Mindesteigenkapitalanforderungen für Kreditrisiken

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Die Mindesteigenkapitalanforderungen für Kreditrisiken sind im Bankwesen ein wesentlicher Teil der seit Januar 2014 geltenden Capital Requirements Regulation (CRR).

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kreditrisiko ist eines der bedeutendsten Risiken in Kreditinstituten. Um es zu begrenzen, hat der Gesetzgeber Vorschriften erlassen, die diese Risiken in ein angemessenes Verhältnis zum Eigenkapital der Kreditinstitute bringen sollen. Als im Januar 1962 das Kreditwesengesetz (KWG) in Kraft trat, enthielt es – auch heute noch – eine allgemein formulierte Generalklausel über das Eigenkapital (§ 10 KWG) der Kreditinstitute. Als operationale Konkretisierung dieser KWG-Vorschrift entstanden im April 1962 die Grundsätze I, II und III und im August 1974 Grundsatz Ia, der im Januar 1980 um Edelmetallpositionen und im Oktober 1990 um Marktrisiken und Zinsänderungsrisiken aus außerbilanziellen Geschäften erweitert wurde. Sie galten bis Januar 2007, als die Solvabilitätsverordnung die Kontingentierung des Kreditrisikos übernahm. Diese wurde im Januar 2014 durch die CRR abgelöst, die sich noch ausführlicher mit der Begrenzung riskanter Finanzinstrumente auseinandersetzt.

Der durch Eigenkapital abzudeckende Gesamtforderungsbetrag aller Risikopositionen ist nach Art. 92 Abs. 1 CRR weiterhin auf das 12,5-Fache des Eigenkapitals begrenzt:

Zwar bleibt hierdurch die bisherige Kontingentierung erhalten, doch ist die Kernkapitalquote höher als vorher, weil die Mindesteigenkapitalanforderungen durch die Art. 25 ff. CRR erhöht wurden.

Ratingverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in allen EU-Mitgliedstaaten geltende CRR sieht zunächst eine Ratingpflicht für alle Risikopositionen vor. Art. 144 Nr. 1a CRR verlangt eine aussagekräftige Beurteilung jedes Schuldners, wobei ein Ratingsystem den Risikomerkmalen von Schuldner und Geschäft Rechnung tragen muss (Art. 170 Nr. 1 CRR) und bei Kreditgenehmigungen jedem Schuldner ein Rating zuzuordnen ist (Art. 172 Nr. 1a CRR). Der sich aus dem Rating ergebende Ratingcode bildet die Grundlage der Risikogewichtung jeder Risikoposition. Je schlechter der Ratingcode (und damit das Kreditrisiko), umso höher ist die Risikogewichtung eines Finanzinstruments und umgekehrt. Eine höhere Risikogewichtung wiederum erfordert eine stärkere Unterlegung des entsprechenden Kreditrisikos mit Eigenkapital. Um das Eigenkapital nicht zu stark zu belasten, werden Kreditinstitute letztlich über die Risikogewichtung gezwungen, keine riskanten und damit schlecht gerateten Bankgeschäfte abzuschließen.

Ratingarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die CRR kennen zwei Ratingarten, und zwar den Kreditrisiko-Standardansatz (KSA) und den auf internen Ratings basierenden Ansatz (IRBA). Beide unterscheiden sich insbesondere darin, von wem die zu erstellenden Ratings stammen.

Kreditrisiko-Standardansatz (KSA)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kreditrisiko-Standardansatz (KSA) gilt für alle CRR-Kreditinstitute, die kein anderes Ratingverfahren gemäß Art. 143 CRR bei der Bankenaufsicht beantragt haben. Beim KSA werden die Risikoparameter Ausfallwahrscheinlichkeit (PD) und Loss Given Default (LGD) durch die Bankenaufsicht vorgegeben. Das Rating ist nach Art. 113 Abs. 1 CRR von anerkannten externen Ratingagenturen zu übernehmen und bestimmt den dritten Risikoparameter, die Kredithöhe zum Zeitpunkt des Ausfalls (EaD). Die Zuordnung der Ratingcodes der Ratingagenturen zu den KSA-Bonitätsstufen erfolgt gemäß Art. 136 Abs. 1 CRR.[1]

Risikogewicht 0 % 20 % 50 % 100 % 100 % 150 % 100 %
(unbeurteilt)
Bonitätsstufe nach CRR 1 2 3 4 5 6 7
Ratingcode Standard & Poor’s AAA bis AA- A+ bis A- BBB+ bis BBB- BB+ bis BB- B+ bis B- CCC+
und darunter
unbeurteilt
Ratingcode Moody’s Aaa bis Aa3 A1 bis A3 Baa1 bis Baa3 Ba1 bis Ba3 B1 bis B3 Caa1
und darunter
unbeurteilt

Somit stammen beim KSA alle drei Risikoparameter von externen Stellen und sind deshalb aus Sicht der KSA-Institute als Datenparameter nicht beeinflussbar.

Forderungsklassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Art. 112 CRR werden folgende Forderungsklassen aufgezählt:

Nach Art. 114 Absatz 4 CRR wird Risikopositionen gegenüber Zentralstaaten und Zentralbanken der EU-Mitgliedstaaten, die auf die Landeswährung dieses Zentralstaats und dieser Zentralbank lauten und in dieser Währung refinanziert sind, ein Risikogewicht von 0 % zugewiesen.

Risikoposition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Risikoposition jeder einzelnen Forderungsklasse ergibt sich aus dem Buchwert abzüglich Kreditsicherheiten und Wertberichtigungen:

    Buchwert einer Risikoposition
    − anrechenbare KreditsicherheitenWertberichtigungen
    = Risikoposition

Diese Risikoposition wird mit dem sich aus dem Rating ergebenden Risikogewicht multipliziert:

Deren Produkt stellt in der Summe aller Forderungsklassen den Gesamtforderungsbetrag dar, der 8 % der Gesamtkapitalquote nicht überschreiten darf.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Laufzeit wird bei der Eigenmittelunterlegung im KSA nicht berücksichtigt. Die Kreditsicherheiten sind im KSA auf Finanzsicherheiten begrenzt (Art. 207 CRR). Um das Kreditrisiko zusätzlich zu vermindern, können Kreditinstitute auch Nettingvereinbarungen abschließen.

Auf internen Ratings basierender Ansatz (IRBA)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die beiden, auf bankinternen Ratings beruhenden Ratingverfahren (englisch Internal Rating Based Approach; IRBA) entfallen stufenweise die aufsichtsrechtlichen Vorgaben für die Risikoparameter. Beide Verfahren haben gemeinsam, dass keine Ratings von Ratingagenturen übernommen werden müssen, sondern die Kreditinstitute aufgrund eigener, aufsichtsrechtlich genehmigter Ratingverfahren und –methoden Ratings erstellen und anwenden dürfen. Der EaD ergibt sich daher aus den selbst erstellten Ratings. Voraussetzung ist eine Genehmigung nach Art. 143 ff. CRR durch die Bankenaufsicht. Im IRBA werden weitere, über die Finanzsicherheiten hinausgehende Kreditsicherheiten eigenkapitalentlastend anerkannt. Auch beim IRBA mindern Nettingvereinbarungen die Risikoposition und Kreditderivate (als Sicherungsnehmer) bzw. Garantien den Value at Risk (PD) und können im fortgeschrittenen Ansatz den LGD mindern. Zudem sind weitere Finanzinstrumente wie Verbriefungspositionen und sonstige Aktiva als Forderungsklasse zulässig.

Basis-IRBA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Basis-IRBA (englisch Foundation Approach) entfällt nur die Übernahme von Ratings der Ratingagenturen, so dass bankinterne Ratings zu erstellen sind und zur bankeigenen Schätzung der PD führen. Die übrigen Risikoparameter werden von der Bankenaufsicht weiterhin vorgegeben. Neben dem einheitlichen Umrechnungsfaktor von 45 % für vorrangig besicherte und 75 % für nachrangige Forderungen beim LGD wird die Restlaufzeit im IRB-Basisansatz einheitlich auf 2,5 Jahre festgelegt (Art. 162 Abs. 1 CRR). Neben Finanzsicherheiten können auch marktgängige physische Sicherheiten anerkannt werden. Im Mengengeschäft können alle Sicherheiten in die interne Schätzung der Verlustquote bei Ausfall (LGD) einbezogen werden.

Fortgeschrittener IRBA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim fortgeschrittenen IRBA (englisch Advanced Approach) entfallen auch diese Vorgaben, so dass die Kreditinstitute zusätzlich auch noch LGD, EaD und Restlaufzeit aufgrund eigener Datenhistorie und/oder externer Datenquellen selbst errechnen und schätzen müssen. Diese Ermittlung erfolgt anhand der IRB-Formeln. Diesen liegt ein Modell zugrunde, das die standardisierte Rendite der Aktiva eines Kreditinstituts einer Ausfallschwelle gegenüberstellt.[2] Liegt die standardnormalverteilte Rendite unter dem kritischen Wert , so gibt es einen Forderungsausfall. Die Ausfallswahrscheinlichkeit für eine Bank beträgt also

Liegt die Rendite einer Bank mindestens auf dem kritischen Wert oder sogar darüber, verringert sich ihre Ausfallwahrscheinlichkeit. Ist das Gewicht des systematischen Risikofaktors (Marktrisiko) und das Gewicht des unternehmens-spezifischen Risikofaktors – und sind diese Gewichte für alle Unternehmen gleich – dann lässt sich die standardisierte Rendite wie folgt darstellen:[3]

Damit ist die standardisierte Rendite die Summe aus dem gewichteten Marktrisiko und dem gewichteten Kreditrisiko einer Bank.

Auswirkungen und Relevanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mindesteigenkapitalanforderungen sollen das Kreditrisiko bei Banken durch quantitative und qualitative Vorgaben einschränken. Damit nehmen sie erheblichen Einfluss auf die Kreditpolitik der Banken, die insgesamt restriktiver wird und weniger Spielraum für Blankokredite zulässt, höhere Anforderungen an Kreditsicherheiten stellt und eine Verschlechterung der Kreditkonditionen, insbesondere bei großvolumigen und langfristen Krediten, zur Folge haben kann.[4] Die CRR-Kontingentierungen führen tendenziell zu einer höheren Eigenmittelbelastung, so dass die Cost-Income-Ratio sinkt und für eine konstante Rentabilität eine höhere Kreditmarge notwendig ist. Dies dürfte insbesondere mittlere und kleine Kreditinstitute (Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Privatbanken) treffen, die wegen ihrer Betriebsgröße lediglich den KSA-Standardansatz anwenden.

Würden die erhöhten Eigenkapitalanforderungen vollständig auf das Kreditgeschäft mit mittelständischen Firmenkunden übertragen, so hätte dies bei Banken eine Einstufung als sehr riskantes Kreditgeschäft zur Folge. Um dies zu vermeiden, führte die CRR einen Korrekturfaktor ein,[5] so dass diese Kredite lediglich mit einem Risikogewicht von 0,7619 % berücksichtigt werden.[6] Damit wird die Eigenmittelunterlegung von 8 % wie bei Basel II wieder erreicht und bei Mittelstandskrediten eine aufsichtsrechtlich bedingte Kreditklemme vermieden.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thorsten Gendrisch/Walter Gruber/Ronny Hahn (Hrsg.), Handbuch Solvabilität, 2014, S. 121
  2. Christian Cech, Die IRB-Formel – Zur Berechnung der Mindesteigenmittel für Kreditrisiko, März 2004, S. 7 ff.
  3. Christian Cech, Die IRB-Formel – Zur Berechnung der Mindesteigenmittel für Kreditrisiko, März 2004, S. 4 f.
  4. Gerhard Dengl, Basel III: Auswirkungen auf die Finanzierung deutscher Unternehmen, 2015, S. 3
  5. EZB vom 16. April 2014, Verordnung (EU) Nr. 468/2014, S. 106
  6. Gerhard Hofmann, Basel III, Risikomanagement und neue Bankenaufsicht, 2015, o. S.