Misoprostol

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Strukturformel
Strukturformel des Eutomers von Misoprostol
Struktur des wirksamsten Isomers (Eutomers) von Misoprostol
Allgemeines
Freiname Misoprostol
Andere Namen
  • Methyl-[7-[(1RS,2RS,3RS)-3-hydroxy-2-[(1E,4RS)-4-hydroxy-4- methyloct-1-enyl]-5-oxocyclopentyl]heptanoat] und Methyl-[7-[(1RS,2RS,3RS)-3-hydroxy-2-[(1E,4SR)-4-hydroxy-4- methyloct-1-enyl]-5-oxocyclopentyl]heptanoat] (WHO)
  • rac-Methyl-(13E,16RS)-11α,16-dihydroxy-16-methyl-9-oxoprost-13-en-1-oat (IUPAC)
Summenformel C22H38O5
CAS-Nummer
  • 59122-46-2
    (äquimolares Gemisch aus 4 Stereoisomeren)
  • 59122-49-5
    (8R, 11R, 12R, 16S-Stereoisomer)
PubChem 5282381
ATC-Code
DrugBank DB00929
Kurzbeschreibung

farbloses bis gelbliches Öl, hygroskopisch.[1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

E1-Prostaglandin

Eigenschaften
Molare Masse 382,54 g·mol−1
Löslichkeit

praktisch unlöslich in Wasser, löslich in 96%-igem Ethanol[2]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
06 – Giftig oder sehr giftig 08 – Gesundheitsgefährdend

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301​‐​360
P: 201​‐​301+310​‐​308+313 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][3]

T
Giftig
R- und S-Sätze R: 60​‐​61​‐​25
S: 53​‐​22​‐​36/37/39​‐​45
Toxikologische Daten

81 mg·kg−1 (LD50Ratteoral)[3]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Misoprostol ist ein synthetisch hergestellter Abkömmling des natürlich vorkommenden Gewebehormons Prostaglandin E1. Es wird als Arzneistoff in der Therapie und Prävention von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren verwendet sowie in verschiedenen Anwendungsgebieten der Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

Chemische Eigenschaften[Bearbeiten]

Stereochemie[Bearbeiten]

Strukturen der vier Stereoisomere des Misoprostols

Misoprostol ist ein synthetisch hergestelltes Derivat des Prostaglandins E1 und hat vier chirale Zentren.

Pharmazeutisch verwendet wird eine äquimolare Mischung von zwei Enantiomerenpaaren, (8R, 11R, 12R, 13E, 16S) und (8S, 11S, 12S, 13E, 16R) sowie (8R, 11R, 12R, 13E, 16R) und (8S, 11S, 12S, 13E, 16S).[2]

Hauptsächlich wirksam ist das (8R, 11R, 12R, 13E, 16S)-Stereoisomer.[1]

Wirkungen[Bearbeiten]

Als Prostaglandin-Analogon wirkt Misoprostol an den Prostglandin-Rezeptoren der Belegzellen und hemmt die Säure- und Pepsinsekretion im Magen. Es unterstützt ferner die Abwehrmechanismen der Magen- und Darmschleimhaut, indem es die schützende Bikarbonat- und Schleimproduktion fördert. Dadurch können die durch Säureüberproduktion oder durch Schmerzmittel entstandenen Schäden im Magen oder Zwölffingerdarm verringert werden.

Misoprostol bewirkt eine Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur.

Misoprostol ist ein Prodrug und wird nach oraler Gabe rasch resorbiert. Der pharmakologisch aktive Metabolit Misoprostolsäure entsteht durch Biotransformation, wobei innerhalb von 15 bis 30 Minuten maximale Plasmakonzentrationen entstehen. Die Plasmaeliminationshalbwertszeit beträgt 20 bis 40 Minuten.[1]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre[Bearbeiten]

Misoprostol ist als Fertigarzneimittel zugelassen zur Vorbeugung und Behandlung von medikamentenbedingten Schleimhautschädigungen bzw. -geschwüren des Magens und Zwölffingerdarms, die bei der Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika entstehen können und deren Gabe weder abgesetzt noch die Dosis reduziert werden kann.[5][6]

Wegen der Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur darf eine Anwendung nur erfolgen, wenn eine Schwangerschaft ausgeschlossen ist. Während der Stillzeit darf Misoprostol nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch übertritt.

Missbrauchsgefahr bestand darin, dass sich schwangere Frauen unter dem Vorwand von Magenbeschwerden aufgrund von Schmerzmittelgebrauch bei ihrem Hausarzt Misoprostol verschreiben lassen konnten, das Mittel dann allerdings zum illegalen Schwangerschaftsabbruch einnahmen.

Gynäkologie, Geburtshilfe[Bearbeiten]

Weitere Anwendungsgebiete liegen in der Gynäkologie und der Geburtshilfe. Nach der Geburt wird Misoprostol zur Behandlung von Blutungskomplikationen angewandt. Außerdem wird es zur Weheneinleitung, zur Auslösung einer verhaltenen Fehlgeburt und zur Unterstützung des medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs im ersten und im zweiten Drittel (Trimenon) der Schwangerschaft eingesetzt. Ein medikamentöser Schwangerschaftsabbruch erfolgt durch die ärztliche Gabe von Mifepriston, zwei Tage später wird Misoprostol gegeben.

Wegen dieser wichtigen Indikationen befindet sich der Arzneistoff auf der WHO-Liste der Essential Medicines.[7] Allerdings wird kritisiert, dass es in dieser Liste nicht für Blutungskomplikationen nach der Geburt eingetragen ist, obwohl diese Methode auch in abgelegenen Gebieten vergleichsweise einfach anzuwenden ist.[8] Für gynäkologische bzw. geburtshilfliche Anwendungen sind Misoprostol-haltige Fertigarzneimittel nur in einer beschränkten Anzahl von Ländern zugelassen,[9] daher erfolgt die Anwendung weitgehend im Off-Label-Use, so auch in Deutschland.[10][11] Misoprostol ist das einzige Prostaglandin, das in diesen Anwendungsgebieten oral verabreicht werden kann.

Trigeminusneuralgie[Bearbeiten]

In einer kleinen, offenen Studie wurde Misoprostol als wirksam beschrieben in der Behandlung einer therapierefraktären Trigeminusneuralgie bei Patienten mit Multipler Sklerose.[12]

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Hervorzuheben bei der Therapie von Ulzera ist der in 13 % der Fälle entstehende Durchfall, der insgesamt bei 0,5 % zu einem Abbruch der Therapie führt.

Weiterhin können Übelkeit und Bauchschmerzen sowie Kopfschmerzen und Schwindel auftreten.[6] Kardiovaskuläre Wirkungen treten praktisch nicht auf.[1]

Handelsnamen[Bearbeiten]

Monopräparate

Cytotec (CH), Cyprostol (A). In Deutschland hat die Firma Pfizer Cytotec im Januar 2006 vom Markt genommen mit der offiziellen Begründung, dass es genügend andere Medikamente für diese Indikation gebe.

Misodel (DE, A)

Kombinationspräparate

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d K. Hardtke et. al. (Hrsg.): Kommentar zum Europäischen Arzneibuch Ph. Eur. 5.3, Misoprostol. Loseblattsammlung, 25. Lieferung 2006, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  2. a b Europäisches Arzneibuch, Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart, 6. Ausgabe, 2008, S. 3292–3294, ISBN 978-3-7692-3962-1.
  3. a b c d Datenblatt Misoprostol ≥ 99 % (TLC) bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 10. April 2011 (PDF).
  4. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Gemischen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  5. Fachinformation Cyprostol Tabletten, Stand: März 2009.
  6. a b Fachinformation Cytotec 200, Stand: November 2008.
  7. WHO Model Lists of Essential Medicines
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatExperts seek WHO nod for postpartum haemorrhage drug. IRIN humanitarian news and analysis, 16. März 2011, abgerufen am 21. März 2011.
  9. „Misoprostol Approved“ (englisch), auf: www.misoprostol.org, eingesehen 10. August 2009.
  10. Anwendung von Prostaglandinen in Geburtshilfe und Gynäkologie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), eingesehen 10. August 2009.
  11. Arbeitspapier: Off-Label-Use in Gynäkologie und Geburtshilfe der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), eingesehen 10. August 2009.
  12. DMKG (Deutsche Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft) study group. Misoprostol in the treatment of trigeminal neuralgia associated with multiple sclerosis. J Neurol. 2003 May; 250(5): 542-5. PMID 12736732.
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