Zum Inhalt springen

Minderheiten in Frankreich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Minderheitensprachen und französische Dialekte in Frankreich und Nachbarstaaten

Dieser Artikel befasst sich mit traditionell in Frankreich lebenden Bevölkerungsgruppen, also sog. „alten Minderheiten“, die sich von der französischen Mehrheitsgesellschaft insbesondere in sprachlicher Hinsicht unterscheiden. Nicht behandelt werden hier religiöse Minderheiten oder Migrantengruppen aus Europa oder den ehemaligen Kolonien, die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert in großer Zahl eingewandert sind (Polen, Russen, Italiener, Spanier, Nordafrikaner etc.).[1]

Autochthone sprachlich-kulturelle Minderheiten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als sprachlich-kulturelle Minderheiten Frankreichs – ein in Frankreich für die im Folgenden genannten Gruppen ungebräuchlicher Begriff – können betrachtet werden (in alphabetischer Reihenfolge):

Der Bevölkerungsanteil dieser Gruppen (ohne die Gens du voyage) wird mit etwa 8,13 Millionen auf 13,9 % beziffert,[2] wovon Okzitanier etwa 2 Millionen ausmachen sollen. Diese Zahlen werden anhand der – ebenfalls nur geschätzten – Sprecherzahl der Regionalsprachen geschätzt. In ihrem Selbstverständnis betrachten sich die Angehörigen der genannten Gruppen nicht als ethnische, sondern höchstens als sprachlich-kulturelle Minderheit. Die Zugehörigkeit zur französischen Nation ist außer in kleinen autonomistisch oder separatistisch gesinnten Gruppen, die jedoch nur auf Korsika und in sehr beschränktem Maße in der Bretagne und dem Baskenland zu politischem Einfluss gelangt sind, wird infrage gestellt.

Zwar gibt es qua Autonomieregelungen im Ausnahmefall Korsika besondere Schutzrechte. Die Regel ist aber, keine Ausnahme vom gesamtfranzösischen „Staatsvolk“ zuzulassen. Frankreich hat – neben der Türkei und Griechenland – das Rahmenabkommen des Europarats von 1995 zum Schutz nationaler Minderheiten, „wichtigster Bezugspunkt im europäischen Minderheitenschutzsystem“, bis heute weder in Kraft gesetzt noch überhaupt ratifiziert.[3]

Das vorherrschende Verständnis von einer Nationalsprache und deren Entwicklung und Durchsetzung in Frankreich

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die französische Sprache entwickelte sich im Hochmittelalter aus der Sprache des französischen Königshofes, die wahrscheinlich auf der romanischen Mundart der Île-de-France (in der Linguistik gemeinhin als francien bezeichnet) beruhte und zugleich Einflüsse der romanischen Mundarten angrenzender Gebiete, namentlich der Champagne, aufnahm. Diese Sprache wurde als françoys ([frãswɛ]) bezeichnet und breitete ihren kulturellen Einfluss etwa in dem Maße aus, in dem es den französischen Königen gelang, das Gebiet der Kronlande, d. h. der ihrer Herrschaft unmittelbar unterstehenden Territorien, auszudehnen. Im Jahr 1539 verfügte Franz I., dass die „französische Muttersprache“ („langage maternel françoys“) die Verwaltungssprache in seinem Königreich sein sollte, womit vor allem das Lateinische ausgeschaltet werden sollte; Gerichtsakten wurden bis zu diesem Zeitpunkt noch in Kirchenlatein verfasst. Regionalsprachen kamen in der Verwaltung der Provinzen – u. a. auch als Gerichtssprache – auch danach noch zum Einsatz; siehe Edikt von Villers-Cotterêts. Zu dieser Zeit sprachen etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung Frankreichs Französisch; im 18. Jahrhundert sollen es etwa 50 Prozent gewesen sein.[4] Erst nach der Französischen Revolution wurden die Regionalsprachen staatlicherseits systematisch zurückgedrängt; Französisch, die Sprache der Aufklärung, galt als Sprache der Vernunft und Wissenschaft und wurde zur einzigen Sprache der Republik erklärt und mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch zur einzigen Unterrichtssprache; erst ein 1951 verabschiedetes Gesetz[5] erlaubte Unterricht in Regionalsprachen.[6] Auch heute noch legt Artikel 2 der Verfassung von 1958 Französisch als alleinige Amtssprache Frankreichs fest.[7] Es ist nicht nur die in Frankreich allgemein gesprochene Sprache, sondern auch Träger der französischen Kultur in der Welt. Die in Frankreich gesprochenen Regionalsprachen drohen aufgrund von Wanderungsbewegungen (Landflucht, Umzug von Region zu Region) und der fast ausschließlichen Verwendung des Französischen in Medien, Bildung, Verwaltung und Beruf auszusterben. Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen hat Frankreich zwar unterschrieben, doch nicht ratifiziert.[8] 1999 urteilte der französische Verfassungsrat, dass Teile der Charta mit der französischen Verfassung unvereinbar seien.[9] Seit 2008 erwähnt die Verfassung in Artikel 75-1 die Regionalsprachen immerhin als Kulturerbe Frankreichs.[7]

Seit den 1970/80ern und den Dezentralisierungsgesetzen von 1982 sind Regionalsprachen vom französischen Staat anerkannt und werden in begrenztem Umfang in Schulen unterrichtet. Dies kam nicht zuletzt durch ein Erstarken der regionalen Autonomie- und Unabhängigkeitsbewegungen in den 1970er Jahren zustande. Etwa auf Korsika hat der Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu (FLNC) sogar zu den Waffen gegriffen und mehrere Attentate verübt; heute bilden autonomistische bis separatistische Parteien im Regionalparlament Korsikas die Mehrheit, was freilich nichts an der am Begriff der „Einheit und Unteilbarkeit der französischen Nation“ orientierten zentralstaatlichen Politik ändert, die von der französischen Verfassung vorgeschrieben ist. Korsika ist die einzige Region, die einen Sonderstatus genießt. Verbesserungen im Bereich der kulturellen Autonomie und der fortschreitenden Dezentralisierung stützen bislang den Fortbestand und die Belebung anderer Regionalsprachen nur marginal, die meisten sind vom Aussterben bedroht, da sich Französisch in allen Regionen und sozialen Schichten nicht nur als Verwaltungs- und Bildungssprache, sondern auch als Umgangssprache in Geschäftsleben, Beruf, in den Medien und den meisten Familien durchgesetzt hat. Bevölkerungswanderungen sind neben Staat und Medien im 19. und 20. Jahrhundert die wesentlichen Antreiber des Niedergangs der lange Zeit als Dialekte (patois) verspotteten Regionalsprachen gewesen.

Die Minderheiten im Einzelnen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im französischen Baskenland leben um die 100.000 bis 200.000 Basken im Département Pyrénées-Atlantiques. Von ihnen spricht noch ein Bruchteil die baskische Sprache. Vgl. hingegen die Situation des Baskischen und die Sprachenpolitik in Spanien (Sprachen in Spanien).

Die baskischsprachige Bevölkerung ist durch die Grenze zwischen Frankreich und Spanien geteilt, dennoch betrachten sich viele Bewohner des Baskenlands nach wie vor als eine zusammengehörende Volksgruppe. Die Mehrheit der baskischen Bevölkerung lebt auf spanischen Territorium (ca. 1 Million); hier spricht noch etwa ein Viertel Baskisch.

Verbreitung der Basken

Das spanische Baskenland ist seit 1979 eine Autonome Gemeinschaft in Spanien. Die Autonomie dieser Region stützt sich hierbei nicht nur auf den kulturellen und politischen Bereich, sondern auch im Finanziellen. Demzufolge zieht die Autonome Gemeinschaft die Steuern auf ihrem Gebiet selbst ein und führen lediglich eine durch ein bilaterales Abkommen festgelegte Summe an den spanischen Zentralstaat ab. Trotz des guten Autonomiestatuts in Spanien (vor allem im Vergleich zu den französischen Basken) existiert im dortigen Baskenland eine aktive Unabhängigkeitsbewegung. Die bekannteste ist die Terrororganisation ETA, die auch die Vereinigung der Nord- und Südbasken fordern.

In Frankreich gibt es kein Département, das als vollständig baskisch bezeichnet werden kann. Die drei historischen baskischen Provinzen (Labourd, Basse-Navarre und Soule) befinden sich zusammen mit dem Béarn und einem kleinen Stück der Gascogne im Département Pyrénées-Atlantique.

Zweisprachige Wegweiser auf Bretonisch in Quimper/Kemper.

Die Bretonen in der heutigen Bretagne sind teilweise die Nachkommen eines keltischen Volkes. Diese Inselkelten kamen um das 5. Jahrhundert aus Großbritannien, wohl durch Verdrängung infolge der Einwanderung germanischer Gruppen, und brachten ihre Sprache in die Region, nachdem das Festlandkeltische durch den Romanisierung Galliens bereits ausgestorben war.

Hauptverbreitungsgebiet der Bretonischen Sprache sind das Département Finistère und der jeweils westliche Teil der Departements Côtes-d’Armor und Morbihan. Ein Teil der historischen Provinz Bretagne war von Anfang an zweisprachig, d. h. ungefähr der Ostteil von Côte-d'Armor und der Südwestteil des Départements Ille-et-Vilaine. Es wird dort seit dem Mittelalter nur Gallo und Französisch verwendet. Die beiden traditionellen Provinzhauptstädte (Rennes und Nantes) befinden sich beide in einem Gebiet, wo nie Bretonisch, sondern ursprünglich Gallo verbreitet war. Seit dem Mittelalter hat sich die Sprachgrenze zwischen der gallo- bzw. französischsprachigen Bretagne (Haute-Bretagne) und der überwiegend bretonischsprachigen Basse-Bretagne, auch „Bretagne bretonnante“ genannt, langsam nach Westen verschoben.

Rund 172.000 der 2,3 Millionen Bewohner der Bretagne sprachen im Jahr 2007 Bretonisch. Von ihnen waren zwei Drittel älter als 60 Jahre und nur 5 % jünger als 15.[10] Der starke Rückgang der bretonischen Sprache steht beispielhaft für den Schwund einiger anderer französischer Regionalsprachen (insbesondere Katalanisch, Baskisch und Okzitanisch): Vor dem Ersten Weltkrieg beherrschten noch etwa 90 % der Bewohner der westlichen Bretagne Bretonisch, nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 1,2 Mio. (75 %) und 2007 nur noch 22 %.

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich in der Bretagne eine regionalistische Bewegung (bretonisch emsav oder emzao), Organisationen wie die Union Régionaliste Bretonne (1898) und Fédération Régionaliste de Bretagne (1918) traten für den Erhalt der bretonischen Sprache und der kulturellen Traditionen der Region ein. Diese Bewegung kamen durch den Ersten Weltkrieg zum Stillstand, in dem verhältnismäßig viele Bretonen ums Leben kamen – dies wird auch darauf zurückgeführt, dass bretonischsprachige Soldaten die Anweisungen ihrer Offiziere nicht verstanden, von diesen verachtet und teilweise bewusst als „Kanonenfutter“ eingesetzt wurden. Im besetzten Frankreich im Zweiten Weltkrieg kollaborierte eine bretonische Minderheit mit den Deutschen, da sie sich mehr kulturelle Freiheiten bzw. Unabhängigkeit erhofften. Diese Kollaboration wurde zum Verhängnis für viele Nationalisten und bot der Pariser Zentralregierung genügend Vorwände, um ein Exempel zu statuieren. In der Nachkriegszeit wurde die bretonische Sprache aus der Öffentlichkeit verbannt und ihre Sprecherzahl nahm drastisch ab. In den 1950er und 60er Jahren erreichte das Ansehen der eigenen Sprache in den Augen vieler Bretonen den absoluten Tiefpunkt: Wie auch in anderen Regionen führten neben dem Druck von außen auch die zunehmende geographische und soziale Mobilität in der bis dahin armen und bäuerlichen Bretagne dazu, dass das Französische zur dominierenden Sprache wurde. Ende der 60er und Beginn der 1970er Jahre erlebten die kulturellen und politische Forderungen der Bretonen eine Renaissance, begünstigt durch die Entwicklung einer vielfältigen bretonischen Musikszene.

Heute gibt es staatliche und private Schulen mit zweisprachigen Schulen (12.782 Schüler zu Beginn des Schuljahres 2016/17) sowie die privaten écoles Diwan mit ausschließlich bretonischer Unterrichtssprache (4242 Schüler zu Beginn des Schuljahres 2016/17). Damit hat sich die Zahl der Schüler in bretonischen oder bilingualen Klassen innerhalb von 10 Jahren fast verdoppelt. Diesen rund 17.000 Schülern stehen allerdings 350.000 Schüler in rein französischsprachigen Schulen gegenüber. Die Mehrheit der Eltern erziehen ihre Kinder heute auf Französisch, 2007 erklärten 35–40 % der bretonischsprachigen Eltern, die Sprache an ihre Kinder weiterzugeben.

Elsässer und Lothringer

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Traditionelle Verbreitung der deutschen (in Blau-, Lila- und Grüntönen) und französischen (orange und rot) Dialekte in den Départements Moselle, Bas-Rhin und Haut-Rhin

Elsässisch und Lothringisch werden in den Départements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle gesprochen. Abgesehen von den Regionen um Orbey, Schirmeck, Montreux und Courtavon-Levancourt war das ganze Elsass traditionell deutschsprachig. Die elsässischen Dialekte sind alemannisch (ausgenommen ein kleiner Teil im Norden, der dem Fränkischen zugeordnet wird) und unterscheiden sich nicht stark von den Dialekten auf deutscher Seite entlang der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, jedoch ist das Elsässische stärker vom Französischen beeinflusst. Sowohl die Dialekte im Elsass als auch im Département bilden keine kohärente Gruppe.

Von den 1,9 Millionen Bewohnern des Elsass sprachen 2022 nach eigenen Angaben 46 % (rund 900.000 Menschen) Elsässisch fließend oder gut.[11] Hochdeutsch, das in Schulen erlernt werden kann, beherrschten 54 %. Eine Studie von 2001 hatte ergeben, dass noch 61 % der Elsässer den Dialekt beherrschten; 1945 waren es über 90 % gewesen. Dabei wurde ein Stadt-, Landgefälle sowie ein Gefälle zwischen Jung und Alt festgestellt:

über 60 Jahre alt: 86 % der Bevölkerung sprechen auch Elsässisch
50–60 Jahre: 77 %
40–50 Jahre: 70 %
30–40 Jahre: 60 %
20–30 Jahre: 38 %
10–20 Jahre: 25 %
unter 10 Jahre: 5–10 %

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Verwendung der deutschen Sprache im Elsass und Lothringen einen starken Rückgang. Die deutschsprachige Minderheit in Frankreich war die einzige in Europa, die in den Schulen über keinen muttersprachlichen Unterricht verfügte. Über viele Jahrzehnte wurde Deutsch in Form des Hochdeutschen im Elsass und Lothringen als Fremdsprache im Optionalbereich unterrichtet, und die deutsche Sprache fehlte fast völlig in lokalen Medien und ganz und gar im Verwaltungswesen. Dies sowie Wabnderungsbewegungen in der Bevölkerung der Region führten sukzessive zu einem Rückgang der Elsässisch- und Hochdeutschkenntnisse in den jüngeren Generationen. Auch die kulturpolitische Anbindung an Deutschland endete fast völlig. Auch heute wird die deutsche Sprache im Elsass in den meisten Schulen nur als Fremdsprache unterrichtet, doch gibt es inzwischen einige bilinguale Schulen, so genannte ABCM-Schulen. Seit einigen Jahren gibt es auch zweisprachige Straßenschilder, wobei der elsässische Dialekt den Vorzug vor dem Hochdeutschen erhielt. Zudem gibt es staatlich geförderte Kurse, in denen Elsässisch gelehrt wird.[12]

Fränkische Dialekte (Lothringisch: Luxemburgisch, Moselfränkisch, Rheinfränkisch) werden noch vereinzelt im Osten und Norden des Départements Moselle gesprochen. Die letzte Zählung von 1962 ergab, dass 300.000 Lothringer einen fränkischen Dialekt beherrschten. Im übrigen Lothringen wird noch vereinzelt das romanische Lothringisch gesprochen.

Flämisch im Arrondissement Dünkirchen nach Sprachforschungen, 1874 und 1972

Als Flamen werden die niederländischsprachigen Bewohner Flanderns bezeichnet, das zum größten Teil zu Belgien gehört. Französisch-Flandern (auch Südflandern genannt) war ein Teil der alten Grafschaft Flandern und ist seit 1713 französisches Territorium (Département Nord). Hauptort der Flamen in Frankreich ist Dunkerque (flämisch Duunkerke).

Die Sprachgrenze zwischen Flämisch und Französisch (einschließlich Picardisch) hat sich seit dem Mittelalter erheblich in nordöstlicher Richtung zu Ungunsten des Flämischen verschoben. Damals näherte sie sich Le Touquet.

Heute gibt es noch 130.000 Bewohner der Region, die den westflämischen Dialekt beherrschen. Sein Fortbestand ist dennoch bedroht. Seit einigen Jahren bestehen Grundschulen, die die niederländische Sprache als erste Fremdsprache, nicht jedoch das lokale Flämisch unterrichten. (Vgl. die Situation des Elsässischen und des Hochdeutschen in Schulen im Elsass.)

Wappen des Départements Pyrénées-Orientales
Willkommen in Nordkatalonien

Auf französischem Boden leben etwa 200.000 bis 300.000 Katalanen. Sie bevölkern das Département Pyrénées-Orientales (das seit 2007 auf Katalanisch offiziell auch als Nordkatalonien bezeichnet wird) und weitgehend der historischen Landschaft Roussillon entspricht. Im Jahr 1659 ist das Roussillon durch den Pyrenäenfrieden an Frankreich gefallen.

Die katalanische Sprache wurde inzwischen weitgehend vom Französischen verdrängt. Französisch ist alleinige Amtssprache. Katalanisch wird als Wahlfach an Schulen und der Universität unterrichtet und durch Privatinitiative zum Teil noch gepflegt. Auch werden katalanische Medien (Hörfunk und Fernsehen) aus Spanien genutzt. Vgl. hingegen die Situation des Baskischen und die Sprachenpolitik in Spanien (Sprachen in Spanien).

Flagge der Region Corse

Die Korsen leben auf der Mittelmeerinsel Korsika.

Die Korsische Sprache ist eine romanische Sprache und gehört innerhalb dieser Sprachfamilie zum Italoromanischen, genauer zum Mittelitalienisch. Sie hat Ähnlichkeit mit der sardischen Sprache auf Sardinien und dem toskanischen Dialekt des Italienischen. Es werden etwa 100.000 Sprecher gezählt, die es mindestens als Zweitsprache sprechen.

Im 20. Jahrhundert kam es zu einer stetigen Einwanderung von Festlandfranzosen, und nach dem Algerienkrieg wurden viele vertriebene Pieds-noirs aus den ehemaligen Kolonien auf Korsika angesiedelt. Heute macht diese Gruppe etwa die Hälfte der Bevölkerung aus.

Gegenüber anderen Minderheiten in Frankreich ist der Wille nach Unabhängigkeit und eigenständiger Identität auf Korsika stärker ausgeprägt. So entstand hier die Untergrundorganisation Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu (FLNC), die mit Bombenanschlägen und Morden die französische Regierung zur Anerkennung der korsischen Unabhängigkeit zu zwingen versuchte. In den letzten Jahren gestand die französische Zentralregierung Korsika eine gewisse Autonomie zu, um ein Ende der Gewalt zu erreichen. So besitzt die Insel gegenüber anderen Regionen Frankreichs einen Sonderstatus.

Trotzdem stimmten im Juli 2003 knapp 51 % der Korsen in einer Befragung gegen den Prozess von Matignon, durch den Korsika noch mehr Autonomie erhalten sollte. Obwohl das Referendum keinen politisch bindenden Charakter besaß, respektierte die französische Regierung das Votum und stoppte eine weitere Umsetzung des Vorhabens. Die Gründe für das Scheitern werden vor allem im Vorwurf gegen Lionel Jospin gesehen, er habe durch die Verhandlungen mit Vertretern der Unabhängigkeitsbewegung die von Teilen derselben ausgeübte Gewalt legitimiert. In den folgenden Jahren gewannen autonomistische und nationalistische Parteien deutlich an Zustimmung. Seit den Regionalwahlen im November 2015 stellen sie eine Mehrheit im Regionalparlament, der Assemblée de Corse, und bilden die Regierung der Insel.

Flagge Okzitaniens

Okzitanien wird das südliche Drittel Frankreichs genannt und umfasst die Landschaften Provence, Drôme-Vivarais, Auvergne, Limousin, Guyenne, Gascogne und Languedoc. Außerdem wird die Okzitanische Sprache in Randgebieten Italiens sowie innerhalb Kataloniens (Val d’Aran) gesprochen. In Val d’Aran ist die Sprache trotz geringer Sprecherzahl sogar eine offizielle Amtssprache.

In Okzitanien leben ca. 12 Millionen Menschen, noch schätzungsweise ein bis drei Millionen beherrschen die okzitanische Sprache. Okzitanisch (der Name ist vom okzitanischen Wort òc für 'ja' abgeleitet) ist wie das Französische eine galloromanische Sprache. Die beiden Sprachen unterscheiden sich in erster Linie darin, dass sich die Gallo-römische Kultur im Süden stärker ausgeprägt war als im Norden und der Norden später stärker von der Sprache der germanischen Franken beeinflusst wurde.

Mit der Vernichtung der Katharer begann die okzitanische Kultur zu verschwinden. Auch die Auswanderung der Waldenser im 18. Jh. trug dazu bei. Mit der Zentralisierungspolitik Ludwigs XIV. wurde auch die okzitanische Sprache aus der Verwaltung verdrängt; die staatlichen Schulen im 19./20. Jahrhundert taten ein Übriges, um den Sprachwechsel der Bevölkerung zum Französischen zu fördern. Darüber hinaus führten schließlich die nationalen Hörfunk- und Fernsehprogramme dazu, dass auch außerhalb des Schulunterrichts die französische Sprache im Alltag nahezu aller Südfranzosen präsent wurde.

Heute gewinnt die okzitanische Kultur wieder an Bedeutung. Okzitanisch wird in einigen Schulen, den Calandretas, parallel zum Französischen gelehrt; inzwischen ist es auch möglich, Okzitanisch als Abiturfach zu wählen. Außerdem sind Straßenschilder zum Teil zweisprachig ausgeführt, und einige Lokalradios senden auf Okzitanisch.

Unter dem seit den 1970er Jahren etablierten Oberbegriff gens du voyage („Fahrensleute“, „Reisende“), ursprünglich einer Bezeichnung für gewerblich reisende Schausteller und Zirkusleute im Unterschied zu aus Sicht der Obrigkeit ohne Beruf und ambulantes Gewerbe umherziehenden nomades,[13] werden in der französischen Amtssprache mehrere Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und sozialer Lebensform zusammengefasst, die aus verwaltungstechnischer Sicht das Merkmal einer ehedem oder aktuell fahrenden Lebens- oder Wirtschaftsweise erfüllen:[14]

  • Tsiganes (Roma-Gruppen):
    • Manouches (Untergruppe der Sinté, Sinti), die nach Frankreich zugewanderten Roma aus der Gruppe der seit dem späten Mittelalter im deutschsprachigen und niederländisch-flämischen Raum beheimateten Sinti
    • Gitans, Kale von der iberischen Halbinsel und aus Südfrankreich, auch heute weitgehend auf den Süden Frankreichs konzentriert
    • R(r)oms, ost- und mitteleuropäische, besonders aus Bulgarien und Rumänien stammende Roma, seit dem 19. Jahrhundert nach Frankreich zugewandert und dort besonders durch Gruppen der Kalderasch, Curara und Lovara vertreten
  • Yéniches (auch Jenis, Jenischs, von rotwelsch „Jenische“, auch Barengre genannt nach der von Manouches gebrauchten distanzierenden Bezeichnung bareskro für „Jenischer“), aufgefasst als eine nicht den Roma zuzurechnende, aus den deutschsprachigen Ländern zugewanderte autochthone Gruppe[15] mit einer über mehrere Generationen oder auch schon seit dem Dreißigjährigen Krieg bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht mehr ortsfesten Lebensform,[14] geschichtlich zugewandert besonders aus Rheinland-Pfalz und Hessen sowie dem Elsass und nordöstlichen Lothringen, heute mehrheitlich sesshaft vor allem in Elsass-Lothringen,[16] der Auvergne[17] und Savoyen.[18]
  • Sonstige sozial deklassierte und nach Art der gens du voyage lebende Personen ohne ethnische Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen oder mit mehrfacher Zugehörigkeit, mit einem distanzierenden Ausdruck aus der Sprache der Roma oder Manouches (pirdo, „Reisender, Nicht-Rom“) auch Pardés genannt

Jüngere Erhebungen über die Zahl dieser gens du voyage und ihrer Untergruppen liegen nicht vor. Offizielle Verlautbarungen stützen sich stattdessen auf Zahlen, die 1960 und 1961 durch landesweite Zählungen der behördlichen Genehmigungen für Fahrende ermittelt, in der Folgezeit noch aktualisiert und auf die Zahl der tatsächlichen Mitglieder hochgerechnet wurden. Nach dem von Arsène Delamoin, dem zuständigen Beauftragten im Secrétariat général à l'intégration, zuerst 1990 dem Premierminister vorgelegten und 1992 mit Ergänzungen veröffentlichten Ergebnis war 1992 von rund 250.000 Fahrenden auszugehen, die sich folgendermaßen verteilten:[19]

  • ca. 70.000 ganzjährig Fahrende
  • ca. 70.000 Halbsesshafte, die nur einen Teil des Jahres auf Fahrt gingen und ansonsten an einem festen Ort niedergelassen waren
  • ca. 110.000 Sesshafte, die die fahrende Lebensweise dauerhaft aufgegeben hatten

Amtliche Veröffentlichungen und parlamentarische Dokumente aus den einschlägigen Gesetzgebungs- und Durchführungsvorhaben beziffern nicht konkret, wie groß nach den erhobenen Zahlen der Anteil der ethnischen Untergruppen an der Gesamtzahl der gens du voyage und an den Kategorien der „ganzjährig Fahrenden“, „Halbsesshaften“ und „Sesshaften“ angesetzt wird, sie betonen aber, dass die meisten von ihnen, mit Ausnahme der erst in jüngerer Zeit zugewanderten Roms, die französische Staatsbürgerschaft besitzen und heben gelegentlich hervor, dass die drei Roma-Gruppen (Tsiganes), unter denen die Manouches als die größte Untergruppe gelten, in ihrer Gesamtheit als die wichtigste und größte Gruppe der gens du voyage anzusehen seien.[20] Speziell die Zahl der Rroms in Frankreich wurde von Louis Schweitzer, Präsident der Haute Autorité de lutte contre les discriminations et pour l’égalité, auch konkreter auf etwa 10.000 geschätzt.[21] In der Literatur über die Yéniches wurde dagegen verschiedentlich deren Anteil als der zahlenmäßig größte eingeschätzt[22] und ihre Zahl ohne Angabe von Quellen oder Berechnungsgrundlagen mit 100.000 angegeben.[23]

Nachdem das „Nomadisieren“ erstmals 1966 für gesetzlich geduldet erklärt worden war und der Staatsrat es 1983 den Verwaltungen untersagt hatte, in ihren Verwaltungsbezirken dauerhafte und uneingeschränkte Aufenthaltsverbote gegen „Nomaden“ auszusprechen, wurden die französischen Départements und Kommunen seit 1986 durch seither noch mehrfach geänderte Verordnungen und Gesetze zunächst angehalten und dann schließlich verpflichtet,[24] geeignete Areale für die dauerhafte Unterbringung von gens du voyage (aires permanentes d'acceuil) und für den vorübergehenden Aufenthalt größerer Gruppen (aires de grand passage) einzurichten,[25] womit sich dann bei Erfüllung der Auflagen auch wieder die Zulassung von Aufenthaltsverboten außerhalb solcher Areale verband. Nach dem Stand der jüngsten Erhebung waren Ende 2009 insgesamt 840 (von geplanten 1.867) Areale mit 19.336 (von geplanten 41.596) Einzelplätzen für den dauerhaften Aufenthalt sowie 91 Aires de grand passage vorhanden.[26] Trotz solcher Maßnahmen, teilweise auch gerade infolge der mit der Einrichtung und Lage solcher Areale verbundenen Isolierung, sind die gens du voyage in Frankreich weiterhin Einschränkungen ihres Aufenthaltsrechts unterworfen, die im Verein mit der in Europa allgemein verbreiteten gesellschaftlichen Diskriminierung solcher Gruppen zu deren Benachteiligung bei der Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte und beim Zugang zu staatlichen Sozial- und Fürsorgeleistungen beitragen.[27]

Unter den gruppenspezifischen Sprachen der verschiedenen Untergruppen spielen in Frankreich nur die Romanidialekte eine besondere Rolle, so die der Manouches und der Vlach-Roma, außerdem Misch- oder Para-Romani-Sprachen wie das Caló der Kalé auf der Grundlage von Französisch, Katalanisch oder Spanisch. Jenische werden demgegenüber nicht als eigene sprachliche Gruppe, sondern als Deutsche, Elsässer oder – wie auch viele Manouches – als frankophone Muttersprachler wahrgenommen. Ihre traditionelle deutsch basierte interne Gruppensprache, das Jenische, soll bei den heute in Frankreich lebenden Jenischen der jüngeren Generation weitgehend außer Gebrauch geraten sein.[28]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Diesbzgl. handelt sich um die heute übliche Unterscheidung im Minderheitenrecht und der Minderheiten- und Migrationsforschung; vgl. z. B. Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der europäischen Union. Probleme, Potentiale, Perspektiven, Münster 2007, passim.
  2. Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der europäischen Union. Probleme, Potentiale, Perspektiven, Münster 2007, S. 309.
  3. Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der europäischen Union: Probleme, Potentiale, Perspektiven, Münster 2007, S. 86.
  4. Günther Haensch, Hans J. Tümmers: Frankreich: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. München 1993, ISBN 3-406-37491-3, S. 247.
  5. Volltext des Loi Deixonne (französisch).
  6. Günther Haensch, Hans J. Tümmers: Frankreich: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. München 1993, ISBN 3-406-37491-3, S. 251.
  7. 1 2 Constitution du 4 octobre 1958. Journal officiel de la République française n° 0238 du 5 octobre 1958, S. 9151. In: Legifrance.gouv.fr. Abgerufen am 30. Mai 2015 (französisch, Text der Verfassung).
  8. Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen SEV Nr. 148. Europarat, 23. Februar 2025, abgerufen am 23. Februar 2025.
  9. Ein Gesetz zur Änderung der Verfassung mit dem Ziel, die Ratifizierung der Charta zu ermöglichen, wurde jedoch im Dezember 2013 von dem sozialistischen Fraktionschef Bruno Le Roux in die Nationalversammlung eingebracht und am 28. Januar 2014 angenommen: Proposition de loi constitutionnelle autorisant la ratification de la Charte européenne des langues régionales ou minoritaires. In: vie-publique.fr. Direction de l’information légale et administrative, 29. Januar 2014, abgerufen am 30. Mai 2015 (französisch).
  10. Parler breton au XXIe siècle : les chiffres (Memento vom 14. April 2012 im Internet Archive)
  11. Le dialecte en chiffres | www.OLCAlsace.org. Abgerufen am 3. November 2024.
  12. Elsässisch lernen | www.OLCAlsace.org. Abgerufen am 3. November 2024.
  13. Céline Bergeon: Initiatives et stratégies spatiales: le projet circulatoire face aux politiques publiques. L’exemple des Rroms et Voyageurs du Poitou-Charentes (France) et de la Wallonie (Belgique). Dissertation Toulouse 2011, S. 46ff., S. 56.
  14. 1 2 Vgl. Jean Paul Delevoye: Rapport N° 283: Accueil des gens du voyage. 25. März 1997, Absatz I.A.1.b: Origine et caractéristiques; Raymonde Le Texier, Rapport N° 1620 sur le projet de loi (n° 1598) relatif à l'accueil des gens du voyage. 26. Mai 1999; Didier Quentin, Rapport d'information numéro 3212 par la comission des lois constitutionelles, de la législation et de l'administration générale de la République (PDF; 3,7 MB). 9. März 2011, S. 11f.
  15. Glossaire terminologique raisonné du Conseil de l’Europe sur les questions roms 16. November 2011, S. 11 www.coe.int (Memento vom 14. März 2012 im Internet Archive)
  16. Christian Bader, Yéniches: Les derniers nomades d’Europe, Paris: L'Harmattan, 2007, S. 93ff.; Remy Welschinger: Les Jenischs d’Alsace: approche d’une culture nomade marginale, Dissertation Straßburg 2007.
  17. Joseph Valet, Les voyageurs d’Auvergne: nos familles yéniches von Joseph Valet 1990
  18. Zwei Filmdokumentationen über Yéniches in Savoyen ()
  19. Wiedergabe der Zahlen nach Delevoye: Rapport N° 283. 25. März 1997, Absatz I.A.1.a: Le nombre und I.A.2.a Essai de classification des gens du voyage; vgl. auch die geringfügig abweichende Zählung bei Le Texier, Rapport N° 1620. 26. Mai 1999.
  20. Pierre Hérisson, Avis N° 194 sur le projet de loi, adopté par l’Assemblée Nationale, relatif à l’accueil et à l’habitat des gens du voyage. 27. Januar 2000; Direction de l’habitat, de l’urbanisme et des paysages, Les aires d'accueil des gens du voyage: Préconisations pour la conception, l’aménagement et la gestion (PDF; 569 kB). November 2002, S. 5.
  21. Didier Quentin: Rapport N° 3212. 9. März 2011, S. 12.
  22. Christian Bader, Yéniches: Les derniers nomades d’Europe, Paris: L’Harmattan, 2007, S. 15, der diese Einschätzung in Bezug auf den zahlenmäßigen Anteil auch auf andere europäische Länder ausdehnt; außerdem Alain Reyniers, Joseph Valet: Les Jenis. In: Études Tsiganes. 1991, Nr. 2, S. 11–34.
  23. Bader: Yéniches. 2007, S. 15.
  24. Vgl. Quentin: Rapport N° 3212. 9. März 2011, S. 14ff.
  25. Tabellarische Übersicht der Spezifikationen und Anforderungen im Annex 3.4-5 von Patrick Laporte, Rapport N° 007449-01: Les aires d'accueil des gens du voyage (Memento vom 20. Februar 2014 im Internet Archive) (PDF; 1,3 MB), Conseil général de l’Environment et du Développement durable, Oktober 2010, S. 49/54–50/54
  26. Quentin: Rapport N° 3212. 9. März 2011, Annex Nr. 7, S. 113f.
  27. Ligue des droits de l’Homme: „Gens du voyage“ - Guide pratique (août 2000) (Memento vom 16. April 2005 im Internet Archive); European Roma Rights Centre: Always Somewhere Else: Anti-Gypsyism in France (Country Report Series, No. 15), November 2005 (Memento vom 10. April 2010 im Internet Archive); Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights: Informations fournies par la France sur la mise en œuvre des observations finales du Comité pour l'élimination de la discrimination raciale. 13. Februar 2007.
  28. Bader: Yéniches. 2007, S. 94f.