Morbus Castleman

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Mikrofoto eines Morbus Castleman, hyalin-vaskulärer Typ, mit der charakteristischen zwiebelschalenartigen Form. HE-Färbung.

Morbus Castleman (Castleman-Krankheit) ist eine heterogene Gruppe von Tumoren der Lymphknoten, die auch als angiofollikuläre Lymphknoten-Hyperplasie[1] oder Riesenlymphknoten-Hyperplasie bezeichnet werden.

Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wenn alle Tumoren ähnliche histologische Eigenschaften teilen, gibt es doch unterschiedliche Formen mit unterschiedlicher Symptomatik, Therapie und Prognose. Klinisch lassen sich zwei Formen des M. Castleman unterschieden. Neben der lokalisierten („unizentrischen“) Form mit lediglich einem vergrößerten Lymphknoten gibt es eine multizentrische Form.

Der erste Fall einer solchen peculiar form of lymph-node hyperplasia wurde 1954 durch den US-amerikanischen Pathologen Benjamin Castleman auf einer klinisch-patholgische Fallkonferenz im Massachusetts General Hospital vorgestellt.[2] Die weitere Beschreibung der unizentrischen Form erfolgte 1956 durch Castleman[3], der 1972 dann zwei histologische Formen unterschied:

  1. hyalin-vaskulärer Typ in 91 %: meist besteht ein mediastinaler Tumor ohne weitere systemische Symptome. Dieser Typ gilt als gutartiger klonaler Tumor der follikulären dendritischen Zellen. Es können auch Zell-Dysplasien auftreten, auch cytogenetische Veränderungen wurden gelegentlich beschrieben. Selten kann die hyalin-vaskuläre Form zu einem Dendritenzell-Sarkom entarten.
  2. Plasmazell-Typ in 9 %, der häufiger außerhalb des Mediastinums auftritt und öfter systemische Symptome aufweist, wie Anämie oder Hypergammaglobulinämie.

Die multizentrische Form besteht immer aus dem Plasmazell-Typ. Bei dem multizentrischen Plasmazell-Typ kann eine idiopathische Form von einer Form abgegrenzt werden, die mit einer Infektion durch das Humane Herpesvirus 8 (HHV-8) assoziiert ist.

Diese Form tritt besonders bei HIV-positiven Patienten auf unn gilt als lymphoproliferative Erkrankung mit Gefahr einer Progression zu einem Lymphom. Dabei infizieren die HHV-8-Viren B-Zellen und diese proliferieren als große Plasmablasten.

Bei der Plasmazell-Form kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung des proinflammatorischen Zytokins Interleukin-6. Bei der HHV-8-assoziierten Form geschieht dies durch virale Produkte, bei der idiopathischen Form ist die Ursache der Interleukin-6-Ausschüttung nicht geklärt. Interleukin-6 ist verantwortlich für die meisten systemischen Symptome. Interleukin-6 stimuliert auch die B-Zell-Proliferation, wirkt angiogenetisch und induziert eine Akute-Phase-Reaktion.

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Krankheit tritt unabhängig von Alter und Geschlecht auf. Es wird geschätzt, dass weniger als 1:100.000 von der Krankheit betroffen ist, wobei die lokalisierte Form deutlich häufiger auftritt. Am häufigsten sind das Mediastinum, aber auch der Bauchraum, besonders der Retroperitonealraum, und die oberflächlichen Lymphknoten betroffen.[1] Die einzelne Läsion kann auf mehrere Zentimeter Durchmesser anwachsen.

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die lokalisierte Form verursacht bei ungefähr der Hälfte der Patienten keine systemischen Beschwerden. Der Tumor wird oft zufällig ("inzidentiell") entdeckt oder verursacht lokale Verdrängungssymptome durch Druck auf Gefäße oder Nerven und hierdurch Thorax- oder Bauchschmerzen. Ansonsten kann eine "B-Symptomatik" mit Abgeschlagenheit, Fieber, Gewichtsverlust auftreten.[1]

Multizentrische Verlaufsformen verursachen meist Symptome, die durch die vermehrte Interleukin-6-Ausschüttung verursacht werden: Gewichtsverlust (69 %), Fieber (67 %), periphere Lymphadenopathie (81 %), Hepato- und/oder Splenomegalie (74 %), Müdigkeit, Hypoalbuminämie und Hypergammaglobulinämie.

Bei mehr als 60 % aller von HIV betroffenen M.-Castleman-Patienten konnte das HHV-8 nachgewiesen werden, während hingegen HIV-negative Castleman-Patienten nur in 20 bis 40 % der Fälle HHV-8-positiv sind.[1]

Gelegentlich ist der Morbus Castleman mit anderen Erkrankungen assoziiert, auf die besonders geachtet werden sollte:

  1. Kaposi-Sarkom, eine ebenfalls durch das Humane Herpesvirus 8 ausgelöste Hautkrebsform bei der HHV-8-positiven Form des Plasmazell-Typs
  2. POEMS-Syndrom bestehend aus Polyneuropathie, Organomegalie, Endokrinopathie, M-Gradient in der Serumelektrophorese und Hautveränderungen (skin changes), in bis zu 23 %, beim Plasmazell-Typ
  3. osteosklerotisches Plasmozytom beim Plasmazell-Typ
  4. TAFRO-Syndrom bestehend aus Thrombozytopenie, Anasarka, Fieber, retikuläre Fibrose und Organomegalie
  5. Paraneoplastischer Pemphigus beim hyalin-vaskulären Typ
  6. Sarkom der follikulär dendritischen Zellen beim hyalin-vaskulären Typ

Diagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Diagnose erfolgt durch eine Biopsie mit nachfolgender histologischer und immunhistochemischer Untersuchung. Diese kann bei unizentrischen Formen als kurative Exzisionsbiopsie erfolgen.

Histologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Histologisch besteht der vergrößerte Lymphknoten aus einer deutlich vermehrten Anzahl von Lymphfollikeln, die Sinus sind durch die Expansion der Follikel vermindert oder nicht mehr erkennbar, und die Kapsel ist verdickt. In den Follikeln sind die Keimzentren atroph oder regressiv verändert. Es finden sich aber oft mehrere Keimzentren in einer Follikel-Mantelzone, sog. twinning. Gelegentlich kann man senkrecht in den Follikel eintretende hyalinisierte Gefäße erkennen, sog. Lollipop-Phänomen. Die Mantelzone ist verdickt und hat ein zwiebelschalenartiges Aussehen (onion-skinning). Dies entsteht durch eine Ansammlung von Mantelzonen-Lymphozyten entlang der follikulären dendritischen Zellen rund um die atrophen Keimzentren. In der interfollikulären Zone finden sich vermehrt endotheliale Venolen sowie kleine Lymphozyten und gelegentlich Plasmazellen.

Während alle beschriebenen histologischen Veränderungen einzeln auch bei anderen reaktiven und neoplastischen Lymphknotenveränderungen (wie Lymphomen) vorkommen können, ist ihr Zusammentreffen typisch und diagnostisch für den Morbus Castleman.

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unizentrische Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der lokalisierten unizentrischen Form besteht die Therapie in der vollständigen chirurgischen Entfernung. Dies war in einer Übersichtsarbeit mit 278 Fällen bei 90 % möglich und zeigte eine krankheitsfreie Fünfjahres-Überlebensrate von über 80 % mit einer Gesamtüberlebensrate von über 90 %. Weniger als 5 % der Patienten verstarb in den ersten zehn Jahren an einem unizentrischen Morbus Castleman.[4]

Die systemischen Symptome des unizentrischen Plasmazell-Typs verschwinden nach der chirurgischen Resektion in der Regel.

Ist die unizentrische Lymphknotenhyperplasie chirurgisch nicht resezierbar, wird eine Strahlentherapie mit oder ohne teilweiser Resektion empfohlen. In der Regel erfolgt die Bestrahlung mit Photonen, es werden 12 - 40 Gray eingesetzt. Kommt es trotz lokaler Therapie und eventuell wiederholter chirurgischer Resektion zu einer Progression oder einem Rezidiv, muss eine systemische Therapie erfolgen. Da das bei der multizentrischen Form bedeutsame Interleukin-6 beim hyalin-vaskulären Typ keine Rolle spielt, ist der Einsatz des gegen Interleukin-6 gerichteten monoklonalen Antikörpers Siltuximab nicht indiziert. Bei einem Rezidiv oder einer unvollständigen Remission der unizentrischen hyalin-vaskulären Form bleiben dann als systemische Therapie Glucocorticoide, Rituximab und selten eine systemische Chemotherapie.

Multizentrische Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der multizentrischen Form erfolgt eine systemische Therapie. Da die Interleukin-6-Ausschüttung der Pathogenese und den Symptomen zugrunde liegt, wurde der gegen Interleukin-6 gerichtete monoklonale Antikörper Siltuximab erfolgreich in einer randomisierten kontrollierten Studie eingesetzt[5] und 2014 von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) und der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA[6] zur Behandlung der HHV-8-negativen multizentrischen Form zur Standardtherapie zugelassen.[7]

Bei multizentrischem Morbus Castleman mit Nachweis einer HHV-8-Infektion erfolgt die Produktion des Interleukins-6 durch die HHV-8-Viren selbst, weshalb der Einsatz des monoklonalen Antikörpers Siltuximab nicht sinnvoll ist. Stattdessen besteht die Standardtherapie aus einer Behandlung mit Glucocorticoiden und Chemotherapie, was jedoch zu erheblichen toxischen Effekten und nur zu einer geringen Rate dauerhafter Remissionen führt. Neuere Studien wurden mit dem gegen das B-Lymphozytenantigen CD20 gerichteten monoklonalen Antikörper Rituximab durchgeführt und zeigten eine erheblich höhere Remissionsrate mit länger andauernder Remission und einer relativ geringen Rate unerwünschter Wirkungen.

Eine eventuell zugrundeliegende HIV-Erkrankung wird mit antiretroviralen Medikamenten behandelt. Die Prognose des multizentrischen HHV-8-positiven M. Castleman ist schlecht. Sie betrug in einer Studie bei HIV-infizierten Patienten im Mittel nur 14 Monate.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • U.-N. Riede: Allgemeine und spezielle Pathologie. Georg Thieme, 2004, ISBN 3-13-683305-8, S. 553ff.
  • Michael L. Blute, Jeremy S. Abramson, Kevin C. Cronin, Valentina Nardi: Case 5-2017: A 19-year-old man with hematuria and a retroperitoneal mass. New England Journal of Medicine 2017, Band 376, Ausgabe 7 vom 16. Februar 2017, Seiten 684-692, doi:10.1056/NEJMcpc1610100 - Fallbeschreibung eines unizentrischen hyalin-vskulären Castleman-Tumors im Retroperitonealraum.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Morbus Castleman. In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten).
  2. B. Castleman, V. W. Towne: Case records of the Massachusetts General Hospital: Case No. 40231. In: N Engl J Med. 1954 Jun 10;250(23), S. 1001–1005. PMID 13165944
  3. Castleman B, Iverson L, Menendez VP.: Localized mediastinal lymphnode hyperplasia resembling thymoma. In: Cancer. Band 9, 1956, S. 822–830.
  4. N. Talat, A. P. Belgaumkar, K. M. Schulte: Surgery in Castleman's disease: a systematic Review of 404 published cases. Annals of Surgery 2012, Band 255, Seiten 677-684
  5. F. van Rhee, R. S. Wong, N. Munshi et al.: Siltuximab for multicentric Castleman's disease: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet Oncology 2014, Band 15, Seiten 966-977
  6. EMA-Fachinformation
  7. SYLVANT™ (siltuximab) Receives FDA Approval to Treat Multicentric Castleman’s Disease (MCD), PM von J&J, Janssen vom 23. April 2014, abgerufen am 29. April 2014.
  8. E. Oksenhendler u. a.: Multicentric Castleman's disease in HIV infection: a clinical and pathological study of 20 patients. In: AIDS. 10/1/1996, S. 61–67. PMID 8924253

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diesen Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!