Misteltherapie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Misteltherapie gehört zu den am häufigsten angewandten Verfahren in der komplementärmedizinischen Krebsbehandlung[1] im deutschsprachigen Raum[2], ist jedoch eine wissenschaftlich nicht anerkannte Behandlungsmethode, die von dem Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner und der Ärztin Ita Wegman initiiert wurde. Die Misteltherapie wird bis heute zumeist innerhalb der anthroposophischen Medizin zur Behandlung von Krebs eingesetzt.

Die Studienlage hinsichtlich der Wirksamkeit der Misteltherapie in der Krebsbehandlung (Verlängerung der Überlebenszeit und Verbesserung der Lebensqualität) ist widersprüchlich.[3] Methodisch einwandfreie Studien zeigen keine Vorteile der Misteltherapie gegenüber Placebo. Studien mit positiven Ergebnissen enthielten methodische Mängel. Ein Wirksamkeitsnachweis nach wissenschaftlichen Kriterien existiert nicht.[4][5][6]

Die Anwendung der Misteltherapie in der Krebsbehandlung soll nur als ergänzende Maßnahme und mit Vorsicht erfolgen, da die Misteltherapie mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden sein kann.[6] Die Grundlagen der Anthroposophischen Medizin und damit der Misteltherapie werden von einigen Wissenschaftlern als pseudowissenschaftlich angesehen.[7]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Eine Weißbeerige Mistel (Viscum album)

Rudolf Steiner äußerte sich Ende 1916 erstmals zu den Möglichkeiten einer Behandlung von Krebs mit Mistelextrakten. Die Ärztin Ita Wegman griff seine Anregungen auf und entwickelte 1917 gemeinsam mit einem Zürcher Apotheker das erste Mistelpräparat Iscar, das 1926 in Iscador umbenannt wurde. Rudolf Steiner gab zahlreiche Empfehlungen und Anregungen zur Misteltherapie, auf die sich anthroposophische Ärzte und Mistelforscher heute noch beziehen.

Verwendet wird die Weißbeerige Mistel (Viscum album) verschiedener Wirtsbäume. Die Anwendung der Mistel in der Tumortherapie hat weder eine traditionelle noch eine experimentelle Grundlage, sondern leitet sich aus Anschauungen Steiners ab, der unter anderem auf die Analogie zwischen dem parasitären Wachstumsmuster der Mistel und dem Tumor hinwies.

Die in Anlehnung an Rudolf Steiner entwickelten Präparate enthalten speziell hergestellte Gemische aus Sommer- und Wintersaft der Mistel, die übrigen sind auf einzelne Inhaltsstoffe, insbesondere das Mistellektin-1, standardisiert.

Anwendungsbereiche[Bearbeiten]

Onkologische Behandlung bedeutet heute im engeren Sinne die drei Säulen von Chirurgie, Chemotherapie und Strahlentherapie, im weiteren Sinne lindernde und unterstützende Maßnahmen, dazu psychologische und Selbsthilfe. Die Misteltherapie kann den etablierten Verfahren in allen Phasen einer Krebserkrankung hinzugefügt werden, wenn der Behandler eine Indikation sieht.[6] Das amerikanische Nationale Krebsinstitut empfiehlt jedoch die Anwendung der Misteltherapie nur im Rahmen von methodisch hochwertigen Studien. Von einer Anwendung außerhalb von Studien wird aufgrund des fehlenden Wirksamkeitsnachweises abgeraten.[8]

In der Regel wird der Extrakt der Mistel vom Patienten unter die Haut (subkutan) oder – im klinischen Rahmen durch Ärzte – direkt in Tumorgewebe gespritzt. Möglich sind außerdem die perorale, die intravenöse Gabe oder die Injektion in bestimmte Körperhöhlen: In Rippenfellspalt und Herzbeutelspalt kann bei krebsbedingten Flüssigkeitsansammlungen eine sterile Entzündung mit anschließender Verklebung, die so genannte Pleurodese beziehungsweise Perikardiodese, angeregt werden.

Anthroposophisch begründete Indikationen zur Misteltherapie sind außerdem die Sarkoidose und andere Autoimmunerkrankungen sowie Arthrosen. Verabreicht werden Mistelextrakte häufig in Form von Injektionen.

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Unerwünschte Wirkungen der Misteltherapie betreffen das Herz-Kreislauf-System (Blutdruckabfall oder -anstieg, Verlangsamung des Herzschlags), den Magen-Darm-Trakt (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Dehydratation), das zentrale Nervensystem (Verwirrtheit, Halluzinationen, epileptische Anfälle) sowie das Immunsystem (Fieber, Anstieg der weißen Blutkörperchen im Blut). Lokale Entzündungsreaktionen an der Injektionsstelle (wie Rötung, Schwellung, Schmerzen) sind häufig. Schwerwiegende Komplikationen sind selten, jedoch wurden einige Todesfälle berichtet. Ursache hierfür können allergische Reaktionen sein, die zu einem anaphylaktischen Schock führen können. Nicht angezeigt ist die Misteltherapie während der Schwangerschaft und in der Stillzeit.[6][9]

Belege[Bearbeiten]

  1. „Mistletoe is a complementary cancer treatment that is widely used, usually in addition to and alongside recommended conventional cancer therapy.“ Maurice Orange et al.: Durable Regression of Primary Cutaneous B-Cell Lymphoma Following Fever-inducing Mistletoe Treatment: Two Case Reports. In: Global Advances in Health and Medicine, Volume 1, Number 1, March 2012, S. 18 (PDF-Datei; 3,3 MB).
  2. Konsensus Statement unter der Ägide der ÖGAM: Komplementäre Krebstherapie in der Allgemeinmedizin: Stellenwert der Misteltherapie (PDF; 178 kB). Internationale Zeitschrift für ärztliche Fortbildung – Nr. 8/April 2005 – ISSN 1726-0027
  3. Lutz Edler: Mistel in der Krebstherapie: Fragwürdige Ergebnisse neuerer klinischer Studien. Dtsch Arztebl 2004; 101(1-2): A-44 / B-39 / C-39
  4. E. Ernst, K. Schmidt, M. K. Steuer-Vogt: Mistletoe for cancer? A systematic review of randomised clinical trials. Int J Cancer. 2003; 107: 262-7, PMID 12949804
  5. Horneber MA, Bueschel G, Huber R, Linde K, Rostock M. Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database Syst Rev. 2008 Apr 16;(2):CD003297. Review. PMID 18425885
  6. a b c d Edzard Ernst, M. Pittler, B. Wilder (Hrsg.): The Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine. 2. Auflage. Elsevier 2006. S.442
  7. Klaus-Dietrich Bock und Manfred Anlauf: Am Ende des Weges: Magie als Kassenleistung?, Archiv–Version vom 15. April 2008
  8. Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: Die Mistel in der Krebstherapie: Standard oder alternative Methode?, zuletzt eingesehen am 8. Oktober 2008
  9. Bauer C, et al.: Anaphylaxis to viscotoxins of mistletoe (Viscum album) extracts. Ann Allergy Asthma Immunol 2005 (94):86-9. PMID 15702822

Weitere Literatur[Bearbeiten]

  •  G. S. Kienle, F. Berrino, A. Bussing, E. Portalupi, S. Rosenzweig, H. Kiene: Mistletoe in cancer - a systematic review on controlled clinical trials. In: Eur J Med Res. 8, Nr. 3, 27. März 2003, S. 109-19, PMID 12730032.
  •  G. S. Kienle, H. Kiene: Die Mistel in der Onkologie. Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Schattauer, 2003, ISBN 3-7945-2282-6.
  •  G. S. Kienle, H. Kiene, H. Albonico: Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 3-7945-24713.
  •  Kleeberg UR et al., for the EORTC Melanoma Group in cooperation with the German Cancer Society (DKG): Final results of the EORTC 18871/DKG 80-1 randomised phase III trial: rIFN-α2b versus rIFN-γ versus ISCADOR M® versus observation after surgery in melanoma patients with either high-risk primary (thickness>3 mm) or regional lymph node metastasis. In: Eur J Cancer. 40, Nr. 3, 2004, S. 390-402, doi:10.1016/j.ejca.2003.07.004.
  •  Anette Bopp: Die Mistel - Heilpflanze in der Krebstherapie. Rüffer und Rub, Zürich 2006, ISBN 978-3-907625-32-3.

Weblinks[Bearbeiten]