Mittelstaat

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Mittelstaaten nach Bernard Wood[1] (Stand: 1988)

Als Mittelstaat oder Mittelmacht wird ein Staat bezeichnet, der zu groß bzw. zu einflussreich ist, um als Kleinstaat zu gelten, aber auch zu klein bzw. zu schwach, um eine Regionalmacht oder Großmacht zu sein.

Die Bezeichnung Mittelmacht wird eher selten verwendet, da sie – vor allem in ihrer Pluralform – missverständlich ist. Die im Ersten Weltkrieg verbündeten Großmächte Deutschland und Österreich-Ungarn werden traditionell als (die) Mittelmächte bezeichnet. Hier bezieht sich Mittel allerdings auf die geografische Lage in Mitteleuropa, nicht auf die Größe der Staaten.

Historisch wird der Begriff Mittelstaat vor allem in der deutschen Geschichte während des Dualismus zwischen Preußen und Österreich verwendet, um die mittelgroßen deutschen Staaten Sachsen, Hannover, Bayern usw. zu bezeichnen, die zuweilen auch als „Drittes Deutschland“ zusammengefasst werden.

Wie die Abgrenzung zwischen Kleinstaat und Zwergstaat ist auch die Abgrenzung zwischen Kleinstaat und Mittelstaat oder vom Mittelstaat zum Großstaat nicht eindeutig festgelegt und vom Blickwinkel bei der Betrachtung abhängig. Ein Staat kann im globalen Maßstab ein Mittelstaat sein, regional aber eine großmachtähnliche Rolle spielen, das gilt zum Beispiel für Ägypten im Nahen Osten, Indonesien in Südostasien oder Brasilien in Südamerika.

Bedeutende Industriestaaten wie Kanada und Japan werden in Abgrenzung zur klassischen Hegemonial- oder Supermacht als Mittelmächte eingestuft, im Gegensatz zur Groß- oder Weltmacht Vereinigte Staaten.[2]

Lange wurden Mittelstaaten in den Sozialwissenschaften allein über das Bruttoinlandsprodukt oder ihre Rüstungsausgaben identifiziert, mittlerweile sind auch anspruchsvollere Verfahren in Gebrauch. Der Politikwissenschaftler Enrico Fels identifiziert beispielsweise sechs regionale Mittelmächte in Asien-Pazifik über die Clusteranalyse (k-means) eines Kompositindex, der 54 Indikatoren umfasst und die aggregierte Machtbasis von 44 regionalen Staaten darstellt.[3] Ausgehend von einer realistischen Ontologie analysiert er mittels quantitativer und qualitativer Verfahren die Balancing- und Bandwagoning-Strategien der von ihm identifizierten Mittelmächte, um einer möglichen Machtverschiebung zwischen China und den Vereinigten Staaten seit Ende des Kalten Krieges näher auf den Grund zu gehen.

Diskussion zum wiedervereinigten Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1990, wurde zunehmend auch Deutschland wieder als Mittelmacht bezeichnet. Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) benutzte den Begriff, um den gewachsenen internationalen Einfluss des wiedervereinigten Deutschland zu beschreiben und ein größeres Selbstbewusstsein zu fordern. Die Kluft zwischen „Selbsteinschätzung“ im Innern und den „Erwartungen im Ausland“ dürfe nicht noch größer werden.[4] Etwa zehn Jahre später wird die Einschätzung als Mittelmacht zunehmend für selbstverständlich erachtet, teilweise sogar schon als zu klein empfunden. So kritisierte beispielsweise zu Beginn des Jahres 2016 Wolf Schneider, ehemaliger Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt, die konsequente Verwendung des Begriffs in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Selbstdemontage und Degradierung, angesichts der klaren deutschen Führungsrolle in Europa.[5]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Mittelmacht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernard Wood: The middle powers and the general interest In: Middle Powers in the International System, The North-South Institute, Ottawa 1988
  2. Martin Mantzke: Freundliche Mittelmacht. Wilfried von Bredow (Hrsg.), Die Außenpolitik Kanadas (Rezension) (Memento vom 5. März 2007 im Internet Archive) - in: IP, September 2003
  3. Enrico Fels: Shifting Power in Asia-Pacific? The Rise of China, Sino-US Competition and Regional Middle Power Allegiance. Springer, 2017, ISBN 978-3-319-45689-8, S. 353–361 (springer.com).
  4. Schröder: Deutschland muß Mittelmacht-Rolle annehmen. In: Die Welt, 5. März 2005, abgerufen am 31. Dezember 2016
  5. Wolf Schneider: Die größte „Mittelmacht“ der Welt!. In: Bilanz, 16. Januar 2016, abgerufen am 1. Januar 2017