Milly Steger

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Milly Steger (auch Steeger;[1]* 15. Juni 1881 in Rheinberg als Emilie Sibilla Elisabeth Johanna Steger[2]; † 31. Oktober 1948 in Berlin) war eine deutsche Bildhauerin.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater Hagen mit Frauen-Statuen von Milly Steger
Auferstehender Jüngling von Milly Steger, 1920. Bestand des Städelmuseums Frankfurt am Main

Ihre Kindheit verbrachte Milly Steger in Elberfeld, wohin ihr Vater als Amtsrichter berufen wurde. Nach ihrer allgemeinen Schulzeit erhielt sie Sprach- und Anstandsunterricht in einem Pensionat in London, nebenher absolvierte sie Zeichenunterricht bei einer Londoner Malerin und beschloss, Künstlerin zu werden. In Elberfeld besuchte sie anschließend eine Klasse für Stuckateure und Steinmetze an der dortigen Kunstgewerbeschule.

In der Zeit von etwa 1903 bis 1906 bekam sie eine Ausbildung im Privatatelier von Karl Janssen in Düsseldorf. Als Frau war es ihr nicht erlaubt, bei Janssen an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. Während eines Studienaufenthaltes in Florenz lernte sie Georg Kolbe kennen, dessen Schaffen sie so beeindruckte, dass sie sich später als seine Schülerin bezeichnet, ohne dies tatsächlich gewesen zu sein. 1908 zog sie nach Berlin und unterrichtete an der Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen. Auf Reisen bewunderte sie in Paris Werke von Auguste Rodin und Aristide Maillol. 1909 besuchte sie den belgischen Bildhauer George Minne.

Als der Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus sie 1910 nach Hagen einlud, verlegte sie ihren Wohnsitz in die westfälische Industriestadt an der Ruhr und schuf als erste großformatige Architekturplastik im Auftrag der Stadt vier überlebensgroße Frauen-Statuen an der Fassade des Theaters Hagen, die einen Skandal produzierten, Milly Steger aber gleichzeitig in Deutschland bekannt machten. Sie war eingebunden in den Künstlerkreis um Osthaus und knüpfte unter anderem Kontakte zu den Bildhauern Moissey Kogan und Will Lammert, dem Maler Christian Rohlfs sowie dem Glasmaler Jan Thorn-Prikker. Steger bewohnte ein Haus in der Künstlerkolonie „Am Stirnband“ in Hohenhagen, das sie mit einer Karyatide schmückte.

Karyatide an Milly Stegers Wohnhaus in Hagen, Entstehungszeit 1912–1917

Zum zehnjährigen Jubiläum des Museums Folkwang in Hagen 1912 stiftete Milly Steger einen Frauenkopf aus Sandstein über dem Museumsportal, in den folgenden drei Jahren entwarf sie Reliefs für die Stadthalle Hagen. Unterstützt von Osthaus nahm sie an Ausstellungen des Sonderbundes teil (1910 in Düsseldorf und 1912 in Köln) sowie an der Deutschen Werkbundausstellung in Köln 1914.

Ihre finanzielle Situation verschlechterte sich während des Ersten Weltkrieges so, dass sie die Miete für ihr Hagener Atelier nicht mehr regelmäßig aufbringen konnte. Im Jahr 1917 kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie bis zu ihrem Lebensende blieb. Else Lasker-Schüler besang sie 1916 in einem expressionistischen Gedicht als „eine Büffelin an Wurfkraft“.[3]

Steger unterzeichnete das Programm des Arbeitsrates für Kunst; 1919 wurden ihre Antworten auf eine Fragebogenaktion veröffentlicht, in denen sie vor allem für die Zulassung von Frauen an Akademien plädierte. Als ordentliches Mitglied im Deutschen Künstlerbund[4] nahm Milly Steger auch an dessen Jahresausstellungen teil – z. B. an der Jubiläumsausstellung (25 Jahre DKB) im Kölner Staatenhaus am Rheinpark 1929, wo sie die Kalksteinskulptur Rückblickende ausstellte,[5] bis zur letzten Vorkriegsausstellung 1936 im Hamburger Kunstverein[6], die nach zehn Tagen zwangsweise durch die Reichskunstkammer geschlossen wurde. Von 1927 bis 1942 unterrichtete sie Bildhauerei und Aktzeichnen an der Unterrichtsanstalt des Vereins der Künstlerinnen zu Berlin, zu dessen Vorstand sie gehörte. Ab 1932 arbeitete sie im früheren Atelier von Georg Kolbe, das im November 1943 zerstört wurde. Dadurch verlor die Künstlerin einen großen Teil ihres Werkes. 1937 wurden drei Plastiken, drei Zeichnungen und vier Druckgrafiken Milly Stegers als „entartet“ beschlagnahmt.[7] Im selben Jahr wurde die Plastik Sinnende in der Großen Deutschen Kunstausstellung ausgestellt.[8] In den verschiedenen Ausstellungen „Entartete Kunst“ war ihr Werk nicht vertreten. Eine 2010 beim Berliner Skulpturenfund schwer beschädigt wiederentdeckte und zunächst Milly Steger zugeschriebene Plastik wurde als Fritz Maskos Somnambule identifiziert.[9]

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Milly Steger wieder in einem neuen Berliner Atelier. In der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1946 in Dresden, die als Wiedergutmachung für die Opfer der nationalsozialistischen Kunstpolitik eingerichtet wurde, war Milly Stegers Werk vertreten.

1948 wurde sie in das Ehrenpräsidium des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands aufgenommen.

Beim Begräbnis Milly Stegers hielt Richard Scheibe eine Ansprache.[10]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Milly Steger „gehörte dem Kreis klassischer Idealität an, für den die klare, edle, über die Zufälligkeit erhobenen Gestaltung und die hohe, den Alltag überwindende Gesinnung erste Bedingung war.   … Sie hat große Werke in Bronze geschaffen und in Holz geschnitzt, ihre eigentliche künstlerische Lust aber stellte die Arbeit am Stein, am Marmor dar…“[10]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Herbe (Bronze; im Bestand des Märkischen Museums Berlin)[11]
  • Kauernde (Gips; 1927; im Bestand des Osthaus-Museums Hagen)[12]
  • Schreitende Frau mit Krug/ Krugträgerin I (Bronze, gegossen; 1934; wurde 1937 als "entartet" beschlagnahmt. Im Bestand der Nationalgalerie Berlin)[13]
  • Junger Johannes (Muschelkalk, poliert, punziert; 1933; Im Bestand der Nationalgalerie Berlin)[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Milly Steeger †; In: Bildende Kunst. Zeitschrift für Malerei, Graphik, Plastik und Architektur. Berlin. 3. Jahrgang Heft 1/1949, S. 41/42
  • Steger, Milly. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Band 4: Q–U. E. A. Seemann, Leipzig 1958, S. 351.
  • Dirck von Alphen In: Christian Tümpel: Deutsche Bildhauer (1900–1945). Entartet? Zwolle 1992, S. 242 f.
  • Birgit Schulte: Die Bildhauerin Milly Steger. Die Grenzen des Frauseins aufheben. Neuer Folkwang Verlag, Hagen 1998.
  • Gora Jain: Die anthropologisch fundierte Werkidee im OEuvre der Bildhauerin Milly Steger (1881–1948). Herbolzheim 2002.
  • Kai Artinger: Milly Steger. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. AvivA Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932338-04-9, S. 250–267.
  • Christina Threuter: Die begehrten Körper der Bildhauerin Milly Steger. In: Gender-Perspektiven interdisziplinär – transversal – aktuell. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 79–99.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Milly Steger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.deutschefotothek.de/documents/kue/90031987
  2. Quelle Geburtsort/Name: Stadtarchiv Rheinberg.
  3. Else Lasker-Schüler: Milly Steger in: Die gesammelten Gedichte. Verlag der weißen Bücher, Leipzig 1917.
  4. kuenstlerbund.de: Ordentliche Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes seit der Gründung 1903 / Steger, Milly (Memento des Originals vom 24. Februar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kuenstlerbund.de (abgerufen am 4. Januar 2016)
  5. Steger, Milly, Berlin im Ausstellungskatalog Deutscher Künstlerbund Köln 1929. Mai–September 1929 im Staatenhaus. M. DuMont Schauberg, Köln 1929, S. 32 Kat.Nr. 293 Rückblickende. Kalkstein.
  6. Milly Steger in der Liste der 1936 ausstellenden Mitglieder, in: 34. Jahresausstellung Bonn. 1936 verbotene Bilder. Deutscher Künstlerbund e.V., Berlin 1986, S. 99.
  7. Beschlagnahmeinventar "Entartete Kunst". Abgerufen am 27. November 2019.
  8. Sinnende — Große Deutsche Kunstausstellung 1937. gdk-research.de, abgerufen am 9. November 2016.
  9. Beschlagnahmeinventar Entartete Kunst. Abgerufen am 30. Januar 2020.
  10. a b Milly Steeger †; In: Bildende Kunst. Zeitschrift für Malerei, Graphik, Plastik und Architektur. Berlin. 3. Jahrgang Heft 1/1949, S. 41
  11. https://www.bildindex.de/document/obj20506408?part=0&medium=mi04006e11 Milly Steeger †; In: Bildende Kunst. Zeitschrift für Malerei, Graphik, Plastik und Architektur. Berlin. 3. Jahrgang Heft 1/1949, S. 42
  12. https://www.bildindex.de/document/obj20065462?part=0&medium=fmd477040
  13. https://www.bildindex.de/document/obj02533480?part=0&medium=ngnge_0216
  14. https://www.bildindex.de/document/obj02533481?part=0&medium=ngnge_0217

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

https://www.bildindex.de/ete?action=queryupdate&desc=Milly%20Steger&index=obj-all