Modell 36

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Modell 36 von Siemens & Halske im Originalzustand, ohne Erdtaste – Baujahr 1937
Modell 36 von Siemens & Halske, bereits mit Nummernschalter 38

Der Tischfernsprecher Modell 36 (fälschlich auch W36 genannt) ist der „Urvater“ und Wegbereiter der deutschen Vor- und Nachkriegstelefone der Modellreihen W38 und W48, es unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von ihnen. Dieser Apparat ist ein Klassiker des Industriedesigns, seine Gehäuse- und Hörerform war für viele Jahrzehnte stilprägend im Telefonbau.

Geschichte[Bearbeiten]

Mitte der 1930er Jahre beauftragte die Deutsche Reichspost die Firma Siemens & Halske mit der Konstruktion eines Nachfolgemodells für das damalige Standardtelefon W28. Die W-Bezeichnung ist übrigens posttypisch und bedeutet: „Wählfernsprecher mit dem Einführungsjahr 19XX“. Seit 1934 führte man bei Siemens umfangreiche Tests durch, erprobte neuartige Materialien, Formen und Fertigungsverfahren. 1936 stellte Siemens auf der Leipziger Frühjahrsmesse schließlich ein auf diesen Forschungen basierendes Modell der Öffentlichkeit vor. Zuverlässiger, reparaturfreundlicher und vor allem kostengünstiger sollte es sein, und mit seinem formschönen Gehäuse aus Bakelit (Phenolharz-Pressstoff) auch im Design bestechen. Trotz deutlich verbesserter akustischer Eigenschaften war die Reichspost mit dem vorgestellten Modell nicht restlos zufrieden. Man wollte Nachbesserungen. Die Forderungen im Einzelnen:

  • ein Nummernschalter mit Zwangspause zwischen den gewählten Ziffern, damit z.B. die schnelle Wahl von „11“ nicht mehr als „2“ missdeutet werden konnte, da beides zwei identische Impulse erzeugen würde. Die Drehwähler in den Vermittlungsstellen brauchten eine gewisse Zeit zur Durchsteuerung. Das war auch schon beim W28 ein Problem.
  • ein Gehäuse mit dickerer Materialstärke – man befürchtete zu Recht, dass das Bakelit schnell reißen und brechen könnte. Trotz dieser Befürchtung und den umfangreichen Zerstörungen deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg sind heute noch einige dieser Apparate unbeschädigt erhalten geblieben.

Da die Reichspost dem Modell keine Zulassung gab, wurde es also nie ein „W36“. Der korrekte Name lautet daher „Modell 36“ beziehungsweise „fg.tist.166“ und später „fg.tist.221“ (Siemens-&-Halske-Modellnummern). Siemens produzierte das Gerät trotzdem bis etwa 1948 für private Telefonanlagen. Anfänglich wurde noch ein Nummernschalter des Typs N30 eingebaut – so wie zuvor auch im W28 – jedoch mit weißen Ziffern auf schwarzem Emailblatt (es gibt aber auch einzelne Fotos mit schwarzen Ziffern auf weißem Grund) und glänzender, schwarzer Fingerlochscheibe („Wählscheibe“) aus Bakelit. Und wie beim W28 verhindert eine mechanische Sperre, dass man den Nummernschalter aufziehen kann, während die Gabel niedergedrückt ist. Vereinzelt gab es in den 1940er Jahren Exemplare des Modell 36 von Siemens & Halske, bei denen die Gehäusekappe und die Fingerlochscheibe aus schwarz lackiertem Zinkdruckguss bestehen (Bilder siehe Link ganz unten). Außerdem gibt es auch elfenbeinfarbene (mit braunem Ziffernring) und braune Exemplare (mit rotem Ziffernring), deren Herstellungszeitraum und -ort (Deutschland oder Österreich) allerdings nicht nachgewiesen sind. Das Modell 36 wurde mit und auf Wunsch auch ohne Erdtaste hergestellt, z.B. für die Deutsche Reichsbahn.

Reichspostzulassung[Bearbeiten]

1938 erhielt schließlich eine verbesserte Ausführung, der W38, die Zulassung der Reichspost. Trotzdem orderte die Reichspost erst 1940 diesen Apparat in größeren Stückzahlen. Im Jahr 1941 waren bereits 30.000 Apparate im Einsatz. Die Glockenschalen des Weckers wurden nun aufgrund Einsparung von höherwertigem Metall für die Kriegsrüstung aus Pressglas gefertigt. Im Vergleich zum Modell 36 ist das Bakelit des Gehäuses dicker und die Gehäuseschrauben befinden sich an anderer Stelle, um ein Verwechseln der Gehäuseteile mit dem älteren Modell zu verhindern. Der neue Nummernschalter „NS 38“ wählt nun immer zwei Impulse mehr, das heißt bei Wahl einer 'Eins' erzeugt der Nummernschalter drei Impulse, von denen allerdings zwei elektrisch durch den neu hinzukommenden nsr-Kontakt wieder kurzgeschlossen werden. Sinn dieser Veränderung ist eine Zwangspause von mehr als 120 Millisekunden zwischen der Wahl von zwei Ziffern, um Fehlverbindungen zu vermeiden. Äußerlich erkennt man diese Veränderung auch an der Fingerlochscheibe. Für die Wahl der Ziffer 'Eins' muss man nun fast eine viertel Umdrehung machen – also die Scheibe um drei Löcher zum Fingeranschlag vorwärtsdrehen. Auch das weiterhin produzierte Modell 36 erhielt ab etwa 1940 diesen neuen Nummernschalter – zunächst ebenfalls mit mechanischer Sperre. Im Vergleich zum Vorgänger, dem W28, änderte man auch die elektrische Schaltung leicht. Eine Wahlsperre bei aufgelegtem Handapparat ist technisch nicht mehr notwendig, weil nun der nsa (Nummernschalter Arbeitskontakt) hinter den Gabelumschalter geschaltet wurde. Die Sperre hat nur noch den Effekt, das „richtige Telefonieren“ (Handapparat abnehmen, Wählton abwarten, Rufnummer wählen) zu erzwingen. Im W38 wurde die Anordnung der Bauelemente auf der Grundplatine noch einmal verändert. Übertrager und Kondensator wechselten die Seiten, der Gabelumschalter wurde nun mittig angeordnet. Der im Modell 36 optional einsetzbare Rundfunkfilter ist im W38 nicht mehr vorgesehen. Eine erweiterte Rückhördämpfung (mit 0,3-µF-Kondensator und 600-Ohm-Widerstand) befindet sich nur in den ersten Modellen des W38. Der herkömmliche 1-µF-Kondensator ist übrigens mit dem zusätzlichen 0,3-µF-Kondensator als Doppelkondensator in einem gemeinsamen Gehäuse untergebracht. Erst im W48 (West) der 1960er Jahre und im W61 (Ost) findet sich wieder eine ähnliche Schaltung.

Das Modell 36 im Vergleich zu den Nachfolgern[Bearbeiten]

Zwar sieht das Modell 36 äußerlich dem W38 und dessen Nachfolgern W48 und W55 zum Verwechseln ähnlich – baugleich ist es nicht. Äußerlich erkennt man den das Modell 36 schnell an der hinten nicht mittig abgehenden Anschlussschnur, ferner am arretierten Nummernschalter (sofern vorhanden) sowie an den sich spiegelbildlich zum W38 befindlichen Gehäuseschrauben an der Unterseite. Die seitlichen Gehäusekanten verlaufen beim Modell 36 von vorne gesehen exakt rechtwinklig zum Tisch, bei den Nachfolgemodellen leicht nach oben abgeschrägt. Außerdem ist die Grundplatte nicht wie bei den Nachfolgemodellen bündig in das Bakelit-Gehäuse eingelassen, sondern steht an der Unterseite ab, so dass der Rand der Grundplatte zu sehen ist. Paradoxerweise wurde durch das Einlassen der Grundplatte bei den Nachfolgern das Gehäusematerial an den Unterkanten dünner und somit bruchempfindlicher. So findet man heute extrem viele Geräte aus den Nachfolgeserien mit abgeplatzten Kanten, während dies beim Modell 36 kaum vorhanden ist. Wie beim W38 hat der Hörer eine trichterförmige, zweiteilige Einsprache. Das Innenleben unterscheidet sich in der Anordnung der jedoch identischen Bauteile deutlich von den Nachfolgemodellen.

Die Nachfolgemodelle des Modell 36 sind zwar, wie bereits erwähnt, nicht baugleich, dennoch lassen sich die meisten Bauteile und Anschlusskabel zwischen Modell 36, W38, W48 und W55 beliebig tauschen – außer Gabelumschalter und Klemmenblock. Es gibt zwischen den einzelnen Bauteilen keine baulichen Unterschiede. Zwar können Form (selten: Rundkondensatoren in einigen Vorkriegs-W38, sowie in vielen „Nachkriegsfertigungen“) und Größe sowie die Art der „Verpackung“ (bei Papierummantelung meist braun, seltener cremefarben), bedingt durch unterschiedliche Hersteller und Baujahre, untereinander variieren, die Funktion und Anschlussbelegung bleiben immer gleich. Dasselbe gilt auch für die nach dem Krieg in der DDR weitergebauten W38 und den leicht veränderten Nachfolgern W48 in der Bundesrepublik und W55 (DDR). Dies gilt teilweise ebenso für deren Weiterentwicklungen W49, W58, W61, W63(a) sowie ausländischen Nachbauten einzelner Bauteile und ganzer Apparate (u.a. in den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Rumänien).

Nachkriegsproduktion[Bearbeiten]

Viele Telefonapparate der ersten Nachkriegsjahre bestehen aus einem Sammelsurium verschiedener Bauteile. Aus der Not heraus wurden damals alle vorhandenen Ersatzteile ohne Rücksicht auf Modellreihen und Standards zu neuen Apparaten montiert. Auf diese Weise entstanden teilweise kuriose Kreuzungen aus dem Modell 36, W28 und W38.

Meist wurde die Beschriftung der Kondensatoren (und damit dessen Jahresangabe) entfernt. Auch wurden oft die Grundplatten mit neuen Löchern versehen, um W38-Gehäuse mit Modell-36-Grundplatten kombinieren zu können. Solche Improvisationen gibt es von Siemens, vom VEB Fernmeldewerk Nordhausen (beide mit der Kennung: fg.tist.221b) und auch aus Österreich (fg.01.tif.066).

Obwohl bereits 1940 der W38 das Modell 36 ablöste, wurde es von Siemens & Halske in Deutschland und in Österreich und von Mix & Genest in Deutschland schon bald nach dem Krieg wieder produziert. Für Deutschland ist noch das Produktionsjahr 1948 nachgewiesen. In Österreich wurde das Modell 36 noch in den 1950er Jahren von der Siemens-Tochter Wiener Schwachstrom-Werke (WSW) für private Telefonanlagen gebaut. Ersatzteile wurden noch 1960 an Großhändler verkauft. In West-Deutschland bekamen vereinzelte Exemplare des Modell 36 eine Postzulassung, was wohl mit der Materialknappheit der ersten Nachkriegsjahre zusammenhing.

Weblinks[Bearbeiten]