Mix & Genest

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Mix & Genest A.G.
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Rechtsform Aktiengesellschaft (ab 1889)
Gründung 1. Oktober 1879
Auflösung 1954
Auflösungsgrund Unternehmensfusion
mit Standard Elektrizitäts-Gesellschaft AG (SEG)
Sitz Berlin (bis 1948)
Stuttgart-Zuffenhausen
Leitung
Branche Elektrotechnik - Radio, Telekommunikation

Mix & Genest war ein deutscher Hersteller von Elektrogeräten vor allem für Telegrafie, Telefon und Radio. Das 1879 vom Ingenieur Werner Genest mit dem Kaufmann Wilhelm Mix in Berlin-Schöneberg als oHG Mix & Genest, Telegraphenbau-Anstalt und Telegraphendraht-Fabrik gegründete Unternehmen wurde 1889 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und 1920 von der AEG übernommen, die im Jahr 1930 ihre Anteile an die Standard Elektrizitätsgesellschaft AG übertrug, eine Holding der amerikanischen International Telephone and Telegraph Corporation (ITT).

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte ITT den Sitz ihrer sämtlichen Beteiligungen in Deutschland nach Stuttgart-Zuffenhausen und ließ sie nach und nach zu einem gemeinsamen Unternehmen verschmelzen. 1954 fusionierten zunächst Mix & Genest und die Süddeutsche Apparatefabrik (SAF) mit ihrer bisherigen Muttergesellschaft Standard Elektrizitätsgesellschaft (SEG), die ihren Namen 1956 in Standard Elektrik AG änderte. Im Jahr 1958 bildete die Standard Elektrik mit der C. Lorenz AG schließlich die Standard Elektrik Lorenz AG (SEL). Ihr Nachfolgeunternehmen ist die Alcatel-Lucent Deutschland AG, eine Tochter des Telekommunikationsausrüsters Alcatel-Lucent, dessen Übernahme durch die finnische Nokia seit April 2015 angekündigt ist.

Das Unternehmen Mix & Genest entwickelte sich von einer Werkstatt für frühe Telekommunikationtechnik sehr schnell zu einem Großunternehmen und gilt heute als Pionier auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik und der Signalübermittlung.

Geschichte[Bearbeiten]

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts machte die Technik der Telegrafie schnelle Fortschritte und ab 1876 begann in den Vereinigten Staaten der Siegeszug des Telefons. Werner Genest, der Sohn des Kaufmanns und Gastwirts hatte bis 1873 Maschinenbau studiert und nach Anstellung bei den Königlich Preußischen Staatseisenbahnen war ihm eine höhere Beamtenlaufbahn eigentlich schon vorgezeichnet. Als er jedoch 1877 von den Fernsprechversuchen hörte, die der Generalpostmeister Heinrich von Stephan in Berlin mit den von Alexander Graham Bell gerade entwickelten Telefonapparaten durchführen ließ, erkannte er sofort die weitreichende Bedeutung dieser neuen Technik.[1]

Gründung und erste Jahre[Bearbeiten]

Nur zwei Jahre später gab er seinen sicheren Beruf auf, um am 1. Oktober 1879 in Berlin-Schöneberg mit dem Kaufmann Wilhelm Mix die Offene Handelsgesellschaft oHG Mix & Genest, Telegraphenbau-Anstalt und Telegraphendraht-Fabrik zu gründen. Kurz darauf begann Werner Genest in einer Werkstatt in der Prinzessinenstraße 23, mit einigen wenigen Arbeitern, die ersten elektrischen Geräte zu produzieren. Zunächst waren es vor allem einfache Läutewerke, wie Hausklingeln.[2] Neben der Konstruktion kümmerte sich Genest auch selbst um Aufträge und Kunden. Zum Ende des zweiten Betriebsjahres hatte sich die Produktion bereits verdreifacht.

Mit dem ersten Erfolg war die Grundlage gelegt, in die Entwicklung und Verbesserung von Telegraphen und Telefonen einzusteigen. Das erste Patent stammt von 1883 und betrifft eine Verbesserung an den Polschuhen der Telefone. Zwar fand das Telefon in den ersten Jahren in der Wirtschaft noch wenig Beachtung. Als es sich aber durchzusetzen begann, führte es zu einem enormen Wachstum des jungen Unternehmens. Mix & Genest entwickelte ein Telefon für Entfernungen bis 200m zur Zentralstation und Vermittlungsstellen für Städte oder größere Gebäude. Weitere Neuerung war das Doppeltelefon und eine Verbesserung des Mikrophons, so dass dieses lageunempfindlicher wurde.

Die vorhandenen Produktionsflächen wurden schnell zu klein und Genest ließ 1884 in der Neuenburger Straße ein eigenes Fabrikgebäude errichten. Der Firmenname wurde in Telegraphenbau-Anstalt, Telephon- und Blitzableiterfabrik Mix & Genest geändert und die Zahl der Angestellten wuchs auf 120 an. Im Jahr 1886 übernahm Werner Genest die Geschäftsanteile seines Partners Mix und wurde damit Alleineigentümer.

Die Aktiengesellschaft[Bearbeiten]

Die schnelle Ausweitung der Produktion erforderte aber immer größere Investitionen, so dass er sich 1889 dazu entschied, das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Die Firma wurde am 16. April 1889 als Actiengesellschaft Mix & Genest, Telephon-, Telegraphen- und Blitzableiter-Fabrik mit einem Kapital von 1,2 Mio Mark eingetragen. Im Werk in der Neuenburger Straße arbeiteten nun schon 200 Mitarbeiter und damit wurde das Gebäude erneut zu klein.

1890 gründete Mix & Genest erste Filialen in Hamburg und London und 1891 noch ein zweites Werk in Berlin. Im Jahr 1894 errichtete das Unternehmen dann eine dritte Fabrik in einem vierstöckigen Neubau für 1000 Beschaftigte und die Görlitzer Maschinenbauanstalt und Eisengießerei AG lieferte 1898 eine Dampfmaschine für die dortige Produktion.[3] Weitere Filialen entstanden 1897 in Köln und Amsterdam, 1903 in Gelsenkirchen und 1907 in Dresden.

Telegraphon von Mix & Genest in Walzenform, wie es auf der Weltausstellung 1900 in Paris vorgeführt wurde.

Im Spätsommer 1899 wandte sich Valdemar Poulsen an das Unternehmen, der dänische Erfinder des Telegraphons und damit des ersten funktionsfähigen Geräts zur Aufzeichnung und Wiedergabe von Ton und Sprache durch elektromagnetische Induktion auf Stahldraht. Auf Drängen des Aufsichtsrats seiner gerade neu gegründeten Aktieselskabet Telegrafonen Patent Poulsen war er auf der Suche nach einem starken Partner für die Weiterentwicklung, Produktion und Vermarktung der Geräte. Er selbst und eine Mehrheit seiner neuen Angestellten wechselte noch im Winter 1899 aus Kopenhagen ins Forschungslabor von Mix & Genest nach Berlin.[4] Vor allem die deutschen Techniker Hans Zopke und Ernst Ruhmer leisteten daraufhin dem dänischen Team tatkräftige Unterstützung beim Bau eines verbesserten Präsentationsmodells bis etwa in den Juni des Jahres 1900. Die von der Mix & Genest AG in dieser Anfangszeit produzierten Geräte tragen häufig die Bezeichnung „Telephonograph“, die Poulsen für seine Erfindung ursprünglich hatte verwenden wollen. Dieser Name wurde aber schon durch den französischen Ingenieur Jules Ernest Othon Kumberg beansprucht, der einen Anrufbeantworter auf Basis des Phonographen mit Aufzeichnung auf Wachswalze konstruiert hatte, so dass Poulsen den Namen seiner Geräte auf „Telegraphon“ änderte.

Telegraphon von Mix & Genest um 1900, Modellvariante mit Spulen und Stahlband statt Walze und Draht.

Ein mit deutscher Hilfe überarbeitetes Modell präsentierte Valdemar Poulsen auf der Pariser Weltausstellung von 1900 im Palais de l’Electricité einer begeisterten Öffentlichkeit und gewann einen Grand Prix, der für die beste Erfindung vergeben wurde. Wilhelm Exner, Direktor des Technologischen Gewerbemuseums in Wien und als Generalkommisär der Österreichischen Abteilung für Paris vor Ort, erwarb sofort ein Exemplar im Namen des Handelsministeriums. Ein Jahr später wurde es mit weiteren österreichischen Erwerbungen für vier Wochen im Kunstsalon Gustav Pisko in Wien ausgestellt und am 12. Oktober 1901 Franz Joseph I., dem Kaiser von Österreich-Ungarn vorgeführt. Die bei der Vorführung entstandene, etwa 24 Sekunden lange Aufnahme der Stimme des Kaisers, gilt heute als älteste noch erhaltene Magnettonaufzeichnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Poulsen die Zusammenarbeit mit Mix & Genest aber schon beendet, nachdem man sich über die Weiterentwicklung und vor allem deren Finanzierung nicht hatte einigen können. Trotz der anfänglich großen Aufmerksamkeit für die neue Technik, blieb das Telegraphon wirtschaftlich erfolglos. Neben der durch ein Grundrauschen getrübten Aufnahmequalität war vor allem die geringe Lautstärke ein Problem. Die Demonstrationsmodelle waren daher meist mit Kopfhörern versehen. Das technische Prinzip konnte sich erst etwa zwanzig Jahre später, mit Verfügbarkeit der ersten Audioverstärker durchsetzen. Einer der nachfolgenden Pioniere war Curt Stille, der ein von Mix & Genest um 1900 produziertes Telegraphon erworben hatte und auf dessen Basis den „Dailygraph“ entwickelte, der schließlich von Semi Joseph Begun bei C. Lorenz redesignt und ab 1933 als „Textophon“ auch ein kommerzieller Erfolg wurde.

Um 1900 erweiterte das Unternehmen seine Produktpalette mit der Fertigung von Rohrpostanlagen, dafür scheint der Blitzableiterbau zurückgegangen zu sein, jedenfalls ändert sich der Name in AG Mix & Genest, Telephon- und Telegraphen-Werke.

Im Jahr 1907, während eines Konjunkturrückgangs, schied Werner Genest aus dem Vorstand aus und wechselte in den Aufsichtsrat, wo er weiterhin beratend tätig war.

Zwischen 1910 und 1918 fertigt das Unternehmen auch Schreibmaschinen. Die ersten Geräte nach einer Konstruktion von Emil Schliephack wurden 1910 gebaut und über die neu gegründete Tochter Titania Mix & Genest Schreibmaschinen GmbH vertrieben. Ab 1913 übernimmt die bisher reine Vertriebstochter auch die Produktion. Das im gleichen Jahr vorgestellte Modell „Titania 3“ soll die erste deutsche Schreibmaschine mit kugelgelagerten Typenhebeln gewesen sein.[5] Im Jahr 1918 wurde die Fertigung mit allen Rechten an die Deutsche Telephonwerke GmbH verkauft, die unter dem Namen Titania Schreibmaschinen G.m.b.H. eine Tochter gründete und in Bleicherode noch bis 1925 Titania-Schreibmaschinen produzierte.

Unter AEG[Bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden vor allem Schwachstromerzeugnisse aller Art, sowie auch Rohrpost- und Kleinförderanlagen produziert. Nach dem Tod von Genest übernahm die AEG im November 1921 die Mehrheit des Aktienkapitals.

Mix & Genest stellte in Berlin von ca. 1921 bis 1927 unter dem Namen Emgefunk Rundfunkgeräte, Verstärker und Lautsprecher her, die von der Tochtergesellschaft Mix & Genest Hansawerke GmbH in Hamburg vertrieben wurden. Ab 1927 war der Name des Hauptunternehmens schlicht Mix & Genest AG.

Unter ITT Corp.[Bearbeiten]

Die US-amerikanische International Telephone and Telegraph Corporation (ITT) drängte ab Mitte der 1920er Jahre aggressiv auf den europäischen Markt. Nachdem sie von der American Telephone and Telegraph Company (AT&T) im Jahr 1925 deren Tochter International Western Electric und damit die gesamte Geräteproduktion des AT&T-Konzerns außerhalb der Vereinigten Staaten übernommen hatte, war ITT allein damit schon in elf Ländern der führende Hersteller für Telekommunikationsgeräte.[6] Sie benannte die International Western Elektric in ITT Standard Electric Corporation um und baute deren Stellung in Deutschland durch Übernahme mehrerer namhafter Hersteller weiter aus. Über ihre deutsche Holding Standard Elektrizitätsgesellschaft AG (SEG) in Berlin kaufte ITT in kurzer Folge die C. Lorenz AG, die Telephon-Fabrik Aktiengesellschaft vorm. J. Berliner mit der Marke „Tefag“ und die Ferdinand Schuchhardt AG mit der Marke „Allradio“. Sie beteiligte sich neben Felten & Guilleaume an der Süddeutschen Apparatefabrik GmbH (SAF) in Nürnberg und übernahm von der AEG auch deren Anteile an der Mix & Genest AG.

Die gemeinsame Muttergesellschaft förderte den Austausch von Patenten und Kooperationen bei der Produktion, ließ aber vorerst die verschiedenen Unternehmen mit ihren jeweiligen Marken auch weiterhin selbstständig am Wettbewerb teilnehmen. Mix & Genest hatte 1930 ca. 3200 Beschäftigte bei einem Umsatz von 21 Mio. RM, das Aktienkapital betrug 1931 16,185 Mio. RM.

Bei Kriegsende 1945 waren wesentliche Anlagen zerstört. Das Werk in Berlin hatte im letzten Kriegsjahr schwere Bombenschäden erlitten und die übrigen Fabrikationseinrichtungen wurden nach Einnahme der Stadt durch die Rote Armee demontiert. Darüber hinaus verursachte die Berlin-Blockade im Juni 1948 eine einschneidende Behinderung der West-Berliner Wirtschaft, da der Güterverkehr mit den westlichen Besatzungszonen unterbrochen worden war.

Der Mutterkonzern verlegte den Sitz des Unternehmens daher im Jahr 1948 von Berlin nach Stuttgart-Zuffenhausen. Dasselbe geschah auch mit den anderen deutschen Töchtern, die nun nach und nach miteinander verschmolzen. Mix & Genest AG wurde 1954 mit der Süddeutschen Apparatefabrik (SAF) auf die bislang als Holding alle deutschen ITT-Unternehmungen führende Standard Elektrizitätsgesellschaft AG (SEG) verschmolzen. Als eigenständige Anschrift wurde noch für einige Zeit Mix & Genest, Abteilung der Standard Elektrizitätsgesellschaft AG verwendet, bis letztere im Jahr 1956 in Standard Elektrik AG umbenannt wurde. Die Standard Elektrik ging schließlich 1958, zusammen mit der C. Lorenz AG, in die neu gegründete Standard Elektrik Lorenz AG (SEL) über. Die Firma Mix & Genest wurde ab diesem Zeitpunkt nicht mehr weiterverwendet.

Trivia[Bearbeiten]

Wie bei vielen anderen Elektoherstellern und ganz besonders der zwischenzeitlichen Muttergesellschaft AEG, waren auch mit diesem Firmennamen Wortspiele üblich, mit denen das Unternehmen vor allem dann, wenn es mit einem seiner Produkte technische Probleme gab, spöttisch „auf die Schippe“ genommen wurde. So soll für Mix & Genest die Bezeichnung als „Mist und geht nicht“ weit verbreitet gewesen sein.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilhelm Ludwig Werner Genest. In: Magdeburger Biographisches Lexikon, Onlinefassung der Universität Magdeburg, abgerufen am 7. Oktober 2015
  2. Leonhard Dingwerth: Die Geschichte der deutschen Schreibmaschinen-Fabriken, Band 2: Mittlere und kleine Hersteller, 2008. ISBN 978-3-921913-39-0. S. 275
    (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  3. Dampfmaschine. In: Kraft- und Dampfmaschinen auf albert-gieseler.de, abgerufen am 25. Oktober 2015
  4. Eric D. Daniel, C. Denis Mee, Mark H. Clark: Magnetic Recording - The First 100 Years, IEEE Press, New York 1999, ISBN 0-7803-4709-9. S. 17.
    (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  5. Aktiengesellschaft Mix & Genest, Telephon- und Telegraphenwerke. In: Kraft- und Dampfmaschinen auf albert-gieseler.de, abgerufen am 15. November 2015
  6. ITT Corporation. In: Encyclopædia Britannica, abgerufen am 25. Oktober 2015