Missionarsstellung

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Heterosexuelle Missionarsstellung
Homosexuelle Missionarsstellung zwischen zwei Männern
Homosexuelle Missionarsstellung zwischen zwei Frauen (Tribadie)

Die Missionarsstellung, auch als vis a fronte bezeichnet (lat. „Kraft von vorn“, vergleiche vis a tergo), wissenschaftlich ventro-ventrale Kopulation, ist eine geläufige Position, den Geschlechtsverkehr zu praktizieren. Dabei liegt die Frau mit gespreizten Beinen auf dem Rücken und der Mann auf ihr. Bei Geschlechtsverkehr unter Männern ist bei der Missionarsstellung der penetrierende Partner ebenfalls oben.

Herkunft des Namens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihren Namen hat diese Stellung nach landläufiger Meinung daher, dass christliche Missionare bei der Christianisierung anderer Völker diese Stellung als die einzig zulässige beim Geschlechtsverkehr zwischen Eheleuten durchzusetzen versuchten. Das ist jedoch unzutreffend. Wie Robert J. Priest nachweisen konnte, ist Alfred C. Kinsey (1894–1956) der Urheber dieses Gerüchtes.[1] Kinsey hatte in seinen Kinsey-Reporten behauptet, christliche Missionare seien über die fantasievollen Sexualpraktiken der Südsee-Insulaner entsetzt gewesen und hätten diesen als Lehrmaterial Zeichnungen gezeigt, die ein Paar in der einzig erlaubten Koitus-Position andeuteten. Die Insulaner hätten diese Stellung als „Missionarsstellung“ verspottet.

Kinsey beruft sich dabei auf ein 1929 von dem Anthropologen Bronisław Malinowski verfasstes Standardwerk zur Sexualität der Melanesier.[2] Robert J. Priest fand allerdings heraus, dass diese Geschichte bei Malinowski so nicht vorkommt. Malinowski berichtet zwar, dass die Bewohner der Trobriand-Inseln sich über das eintönige Sexualleben der Weißen lustig gemacht hätten, von Missionaren und deren angeblichen Vorschriften ist jedoch keine Rede. Die ihnen vorher unbekannte Mann-oben-Frau-unten-Stellung bezeichneten die Einheimischen in ihrer Sprache als „ibilimapu“ („sie [die Frau] kann nicht mitmachen“). Allerdings beklagten sich die Trobriander über die von den Weißen übernommene neue Sitte, dass sich Liebespaare händchenhaltend in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses Verhalten galt bei den älteren Trobriandern als unanständig und wurde von ihnen als „misinari si bubunela“ („Missionarsmode“) bezeichnet, „eine dieser neumodischen, von Missionaren eingeführten Unschicklichkeiten.“[3]

Mit seiner Verwechslung von „ibilimapu“ und „misinari si bubulena“ aus Malinowskis Buch hat Kinsey eine Legende geschaffen; auch ihre Bezeichnung missionary position (deutsch „Missionarsstellung“) geht auf Kinsey zurück.[4] Christoph Drösser zufolge haben die christlichen Weißen das Sexualleben der Südseeinsulaner also „nicht prüde eingeschränkt, wie die Legende behauptet, sondern eher erweitert. Von kirchlichen Vorschriften, wie man sexuell zu verkehren habe, keine Spur.“[5]

Biologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen und einige Primaten gehören zu den wenigen Arten, die eine ventro-ventrale Kopulation im nennenswerten Ausmaß ausüben und damit wesentlich direkter auf die Mimik des Partners reagieren können. Beobachtet wurde das im Tierreich seltene Paarungsverhalten noch am häufigsten bei den Bonobos[6] meist in Gefangenschaft sowie erst 2008 bei Flachlandgorillas in freier Wildbahn.[7]

Untersuchungen an Afrikanischen Striemen-Grasmäusen (Gattung Rhabdomys) legen jedoch nahe, dass das ventro-ventrale Kopulationsverhalten auch unter Nagetieren häufiger vorkommt als angenommen, wobei nach Beobachtungen die Initiative für diese Position in der Regel von den Weibchen ausgeht. Wie Primaten haben auch viele weibliche Nagetiere eine ausgeprägte Klitoris und die Forschungsgruppe schließt aus dem Ergebnis, dass die ventro-ventrale Position von den Weibchen primär aufgrund der intensiveren Stimulierung der Klitoris gewählt wird.[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Missionarsstellungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Missionarsstellung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert J. Priest: Missionary Positions: Christian, Modernist, Postmodernist. In: Current Anthropology. Bd. 42 (2001), S. 29–68.
  2. Bronisław Malinowski: The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia. London 1929.
  3. Bronisław Malinowski: The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia. London 1929, S. 343
  4. Dietmar Bartz: Wer hat's erfunden? Der Missionar? In: Buschbusch. Berlin 2007, S. 67. pdf, 7,3 MB, abgerufen am 20. April 2010. Dazu auch: Dietmar Bartz: Die Scham erobert den Ozean der Liebe. In: mare, Heft 31, 2002, S. 68–71
  5. Stimmt’s?: Die prüden Missionare. In: Die Zeit. 16. Juli 2008
  6. Frans de Waal: Bonobo Sex and Society (Memento vom 2. Juli 2007 im Internet Archive)
  7. Gorillas mögen die Missionarsstellung. In: Die Welt vom 20. Februar 2008
  8. Claire M.-S. Dufour, Neville Pillay, Guila Ganem: Ventro—Ventral Copulation in a Rodent: A Female Initiative?. Journal of Mammalogy 96 (5), 2015; S. 1017-1023. doi:10.1093/jmammal/gyv106.