasserbett schlafe,[5] während er selbst auf eine solide Herkunft aus Oklahoma verweisen konnte.[6] Es half ihm, dass sein Vater und fünf Onkel in der Region bekannte Geschäftsleute und Rancher waren.[7] Um in diesem Wahlbezirk, dessen Durchschnittseinkommen deutlich unter dem Bundesschnitt lag und der über keine Tradition hoher politischer Spendenbereitschaft verfügte,[8] bestehen zu können, nahm Synar einen Kredit auf mit seinem Anteil an der Familienranch als Sicherheit.[2] Synar wurde bei den folgenden sieben Kongresswahlen jeweils in diesem ländlichen Bezirk, der lange als verlässlich demokratisch galt und in dem auf drei als Demokraten registrierte Wähler ein Republikaner kam,[9] bestätigt, blieb also insgesamt acht Legislaturperioden lang bis zum 3. Januar 1995 Mitglied des Kongresses.

Synar betonte, dass er „US-Abgeordneter aus Oklahoma und nicht Oklahoma-Abgeordneter“ sei, bemühte sich aber als Exponent einer neuen, zugänglichen Generation von Kongressabgeordneten um Wählerkontakt, indem er acht seiner 14 Mitarbeiter vor Ort beschäftigte, mehrfach im Jahr seinen gesamten Wahlkreis durchfuhr[10] und häufig zwischen Washington und Muskogee pendelte (durchschnittlich 41 Mal im Jahr). Das wurde erst ab dem 99. Kongress 1985 deutlich weniger – laut dem Politikwissenschaftler John Hibbing, weil Synar sich inzwischen seines Wahlbezirks sicher fühlte und auf die Ausschussarbeit konzentrierte.[6] Er gehörte den Ausschüssen für Energie, Handel, Justiz und Regierung an und war Vorsitzender des Unterausschusses für Umwelt, Energie und natürliche Ressourcen. 1988 bewarb er sich ohne Erfolg um den Vorsitz des House Democratic Caucus und war in seiner letzten Legislatur als Whip und Vorsitzender der Democratic Study Group Teil der demokratischen Führung im Repräsentantenhaus. Bei Bill Clintons Präsidentschaftswahlkampf 1992 gehörte Synar zu dessen Unterstützern und spielte in der Vorbereitung auf die Fernsehdebatten die Rolle des Gegenkandidaten Ross Perot.[2]

Vor der Wahl im November 1994 unterlag er in der Vorwahl seiner Partei im September 1994 knapp mit 48 zu 52 Prozent dem pensionierten High-School-Direktor Virgil Cooper,[11] einem konservativen Southern Democrat, der bis dahin keine politische Erfahrung gehabt hatte und sich in diesem Jahr des Aufstiegs politischer Außenseiter weigerte, mit den Medien zu sprechen oder Werbespots aufzunehmen – die New York Times führte Synars Niederlage auf den angestauten Zorn vieler Wähler zurück. Zu den 19.000 US-Dollar, die Cooper für seine Kandidatur ausgegeben hatte, steuerten Interessengruppen von außerhalb geschätzte drei Millionen US-Dollar zu, um den unbequemen Synar zu besiegen.[7] Der republikanische Gegenkandidat Tom Coburn ließ während der Vorwahl Fernsehspots schalten, die Synar mit dem damals unpopulären US-Präsidenten Bill Clinton in Verbindung brachten;[9] Synar hatte die umstrittenen sozialpolitischen Reformvorschläge Clintons wie eine große Gesundheitsreform unterstützt und war wegen seiner Verbindungen nach Japan mit „Sayonara Synar“-Aufklebern bekämpft worden.[12] Cooper verlor anschließend gegen Coburn, Synar schied am 3. Januar 1995 aus dem Kongress aus.

Politisches Wirken und Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Synar galt als linksliberaler Vorkämpfer seiner Partei im strukturell konservativen Bundesstaat Oklahoma. Er galt als Anführer der gegen die Tabakindustrie kämpfenden Kongressabgeordneten und setzte sich dafür ein, dass Landwirte, Bergbau- und Holzwirtschaftsunternehmen nicht mehr wie bisher deutlich vergünstige Pacht für öffentliche Ländereien zahlten, sondern nicht-subventionierte Preise.[13] Synar sorgte für eine Einschränkung der Tabakwerbung und erste Warnhinweise auf Schachteln für Smokeless Tobacco;[4] seine im Synar Amendment von 1992 durchgesetzten Maßnahmen wie das Verbot des Tabakverkaufs an Jugendliche setzt in der Gesundheitsverwaltung der Vereinigten Staaten das Synar Program um.[14] Im von ihm angestrengten Supreme-Court-Verfahren gegen den obersten Rechnungsprüfer Charles Arthur Bowsher (Bowsher v. Synar[15]) gelang es ihm 1986, den Gramm-Rudman-Act, der eine Automatik fiskalpolitischer Austeritätsmaßnahmen eingeführt hatte, als nicht verfassungsgemäß verwerfen zu lassen. Im Jahr 1988 gehörte er der Kommission zur Amtsenthebung des Bundesrichters Alcee Hastings aus Florida als Hauptankläger an. 1991 stimmte er gegen die Erlaubnis für den Golfkrieg und 1992 gegen den Bau einer US-Weltraumstation.[7] Er unterstützte 1993 den sogenannten Brady Bill, der Waffenkäufe erschwerte, und setzte sich für einen stärkeren Umweltschutz ein,[1] was ihn zum stärksten Verbündeten der Organisation League of Conservation Voters im Repräsentantenhaus machte.[11] 1994 erreichte er die Verabschiedung des Indian Trust Fund Management Reform Act, der – nach der Feststellung von Misswirtschaft in der Indianerverwaltung durch den maßgeblich von ihm verfassten Synar Report[16] – die ökonomische Situation der Indianer verbesserte.[4] In seiner von vielen Gesetzesinitiativen geprägten Arbeit lehnte er sich gegen mächtige Lobbyisten wie die National Rifle Association, die Tabakindustrie, Landwirte und Versicherungsunternehmen auf und stellte sich gegen Interessengruppen, die – wie etwa die Bauern seines ländlich geprägten Wahlkreises – wichtig für seine Wiederwahlen waren.[1] 1992 beschrieb er sich selbst, er sei „wohl der Querdenker, der Reformer, der Außenseiter gewesen, wahrscheinlich mehr als jeder andere im US-Kongress“. Synar, der Thomas Jefferson und Harry S. Truman als politische Vorbilder nannte, weigerte sich, jegliche Unterstützung von Political Action Committees anzunehmen, und wandte sich gegen deren Einflussnahme auf die Politik.[17]

Nach der Politik und Nachleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Zeit im Kongress gründete und leitete Synar das „Campaign for America Project“, das sich für eine Reform der Wahlkampffinanzierung einsetzte.[4] Zudem setzte ihn Präsident Clinton als Vorsitzenden der Bundeskommission National Bankruptcy Review Commission ein, die Vorschläge entwickeln sollte, um den starken Anstieg von Verbraucherinsolvenzen zu bekämpfen. Für diese gewann Synar als Hauptberaterin die Harvard-Professorin und spätere US-Senatorin für Massachusetts Elizabeth Warren und bahnte damit ihren Einstieg in die Politik an.[18] Clinton hatte zuvor erwogen, Synar zum Vorsitzenden des Democratic National Committee zu machen, der Interesse an einer Leitung der Special Olympics signalisiert hatte.[2] Er erhielt am 8. Mai 1995 den Profile in Courage-Preis der Präsidentenbibliothek John F. Kennedys, mit dem Menschen ausgezeichnet werden, die entsprechend den porträtierten Personen in Kennedys Buch Zivilcourage gehandelt haben. Synars Wahl wurde begründet mit seinem „unerschütterlichen Engagement dafür, dem Gemeinwohl zu dienen, gleich wie mächtig der Gegner oder groß das politische Risiko“.[19] US-Senator Ted Kennedy würdigte Synar bei der Verleihung als jemanden, der „nie Angst gehabt habe, für ein Prinzip Haltung einzunehmen. Seine Führung war konsistent, eloquent, effektiv und außerordentlich darin, sich Interessengruppen entgegenzustellen“.[20] Mike Synar starb im Januar 1996 in seinem Haus[21] an einem Gehirntumor und wurde im Memorial Park Cemetery in Muskogee beerdigt. Die Trauerrede hielt Präsident Clinton.[22]

Das American College of Physicians vergab 1996 an Bill Clinton den National Public Service Award und widmete diesen Synars Einsatz gegen das Rauchen.[23] Zu seinem Andenken wurde ein Gebäude des in Muskogee befindlichen Campus der Northeastern State University 2001 Mike Synar Center genannt.[24] Die University of California, Berkeley gewährt jährlich fünf Doktoranden, die sich mit Aspekten der amerikanischen Politik beschäftigen, eine nach Synar benannte Forschungs-Fellowship.[25] Sein politischer Nachlass, bestehend aus etwa 97.000 Dokumenten, wird in der University of Oklahoma aufbewahrt.[1] Im April 2016 wurde er der Öffentlichkeit übergeben; er „erhelle die Nachdenklichkeit und Besonnenheit eines leidenschaftlichen Handwerkers der Gesetzgebung“.[26]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mike Synar im Biographical Directory of the United States Congress (englisch)

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Michael “Mike” Lynn Synar Collection, 1979–1996. In: Carl Albert Center Archives, University of Oklahoma (englisch).
  2. a b c d e Chris Casteel: Maverick Ex-Congressman Synar Succumbs to Cancer. In: NewsOK.com, 10. Januar 1996 (englisch).
  3. Todd J. Kosmerick: SYNAR, MICHAEL LYNN (1950–1996). In: Oklahoma Historical Society Encyclopedia. 2009.
  4. a b c d Profile of Mike Synar. In: Institute of Governmental Studies, University of Berkeley (englisch).
  5. Bill Peterson: Campaign Ploy: Wrapping Self in Flag. In: The Washington Post, 14. August 1978 (englisch).
  6. a b John R. Hibbing: Congressional Careers: Contours of Life in the U.S. House of Representatives. University of North Carolina Press, Chapel Hill, London 1991, S. 138.
  7. a b c David Binder: Ex-Congressman Mike Synar, Oklahoma Liberal, Dies at 45. In: The New York Times, 10. Januar 1996 (englisch).
  8. Louis Sandy Maisel: From Obscurity to Oblivion: Running in the Congressional Primary. Überarbeitete Auflage. University of Tennessee Press, Knoxville 1987, S. 67.
  9. a b Same Howe Verhovek: The 1994 Campaign: Oklahoma; Ultimate Outsider Seeking a Seat. In: The New York Times, 3. November 1994 (englisch).
  10. Steven V. Roberts: Congressmen in Their Districts. In: Dennis B. Hale (Hrsg.): The United States Congress. Transaction Books, New Brunswick, London 1983, S. 73–75.
  11. a b Mike Synar Loses. In: High Country News, 3. Oktober 1994 (englisch, mit Bild).
  12. R. W. Apple Jr.: The 1994 Campaign; In Oklahoma’s Senate Race, Both Candidates Are Running Against Clinton. In: The New York Times, 5. Oktober 1994 (englisch). Siehe auch bereits Greta Bauer: Synar Too ‘Big’. In: Tulsa World, 13. August 1992 (englisch).
  13. Profile in Courage Award: Background. In: JFKLibrary.org (englisch).
  14. About the Synar Amendment and Program. In: SAMHSA.gov, zuletzt aktualisiert am 6. April 2015 (englisch).
  15. Bowsher v. Synar. In: FindLaw (englisch, Urteilstext).
  16. Misplaced Trust: The Bureau of Indian Affairs’ Mismanagement of the Indian Trust Fund. Seventeenth Report by the Committee on Government Operations. Union Calendar Nr. 292, House Report 102-499 (PDF).
  17. Zitat im Original: “I have probably been the maverick, the reformer, the outsider, probably more than any other person in the United States Congress”. David Binder: Ex-Congressman Mike Synar, Oklahoma Liberal, Dies at 45. In: The New York Times, 10. Januar 1996 (englisch).
  18. Leon Neyfakh: Elizabeth Warren’s unorthodox career. In: The Boston Globe, 22. Oktober 2011 (englisch); George Zornick: Elizabeth Warren Insists She’s Not Running for President. These Activists Are Trying to Change Her Mind. In: The Nation, 23. Februar 2015 (englisch).
  19. Im Original: “an unwavering commitment to serve the public interest, no matter how powerful the foe or great the political risk”. Zitiert nach Shelley Sommer: Award Announcement: Oklahoma Congressman Michael L. Synar Named Winner of the 1995 John F. Kennedy Profile in Courage Award. In: JFKLibrary.org, 26. April 1995 (englisch).
  20. Im Original: “never afraid to take a stand on principle. His leadership was consistent, eloquent, effective and extraordinary in confronting special interest groups”. Zitiert nach Profile in Courage Award: Remarks by Senator Edward M. Kennedy. In: JFKLibrary.org (englisch).
  21. Die New York Times spricht in ihrem Nachruf davon, Synar sei in seinem Haus in Arlington (Virginia) gestorben, alle anderen Belege sprechen von Washington, D. C.
  22. Sarah Vowell: Open letter to the Deceased Congressman Synar. New York City, 6. November 2000, ursprünglich veröffentlicht in Openletters.net. In: Facebook, 20. September 2008 (englisch).
  23. HCFA update: coding rules, practice expenses, more. In: ACP Observer, Mai 1996 (englisch).
  24. NSU-Muskogee Synar Center dedicated. In: Tulsa World, 24. August 2001 (englisch).
  25. Mike Synar Graduate Research Fellowship. In: Institute of Governmental Studies, University of Berkeley (englisch).
  26. Im Original: “reveal the thoughtfulness and sophistication of a passionate legislative craftsman”. Katherine McRae: Collection of Former Rep. Mike Synar Opens to the Public. Pressemitteilung. In: OU.edu, April 2016 (englisch).