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Mike Westbrook

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Mike Westbrook (2008)

Michael John David „Mike“ Westbrook (* 21. März 1936 in High Wycombe, England; † 11. April 2026 in Exeter, Devon[1]) war ein britischer Jazzmusiker (Piano, Tuba, Bandleader, Kompositionen, Arrangements). Sein Werk ist in hohem Grade „verantwortlich für die Emanzipation des britischen Jazz“ von amerikanischen Vorbildern (Ian Carr).[2]

Leben und Wirken

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Westbrook, Sohn einer Klavierlehrerin und eines Amateurschlagzeugers, hatte ersten Unterricht bei seiner Mutter, erlernte das Instrument – wie später auch Trompete – aber weitgehend autodidaktisch. Bis 1962 studierte er in Plymouth und London bildende Kunst, wobei er sich auch mit Jazz beschäftigte, ist jedoch als Komponist und Arrangeur ohne formale Ausbildung. 1960 veranstaltete er am Plymouth Arts Centre einen Jazz-Workshop mit einer Band, der u. a. John Surman und Keith Rowe angehörten. 1962 zog er nach London, wo er zunächst als Kunsterzieher tätig war, und gründete dort eine feste, sechsköpfige Gruppe, zu der Surman gehörte (Auftritt auf dem Montreux Jazz Festival 1968). Daneben gründete er 1967 die großformatige Mike Westbrook Concert Band, mit der er seine längeren Kompositionen aufführte und zu der Musiker wie Harry Beckett, Kenny Wheeler, Alan Skidmore, Mike Osborne, Paul Rutherford, Michael Gibbs, Barre Phillips und Harry Miller gehörten. Von 1970 bis 1972 leitete er gemeinsam mit John Fox (Welfare State Theatre Group) die Multimedia-Gruppe Cosmic Circus. Mit seiner Gruppe Solid Gold Cadillac spielte er von 1971 bis 1973 Jazzrock; dabei waren u. a. Gitarrist Chris Spedding und Sänger Phil Minton beteiligt. 1973 gründete er seine Brass Band, um mit ihr Jazz- und Vaudeville-Produktionen im Theater und Fernsehen aufzuführen. Sie bildete den Kern seiner Großbesetzungen für spezielle Projekte. Gemeinsam mit seiner Frau, der Sängerin Kate Westbrook, und dem Saxophonisten Chris Biscoe gründete er ein Trio; teilweise trat er mit Kate Westbrook auch im Duo auf.

Seit den 1970er Jahren stellte Westbrook unterschiedliche Projekte vor – eine zeitgenössische Fassung von Rossinis Oper Wilhelm Tell mit der Fagottistin Lindsay Cooper ebenso wie eine Jazzfassung des Beatles-Albums Abbey Road. Andere Projekte setzten sich mit dem Werk von William Blake oder der Tradition von Duke Ellington auseinander, wie 1984 in On Duke’s Birthday. In musikalischer Hinsicht sorgte Westbrook für eine Erweiterung des Materials, in dem er Gassenhauer, Rockmusik, Opernarien und ethnische Musik zur Grundlage für die Jazz-Improvisationen in diesen Produktionen machte. Das Projekt The Cortège, das 1982 mit dem Grand Prix du Disque Montreux ausgezeichnet wurde, gilt als Opus magnum.[3] 1986 tourte das Westbrock Orchestra mit dem Extemporary Dance Theater unter der Choreographie von Emilyn Claid.

Westbrook gehörte zu den Musikern, die Jazz als offenen Raum für größere Formen und eigenständige Konzepte nutzten. Seine Arbeiten mit großen Ensembles sowie seine weit gespannten Kompositionen machten ihn ebenso wie die enge künstlerische Zusammenarbeit mit Kate Westbrook zu einer „Ausnahmefigur des europäischen Jazz. Über Jahrzehnte entstand ein Werk, das sich zwischen Konzert, Musiktheater und improvisierter Musik bewegte und gerade darin seine besondere Stellung gewann.“[4][5]

Westbrook war mit seinen Projekten überall in Europa, aber auch in Übersee unterwegs. Er führte einige seiner Werke mit Rundfunkorchestern in Rom, Venedig, Stockholm, Kopenhagen und Hamburg auf;[6] außerdem schuf er Musik für Fernsehspiele und Dokumentarfilme. „Immer wieder mag Westbrook auf höchstvergnügliche Weise zwischen Jazz und Klassik, Volksmusik und Rock, Varieté und Workshop zu vermitteln.“ (Eric Zwang Eriksson)[7] Richard Williams spricht im Nachruf des The Guardian von „seiner Gabe, Elemente des Jazz aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen miteinander zu verbinden, sie durch seine eigene Sensibilität zu filtern und so etwas zutiefst Bewegendes, entschieden Zeitgenössisches und höchst Originelles zu schaffen.“[8]

Westbrook wurde bereits 1988 zum Officer of the Order of the British Empire ernannt; 2004 erhielt er einen Ehrendoktor der Universität Plymouth verliehen.[8]

Diskographische Hinweise

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  • Celebration (Deram, 1967)
  • Marching Song, Vol. 1 & 2 (Deram, 1970)
  • Love Songs (Deram, 1970)
  • Metropolis (RCA Neon, 1971)
  • Solid Gold Cadillac: Solid Gold Cadillac (RCA, 1972)
  • For the Records (Transatlantic 1975)
  • The Cortège (Enja 1982)
  • On Duke's Birthday (HatHut Records 1984)
  • Westbrook-Rossini (HatHut 1986)
  • London Bridge Is Broken Down (Beat Goes On 1987)
  • Off Abbey Road (TipToe, 1990)
  • Rossini, Zurich, Live 1986 (HatHut 1994)
  • Glad Day: Settings of William Blake (Enja 1999)
  • Chanson Irresponsable (Enja 2003)
  • A Bigger Show (ASC, 2016)
  • In Memory of Lou Gare Tenor Saxophone (Westbrook 2018)

Lexigraphische Einträge

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Commons: Mike Westbrook – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Nachruf. In: Jazzwise. 12. April 2026, abgerufen am 12. April 2026 (englisch).
  2. Zitiert nach Martin Kunzler: Jazzlexikon. Band 2. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, S. 1270
  3. Werner Stiefele: The Cortège – Live At The BBC 1980. In: Rondo. 22. November 2025, abgerufen am 22. November 2025.
  4. jazz: Mike Westbrook ist im Alter von 90 Jahren gestorben. In: JazzPages. 13. April 2026, abgerufen am 14. April 2026.
  5. Wolfgang Sandner: Schatzgräber des britischen Jazz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. April 2026 (faz.net).
  6. Henry Altmann: Rossinis Brückenbauer – Mike Westbrook zum 90. Geburtstag. In: NDR Kultur. 20. März 2026, abgerufen am 14. April 2026.
  7. Zitiert nach W. Kampmann Reclams Jazzlexikon
  8. 1 2 Michael Rüsenberg: Mike Westbrook, 1936-2026. In: jazzcity.de. Abgerufen am 16. April 2026.