Mord von Potempa

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Der als Mord von Potempa bezeichnete Mordfall im Sommer 1932 war eine am 10. August 1932 im oberschlesischen Potempa begangene brutale Mordtat durch eine Gruppe von SA-Leuten an einem Kommunisten in dessen Wohnhaus bei Anwesenheit seiner Mutter und seines Bruders. Dieser Mord fand inmitten bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen vor und nach der Reichstagswahl im Juli 1932 statt und war eine von hunderten Gewalttaten. Aber er war der erste Mord, der begangen wurde, nachdem die Regierung Papen am Tag vorher für politische motivierte Morde die Todesstrafe eingeführt hatte. Die Regierung Papen versuchte mit dieser Maßnahme die Autorität der Weimarer Republik zu retten. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und ihr Vorsitzender Adolf Hitler bemühten sich dagegen diese Autorität vollends zu zerstören, in dem sie sich mit den Mördern öffentlich solidarisierten, als diese, schnell gefasst, schon am 22. August zum Tode verurteilt worden waren.

Mordfall und Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Nacht vom 9. auf den 10. August 1932 drangen in dem oberschlesischen Dorf Potempa (heute Teil der Landgemeinde Krupski Młyn in Polen) fünf uniformierte SA-Leute in die Wohnung des Arbeiters und Gewerkschafters Konrad Pietrzuch (Pietzuch, Piecuch, Pietczuch) ein und prügelten ihn in Anwesenheit seiner Mutter zu Tode.[1]

Die um die Einhaltung von Recht und Ordnung bemühte Reichsregierung unter Reichskanzler Franz von Papen hatte nach mehreren mörderischen Auseinandersetzungen im Anschluss an die Aufhebung des SA-Verbotes vom Juni 1932 einige Stunden zuvor am 9. August die Notverordnung „Verordnung des Reichspräsidenten gegen politischen Terror“ (RGBl. I, S. 403) erlassen, die für politisch motivierte Totschläge die Todesstrafe vorsah.[2]

Auch um die Autorität der Reichsregierung zu retten, wurden fünf der beteiligten SA-Leute als Mörder in einem Schnellverfahren durch ein Sondergericht in Beuthen am 22. August 1932 zum Tode verurteilt. Es handelte sich um

  • Paul Lachmann (* 20. Dezember 1893 in Erdmannsheim, Kreis Lublinitz, Polnisch Oberschlesien), Gastwirt aus Potempa.
  • Reinhold Kottisch (* 19. November 1906 in Eichenau, Polnisch Oberschlesien; † 1. Juli 1943 in Olschany bei Charkow, Ukraine, vermisst), Elektriker
  • Rufin Wolnitza (* 10. Mai 1907 in Mikulschütz; † 13. Dezember 1941 in Tschudowo), Grubenarbeiter
  • August Gräupner (* 16. August 1899 in Schwarzwald-Kolonie, Polnisch), Häuer
  • Helmut Josef Müller (12. Mai 1898 in Sterkrade), Markenkontrolleur

Daraufhin überschlug sich die nationalsozialistische Propaganda. Hitler nannte von Papen daraufhin öffentlich einen „Bluthund“ und schickte den Tätern am 22. August ein im Völkischen Beobachter vom 24. August 1932 abgedrucktes Telegramm folgenden Inhalts: Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich Euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unserer Ehre. Der Kampf gegen eine Regierung, unter der dies möglich war, unsere Pflicht![3] Rosenberg führte im Völkischen Beobachter vom 26. August zu der Tat und dem nationalsozialistischen Rechtsverständnis aus: Deshalb setzt der Nationalsozialismus auch w e l t a n s c h a u l i c h ein. Für ihn ist nicht Seele gleich Seele, nicht Mensch gleich Mensch; für ihn gibt es kein ,Recht an sich', sondern sein Ziel ist der starke d e u t s c h e Mensch, sein Bekenntnis ist der Schutz dieses Deutschen, und alles Recht und Gesellschaftsleben, Politik und Wirtschaft, hat sich nach d i e s e r Zwecksetzung einzustellen . . . die Aufhebung des Bluturteils die u n u m g ä n g l i c h e Voraussetzung zur Wiederherstellung einer volksschützenden Neuordnung der sozialen Werte." Am 8. September 1932 in München vertrat Hitler in einer Rede die Ansicht, im nationalsozialistischen Reich würden niemals fünf deutsche Männer wegen eines Polen verurteilt werden.[3]

Da die Nationalsozialisten wegen der drohenden Hinrichtung weiteren Druck auf die schwache Reichsregierung unter Papen ausübten, wandelte Reichspräsident Hindenburg auf Empfehlung von Justizminister Franz Gürtner die Strafe am 2. September 1932 in lebenslange Gefängnishaft um. Die vorgeschobene Begründung dafür war, dass die am Vortag der Mordnacht erlassene Notverordnung noch nicht öffentlich verkündet worden sei und den Tätern daher nicht bekannt gewesen sein könnte.[4] Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verkündete die Regierung Hitler für die Mörder von Potempa und ähnlich gelagerte Fälle eine Amnestie nur für die „Vorkämpfer der nationalen Erhebung“ und ließ sämtliche an der Ermordung Konrad Pietrzuch beteiligten Täter am 23. März 1933 frei.[5]

Vorangegangene Auseinandersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur:

  • Paul Kluke: Der Fall Potempa. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, München, 5 (1957), S. 279 ff. (Digitalisat)
  • Richard Bessel: The Potempa Murder. In: Central European History, Atlanta, 10 (1977), Heft 3, S. 241 ff.
  • Heinrich Hannover, Elisabeth Hannover-Drück: Politische Justiz 1918–1933. Fischer, Frankfurt a. M. 1966. Mehrere Neuauflagen.
  • Gotthard Jasper: Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930–1934. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1986. ISBN 3-518-11270-8 (zur Schlüsselbedeutung des Mordes von Potempa vgl. S. 111 ff.)
  • Klaus Rüffler: Vom Münchener Landfriedensbruch bis zum Mord von Potempa: Der „Legalitätskurs“ der NSDAP. Lang, Frankfurt/Berlin 1994. ISBN 3-631-47213-7 (Dissertation, Universität Mainz, 1993)
  • Dirk Blasius: Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005. ISBN 3-525-36279-X.
  • Daniel Siemens: Sturmabteilung: Die Geschichte der SA. Siedler, München 2019, ISBN 978-3-8275-0051-9.

Zeitgenössische Propagandaschriften

  • Gerhard Pantel: Potempa – Beuthen. Ein Signal für alle deutschen Deutschen. Eher, München 1932 (Flugschrift der NSDAP)
  • Ernst Schneller: Potempa. Die Ermordung des Arbeiters Pietczuch. Internationaler Arbeiter-Verlag, Berlin 1932 (Flugschrift der KPD; Microfiche-Ausgabe 1992, ISBN 3-628-00709-7)
  • Robert Venzlaff: Der Schuldige: Die Mordnacht von Potempa. Tribunal-Verlag W. Pieck, Berlin 1932 (Flugschrift der Roten Hilfe Deutschlands)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. als „Pietrzuch“ bei Paul Kluke: Der Fall Potempa. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, München, 5 (1957), S. 279. (Digitalisat)
  2. Ministerbesprechung vom 9. August 1932
  3. a b Paul Kluke: Der Fall Potempa. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, München, 5 (1957), S. 279ff, hier S. 285. (Digitalisat)
  4. Sitzung des Preußischen Staatsministeriums vom 2. September 1932
  5. Scared to Death (Zeitgenössische Berichterstattung aus der TIME, 27. März 1933)
  6. Helga Kutz-Bauer: Die aufrechten Roten von Königsberg (Spiegel Online)