Morde auf dem Bülowplatz

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Fahndungsplakat der Berliner Polizei vom September 1933

Die Morde auf dem Bülowplatz bezeichnen die Geschehnisse auf dem damaligen Bülowplatz vor dem Sitz der KPD im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin am 8. und 9. August 1931 im Rahmen des Volksentscheids zur Auflösung des preußischen Landtages.

Ursache und Auftrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Berlin hatte sich der politische Kampf im Vorfeld des von der KPD unterstützten Volksentscheids zur Auflösung des preußischen Landtages vom 9. August 1931 verschärft. Nachdem am 8. August bei der wiederholten Räumung des Bülowplatzes in der unmittelbaren Nähe der KPD-Parteizentrale der 19-jährige Klempner Fritz Auge bei einem Handgemenge von der Polizei aus nächster Nähe erschossen worden war, planten im Hinterzimmer einer Kneipe – nach späteren Aussagen Tatbeteiligter – die KPD-Reichstagsabgeordneten Hans Kippenberger und Heinz Neumann zusammen mit dem Leiter des Parteiselbstschutzes Berlin-Wedding, Michael Klause, die Erschießung des Offiziers der Schutzpolizei und Leiters der Revierwache 7 Paul Anlauf.

Dazu fand Klause in Kippenbergers Auftrag in Erich Mielke und Erich Ziemer zwei Freiwillige als Schützen.

Die geplante Aktion wurde ebenfalls von Walter Ulbricht befürwortet, zu jener Zeit der Politische Leiter des KPD-Bezirks Berlin-Brandenburg-Lausitz-Grenzmark.[1]

Trauerzug für die am 9. August 1931 bei Unruhen im Scheunenviertel ermordeten Berliner Polizeihauptleute Paul Anlauf und Franz Lenck

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Abend des 9. August 1931 gegen 19 Uhr (andere Quellen benennen den Zeitpunkt gegen 20 Uhr) befanden sich der 49-jährige Hauptmann der Schutzpolizei Paul Anlauf, der 39-jährige Hauptmann Franz Lenck vom Gewerbeaußendienst und der Polizeioberwachtmeister August Willig auf Streifengang von der Revierwache 7 in der Hankestraße durch die Weydingerstraße Richtung Karl-Liebknecht-Haus. Dort angekommen trafen sie auf den Polizeioberwachtmeister Burkert. Dieser riet ihnen, den Bülow-Platz räumen zu lassen, da die Stimmung der ungefähr 1000 Menschen auf dem Platz sehr aggressiv und aufgeheizt sei.

Die drei Beamten gingen daraufhin wieder durch die Weydingerstraße zurück Richtung Hankestraße. Mielke und Ziemer, die sich vermutlich bis dahin in einem Hauseingang versteckt hielten, näherten sich den Beamten nun sehr schnell von hinten. In der auf das Kino Babylon zulaufenden Weydingerstraße sprachen sie ihr Tatvorhaben kurz und unmittelbar hinter den Beamten befindlich ab. Willig bemerkte dies und wollte seine Pistole 08 aus dem Holster ziehen und sich zu den Attentätern umdrehen, in diesem Moment feuerten die Täter hinterrücks aus einer Entfernung von etwa vier bis fünf Metern mit mindestens sechs Pistolenschüssen[2] auf ihre Opfer. Anlauf erlitt einen Kopfschuss und war sofort tot, Lenck wurde in den Rücken getroffen und schleppte sich noch mit gezogener Pistole in den Eingang des Kinos Babylon und starb wenig später auf dem Weg in die Rettungsstelle. Willig, kurzzeitig zusammengebrochen, konnte sich wieder aufrichten und feuerte das gesamte Magazin seiner Dienstwaffe auf umstehende unbeteiligte Passanten leer, er überlebte mit einem Bauchschuss und einer Handverletzung.

Die Polizeikräfte vor dem Karl-Liebknecht-Haus – mittlerweile in Panik geraten – glaubten nun an einen groß angelegten Angriff und schossen wahllos auf flüchtende Passanten. Nachdem Verstärkung eintraf, war der Bülowplatz fast menschenleer, Polizeibeamte feuerten noch auf vermeintliche Heckenschützen. Umliegende Häuser wurden durchsucht, ebenso wie die Besucher des Kinos Babylon.

Mielke und Ziemer konnten entkommen.

Die Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den zwei ermordeten und dem schwer verletzen Polizeibeamten waren noch zwei Tote und etwa 35 Verletzte, darunter einige Kinder, unter den am Tatgeschehen unbeteiligten Opfern. Sechsundsechzig Personen wurden festgenommen.

Die Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Täter, die auf die Polizisten schossen, gehörten dem Parteiselbstschutz der KPD (PSS), einer paramilitärisch organisierten und bewaffneten Gruppe innerhalb der Partei, an. Die Schützen waren der spätere Minister für Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik Erich Mielke und Erich Ziemer. Beide flohen mit Hilfe ihrer Partei über Rostock und Leningrad nach Moskau. Der Auftrag zur Ermordung kam vom kommunistischen Reichstagsabgeordneten und Leiter des militärischen Apparates der KPD Hans Kippenberger. Politischer Hauptverantwortlicher war Heinz Neumann, damals in der KPD die Nummer zwei nach Ernst Thälmann. Der instruierte Michael Klause bat um zwei Freiwillige (Mielke und Ziemer) und stellte zur weiteren Ausführung fünf bewaffnete Ordner als Nachhut und mehrere unbewaffnete Eingeweihte ab, die möglichen Verfolgern wie der Polizei den Weg versperren sollten. Klause beteiligte sich darüber hinaus nicht an der Ausführung.[3]

Bis heute ist nicht restlos geklärt, ob an der Tatdurchführung noch ein dritter Attentäter beteiligt war, der aus seiner Pistole keine Schüsse abgegeben haben soll.

Strafverfolgung in der Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch am 9. August 1931 wurden am Bülowplatz mehrere Häuser durchsucht, darunter das gegen 23 Uhr abgeriegelte Karl-Liebknecht-Haus, welches am Folgetag um 5 Uhr morgens von der Polizei besetzt wurde. Es erfolgten Personalienfeststellungen, eine KPD-Personalkartei und die aktuelle Ausgabe der Roten Fahne wurden beschlagnahmt.

Von Ermittlern der Berliner Mordkommission konnten die beiden Tatwaffen aufgefunden werden, die Mielke und Ziemer auf ihrer Flucht in Richtung Volksbühne über einen Zaun geworfen hatten.[4]

Als einziger möglicher Tatverdächtiger konnte seinerzeit nur Max Thunert ermittelt werden, der am 9. August am Bülowplatz von der Polizei in einer Regentonne sitzend entdeckt wurde und angab, sich nur aus Angst vor den Schüssen der Polizei dort versteckt zu haben. Ihm konnte damals keine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden.

Verfolgung der Tat in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden bislang nicht aufgeklärte Fälle so genannter Rotmorde erneut aufgerollt. Thunert wurde durch den Leiter der Berliner Mordinspektion Ernst Gennat nochmals verhört. Nun gab er eine Tatbeteiligung zu, bestritt jedoch selbst geschossen zu haben und belastete Max Matern als angeblichen Auftraggeber schwer.

Nach der Verhaftung Klauses durch die Nationalsozialisten am 17. Juli 1933 wurde dieser von der SA gefoltert und misshandelt und sollte als Kronzeuge im Bülowplatz-Prozess aussagen. Im Laufe der Ermittlungen wurden ebenso Max Matern, Friedrich Broede, Albert Kuntz und Erich Wichert verhört. Neben Matern und Broede wurde Klause am 19. Juni 1934 vom Schwurgericht I beim Landgericht Berlin wegen „gemeinschaftlichen Mordes und Begünstigung“ zum Tode verurteilt. Ein Gnadengesuch an Adolf Hitler führte zur Umwandlung des Todesurteils von Klause in eine lebenslange Zuchthausstrafe. Kuntz und Wichert wurden in einem späteren Prozess wegen Hochverrats zu Zuchthaus- bzw. Schutzhaftstrafen verurteilt.

1947: Haftbefehl gegen Erich Mielke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. Februar 1947 erließ das Amtsgericht Berlin-Mitte Haftbefehl gegen Erich Mielke wegen Doppelmordes an den Polizeibeamten Anlauf und Lenck. Auf Betreiben der SED wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt, die sowjetische Besatzungsmacht zog die Verfahrensakten ein.

In Westberlin blieb der Haftbefehl gegen Mielke weiterhin in Kraft.

Betrachtung der Tat in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Band vier der achtbändigen Ausgabe der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Vorsitzender des Autorenkollektivs war kein Geringerer als Walter Ulbricht, wurden für die Polizistenmorde auf dem Berliner Bülowplatz allein Neumann und Kippenberger verantwortlich gemacht, die 1937 im Zuge der stalinschen Säuberungen in der Sowjetunion ermordet wurden. Diese hätten in der Ausübung individuellen Terrors, welcher unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der KPD sei und im Widerspruch zu den marxistisch-leninistischen Auffassungen vom Klassenkampf steht, eine parteifeindliche Handlung begangen und im August 1931 die Erschießung von zwei bei der Arbeiterschaft wegen ihrer Brutalität verhassten Polizeioffiziere organisiert. Dies sei hinter dem Rücken der Parteiführung und der Berliner Bezirksleitung geschehen. Die Parteiführung und die Berliner Bezirksleitung seien damals von dem Vorfall völlig überrascht worden.

Wichert, der die Haft überlebte und nach dem Zweiten Weltkrieg ein hochrangiger Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit war, erklärte später in seinem handschriftlichen Lebenslauf, dass Matern im Prozess die Schuld auf sich genommen hätte und damit den an der Aktion beteiligten Mittätern Wilhelm Peschky, Wilhelm Becker, Herbert Dobersalske, Paul Kähne und Karl Holstein die Flucht aus Deutschland ermöglicht habe.[5]

In der DDR-Öffentlichkeit wurden die Morde auf dem Bülowplatz ansonsten weitestgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt.

Strafverfolgung in der BRD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erich Mielke wurde 1993 durch das Landgericht Berlin wegen Mordes an den beiden Polizeibeamten zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Ende 1995 wurde er im Alter von 88 Jahren auf Bewährung entlassen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. John O. Koehler: Stasi. The untold story of the East German Secret Police, Boulder Colorado USA 1999, Seite 36.
  2. BGH 5 StR 434/94 - Urteil vom 10. März 1995 (LG Berlin)
  3. Von Lang, Jochen: Erich Mielke. Eine deutsche Karriere Rowohlt, Reinbek, 1993, S. 23–26, 219.
  4. John O. Koehler: Stasi. The untold story of the East German Secret Police, Boulder Colorado USA 1999, Seiten 41 und 42.
  5. Wilfriede Otto: Erich Mielke – Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, K. Dietz, Berlin, 2000, S. 49.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zank, Wolfgang: Mord auf dem Bülowplatz, in: Die Zeit, 16. August 1991, Nr. 34.
  • Autorenkollektiv: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1966, Bd. 4, S. 308.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Funeral of Paul Anlauf and Franz Lenk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 31′ 34″ N, 13° 24′ 41″ O