Minoritenkirche (Wien)

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Südostansicht der Minoritenkirche
Tafel "Wien eine Stadt stellt sich vor" an der Westfassade der ehemaligen Wiener Minoritenkirche

Die Wiener Minoritenkirche (auch: Italienische Nationalkirche Maria Schnee) ist eine römisch-katholische Hallenkirche am Minoritenplatz im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt und Heimat der italienischsprachigen Gemeinde Wiens.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung der Minoritenkirche mit erhaltenem Turm und Langchor. Das Kloster befand sich im Süden der Kirche. (Geschichte der Stadt Wien, 1872)
Satteldach und Glockenturm (65 m) der Minoritenkirche

Die Minoriten oder Minderbrüder (fratres minores), der Stamm aus dem die Ordensfamilie der Franziskaner erwuchs, wurden 1224 von Herzog Leopold VI. nach Österreich gerufen und gründeten das Wiener Minoritenkloster.[1] Nach dem Stadtbrand von 1275 wurde von König Ottokar Přemysl der Grundstein für die neue Kirche des Minoritenklosters gelegt. Sie war eine der ersten gotischen Kirchen im ostösterreichischen Raum und bestand wahrscheinlich aus einem zweischiffigen Langhaus mit angeschlossenem Langchor. Nach Ottokars Tod in der Schlacht auf dem Marchfeld wurde er hier dreißig Wochen aufgebahrt.[2]

Bedeutende Veränderungen gab es unter den ersten Habsburger-Herrschern Österreichs. Blanche von Frankreich (1282–1305), die Gattin Herzog Rudolfs III. von Österreich, ließ eine Kapelle für ihren Großvater, dem Heiligen Ludwig von Frankreich, an die Nordseite des Langhauses anbauen, die 1328 vollendet wurde. Sie hatte einen separaten Eingang und keine Verbindung zum Langhaus.[3] Dies wurde ab etwa 1340 verändert, als die Ludwigskapelle mit dem bis dahin zweischiffigen Langhaus zu einem nunmehr dreischiffigen Kirchenraum mit zwei Chören vereinigt wurde. Im Langhaus wurden neue Bündelpfeiler eingezogen und im Westen wurde ein zusätzliches Joch sowie ein neues Portal angebaut. Der ganze Bau folgt dem Schema französischer Kathedralarchitektur. Die Baumeister sind unbekannt, man nimmt aber an, dass Jacobus Parisiensis, der Beichtvater Herzog Albrechts II. führend beteiligt war.[4]

Portal der Westfassade

Auch das Portal folgt einem französischen Schema, wie es in Österreich eher selten ist. Das Tympanon ist durch Zirkelschläge in drei Felder unterteilt, wobei im mittleren Feld Christus auf einem Astkreuz dargestellt ist. Links sieht man Maria mit Maria Magdalena und anderen weiblichen Figuren, rechts Johannes den Evangelisten, den Hauptmann Longinus und andere männliche Figuren. Die jeweils äußerste männliche und weibliche Figur könnten Herzog Albrecht II. und seine Gemahlin Johanna von Pfirt darstellen, zumal die männliche Figur einen Herzogshut zu tragen scheint. Die Figuren sind sehr elegant und feingliedrig dargestellt – wohl ein französischer Einfluss und zugleich wichtiges Stilmerkmal der Minoritenwerkstatt, die bis etwa 1360 nachweisbar ist.[5]

Blick auf den Hochaltar der Minoritenkirche, Sommer 2005

Insgesamt repräsentiert die nahe an der Wiener Hofburg gelegene Kirche also eher einen höfisch beeinflussten Stil als die typische Bettelordensarchitektur, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie einen Turm besitzt.

In den folgenden Jahrhunderten blieb die Kirche größtenteils unverändert, nur dass in verschiedenen Kriegen und Belagerungen immer wieder der Turm in Mitleidenschaft gezogen wurde: Während der ersten Türkenbelagerung 1529 wurde die Spitze erstmals zerstört, um 1633 aber wieder aufgebaut. Der Zweiten Türkenbelagerung 1683 fiel die Turmspitze erneut zum Opfer. Das zerstörte Helmdach wurde durch ein Flachdach ersetzt.[6]

Eine entscheidende Zäsur kam 1782, als die Minoriten im Zuge der Religionspolitik Josephs II. in die ehemalige Kirche der Weißspanier, die Alserkirche, abgesiedelt wurden. Die Minoritenkirche wurde im folgenden Jahr am 3. Juni 1784 auf betreiben des Monarchen Eigentum der Italienischen Kongregation Maria Schnee und somit zur italienischen Nationalkirche erklärt. Im Zuge dessen wurde sie, bezugnehmend auf das in Santa Maria Maggiore verehrte Gnadenbild, Maria Schnee (Madonna della Neve) geweiht – dieses Patrozinium besteht heute noch.[7]

Die Italienische Kongregation ist eine katholische Laienkongregation und wurde 1625 als eine marianische Kongregation der Italiener in Wien gegründet. Sie war von 1774 bis 1784 Eigentümerin der in der Nähe der Minoritenkirche befindlichen ehemaligen Katharinenkapelle (die ehemalige Kirche des Wiener Kaiserspitals), welche für den Besuch der etwa 7.000 Menschen zählenden Italienischen Gemeinde Wiens eindeutig zu klein war. Dieser Missstand wurde durch die Übersiedlung der italienischen Gemeinde in die ehemalige Minoritenkirche behoben.[7][8]

Im Zuge der Aussiedlung der Minoriten brachten diese das mit einem Christusbild versehene Kreuz über dem Hochaltar der ehemaligen Wiener Minoritenkirche nach Wimpassing, so dass es, als es später zurück nach Wien kam, Wimpassinger Kreuz genannt wurde. Eine Kopie davon hängt heute im Stephansdom, das Original ist ebendort im Zuge des Brandes von 1945 zerstört worden.[9] Im Zuge der Neuwidmung der ehemaligen Minoritenkirche wurden auch zahlreiche Umbauten von Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg vorgenommen, die vor allem auf die Beseitigung barocker Zutaten im Inneren abzielten. Trotzdem war es im Endeffekt keine „Regotisierung“, wie dies öfter genannt wurde, da auch Teile des gotischen Kirchenbaus beseitigt wurden – namentlich der Langchor.[2]

Die Mosaikkopie des Letzten Abendmahls (Detail)

Anfang des 19. Jahrhunderts kam auch eine Mosaikkopie von Leonardo da Vincis Letztem Abendmahl in die Kirche. Sie war von Napoleon bei Giacomo Raffaelli in Auftrag gegeben worden, wurde aber wie einige andere Kunstwerke erst nach seinem Sturz beendet und wurde von seinem Schwiegervater Kaiser Franz I. gekauft. Für seinen ursprünglich vorgesehenen Aufstellungsort im Belvedere erwies sie sich als zu groß, so dass sie letztlich in diese Kirche kam.[10]

Um 1900 fanden die letzten Veränderungen statt, insbesondere der Anbau des chorähnlichen Sakristeihauses im Osten (anstelle des Langchores) und des Arkadenganges im Süden der Kirche. Im Zuge des U-Bahn-Baus in den späten 1980er Jahren wurden die Grundmauern des Langchores gefunden, die jetzt auf dem Platz nachgezeichnet sind.[2]

Ab 1784 wurde die Gemeinde der Italienischen Nationalkirche teilweise von Diözesanpriestern teilweise von Ordenspriestern geistlich betreut, etwa den Redemptoristen, den Oblaten des hl. Joseph und den Salesianern.[11] Von 1957 bis 2019 waren Patres des Minoritenordens mit der Seelsorge betreut. Auf Betreiben der Erzdiözese Wien wurde ein Teil der italienischen Kultusgemeinde in die Pfarrkirche Alser Vorstadt umgesiedelt, nachdem die Eigentümerin der Minoritenkirche den Minoritenorden im Dezember 2018 per 30. Juni 2019 gekündigt hatte, der andere Teil verblieb in der Italienischen Nationalkirche.[12][13][14] Die Heiligen Messen in italienischer Sprache in der Wiener Minoritenkirche finden weiterhin wie gewohnt Samstags um 17:00 Uhr und Sonntags um 11:00 Uhr statt.[15]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die historische Orgel der Minoritenkirche

Die Orgel mit 20 Registern und zwei Manualen hinter einem gotisierenden Prospekt gehört zu den bedeutenden historischen Orgeln Wiens. Sie wurde nach Plänen von Johann Milani und Ferdinand Hetzendorf unter Verwendung der Pfeifen, der Windladen und des Spieltischgehäuses einer 1673 erbauten Vorgängerorgel von Franz Xaver Christoph 1786 gebaut. Sie ist weitgehend im Original erhalten und wurde 1972 von Arnulf Klebel teilrestauriert. Derzeit (2013) ist sie restaurierungsbedürftig und fast unspielbar.[16][17]

I Manual CDEFGA–c3
Prinzipal 8′
Quintatön 8′
Waldflöte 8′
Octav 4′
Nachthorn 4′
Quint 3′
Superoctav 2′
Cymbel II
Mixtur IV
II Positiv CDEFGA–c3
Copula 8′
Salicional 8′
Prinzipal 4′
Flöten 4′
Octav 2′
Quint 113
Pedal CDEFGA–a0
Violonbass 16′
Prinzipal 8′
Octavbass 8′
Quintbass 6′
Cornett III

Grabmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pietro Metastasio, Grabmal

In der Minoritenkirche befindet sich ein Grabmal des Librettisten Pietro Metastasio, der allerdings in der Michaelerkirche beigesetzt wurde. Ebenso ist Margarete von Tirol hier beigesetzt. Im Bereich der heutigen Antonius-Kapelle (die einstige Ludwigskapelle) befindet sich die nicht zugängliche Gruft der Familie Hoyos, wo sich unter anderem der Kupfersarg mit den sterblichen Überresten der Mystikerin Christina Rieglerin befindet.[18] Unter den Arkaden an der Südseite der Kirche befinden sich Reste von Grabsteinen, die von den ursprünglich im Umfeld des Minoritenklosters beigesetzten Persönlichkeiten künden.[19]

Zugang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Minoritenkirche steht auf dem Minoritenplatz im 1. Gemeindebezirk in Wien. Die U-Bahn-Station Herrengasse (U3) hat einen Ausgang zum Minoritenplatz, unmittelbar neben der Kirche.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Versuchsaufbau zum Abendmahl 2006

2006 fand in der Minoritenkirche die Ausstellung Leonardo da Vinci, Mensch – Künstler – Genie statt. Kurator der Ausstellung war David Sayn, Produzent Christoph Rahofer.

Es wurden alle bekannten Gemälde Leonardo da Vincis in Originalgröße gezeigt. Durch die digitale Bearbeitung wurden teilweise die ursprünglichen Farben sichtbar gemacht. Zur Perspektive des Abendmahls gab es einen Versuchsaufbau, der belegt, dass die Perspektive des Abendmahls eine Zentralperspektive ist, bei der sich der Augpunkt auf Höhe der Schläfe der Christusfigur befindet. Um das zu beweisen, wurde eine Treppe installiert, die es dem Betrachter ermöglichte diesen Betrachtungspunkt einzunehmen. Der genaue Abstand des Betrachters wurde von David Sayn durch ein Computermodell errechnet. Das von Leonardo da Vinci festgelegte Zentrum des Bildes ist die Schläfe der Christusfigur und gleichzeitig der Punkt, in dem sich alle (perspektivischen) Strahlen treffen. Leonardo hat die Strahlen mittels eines Nagels und gespannten Schnüren ermittelt.[20]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dr. Manfred Zips: Geschichte der Minoritenkirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 11. Juni 2019.
  2. a b c Dr. Manfred Zips: Geschichte der Minoritenkirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 11. Juni 2019.
  3. Dr. Manfred Zips: Geschichte der Minoritenkirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 11. Juni 2019.
  4. Dr. Manfred Zips: Geschichte der Minoritenkirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 11. Juni 2019.
  5. Dr. Manfred Zips: Die Westfassade und das Hauptportal der Kirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 11. Juni 2019.
  6. Dr. Manfred Zips: Geschichte der Minoritenkirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 11. Juni 2019.
  7. a b Dr. Manfred Zips: Geschichte der Minoritenkirche, Kapitel 8. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 30. April 2019.
  8. Dr. Manfred Zips: Geschichte der Italienischen Kongregation. Abgerufen am 30. April 2019.
  9. Dr. Manfred Zips: Das Wimpassinger Kreuz. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 19. Juni 2019.
  10. Dr. Manfred Zips: Cenacolo-Mosaik in der Minoritenkirche. Abgerufen am 30. April 2019.
  11. Dr. Manfred Zips: Vortrag zur Ausstellungseröffnung 230 Jahre italienische Minoritenkirche im Zeichen der Italienischen Kongregation. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 30. April 2019.
  12. Erzdiözese Wien: Übersiedlung der Italienischen Gemeinde. Abgerufen am 2. Juni 2019 (deutsch).
  13. Italienische Kongregation: Hinweis an die Gläubigen der Italienischen Gemeinde der Minoritenkirche. Abgerufen am 30. April 2019.
  14. Grußwort der Italienischen Katholischen Seelsorge Erzdiözese Wien. Abgerufen am 7. Juli 2019.
  15. Blog QuiVienna: Un comunicato dalla Congregazione Italiana sui cambiamenti nella comunità cattolica di Vienna. Abgerufen am 30. April 2019 (italienisch).
  16. Acta Organologica. Bd. 29, 2006, S. 159–178: Die Orgel der Wiener Minoritenkirche "Maria Schnee" (Memento des Originals vom 13. Dezember 2008 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gdo.de
  17. Österreichische Orgeldatenbank Karl Schütz: Minoritenkirche; abgerufen am 25. Januar 2014
  18. Dr. Manfred Zips: "Frauen im Banne der Minoritenkirche", Beitrag zur Langen Nacht der Kirchen 2016. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 19. Juni 2019.
  19. Dr. Manfred Zips: Die Südseite der Wiener Minoritenkirche. Italienische Kongregation Maria Schnee, abgerufen am 19. Juni 2019.
  20. David Sayn, Christoph Rahofer: Leonardo da Vinci, Mensch – Künstler – Genie (Versuchsaufbau in der Wiener Minoritenkirche 2006)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wiener Minoritenkirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 48° 12′ 35″ N, 16° 21′ 50″ O