Moderne Zeiten

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Dieser Artikel behandelt den Film von Charles Chaplin. Für das gleichnamige Album von Unheilig siehe Moderne Zeiten (Album).
Filmdaten
Deutscher Titel Moderne Zeiten
Originaltitel Modern Times
Produktionsland Vereinigte Staaten
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1936
Länge 87 Minuten
Altersfreigabe FSK 6
Stab
Regie Charles Chaplin
Drehbuch Charles Chaplin
Produktion Charles Chaplin
Musik Charles Chaplin
Kamera Roland Totheroh,
Ira Morgan
Schnitt Charles Chaplin
Besetzung

Moderne Zeiten (Originaltitel: Modern Times) ist ein von Charles Chaplin in den Jahren 1933 bis 1936 geschaffener US-amerikanischer Spielfilm, der am 5. Februar 1936 erstmals aufgeführt wurde. Inhaltlich greift der Film, in dem Chaplin ein weiteres Mal die von ihm kreierte Figur des Tramps darstellt, den Taylorismus in der Arbeitswelt sowie die Massenarbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise auf. In dem Film wird zwar mit akustischen Elementen gearbeitet, er setzt aber dennoch im Wesentlichen die Tradition des Stummfilms fort.

Handlung[Bearbeiten]

Wie eine Schafherde, dicht an dicht, drängen die Arbeiter aus der U-Bahn in die Fabrik. Einer von ihnen ist Charlie, der Tramp. Hier sind absurde Maschinen zu bedienen und ständig überwacht der Fabrikdirektor mit Kameras und Bildschirmen die Tätigkeit seiner Beschäftigten. Charlie arbeitet in der Fließbandfertigung.

In der Mittagspause kommt ein Ingenieur in die Fabrik und will seine neuste Erfindung vorstellen. Es handelt sich dabei um eine Maschine, die Arbeiter bei der Tätigkeit am Laufband automatisiert füttern soll. Dadurch soll Pausenzeit eingespart werden. Chaplin wird als Testperson auserkoren. Anfangs läuft die Fütterungs-Apparatur noch wie vorgesehen, bis diese auf einmal unkontollierbar schnell wird. Anstatt Charlie zu retten, der von dem mechanischen Automaten malträtiert wird, wollen alle außenrum zuerst den Defekt beheben. Dann wird die Maschine mehrmals erneuert und verbessert. Charlie ist den Versuchen weiter ausgeliefert. Nachdem er mehrmals befreit werden muß und den Test energisch abgelehnt, soll er seine bisherige Arbeit fortsetzen. Aber das Maschinenexperiment hat bei ihm Spuren hinterlassen und plötzlich dreht er durch. Mit dem Schraubenschlüssel den er zum Schaubenfestziehen bei der Fließbandarbeit verwenden sollte, rennt er hinter der Sekretärin des Chefs her, gerät wild schraubend auf die Straße und will dort an einer großbusigen Passantin weiterschrauben, was nicht gut geht. Ein herbeigerufene Polizist verfolgt Charlie, der zurück in die Fabrik rennt, nicht ohne am Tor wieder die Stempeluhr zu bedienen. Nach weiteren Destruktionshandlungen landet er endgültig im Irrenhaus.

Fließbandarbeit im Film, Chaplin dreht Schrauben fest

Er wird als geheilt entlassen und sieht auf der Straße, wie ein Langholzlaster die (üblicherweise rote) Heckfahne verliert. Er versucht dem Fahrer diese Fahne hinterher zu bringen und gerät dabei unter demonstrierende Arbeiter, wird in eine Schlägerei zwischen den Demonstranten und der Polizei hineingezogen und kommt schließlich als vermeintlicher Arbeiterführer (wegen der Fahne) ins Gefängnis. Dort wird er im unverschuldeten Kokainrausch zum Helden, weil er einen Ausbruch von Mithäftlingen verhindert.

Anschließend wird er wieder in die Arbeitslosigkeit entlassen. Das Empfehlungsschreiben des Gefängnisleiters verhilft ihm zu einem Arbeitsplatz in einer Werft, wo seine erste und einzige Tätigkeit zur Versenkung eines halbfertigen Schiffes führt. Ein Mädchen, das er zuvor auf der Straße und beim Transport ins Gefängnis kennengelernt hatte, wartete schon auf ihn. In seinem neuen Job als Nachtwächter in einem Kaufhaus verbringen die beiden die Nacht an diesem Arbeitsplatz, einem regelrechten Wundertempel des Konsums. In dieser Nacht trifft er auf Einbrecher, von denen sich einer als ehemaliger, inzwischen arbeitsloser Arbeitskollege entpuppt. Die Begegnung endet in einem Vollrausch. Nachdem Charlie völlig verkatert von einer Kundin unter einem Berg Damenwäsche hervorgezerrt wird, wird er erneut ins Gefängnis geworfen.

Unterdessen hat seine Freundin eine eigene Bleibe für sie gefunden, eine Bruchbude, in welcher beide unverdrossen eine detailgetreue Karikatur kleinbürgerlichen Lebens zelebrieren. Eine weitere Szene zeigt Charlie anschließend beim aberwitzigen Versuch der Instandsetzung einer monströsen Maschine. Bei dieser Arbeit gerät er komplett in das Maschinengetriebe und versucht dort während sich die riesigen Zahnräder drehen, in bekannter Zwanghaftigkeit Schrauben festzuziehen.

Das Mädchen findet schließlich einen Job als Tänzerin in einer Kneipe, wo auch Charlie als Bedienung angestellt wird. Die Kellnerarbeit geht zwar wieder schief, aber Charlie bewährt sich als Sänger. Doch dann taucht der behördliche Vormund des Mädchens auf und will es aus der Kneipe holen und von Charlie trennen. Charlie und das Mädchen fliehen und gehen gemeinsam auf der Straße dem Morgen entgegen.

Stummfilm oder Tonfilm?[Bearbeiten]

Das „Movie College Team“ bewertet Moderne Zeiten als späten Stummfilm und Chaplin als „größte[n] Nachzügler“.[1] Moderne Zeiten gilt als Satire auf den Tonfilm: Toneffekte werden lediglich zu dramaturgischen Zwecken eingesetzt. Zu hören sind Geräusche von Maschinen, unwillkürliche Körpergeräusche und medial vermittelte Aussagen wie die Anweisungen des Betriebsleiters aus dem Lautsprecher und die auf Schallplatte aufgenommene Vorstellung der Essmaschine. Zu hören ist auch der Gesangsvortrag des Protagonisten. Dieser ist allerdings völlig unverständlich; dem zu hörenden Kauderwelsch wird lediglich durch ausdrucksstarke Gestik ein Sinn verliehen.

Noch 1936 ist Chaplins Befürchtung spürbar, Sprechfilme würden die Fähigkeit zur Pantomime zerstören, die er als Grundlage der Filmkunst ansah.[2] Folglich wird jede nicht über Apparate vermittelte Kommunikation in Moderne Zeiten (wie im Stummfilm) pantomimisch dargestellt, was besonders bei der Präsentation der Essmaschine witzig wirkt, da deren Erfinder den auf Schallplatte aufgenommenen Text auch direkt sprechen könnte; stattdessen unterstreicht er pantomimisch seine eigenen Worte, getreu der hörbaren Aussage, dass eine praktische Vorführung die Funktionsweise der Maschine besser zeigen könne als alle Worte.

Dadurch, dass gesprochener Text nur dann hörbar ist, wenn er über Apparate vermittelt wird, entsteht der Eindruck, dass nur diejenigen „etwas zu sagen haben“, die die Verfügungsgewalt über die Apparate innehaben. Nicht-Besitzer von Apparaten hingegen bleiben ungehört.

Interpretation[Bearbeiten]

Der Film kritisiert den durch die Industrialisierung hervorgerufenen Verlust von Individualität durch Zeitdruck und monotone, durch Maschinen geprägte Arbeitsabläufe. Die Arbeiter in der Fabrik werden als abgestumpft dargestellt, lediglich die Hauptfigur wahrt ihre Sensibilität und Menschlichkeit, die sich auch in der Liebesgeschichte mit dem Mädchen ausdrückt. Der Film stellt eine Weiterentwicklung der von Chaplin in früheren Filmen ausgearbeiteten Tramp-Rolle unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen dar. Allerdings ist der Tramp (anders als in früheren Filmen) am Schluss nicht allein.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

1989 wurde Moderne Zeiten in das National Film Registry aufgenommen. Bei Umfragen des American Film Institute nach den 100 besten US-amerikanischen Filmen landete er als dritter Chaplin-Film (hinter Goldrausch und Lichter der Großstadt) im Jahr 1998 auf dem 81. und im Jahr 2007 auf dem 78. Platz.

Rezeption[Bearbeiten]

Politische Tendenz[Bearbeiten]

Dem Film wurde sehr früh unterstellt, er weise eine „kommunistische Tendenz“ auf.[3] So schrieb Boris Schumjazki, der erste Mann der sowjetischen Filmindustrie, nach einem Besuch in Hollywood, bei dem Chaplin ihm einen Rohschnitt des Films gezeigt hatte, in der Prawda, Chaplin habe „ein Dokument geschaffen, das im sozialen Kampf Partei ergreift.“[4] Der Filmtitel, der ursprünglich The Masses lauten sollte ("New Masses" war der Name einer in den 1930er Jahren in den USA erscheinenden kommunistischen Zeitung), wurde in Modern Times geändert. Wegen seiner angeblich kommunistischen Tendenz konnte der Film erst am 31. März 1956 erstmals in der Bundesrepublik Deutschland aufgeführt werden.[5] Auch die Behörden in den USA beobachteten Chaplins „anti-amerikanische“ Aktivitäten mit Argwohn: Als Charlie Chaplin 1952 nach Großbritannien reiste, sorgte FBI-Chef John Edgar Hoover dafür, dass er wegen angeblich subversiver Tätigkeiten nicht mehr in die USA einreisen durfte. Moderne Zeiten wurde in der DDR erst 1978, im Rahmen einer "Amerikanischen Woche des Films", gezeigt.[6]

Philipp Bühler[7] bescheinigt dem Film, dessen Beginn „das ganze 20. Jahrhundert in einem Bild zusammenzufassen scheint“, „unverkennbar marxistische Vorzeichen“, indem Chaplin demonstriere, was „entfremdete Arbeit“ bedeute: „Die riesigen Maschinen, arbeitsteilig bedient, produzieren nichts – zumindest nichts Erkennbares. Die Arbeiter/innen sind vom Produkt abgekoppelt, haben zu funktionieren als ausschließlich nach Zeit, Lohn und Arbeitskraft kalkulierte Größe.“ Allerdings sei, so Bühler, Chaplin kein Kommunist gewesen. „Eher schon wollte Chaplin wissen, wie es in diesen Zeiten möglich ist, kein Kommunist zu werden.“ Bereits im Dezember 1935 meinte der Motion Picture Herald: „Er [Chaplin] ist sicher auch ein Philosoph, ein nicht allzu optimistischer, aber er ist zuallererst ein Showman – wie sein großes bürgerliches Vermögen beweist.“

Chaplin selbst wurde 1936 von der New York Times mit den Worten zitiert: „Es gibt Leute, die meinem Werk soziale Bedeutung beimessen. Es hat keine. Das ist ein Thema für Vortragsredner. Meine Absicht ist zuerst zu unterhalten.“[8]

Aktualität im 21. Jahrhundert[Bearbeiten]

Wuppertal 2013, die Menschfüttermaschine auf dem Laurentiusplatz

Andreas Platthaus stellt die Frage nach der Aktualität des Films im 21. Jahrhundert: Scheinbar passe er „besser in die Zeit von Roosevelt II als in die von Hartz IV“. Trotzdem handele es sich bei Moderne Zeiten um den „modernste[n] Film der Saison“; denn er zeige, dass man (wie Charlie Chaplin im Film als Träger der roten Fahne) nur „[d]urch Unschuld, nicht Berechnung […] zum Führer einer sozialen Bewegung“ werde.[9]

Thomas Klingenmaier weist, ähnlich wie Platthaus, auf die veränderte Rezeption des Films durch Zuschauer im 21. Jahrhundert hin: Die Zuschauer der Zeit unmittelbar nach 1936 hätten in dem Ausspeien des Protagonisten aus der Maschine noch einen Akt der „Rettung“ gesehen. Heutige Zuschauer hingegen erlebten diese Szene nicht als „Befreiung“ des Arbeiters von seiner Fron, sondern als „Ausmusterung“ eines überflüssig Gewordenen aus der menschenleer gewordenen Fabrik.[10]

Die Filmszene in der Chaplin von einer mechanischen Apparatur, in immer irrwitziger werdender Geschwindigkeit, Nahrung eingeflößt bekommt, drängt uns heute Parallelen mit modernen Tierfütterungsautomaten in Massentierhaltungen geradezu auf.

Adaptionen[Bearbeiten]

In Anlehnung an den Film nannte die englische Choreographin Jean Renshaw ein 2011 in Fürth uraufgeführtes Tanzstück Modern Times.[11]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Movie College: Der Tonfilm in den 30er Jahren
  2. vgl. Der letzte Stummfilm – Zur Entstehung von ‚Moderne Zeiten‘. Dirk Jasper FilmLexikon
  3. Arbeitsgemeinschaft Rundfunk Evangelischer Freikirchen (AREF): Das Kalenderblatt. Kalenderwoche 05/2011
  4. Fritz Hirzel: Modern Times 1/6
  5. moviepilot: Heute vor 55 Jahren: Chaplins Moderne Zeiten bereicherte das Kino. 31. März 2011
  6. Umworbener Klassenfeind: Das Verhältnis der DDR zu den USA, Uta Andrea Balbier, Christiane Rösch, Ch. Links Verlag, 2013, ISBN 3862840980, 9783862840984, S.155
  7. Philipp Bühler: Moderne Zeiten – Mann gegen Maschine. Der Fluter (Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung). 1. Dezember 2005
  8. Fritz Hirzel: Modern Times 1/6
  9. Andreas Platthaus: Warum wir Chaplin noch brauchen. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. Juni 2005
  10. Thomas Klingenmaier: Moderne Zeiten – Eingesaugt und dann ausgespuckt. Stuttgarter Zeitung. 28. Juli 2005
  11. Stadttheater Fürth: Moderne Zeiten. Tanzstück von Jean Renshaw