Missionsspardose

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nickneger an einer Weihnachtskrippe
Bettler als Spendendose an einer Weihnachtskrippe um 1840 noch ohne mechanische Funktion

Missionsspardosen sind stationär aufgestellte Spendendosen in kirchlichen Einrichtungen. Die bekanntesten Formen waren die, bei denen über einen Mechanismus ein Heide nach Geldeinwurf zum Dank den Kopf bewegte, woraus sich der Begriff Nickneger entwickelte.

Aussehen und Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Missionsspardosen bestanden aus einem Spendenkästchen mit einer Figur, die den Kopf nickend bewegte, wenn Geld eingeworfen wurde. Hergestellt waren sie aus Holz, Gips oder Pappmaché. Die Figur stellte meistens einen Schwarzen dar, wurde aber auch als Abbildung eines Chinesen, Indianers, Mexikaners, Inders oder auch eines Engels gearbeitet. Wurde eine Münze in das Kästchen geworfen, drückte sie zuerst ein Metallplättchen nach unten, das mit dem Kopf der Figur verbunden war. Dadurch wurde der Kopf in Schwingungen versetzt, die ein dankbares Nicken andeuten sollten.[1] Die Figur stellte meist die zu missionierende Bevölkerung dar, für die gesammelt wurde. Oft waren in damaligem Sinne erbauliche Sprüche angebracht und am Boden gab es einen Hinweis auf die sammelnde Organisation. Die meisten hatten eine annähernd quadratische Grundfläche mit 10 bis 20 cm Kantenlänge und waren bis zu 30 cm hoch.[2]

Beispielsprüche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ich war ein armer Heidensohn – nun kenn ich meinen Heiland schon – Ich bitte darum jedermann – nehmt Euch der armen Heiden an.[2]
  • Willst du den Heiden Hilfe schicken, so lass mich Armen freundlich nicken.[1]
  • Öffne, Christenkind, die Hand. Bringe deine kleinen Gaben. Sorg, dass wir im Heimatland Lebensbrot in Fülle haben.[1]

Historische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Figuren dieser Art entstanden wahrscheinlich um 1850 in der Rhön.[1] Andere Quellen schreiben davon, dass sie erstmals im Landkreis Böblingen hergestellt wurden, wo pietistische Kreise schon früh für die ausländische Mission sammelten.[3] Sie sollten die Bevölkerung noch allgemein zum Spenden anregen.[1] Spätestens ab 1886 wurden die Figuren in verschiedenen Größen zum Sammeln für die Mission vertrieben.[4] Hergestellt wurden sie zumeist im fränkisch-thüringischen Raum. Ihr Aufkommen stand in direktem Zusammenhang mit der sich in dieser Zeit wandelnden deutschen Kolonialpolitik. Mit den Truppen kamen gleichzeitig die Missionare. Sie sollten die Einheimischen zum christlichen Glauben bekehren und gleichzeitig dafür sorgen, dass sie nicht nur den christlichen Kirchen, sondern auch dem deutschen Staat treu dienen. Die Missionsspardosen dienten dabei der finanziellen Unterstützung. Sie waren sowohl in katholischen wie auch in evangelischen Kirchen und in Gemeindehäusern zu finden.[5] Auch in Amtsstuben und Geschäften wurde mit ihnen gesammelt. Sogar Exemplare für den Privathaushalt gab es.[1]

Zeitgenössisch wurden in den Einheimischen kindliche Völker gesehen, die man zu einer höheren Gesinnung führen müsse. Durch die Symbolik der Dosen wies man ihnen eine untergeordnete und hilfsbedürftige Position zu, bei der sie als Bittsteller den überlegenen Kolonialherren Dankbarkeit zeigten.[5]

Deutschland hatte nach dem Ersten Weltkrieg keine Kolonien mehr. Die Heidenmission und mit ihr die Sammlung durch die Missionsspardosen wurde von den Kirchen aber weiter betrieben. Etwas Rassistisches wurde darin damals nicht gesehen. Noch 1962 war es möglich, für 21 DM ein Kind in Afrika auf einen gewünschten Namen taufen zu lassen.[6]

Die Spardose stand schon ab den 1930er-Jahren fast nur noch an der Weihnachtskrippe in der Kirche und ist für viele mit Kindheitserinnerungen verbunden.[7]

Um 1960 wurde von den Bistumsleitungen in einem Rundschreiben dazu aufgefordert, die Missionsspardosen zu entfernen. In den Folgejahren verschwanden sie auf Dachböden oder in Kellern oder wurden sogar mit dem Müll entsorgt.[1] Der Zeitgeist hatte sich zu der Zeit so weit gewandelt, dass im Rahmen der kirchlichen Eine-Welt-Entwicklungspolitik die Bewohner ärmerer Länder nicht weiter als hilflose Bittsteller, sondern als gleichberechtigte Partner betrachtet wurden.[8] Neger gilt heute allgemein als abwertende, rassistische Bezeichnung für schwarze Menschen. Während noch in den 1970er-Jahren einige der Sammeldosen bei Weihnachtskrippen in Kirchen aufgestellt wurden, sind sie nach der Jahrtausendwende fast nur noch bei Sammlern oder in Museen zu finden. Vereinzelt finden sich neu gestaltete Sammeldosen mit anderen Darstellungen (z. B. Engel), die die Tradition nickender Sammelfiguren weiterführen.[9]

Nach Einschätzung der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg hat die Arbeit der christlichen Missionare nicht unwesentlich zur Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten beigetragen – und die Nickneger seien ein erfolgreiches Instrument zur Finanzierung dieses Fundraising gewesen.[7]

Ausstellungs- und Sammelobjekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Missionsspardosen sind beliebte Sammelobjekte von privaten Sammlern und auch in einigen Museen sind sie zu besichtigen.

Ein Sammler aus Schönecken hat insgesamt mehr als 2000 Spar- und Sammeldosen aus der Zeit zwischen Christi Geburt und 1940 zusammengetragen, worunter sich über 130 Missionsspardosen befinden. Ausgestellt wurden sie beispielsweise 2014 in der Kreissparkasse in Bitburg.[1]

Missionsspardosen waren im Januar 2017 Thema einer Sonderausstellung im Bauernhofmuseum Jexhof, wo die Afrika-Mission der Benediktinerkongregation von St. Ottilien dargestellt und versucht wird, die Lebenswelt der Missionare und deren Unterstützung durch die Heimat zu veranschaulichen.[10] In den meisten Diözesanmuseen werden Exponate gezeigt, wie beispielsweise in Würzburg.[11]

2013 wurden Missionsspardosen zu Preisen zwischen 100 und 300 Euro bei eBay gehandelt.[12] Spätere Quellen nennen sogar Preise von mehreren hundert Euro. Für Sammler werden Plagiate hergestellt, die nicht immer problemlos von Originalen zu unterscheiden sind.[8]

Ähnliche Spendensammel-Aktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 2004 warb die Christoffel-Blindenmission mit einem Plakat um Spenden, auf dem ein schwarzer Blinder abgebildet war, dessen Augen als Geldeinwurfschlitze dargestellt waren. Für die Kampagne hatte die Agentur BBDO einen Preis des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen gewonnen. Erst nach Protesten wegen herabsetzender Darstellung blinder Menschen wurde sie 2006 eingestellt.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Rudolf Jost (Verfasser), Dimitri Horta (Illustrator): Nickneger: Das Bild vom Schwarzen. Zürich: Elster Verlag 2017, ISBN 978-3-906065-51-9.
  • Klaus Reder: Sammeldosen für die Mission; eine volkskundliche Betrachtung der so genannten Nickneger. In: Der Bayerische Krippenfreund; 2011,356, S. 53–56; 357, S. 86–88.
  • Walter Heim: Nickneger und Fastnachtschinesen in der deutschsprachigen Schweiz. In: Festschrift 50 Jahre Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee. S. 451–472. Verlag Schöneck-Beckenried, 1971.
  • Missionsspardosen im Wandel der Zeit. Dokumentation zur Ausstellung der Lippischen Landeskirche in der Theologischen Bibliothek des Landeskirchenamtes in Detmold vom 1. bis 18. Juni 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nickneger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Nickneger – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • spardosen.info; im Menu sind unter Gesamtdarstellung, dann Missionspardosen, weit über 100 verschiedene Exemplare abgebildet (abgerufen am 23. Dezember 2016)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Neue Heimat für alte Spardosen - Lothar Graff aus Schönecken sammelt seit 35 Jahren - Zu seiner Kollektion zählen auch die mittlerweile verpönten Nickneger auf Volksfreund.de vom 5. Dezember 2014; abgerufen am 23. Dezember 2016
  2. a b Missionspardosen – ein Relikt des 20. Jahrhunderts auf sammeln-sammler.de; abgerufen am 23. Dezember 2016
  3. Walter Heim: Nickneger und Fastnachtschinesen in der deutschsprachigen Schweiz. In: Festschrift 50 Jahre Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee. S. 451–472. Verlag Schöneck-Beckenried, 1971
  4. Vom Nickneger zur Kenia-Spende; Alb-Bote vom 16. Dezember 2014; abgerufen am 23. Dezember 2016
  5. a b Der Missionierung Afrikas auf der Spur, Süddeutsche Zeitung vom 1. Dezember 2016; abgerufen am 23. Dezember 2016
  6. Mission Übersee: Als die Patres in Afrika den Glauben verbreiteten, Münchner Merkur vom 4. Dezember 2016; abgerufen am 23. Dezember 2016
  7. a b Missionsspardose Nickneger auf der Website der Landesstelle für Museumsbetreuung in Baden-Württemberg; abgerufen am 23. Dezember 2016
  8. a b Bettelautomaten für die Mission in der Kirchenzeitung für das Bistum Hildesheim vom 2. Januar 2011; abgerufen am 23. Dezember 2016
  9. Missionssammelbuechse Engel, abgerufen am 5. Januar 2017
  10. Koloniale Weihnacht, Süddeutsche Zeitung, 4. Dezember 2016; abgerufen am 23. Dezember 2016
  11. Der alltägliche Rassismus auf mainpost.de vom 26. Dezember 2015; abgerufen am 23. Dezember 2016
  12. Konfrontation mit dem Nickneger, Mathias Könning in seinem Blog; abgerufen am 23. Dezember 2016
  13. Blinde als Spardose – die Werbekampagne der Christoffel-Blindenmission auf behindertenparkplatz.de; abgerufen am 23. Dezember 2016